Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten weiter im Vormarsch

März 2010 | Ernährung & Genuss

Macht unser Essen krank?
 
Immer mehr Menschen in Österreich fühlen sich nach dem Essen schlecht. Das Paradoxe daran: Selbst an sich gesunde Lebensmittel lösen die Beschwerden von Atemnot bis Kolik, von Durchfall bis Übelkeit aus. Macht unser Essen krank?
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Rinnende Nase, Juckreiz in den Händen, Blähungen, Durchfall, Verstopfung, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Stimmungstiefs – Elisabeth M. hat viel erlitten, „schon seit dem Teenageralter“, wie sie sagt. Sie suchte einen Arzt nach dem anderen auf, erhielt Behandlungen verschiedenster Art, doch nichts half. „Während es mir immer schlechter und schlechter ging, begann ich meine Ernährung umzustellen und besonders ,gesund‘ zu essen. Ich frühstückte Ananas, Kiwis, nahm dreimal täglich Sauerkraut zu mir, aß viel Spinat, Gemüse in jeglicher Form, trank frisch gepressten Orangensaft.“ Doch das machte alles noch schlimmer: „Es gab für mich und für die Ärzte keine Erklärung für meine immer schlechtere Befindlichkeit. Jetzt weiß ich, ich habe all das gegessen, was mein Körper nicht verträgt.“
Nach einem fast zwei Jahrzehnte dauernden Leidensweg erfuhr die heute 43-Jährige, dass eine Histamin-Unverträglichkeit die Wurzel ihres Übels ist. Heute ernährt sie sich „so gut es geht histaminfrei“ und verzichtet weitgehend auf Histaminbomben wie Ananas, Sardellen, Sauerkraut & Co. Inzwischen geht es ihr, wie sie sagt, „relativ gut“, doch bedauert die Genießerin, dass das Essen für sie nunmehr „leider eine Wissenschaft“ geworden ist. Denn jene Substanzen, die immer öfter Unverträglichkeitsreaktionen auslösen, wie Histamin, aber auch Fruchtzucker, Milchzucker oder der Getreidebestandteil Gluten sind in vielen Nahrungsmitteln, oft auch versteckt, enthalten (siehe Tabelle unten).
Richtig kompliziert wird’s, wenn gleich mehrere Unverträglichkeiten vorliegen. Wie bei Dr. Susanne F., deren Darm sowohl bei Milchzucker als auch bei Fruchtzucker und Histamin Probleme macht. „Nach der Diagnose von gleich mehreren Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten hat man im ersten Moment schon den Eindruck, fast gar nichts mehr essen zu dürfen“, erinnert sich die heute 63-Jährige. Inzwischen hat sie herausgefunden, was und wie viel davon sie ihrem Körper doch zumuten kann, ohne Beschwerden zu bekommen. „Ich schneide mir beispielsweise am Morgen einen ganzen Apfel ins Müsli, einen zweiten würde ich allerdings nicht vertragen“, erzählt sie aus ihrer täglichen Esserfahrung.

Schätzungen und Dunkelziffern

Dass der Grad der Unverträglichkeit höchst individuell und nur mit Hilfe eines penibel geführten Ernährungsprotokolls festgestellt werden kann, dass Intoleranzen oft so gering ausgeprägt sind, dass die Betroffenen damit gar nicht zum Arzt gehen, und dass Ärzte selbst oft lange Zeit nicht daran denken, dass verschiedene Beschwerden von Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten kommen können – all das sind Gründe dafür, warum es so schwierig ist, über die Zahl der Betroffenen verlässliche Aussagen zu machen. Bis zu 30 Prozent der Mitteleuropäer sollen betroffen sein. „Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus“, sagt Univ. Prof. Dr. Michael Wolzt, Facharzt für Innere Medizin an der Medizinischen Universität Wien. „Bei den Schätzungen beziehen wir uns meist auf Daten aus den USA, wo das Problem der Nahrungsmittel-Allergien und -Intoleranzen bereits besser erforscht ist als bei uns.“

