Fett macht fit im Kopf

Oktober 2010 | Ernährung & Genuss

Sensationelle Erkenntnisse über Omega-3-Fettsäuren
 
Omega-3-Fettsäuren zählen zu den unumstrittenen Stars der gesunden Ernährung. Die medizinische Forschung entdeckt immer noch mehr Gründe, warum wir uns das Fett aus Fisch, Nüssen & Co möglichst oft zuführen sollen. Erst kürzlich fand man heraus, dass die wertvollen Fettsäuren auch großen Einfluss auf unser Denkvermögen haben. Beachtliche Erfolge zeigten sich z. B. in der Behandlung von Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Sie sind kein Allheilmittel, dennoch: Die mehrfach ungesättigten, essenziellen Omega-3-Fettsäuren zählen zu den großen Hoffnungsträgern in Sachen Gesundheit. Im Rahmen einer bewussten Ernährung sind sie längst in aller Munde – doch ihr Potenzial ist bei weitem nicht zur Gänze erforscht. In immer neuen medizinischen Studien wird derzeit die Wirksamkeit der Substanz geprüft.
Schon jetzt steht fest: Die Bedeutung der Fettsäuren für den menschlichen Organismus ist viel größer, als man bislang annahm. „Es ist noch gar nicht abzusehen, wo man sich – in Bereichen psychischer oder körperlicher Störungen – noch sehr positive Effekte erwarten darf“, betont Univ. Prof. Dr. Peter Hofmann von der Universitätsklinik für Psychiatrie an der Medizinischen Universität Graz. „Möglicherweise – und auch das wäre schon eine kleine Sensation – ist es eine Substanz, die zusätzlich zu bestehenden Therapien gegeben werden kann, um etwa Psychopharmaka zu sparen oder zu ergänzen.“

Für Herz und Hirn

Längst erwiesen ist, dass Omega-3-Fettsäuren im menschlichen Körper sehr vielfältige Funktionen erfüllen: Sie spielen bei der Reifung der Organe eine Rolle, sie beeinflussen Entzündungsreaktionen sowie das Schmerzgeschehen. Außerdem reduzieren die essenziellen Fettsäuren das Risiko für Herzerkrankungen: Sie senken die Bluttfette und verbessern die Fließeigenschaft des Blutes, sie wirken gefäßerweiternd und senken dadurch den Blutdruck und beugen Ablagerungen in den Blutgefäßen vor.
Verstärkt in den Blickpunkt rückt nun ihre Bedeutung für Gehirn und Denkvermögen. „Die Omega-Fettsäuren sind ein wesentlicher Bestandteil der Nervenzellen und haben wichtige Funktionen, vor allem was die Leistungsfähigkeit der Nervenzellen selbst wie etwa die Signalübertragung anlangt“, veranschaulicht Hofmann. „Sie haben größte Bedeutung in der frühkindlichen Gehirnentwicklung, der Entwicklung des Denkens und auch der Aufrechterhaltung der Denkfunktionen generell. Vieles spricht dafür, dass sie eine wesentliche Funktion beim Lernen und beim Gedächtnis haben.“ Ein Omega-3-Mangel kann neben Störungen im Nervensystem Hautveränderungen, Veränderungen im Blutbild und generell Wachstumsstörungen verursachen, so der Psychiater. „Die Immunabwehr kann geschwächt sein, wobei häufig Infektionen auftreten.“

Bei psychischen Störungen

Derzeit wird die Wirksamkeit der Substanz bei verschiedenen Krankheitsbildern – von kindlicher Schizophrenie über Depression bis hin zu Alzheimer – untersucht. Eine günstige Wirkung ließ sich bisher bei der Behandlung von psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter nachweisen, berichtet Ass. Prof. Dr. Brigitte Hackenberg, Ärztliche Leiterin der Abteilung für Psychosomatik an der Universitätskinderklinik Wien. Omega-3-Fettsäuren wirken etwa bei juveniler Schizophrenie, die sich durch bestimmte Denk- oder Wahrnehmungsstörungen zeigt, präventiv: Studien belegen, dass die Erkrankung bei gefährdeten Jugendlichen durch die Gabe von Omega-3 seltener zum Ausbruch kommt.
Auch bei Kindern mit frühkindlichem Autismus – einem Störungsbild, bei dem Wahrnehmung, Kommunikations- und Sozialverhalten beeinträchtigt sind – zeigt die Behandlung positive Effekte.

