Verzeihen ist gesund

Dezember 2009 | Psyche & Beziehung

Warum Vergebung nicht nur dem Anderen gut tut
 
Alles vergeben und vergessen? In stress- oder gefühlsintensiven Zeiten zeigt sich oft erst, ob man eine Kränkung tatsächlich verziehen oder Groll und Ärger nur „geschluckt“ hat. Zu Weihnachten zum Beispiel – dann, wenn es besonders harmonisch zugehen sollte – kommt der aufgestaute Ärger hoch und sorgt für Konflikte und Streitereien. Ein Experte verrät, worauf es beim Verzeihen wirklich ankommt und wie befreiend es sich auf Körper und Seele auswirkt.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

„Das verzeih’ ich dir nie!“ – Schwüre dieser Art, tief sitzender Groll, Ärger über „unverzeihliche“ Kränkungen, die vielleicht Jahre zurückliegen, beschäftigen so manchen Zeitgenossen. Vielen fällt es schwer, tatsächlich oder vermeintlich erlittenes Unrecht zu vergeben. Dabei würden nicht nur die anderen, sondern auch wir selbst von einer versöhnlichen Haltung profitieren.  
„Verzeihen wirkt beruhigend auf Seele und Körper“, erklärt der Psychiater und Psychotherapeut Prim. Dr. Kurt Sindermann, ärztlicher Direktor des Psychiatrischen Krankenhauses im Therapiezentrum Ybbs. „Es mindert den Stress, sich in einem ungelösten oder scheinbar unlösbaren Konflikt zu befinden.“ So hilft der Akt des Vergebens etwa gegen den zehrenden Stress  (Kortisol-Stress), wie er in Folge eines anhaltenden Konflikts entsteht. „Zehrender Stress schadet langfristig der Körperabwehr und kann beispielsweise anfälliger für Infektionskrankheiten, für Tumor- oder Stoffwechselkrankheiten machen“, verdeutlicht der Experte. Außerdem mindert das Vergeben akuten Stress, den man z. B. erlebt, wenn man sich tagtäglich über jemanden „ärgern muss“. „Dieser Zorn-Stress überlastet die Herzfunktion, erhöht den Blutdruck und damit das Risiko für Schlaganfall oder Herzinfarkt“, berichtet Sindermann. Gründe genug, um Ressentiments aufzugeben und Kränkungen zu verzeihen.

Alte Wunden

Warum also fällt uns das Vergeben so schwer? Und warum kommen ausgerechnet zu den unpassendsten Gelegenheiten – etwa bei Familienfesten – alter Groll und unterdrückter Ärger hoch? „Jeder will zu den Feiertagen beachtet werden, wir wünschen uns die Bestätigung von anderen. Manche sind außerdem besonders gestresst, weil sie für die anderen alles schön oder perfekt machen wollen“, erläutert Psychiater Sindermann und führt aus: „In diesen Auslösesituationen kann es passieren, dass wir – wenn wir es nicht gewohnt sind, schwierige Gefühle zu erkennen – plötzlich von Enttäuschung, Trauer, Wut oder Angst überschwemmt werden und nicht vernünftig damit umgehen können.“
Anstatt schwierigen Emotionen einfach nachzugeben, sich über andere zu ärgern und über deren „unverzeihliche“ Gemeinheiten zu brüten, sei es zielführender, den eigenen Gefühlen auf den Grund zu gehen. „Man sollte in sich gehen, um zu erfahren, was sie uns sagen wollen.“ Das könnte z. B. sein: „Ich fühle mich zu wenig beachtet. Ich fühle mich ausgenutzt. Ich bin enttäuscht.“
Das In-sich-Gehen fällt allerdings oft schwer. „Viele lernen schon in der Kindheit, negative Gefühle wie Wut, Ärger, Enttäuschung oder Frustration zu unterdrücken, weil diese unerwünscht sind“, erklärt der Psychiater. „Schließlich nehmen sie diese Gefühle gar nicht mehr wahr.“ Doch weder mit dem Unterdrücken „unangebrachter“ Gefühle noch mit dem Vorsatz, um des „lieben Friedens willen“ den Ärger zu schlucken, tut man sich oder anderen etwas Gutes. „Man sollte in jedem Fall das mit der Kränkung verbundene Gefühl wahrnehmen, um zu erkennen, ob man an einem wunden Punkt getroffen wurde oder ob der Auslöser ganz einfach wirklich eine Frechheit war“, erklärt der Psychiater.
„Das Verzeihen ist ja eine Kombination aus einem gefühlten und einem überlegten Vorgang.“ Durch das Nachdenken lasse sich dann bewusst entscheiden, ob man dem Gefühl des Ärgers nachgeben und streiten will, oder ob man besser verzeiht und zwischenmenschlich einen Neubeginn wagt. „Damit erspart man sich womöglich schlaflose Nächte, in denen man eine Brandrede an jene Person entwirft, die einen geärgert hat.“

Toleranz und Selbstvergebung

Verzeihen hat übrigens nichts damit zu tun, erlittenes Unrecht schönzureden, zu verdrängen oder zu vergessen – es bedeutet „aus der Teufelsspirale des Unrecht-Erleidens und selbst wieder Unrecht-Tuns herauszukommen“, so Sindermann. „Verzeihen ist demnach eine konstruktive Vorschussleistung, um einen Konflikt zu lösen, und hat auch mit Toleranz zu tun.“ Dabei sollte man nicht nur anderen, sondern auch sich selbst gegenüber nachsichtig sein. „Das Wichtigste ist, sich selbst zu gestatten, so zu sein, wie man ist“, betont der Mediziner. „Verzeihen beginnt mit der Erkenntnis, dass man selbst auch Schwächen hat.“ Anstatt bei sich selbst ständig nach Fehlern zu suchen, sollte man sich besser als liebenswertes „Pauschalangebot“ verstehen. „Sich selbst als Pauschalangebot – mit vielen guten und einigen verzichtbaren Eigenschaften – schätzen zu lernen, ist sehr hilfreich, um auch anderen ihre Fehler und verzichtbaren Eigenschaften verzeihen zu können“, ist der Psychotherapeut überzeugt.

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Krank durch Unversöhnlichkeit

Erst seit kurzem beschäftigt man sich in der Psychiatrie mit dem Krankheitsbild der posttraumatischen Verbitterungsstörung: Unversöhnlichkeit, ständiges Hadern mit seinem Schicksal und starke Verbitterung sind typisch für diese Erkrankung.

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Junge Wissenschaft: Vergebungsforschung

Verschiedene Untersuchungen der noch jungen Vergebungsforschung bestätigen die positive Wirkung des Verzeihens auf die Gesundheit: Demnach senkt es Blutdruck und Pulsschlag sowie den Spiegel des Stresshormons Kortisol im Blut. Eine versöhnliche Haltung reduziert weiters Muskelverspannungen und Stresssymptome wie Kopf- und Magenschmerzen, Schlafstörungen und Schwindel.

Wissenschaftler des „International Forgiveness Institute“ in Wisconsin, USA, haben ein Vier-Stufen-Modell für das Vergeben entwickelt:

1.  Erkennen Sie Ihren Schmerz an.
2.  Widmen Sie sich der Vergebung, nachdem Sie die Notwendigkeit einer Veränderung erkannt haben.
3.  Finden Sie einen neuen Weg, an den Täter zu denken, und akzeptieren Sie, dass das Erlebte schmerzhaft war.
4.  Erkennen Sie die Erleichterung, die das Vergeben für Sie gebracht hat.

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