Überschuss und Überforderung

Dass sich immer mehr Menschen nach dem Essen krank fühlen – auch bei uns –, darüber sind sich Experten aber einig. Warum der Körper selbst bei an sich gesunden Lebensmitteln wie Obst, Milch, Sauerkraut & Co zunehmend streikt? „Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten sind, vereinfacht gesagt, ein Verdauungsproblem“, erklärt Experte Wolzt. „In sehr seltenen Fällen steckt die Ursache in den Genen und führt schon bei Babys zu Gesundheitsproblemen, die überwiegende Mehrheit der Fälle tritt aber erst später auf – und zwar oft als Folge von Überschuss.
Alles, was wir dem Körper zuführen, muss verwertet und abgebaut werden. Nun nehmen wir aber heute manchmal solche Mengen zum Beispiel an Histamin, Fruktose oder Laktose zu uns, dass unser Darm schlichtweg überfordert ist und nicht genügend Enzyme hat, um diese Nahrungsbestandteile zu verdauen. So kommt es zu den Problemen unterschiedlichster Art.“ (siehe Interview unten)
Woher kommt dieser Überschuss? „Die Fruktose-Malabsorption zum Beispiel, also das Verwertungsproblem von Fruchtzucker im Darm, kann damit zusammenhängen, dass Fruchtzucker in der Nahrungsmittelindustrie eine immer größere Rolle spielt. Fruchtzucker hat eine höhere Süßungskraft als der herkömmliche Haushaltszucker, und so verwendet man ihn bei der Herstellung von Fertig- und Light-Produkten, um zuckerärmere Produkte zu entwickeln.“ Aber auch Laktose, Histamin und Gluten werden in der Nahrungsmittelindustrie zu verschiedenen Zwecken eingesetzt. Wer also oft industriell aufbereitete Nahrung isst, riskiert einen Überschuss an diesen Substanzen, die vom Darm nicht mehr aufgenommen bzw. abgebaut werden können. Die Folge: Der Körper reagiert auch bei frischen und an sich gesunden Lebensmitteln, die diese Substanzen enthalten, mit Beschwerden aller Art.

Verzicht und Konsequenz

Ist der Überschuss an bestimmten Nahrungsbestandteilen die Ursache des Problems, so besteht die Therapie folgerichtig im konsequenten Weglassen dieser Substanzen. Zu Beginn der Behandlung müssen die Übeltäter Fruktose, Laktose und/oder Histamin eine Zeitlang ganz vom Speiseplan gestrichen werden, damit sich der Darm regeneriert und für bestimmte, individuell verschiedene Mengen wieder aufnahmefähig wird. Eine Ausnahme stellt die Zöliakie dar: Wer davon betroffen ist, muss lebenslang konsequent auf das Gluten in Brot, Gebäck & Co verzichten.
Die Lebensmittelindustrie stellt in der Zwischenzeit eine Reihe von Produkten zur Verfügung, die frei von oder zumindest arm an den Probleme verursachenden Substanzen sind. Auch die Pharmaindustrie bietet inzwischen Betroffenen von Histamin- und Laktose-Intoleranz sowie seit kurzem auch Fruktose-Malabsorption Hilfen an: Enzymersatzpräparate, vor einer Mahlzeit eingenommen, erlauben den Betroffenen, zumindest ab und zu beschwerdefrei in den Genuss an sich „verbotener“ Lebensmittel zu kommen. Diese Mittel führen dem Körper nämlich kurzfristig und vorübergehend jene Stoffe zu, die er braucht, um Fruktose & Co zu verdauen.

