Alkohol: Dopingmittel Nr. 1 in Österreich

Januar 2010 | Medizin & Trends

Alkohol hebt die Stimmung, steigert die Leistung und sorgt für Entspannung. Und so greift mancher zum Glas, um sich Existenzsorgen, Leistungsdruck und Stress vom Leib zu halten. Alkohol ist das Dopingmittel Nr. 1 in Österreich – überall, jederzeit und ganz legal erhältlich. Das Teuflische daran: Bier, Wein & Co wirken nur dann stimulierend, wenn sie in geringsten Mengen konsumiert werden. Doch mit der Zeit braucht man immer mehr, um die Wirkung zu erzielen. So öffnet der regelmäßige Griff zum liebgewonnenen Gläschen das Tor zur Sucht. 330.000 Österreicherinnen und Österreicher sind alkoholabhängig, 870.000 gelten als suchtgefährdet. Für MEDIZIN populär informieren Experten über die vielfältigen Wirkungen von Alkohol, über die vielen Gesichter der Alkoholkrankheit und neue Methoden der Entwöhnung.
 
Von Bettina Benesch und Mag. Sabine Stehrer

Es ist früh am Morgen, wenn die ersten Korken knallen: Im Büro ein paar Häuser weiter trinkt sich der Abteilungsleiter Mut für die wichtige Präsentation an, am anderen Ende der Stadt versucht die Sozialarbeiterin ihre Schicht ausklingen und die Gespräche der vergangenen Nacht verklingen zu lassen. Am Mittagstisch lockert das Gläschen Wein die Stimmung der Sitznachbarn auf, abends nimmt der kleine Cognac den erschöpften Lagerarbeiter an der Hand und schlendert mit ihm ins Land der Träume. Es sind kleine Mengen Alkohols, mit denen tagtäglich „gedopt“ wird, und in diesen kleinen Mengen wirkt Alkohol tatsächlich positiv: er enthemmt, euphorisiert, spornt an, stimmt freundlich, lockert Gemüt und Zunge, löst Angst. In etwas höherer Dosierung wirkt Alkohol beruhigend und schlaffördernd.
Was „niedrig“ und was „höher“ oder „hoch“ dosiert ist, erklärt Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek, Vorstand und ärztlicher Leiter der Suchtkliniken und -beratungsstellen des Anton Proksch Instituts: „Das hängt von der Toleranzentwicklung ab. Wenn Sie selten Alkohol trinken, reicht ein Achtel Wein oder ein kleines Bier, um die positiven Effekte des Alkohols zu bemerken. Wenn Sie bereits eine gewisse Toleranz entwickelt haben, brauchen Sie mehr. Und das ist das Fatale am Alkohol: Sie brauchen mit der Zeit immer mehr, um die gleiche Wirkung zu erzielen.“ Besonders gefährlich ist die Mischung von Alkohol und Stimulanzien wie Kaffee oder Energydrinks: Alkohol macht in hoher Dosierung müde, Koffein putscht auf und überlagert die einschläfernde Wirkung des Alkohols, was dazu führt, dass Trunkenheit unbemerkt bleibt – meist jedoch nur vom Betroffenen selbst.

Was ist „normal“, was „problematisch“?

Laut Psychiater Musalek gilt Alkoholkonsum dann als „normal“, wenn wir aus Genuss in kleinen Mengen trinken – und das in unregelmäßigen Abständen. Als „kleine Menge“ gelten dabei durchschnittlich 20 Gramm Reinalkohol (Frauen: 16g, Männer: 24g), was einem Viertelliter Wein oder einem halben Liter Bier entspricht. „Problematisch“ wird der Alkoholkonsum, wenn täglich durchschnittlich mehr als 50 Gramm Reinalkohol fließen (Frauen: 40g, Männer: 60g), und wenn Alkohol an jedem Tag der Woche getrunken wird. 50 Gramm Reinalkohol nimmt zu sich, wer fünf Achtel Wein trinkt oder 1,25 Liter Bier.
Entscheidend für die Unterscheidung zwischen „normal“ und „problematisch“ ist für Musalek auch der Grund, warum Alkohol getrunken wird: „Wenn Sie zum Beispiel in eine Sitzung gehen und davor ein paar Schluck Alkohol brauchen, um dieses Treffen zu überstehen. Oder wenn ich Alkohol trinke, um meine Familie zu ertragen; ich also zum Beispiel regelmäßig vor dem Nachhauseweg noch ein oder zwei Bier trinke. Das ist bereits problematischer Alkoholkonsum.“

