Tatort Körper

Februar 2010 | Gesellschaft & Familie

Grazer Ambulanz sichtet & sichert Spuren der Gewalt
 
Zu ihr kommen Frauen und Männer, die misshandelt, Kinder, die missbraucht wurden – Menschen, deren Körper zum Tatort wurde. Doch die Gerichtsmedizinerin Dr. Kathrin Yen interessiert nicht, wie die Verletzungen ihrer Patientinnen und Patienten geheilt werden können, sondern wie sie entstanden sind. Mit modernsten Untersuchungsmethoden sammelt sie Daten, die als Beweismaterial vor Gericht nützlich sein können. Seit mehr als einem Jahr sichtet und sichert man an der ersten österreichischen Ambulanz für Gewaltopfer in Graz Spuren der Gewalt. Für MEDIZIN populär zieht Leiterin Yen Bilanz.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Ein Arzt steht am Seziertisch und fördert aus einem Leichnam Indizien für ein Kapitalverbrechen zutage. Dieses gewohnte Bild eines Gerichtsmediziners trifft auf Kathrin Yen nur teilweise zu. Sie stellt ihre fachliche Qualifikation in den Dienst der Überlebenden. Am Ludwig Boltzmann Institut für Klinisch-Forensische Bildgebung in Graz hat sie in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Graz die bisher einzige Klinisch-Forensische Ambulanz Österreichs eingerichtet. „Unser Aufgabengebiet umfasst jede Form von Gewalt an Lebenden, angefangen von häuslicher Gewalt über sexuelle Gewalt bis hin zu Kindesmisshandlung“, sagt Yen. Mit ihrem Team, das mit dem Institut für Strafrecht der Uni Graz, dem Grazer Oberlandesgericht und Siemens Healthcare im Rahmen einer wissenschaftlichen Partnerschaft verbunden ist, kümmert sie sich außerdem um Personen, die Unfälle mit unklarem Hergang erlitten haben. Nach Tötungsdelikten zählen sogar Tatverdächtige zu ihrer Klientel: „Nicht nur, um belastendes Material zu finden, sondern gegebenenfalls auch entlastende Beweise zu sichern“, so die Gerichtsmedizinerin.

Rekonstruktion einer Gewalttat

Während klinisch tätige Ärzte sich um Heilung bemühen, sind Verletzungen von Gewaltopfern aus forensischer Sicht wichtige Indizien für den Tathergang. Bei der völlig schmerzfreien Untersuchung, die 30 bis 60 Minuten in Anspruch nimmt, registrieren Yens spezifisch geschulten Augen selbst diskrete Läsionen am Körper eines Geschundenen. Die Befunde werden in einer für die Gerichte verwertbaren Form dokumentiert und biologische Spuren wie Blut, Speichel, Sperma, Haare und Hautpartikel fachgerecht gesichert und aufgearbeitet. Nach der Untersuchung folgt ein Gespräch, in dem die Expertin rechtliche Aspekte aufzeigt und weitere Betreuungsangebote vermittelt. „Unsere Leistungen sind für die Betroffenen kostenlos und können von allen Gewaltopfern, unabhängig von Alter, Geschlecht und Herkunft, in Anspruch genommen werden. Ebenso unerheblich ist, ob die Gewalttat angezeigt wurde“, betont Yen.
Zwar sind es meistens umliegende Krankenhäuser, etwa die Kinderklinik, die Kinderchirurgie und die Gynäkologie des Landeskrankenhauses Graz oder auch weiter entfernte Spitäler, frei praktizierende Ärzte, Polizei, Staatsanwaltschaft und Opferhilfsorganisationen, die der Klinisch-Forensischen Ambulanz ­Patienten zuweisen. Opfer einer Gewalttat können sich aber auch direkt, ohne Institution im Rücken, an die Experten wenden. Täglich rund um die Uhr sind sie über die Notrufnummer 0664/84 38 241 erreichbar – auch für eine telemedizinische Beratung, die bei andernorts stattfindenden Untersuchungen eine gute Hilfe darstellen kann.
Kathrin Yen: „Die enge Zusammenarbeit mit klinisch tätigen Ärzten und Krankenhäusern ist für eine optimale Betreuung von Gewaltopfern essenziell. Einen Ersatz des Gerichtsmediziners durch Ärzte aus anderen Fachgebieten halte ich aber weder für möglich noch für sinnvoll, dazu sind die forensischen Fragestellungen zu spezifisch.“ Um abklären zu können, ob es sich bei Verletzungen tatsächlich um Folgen eines Schlages oder doch eines Sturzes handelt, um die Heftigkeit eines Angriffs, die Lebensgefahr zum Beispiel nach Würgen, den genauen Hergang eines Ereignisses oder die Frage nach der Opfer-Täter-Konstellation beurteilen zu können, ist das Fachwissen von Gerichtsmedizinern unerlässlich.