Forschung und Aufklärung

Schließlich ist die medizinische Forschung fieberhaft um bessere Diagnose- und Therapiemöglichkeiten bemüht. „In Entwicklung ist ein Stoff, der das Klebereiweiß Gluten entsprechend verdaut“, verrät Wolzt. „Wir rechnen damit, dass es in zirka einem Jahr erhältlich ist.“ Dann gibt es auch für Menschen mit Zöliakie endlich eine andere Hilfe als die strenge lebenslange Diät. „Außerdem stehen uns hoffentlich in Zukunft bessere Diagnosemöglichkeiten zur Verfügung, damit man sich das lange Führen der Ernährungsprotokolle sparen kann, bis man endlich weiß, was vertragen wird und was nicht“, sagt der Internist, der auch Mitglied der vor kurzem in Österreich gegründeten wissenschaftlichen Gesellschaft zur Forschung und Weiterbildung im Bereich nahrungsmittelbedingter Intoleranzen (NutriDis) ist.
Noch ist viel Forschungsarbeit nötig, um mehr über die neue Zivilisationskrankheit in Erfahrung zu bringen. Und Aufklärung – auch bei den Ärztinnen und Ärzten. Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten können schließlich schwere Folgen mit sich bringen, wenn man sie zu lange ignoriert und nicht behandelt. So kann der Darm mit der Zeit irreparablen Schaden nehmen, lebenswichtige Nährstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe können dann nicht mehr ausreichend aufgenommen werden, Mangelerscheinungen und Folgekrankheiten treten auf.
Was bleibt, um den Darm gesund zu erhalten? „Möglichst oft selber einfache und frische Gerichte kochen, weil dadurch weniger problematische Substanzen anfallen. Und Fertigprodukte mit Vorsicht genießen“, empfiehlt Wolzt.

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Krank vom Essen:

Allergie oder Unverträglichkeit?

Unverträglichkeit
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*   Defekt des Enzymsystems im Verdauungstrakt
*   Problem bei Aufnahme bzw. Abbau bestimmter Substanzen in Nahrungsmitteln
*   ist niemals unmittelbar lebensbedrohlich
*   betrifft 1 bis 30 %, je nach Ursache

Allergie
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*   Fehlreaktion der körpereigenen Abwehr auf bestimmte Substanzen in Nahrungsmitteln
*   Problem des Immunsystems
*   kann unmittelbar lebensbedrohlich sein
*   betrifft 1 bis 2 %

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„Dafür sind wir nicht gebaut!“

Im Interview mit MEDIZIN populär rät Dr. Theresia Maier-Dobersberger, Fachärztin für Innere Medizin in Baden bei Wien, zu mehr Erholung für den Darm.

MEDIZIN populär
Immer mehr Menschen bekommen nach dem Essen Beschwerden aller Art. Macht unser Essen krank?

Dr. Theresia Maier-Dobersberger
In gewisser Weise ja. Unsere Ernährung hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Anders sind nicht nur die Nahrung selbst, sondern auch das Nahrungsangebot, das Ernährungsverhalten, die Lagerhaltung und die Art der Zubereitung.

Was ist so unverträglich daran?
Unsere Nahrung ist heute zunehmend raffiniert, das heißt von der Industrie vorbehandelt, sei es durch Vorkochen, Einfrieren oder andere Prozesse, sei es für die Großküche oder den Privathaushalt. Dazu kommen chemische Zusätze wie Aromastoffe, Farbstoffe, Stabilisatoren, Geschmacksverstärker und viele andere mehr, die in ziemlich unübersichtlicher Weise in der Nahrung vorhanden sind und allesamt im Darm landen. All das ist unnatürlich, dafür sind wir nicht gebaut.

Wenn industriell aufbereitete Nahrung so problematisch ist, warum machen dann zunehmend frische und an sich gesunde Lebensmittel wie Milch oder Obst Probleme?
Weil unser Körper heute zu vielen Reizen ausgesetzt und unser Darm überladen ist. Zum einen werden Substanzen, die in an sich gesunden Lebensmitteln stecken, auch von der Lebensmittelindustrie zu verschiedenen Zwecken eingesetzt. Laktose verwendet man zum Beispiel als Füllstoff, damit’s nach mehr ausschaut, Fruktose zum Süßen, weil’s ergiebiger ist. Und so sind wir von diesen Substanzen übersättigt, weil sie uns im Übermaß geboten werden.
Zum anderen bekommt unser Darm heute keine Erholungs- und Entschlackungsphasen mehr. In allen kirchlichen Traditionen spielen Fasttage und Fastenzeiten eine wichtige Rolle, in der römisch-katholischen zum Beispiel der Freitag oder die 40 Tage vor Ostern. Diese „Schonzeiten“ werden heute von den wenigsten eingehalten.
Und was man auf keinen Fall unterschätzen sollte, wenn es um Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten geht: den Stress. Wir wissen, dass das Stresshormon Kortisol die Darmflora angreift, die dann der Verdauungsarbeit nicht ausreichend nachkommen kann.