Alkohol als Psychodroge

Immun gegen ein derartiges Trinkverhalten ist niemand, sagt der Experte: Jeder Mensch ist gefährdet, wenn in seinem Leben Angst, Spannung oder Überlastung wichtige Rollen spielen – „egal ob Sie Dachdecker sind, öffentliche Auftritte absolvieren müssen, ob Sie Manager sind oder Arzt. Auch Burnout spielt dabei eine Rolle. Alkohol ist das meistkonsumierte Psychopharmakon in Österreich“. Die Zahl der Menschen, die sich mit diesem „Arzneimittel“ selbst behandeln, steige insgesamt zwar nicht, in Österreich gebe es jedoch den sogenannten Deckeneffekt: „Bis etwa in die 1970-er Jahre gab es einen starken Anstieg beim Alkoholkonsum, seither gibt es diesen Effekt: Mehr geht gar nicht mehr, Österreich liegt international bereits auf sehr hohem Niveau.“
Nur die Frauen ziehen noch nach, sagt Musalek, der dafür vor allem die bessere Alkoholverfügbarkeit und die Doppelbelastung durch Arbeit und Familie verantwortlich macht. Auch bei den Jugendlichen zeigt sich ein Trend: Das Einstiegsalter sank zuletzt und liegt derzeit bei elf bis 13 Jahren. Vor etwa zwei Jahrzehnten machten die Jugendlichen mit 15 bis 17 Jahren ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol.
Die Substanz ist allgegenwärtig, kaum jemand trinkt aus Überzeugung keinen Alkohol, erklärt Musalek: Zur Abstinenz kommt es meist aus gesundheitlichen Gründen und auf Anordnung des Arztes. Diese Allgegenwärtigkeit von Alkohol trägt dazu bei, dass Alkoholmissbrauch zu spät erkannt, Alkoholsucht zu spät behandelt wird: „Dass Patienten fünf bis zehn Jahre krank sind, bevor sie behandelt werden, ist keine Seltenheit“, sagt der Experte. „Das macht die Behandlung natürlich sehr schwierig. Die Prognose bei Alkoholmissbrauch und krankheit ist an sich besser als bei anderen chronischen Krankheiten wie etwa Diabetes. Aber nur, wenn man sie rechtzeitig behandelt.“

Neue Behandlungsformen

In der Behandlung beschreitet man heute andere Wege als noch vor wenigen Jahren, als nur ein abstinenter Ex-Alkoholiker als guter Ex-Alkoholiker galt. Heute ist das nicht mehr so, sagt Univ. Prof. Dr. Henriette Walter von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie: Vor einigen Jahren ist die Zeit des Cutdown-Drinking angebrochen, bei dem die Alkoholmenge quasi Schluck für Schluck gegen oder auf Null reduziert wird. Wer für diese Art der Therapie in Frage kommt, entscheiden Patient und Therapeut in einer ersten Sitzung. Hier wird auch das Ziel festgelegt und der Weg dorthin. Das Wiener Modell ist erfolgreich: 60 Prozent der Patienten waren nach sechs Monaten noch abstinent, sagt Walter – einen Heilsanspruch erhebe sie jedoch nicht, endgültige „Heilung“ darf man keinesfalls erwarten. Laut Walter wird diese Therapieform bislang allein an der Wiener Uniklinik angeboten.
Abgekommen von der vollkommenen Abstinenz als alleiniges Ziel sind auch Michael Musalek und sein Team der Suchtklinik in Kalksburg. Seit rund einem Jahr bieten sie neben der herkömmlichen die sogenannte Orpheus-Therapie an, die ihren Namen einem Protagonisten der griechischen Mythologie verdankt: dem Sänger Orpheus, der dem Gesang der heimtückischen Sirenen allein deshalb entging, weil er – als er sich den Schönen näherte – seine Leier zog und derart betörend trällerte, dass er die Sirenen übertönte. Orpheus machte einfach die bessere Musik. Darum geht es auch im Orpheusprogramm des Anton Proksch Instituts in Kalksburg: Alkoholabstinenz ist zwar wichtig, nicht aber dermaßen wichtig wie ein freudvolles Leben, das am Ende der Therapie stehen soll. Erreicht wird das durch ein modulares System aus Bewegung, Philosophie, Musik, Kino, Kreativität. Es geht darum, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren, und darum, möglichst viele Dinge auf der Prioritätenliste nach vorne zu bringen, sodass das Suchtmittel ganz von selbst nach hinten rutscht.

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SUIZID
Häufigste Todesursache bei Alkoholikern

So paradox es auch klingt: Ausgerechnet jene Substanz, die zunächst getrunken wird, um sich fürs Leben zu „dopen“, dient am Ende vielen dazu, mit diesem Leben Schluss zu machen: „Die häufigste Todesursache bei Alkoholikern ist der Selbstmord“, sagt Primar Dr. Felix Fischer vom Suchttherapiezentrum Traun der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg. Der Grund: Mit dem Alkohol werden die Angst vor der Tat, Hemmungen und ein letztes Zögern weggespült. Auch verringert der Alkohol das Schmerzempfinden und vermindert die Koordination – wodurch es für die Betroffenen nur noch wenige Möglichkeiten gibt, sich in letzter Minute doch noch selbst zu retten.