Spuren im Verborgenen

Manche durch Gewalteinwirkung hervorgerufenen Verletzungen, beispielsweise Einblutungen in Muskeln oder innere Würgemale, sind äußerlich nicht sichtbar und können nur durch eine Eröffnung des Körpers diagnostiziert werden. Eine Obduktion am Lebenden ist freilich undenkbar. Am Grazer Ludwig Boltzmann Institut arbeitet man deshalb daran, die Anwendung von modernen bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanztomographie und Computertomographie an forensische Anforderungen anzupassen. „Wir untersuchen erstmals in Österreich wissenschaftlich, wie insbesondere die nicht strahlenbelastende Magnetresonanztomographie für die gerichtsmedizinische Untersuchung von lebenden Gewaltopfern eingesetzt werden kann“, erläutert Yen. „Damit können zukünftig forensisch relevante Verletzungen festgestellt werden, die nur innerlich sichtbar sind und deshalb bisher für die Beurteilung kaum zur Verfügung standen.“
Schon lange keine Zukunftsmusik mehr sind chemisch-toxikologische Laboranalysen. Sie werden ergänzend durchgeführt, um festzustellen, ob Alkohol eine Rolle bei der Tat spielte, oder wenn das Opfer betäubt wurde. Vor allem bei der Verabreichung sogenannter K.-o.-Tropfen ist eine rasche Untersuchung entscheidend, denn viele dieser Substanzen sind nur wenige Stunden lang in Blut und Urin nachweisbar. „Man hat uns auch schon einige Male kontaktiert, als der Verdacht bestand, dass jemand chronisch vergiftet wurde, also über längere Zeit einer toxischen Belastung ausgesetzt war“, ergänzt Ambulanzleiterin Kathrin Yen.

Eine Bilanz

„Seit Eröffnung der Klinisch-Forensischen Ambulanz im September 2008 wurden mehr als 300 Personen untersucht, darunter viele Kinder bei Verdacht auf Kindesmisshandlung oder sexuellen Missbrauch“, resümiert die Gerichtsmedizinerin. „Insbesondere machen die Ärzte und Kliniken der Region von unserem Angebot Gebrauch. Die Zusammenarbeit mit der Polizei, die ja schon sehr früh involviert ist, ist gut gestartet, soll aber noch weiter ausgebaut werden. Auch die Kooperation mit der Staatsanwaltschaft wollen wir verstärken.“
Einige von den in der Ambulanz untersuchten Fällen erscheinen zwar in der Tagespresse, die überwiegende Mehrheit der klinisch-forensischen Untersuchungen wird aber von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen.
Wie geht die Expertin mit der emotionalen Belastung um? „Die gerichtsmedizinische Tätigkeit unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen medizinischen Fächern, in denen man ebenso täglich mit Verletzungen, Leiden und Tod konfrontiert ist.“ Diese schwierigen Themen seien eben ein nicht wegzudenkender Teil der ärztlichen Tätigkeit – genauso wie der schöne Aspekt, jemandem helfen zu können. „In der klinischen Gerichtsmedizin liegt die Hilfe oft darin, die Betroffenen aus einer neutralen, nicht bewertenden Position heraus zu untersuchen und letztlich dazu beizutragen, dass die Ereignisse sich aufklären“, sagt Dr. Yen. Und was die ärztliche Schweigepflicht betrifft: Sie gilt selbstverständlich auch an der Grazer Ambulanz für Gewaltopfer.

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Opfer von Gewalt
Was tun?

Für Menschen, die körperlicher Gewalt, sexuellen Übergriffen oder Misshandlungen ausgesetzt waren, steht eine gute und umfassende Betreuung im Mittelpunkt. Dazu gehört in jedem Fall eine gerichtsmedizinische Untersuchung, die Verletzungen genau dokumentiert und Spuren fachgerecht sichert. Damit Gewaltopfer ihre Rechtsansprüche später vor Gericht durchsetzen können, sollten sie sich nach dem Ereignis so rasch wie möglich an die Klinisch-Forensische Ambulanz in Graz oder an das nächstgelegene Institut für Gerichtliche Medizin wenden. Schnelles Handeln ist deshalb so wichtig, weil Verletzungen oft in kurzer Zeit abheilen und Spuren innerhalb weniger Stunden verloren gehen können.

Buchtipp: Schimmer, Giftmord. Gerichtsmediziner in ihrem Element
ISBN 978-3-218-00801-3, 192 Seiten, € 19,90, Verlag Kremayr & Scheriau

In ihrem neuen Buch gewährt Helga Schimmer spannende Einblicke in die Welt der Pülverchen und Säfte, die den Tod bedeuten können. Arsen und Quecksilber, Eisenhut und Rattengift, das Arsenal der Giftmörder ist beachtlich. Die Autorin lässt spektakuläre Vergiftungsfälle aus Österreich, Deutschland und der Schweiz Revue passieren, erzählt die makabren Begleitumstände und schildert die akribische Detektivarbeit, die forensische Toxikologen in ihren Labors leisten. Von Sokrates über Beethoven bis zu Alexander Litwinenko – ein dramatisch-düsterer Streifzug für alle, die wissen wollen, wie es bei der Aufklärung von Giftmord-Fällen wirklich zugeht.

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