Wofür sind wir denn gebaut?
Ich glaube, wir sind auf saisonale und regionale Kost programmiert – und berücksichtigen das überhaupt nicht mehr. Unsere Nahrung ist heute ja nicht nur industrialisiert, sie ist auch globalisiert. Wir können jederzeit alles kaufen, alle Lebensmittel stehen uns rund ums Jahr zur Verfügung. Wir vertragen aber nicht immer alles. Nur ein Beispiel: Bei meiner Großmutter gab es im Winter nie rohes Obst, sondern nur Kompotte. Damit hat sie uns intuitiv richtig versorgt. Heute geben wir Mandarinen ins Nikolaussackerl oder trinken im Winter frisch gepressten Orangensaft. Mandarinen und Orangen sind aber kühlende Nahrungsmittel, sie gehören in den Süden, und sie gehören in den Sommer. Dazu kommt, dass weit gereistes Obst und Gemüse unreif geerntet wurden – auch das verträgt der Darm nicht gut.                                  

Saisonales und Regionales essen – wie kann man noch zur Erholung des Darms beitragen?
Zunächst sollten wir den Biorhythmus des Tages wieder mehr berücksichtigen. Spätabendliches Essen, das weit verbreitet ist, weil es oft halt die einzige Möglichkeit bietet, nach der Arbeit zusammenzusitzen, vertragen wir nicht gut. Daher rate ich, bewusst einmal einen Tag lang auf das Abendessen zu verzichten und nach 17 Uhr nichts mehr zu essen. Dann schlage ich vor, zum Beispiel den Fastenfreitag wieder einzuführen. Das heißt, einen Tag lang bewusst wenig essen, viel abgekochtes Wasser und Kräutertees trinken und dem Darm so 24 Stunden Regenerationszeit gönnen. Derart erholt, kann er ein üppiges Sonntagsmahl sicher besser verdauen.

Naturbelassene Lebensmittel, Großmutters Küche und Erholungsphasen für den Darm  – ist das die Lösung?
Ja, und dazu eine große Portion Bewusstwerdung. Wir brauchen mehr Bewusstsein dafür, was richtige Ernährung bewirken und was falsche Ernährung anrichten kann. Dazu braucht es mehr Beratung, vor allem auch durch die Ärztinnen und Ärzte. Und mehr Aufklärung der Konsumentinnen und Konsumenten. Sie haben schließlich die Macht, sie können entscheiden, was sie kaufen und was nicht. Insbesondere aber müssen wir bei den Kindern beginnen und ihnen die Grundlagen der gesunden und gut verträglichen Ernährung erklären.

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Unverträglichkeiten im Überblick


Service:
Ernährungstagebuch kostenlos auf www.medizinpopulaer.at/downloads

Ein Ernährungstagebuch ist das derzeit wichtigste Instrument, um Art und Ausmaß einer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit herauszufinden. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen sollten Betroffene detailliert Buch führen über alle Speisen, Getränke und Medikamente eines Tages sowie über die Beschwerden, die in Folge auftreten. Das Ernährungstagebuch dient als Basis für das Gespräch mit dem Arzt.

Buchtipp: Wolzt, Ring, Feffer-Holik, Gesund essen & trotzdem krank.
Gluten-, Lactose-, Fructose-, Histamin-Intoleranz
ISBN 978-3-902552-01-3, 120 Seiten, 14,90 Euro, Verlagshaus der Ärzte, 2008

 

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