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Doping mit Alkohol:
Vom Schnaps zum Sport

Das Wort „Doping“ kommt vom englischen Zeitwort „dope“, was auf Deutsch „Drogen verabreichen“ heißt. Der Wortursprung liegt allerdings im Afrikaans, der Sprache der Buren in Südafrika, wo einst bei Dorffeiern von Einheimischen starker Schnaps namens „Dop“ getrunken wurde. Die Buren übernahmen das Wort als generelle Bezeichnung für Getränke mit stimulierender Wirkung, die Engländer übertrugen es auf die Verwendung von Aufputschmitteln, die bei Pferderennen zum Einsatz kamen – und so bezog sich  „Doping“ schließlich – und laut Anti-Doping-Experten Prof. Hans Holdhaus „ausschließlich“ – auf die Leistungssteigerung im Sport.

Doping gibt es also streng genommen nur im sportlichen Wettkampf – und dort ist Alkohol verboten; vor allem bei Konzentrationssportarten und in Disziplinen, in denen Alkohol den Sportler oder Mitstreiter gefährden könnte. Alkohol wirkt gegen Nervosität vor dem Wettkampf, also gegen zitternde Hände, was beispielsweise beim Bogenschießen recht nützlich ist. Laut der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) liegt die Höchstgrenze bei 0,08 Promille. Konkret verboten ist Alkohol derzeit unter anderem im Luft- und Motorsport, bei Bogenschießen und Boule, bei Karate, Kegeln und Bowling.

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Über Wirkungen und Nebenwirkungen
Die Folgen von Alkoholmissbrauch für Körper, Geist  und Seele *)

Gehirn
Modellierung des Belohnungssystems im Gehirn: Verlangen nach Alkohol nimmt immer mehr zu.
Hirnsubstanzverlust, Demenzerkrankungen.

Psyche
Bei mäßigem Genuss wirkt Alkohol euphorisierend, bei übermäßigem Konsum deprimierend. Bei langfristig übermäßigem Konsum: Wechselnde Stimmungen, Verhaltensänderungen, Persönlichkeitsveränderungen, Gereiztheit, Großspurigkeit, Ignoranz.
Psychische Erkrankungen (Angststörungen, Depressionen, Panikattacken) werden bei übermäßigem Alkoholkonsum ab einem bestimmten Alkoholpegel als weniger belastend empfunden. Sinkt der Pegel, tritt der umgekehrte Effekt ein: Die Symptome der Erkrankung verstärken sich.
Sozialer Abstieg und Vereinsamung.

Knochen/Schädel
Verletzungen, Knochenbrüche, Schädel-Hirn-Trauma, infolge von Stürzen, Autounfällen, Gewalteinwirkungen bei Streitereien.

Mund
Durch den Alkohol, aber auch die Vernachlässigung der Zahnhygiene: Zahnfleischschwund, Karies und andere Zahnschäden, Geschmackssinnstörungen.
Wird häufig erbrochen, schädigt die erbrochene Magensäure den Zahnschmelz.
Zungenentzündungen, Pilzerkrankungen, Zungenkrebs.

Rachenraum/Speiseröhre
Entzündungen, Pilzerkrankungen, Kehlkopfkrebs, Säurerückflusserkrankungen, Speiseröhrenkrampfadern, Speiseröhrenkrebs.

Herz- und Kreislaufsystem
Blutdruck erhöht sich, Pulsschlag wird schneller und erholt sich langsam, dem folgen eine Herzmuskelschädigung, eine Herzerweiterung, Verkalkung und Verengung der Herzkranzgefäße, Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt.
Blutgerinnungsstörungen.

Atemwege
Häufige Erkältungen bedingt durch die herabgesetzte Immunabwehr, eingeschränkte Temperaturwahrnehmung und das damit verbundene Risikoverhalten.
Häufige Erkrankungen der Bronchien.
Schlafstörungen bis Schlafapnoe.

Magen/Darm
Entzündungen der Magen- und Darmschleimhaut, Geschwüre, Krebserkrankungen.

Leber/Bauchspeicheldrüse
Leberentzündung, Fettleber, Leberzirrhose, Leberkrebs, Bauchspeicheldrüsenentzündungen und -krebs.
Zuckerkrankheit.

Haut
Die Blutgefäße werden weiter und durchlässiger.
Rötungen der Gesichtshaut und der Nasenspitze.
Trockene Haut, Bildung von Ekzemen, Schuppenflechte, Altersakne (Rosazea).
Vermehrte Schweißbildung an Händen und Füßen.

Nervensystem
Polyneuropathie an den Extremitäten (Schmerzen an der Nasenspitze, den Händen, Füßen, bei Männern auch am Penis).
Taubheitsgefühle in Armen, Händen und Füßen.
Zittern am ganzen Körper, wenn der Alkoholpegel absinkt.
Sichtprobleme: Schärfe des Blicks nimmt ab, Gesichtsfeld wird kleiner, Doppelbilder werden gesehen.

Sexualität
Erektionsstörungen, Impotenz beim Mann, Libidoverlust bei der Frau.
Bedingt durch die wechselhaften Stimmungen des Betroffenen kommt es zu einer Störung der Beziehung und damit auch zur Störung des Sexuallebens.

*) zusammengestellt von Prim. Dr. Felix Fischer, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie Leiter des Suchttherapiezentrums Traun der Landes-Nerven­klinik Wagner-Jauregg, und Dr. Joachim Huber, Facharzt für innere Medizin in Wien.   
   
           

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