Besser lernen mit Omega-3

Jüngste Studien belegen nun auch die Wirksamkeit der Fettsäuren beim Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Der wissenschaftliche Hintergrund: „Man geht davon aus, dass es bei derartigen Störungen zu Entwicklungsstörungen oder defizitären Entwicklungen im Gehirn und im zentralen Nervensystem gekommen ist, bei deren Aufbau Omega-Fettsäuren essenziell sind“, berichtet Peter Hofmann. „Auch weiß man, dass etwa bei ADHS oder autistischen Erkrankungen tatsächlich ein Omega-3-Fettsäurenmangel besteht bzw. ein Ungleichgewicht festzustellen ist.“ Durch die Gabe von Omega-3-Fettsäuren können zum einen jene Gehirnzentren, die für Steuerung und Kontrolle verantwortlich sind, aktiviert werden. „Außerdem kann dadurch die Verdrahtung der Nervenzellen verbessert werden, was sich positiv auf die Lernfähigkeit der Kinder auswirkt“, ergänzt Psychiaterin Hackenberg. „Die Verbesserung der Lernfähigkeit ist das Ziel jeder Therapie.“ Auf diesem Weg könne man Faktoren wie Aufmerksamkeit, Hyperaktivität, Konzentrationsfähigkeit und Sozialverhalten günstig beeinflussen. Trotz dieser Erfolge dürfe bei Störungen wie ADHS eine sogenannte Psychoedukation nicht fehlen. „Ein Kind, das wegen einer Aufmerksamkeitsstörung eine Substanzbehandlung bekommt, braucht Psychologen oder Pädagogen mit spezieller Ausbildung, die es begleiten, die Eltern beraten und auf Lebensstilfaktoren wie Tagesstruktur oder Pausenkultur achten.“
Die Gabe der Fettsäuren könnte demnach einen „missing link“ zwischen Psychoedukation und medikamentöser Behandlung darstellen, erläutert Psychiater Hofmann.  

Keine „Lachs-Therapie“ in Eigenregie!

Und was empfehlen die Experten Eltern, die bei ihrem Kind Aufmerksamkeitsprobleme bemerken? „Jede längerfristige Konzentrations- oder Aufmerksamkeitsstörung muss ärztlich abgeklärt werden“, erklärt Brigitte Hackenberg. Keinesfalls sollte man das Kind in Eigenregie mit Lachs, Rapsöl & Co „behandeln“. Für die optimale Therapie braucht es eine fundierte Diagnose, außerdem sind die therapeutisch notwendigen Dosen über die Ernährung gar nicht zu erzielen. „Die Fettsäuren müssen in einer Hochdosierung von insgesamt rund einem Gramm täglich über einen Zeitraum von etwa drei bis sechs Monate verabreicht werden“, erklärt die Medizinerin.
Neben Omega-3- werden in der Therapie immer auch Omega-6-Fettsäuren zugeführt. Warum? „Zwar dürften Omega-3-Fettsäuren der entscheidende Faktor sein, jedoch ist auch ein Ungleichgewicht zwischen Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren schädlich für die Nervenfunktionen“, sagt Hackenberg. „Daher verabreicht man eine ausgewogene Kombination beider Fettsäuren.“

 

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Omega-3 & Omega-6: Der richtige Mix macht’s

Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren zählen zu den wichtigsten mehrfach ungesättigten, essenziellen Fettsäuren. Da der Körper diese Fettsäuren nicht selbst herstellen kann, müssen sie über die Nahrung (oder Nahrungsmittelzusatzstoffe) zugeführt werden.
Omega-3-Fettsäuren, die sich u. a. günstig auf Blutfettwerte und Blutdruck auswirken, kommen in der Natur reichlich in fettreichen Meeresfischen wie Lachs, Hering, Thunfisch, Makrele sowie in pflanzlichen Ölen wie Walnuss-, Raps-, Leinsamen- oder Weizenkeimöl vor. Omega-6-Fettsäuren sind z. B. in Maiskeim- oder Sonnenblumenöl enthalten und haben eine günstige Wirkung auf Immunsystem und Cholesterinspiegel.
Generell nehmen wir wesentlich mehr Omega-6- als Omega-3-Fettsäuren zu uns. Da der Organismus aber beide Substanzen – gut ausbalanciert – benötigt, sollten sich unsere Ernährungsgewohnheiten verändern, indem man eine ausgewogene Mischung – etwa im Verhältnis von 5:1 (Omega-6 zu Omega-3) – anstrebt.

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