Bauchfett gefährlicher als Hüftspeck

Juni 2010 | Medizin & Trends

Neue Erkenntnisse zeigen: Auf die Fettverteilung kommt’s an
 
Was in Badehose und Bikini besonders deutlich zutage tritt, bestätigt die Statistik: Fast jeder dritte Österreicher ist übergewichtig. Was neue medizinische Forschungen ans Licht bringen: Übergewicht ist nicht gleich Übergewicht. Aktuellen Erkenntnissen zufolge hat die Fettverteilung eine wesentliche Bedeutung für die Gesundheit. So kommt dem Bauchfett eine andere Rolle zu als den Speckröllchen oder Fettpölstern an Hüften, Taille und Po.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Fast jeder dritte Österreicher über 15 Jahren ist übergewichtig, mehr als jeder Zehnte ist krankhaft fettleibig bzw. adipös. Und unter den Kindern bis 15 Jahren schleppt bereits jedes fünfte zu viele Kilos mit sich herum. Die Grundlage für diese Zahlen liefern die Angaben des „Body Mass Index“, kurz BMI, eine Messziffer, bei der das Körpergewicht eine entscheidende Rolle spielt (siehe nächste Seite).
„Übergewicht kommt selten allein“, sagt Univ. Prof. Dr. Hermann Toplak, Internist an der Universitätsklinik für Innere Medizin in Graz, und beschreibt das Erschreckende an der aktuellen Lage: „Wir wissen, dass zu viele Kilos eine Vielzahl an Folgeerkrankungen verursachen.“ Menschen mit einem BMI über 30 – ab diesem Wert spricht man von Adipositas  – haben z. B. ein acht Mal höheres Risiko, an Diabetes zu erkranken, als die Normalgewichtigen mit BMI-Werten zwischen 18,5 und 25. Auch ist nach den Ergebnissen verschiedener internationaler Studien die Wahrscheinlichkeit, Gelenkserkrankungen und Thrombosen zu bekommen, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden bzw. an Alzheimer zu erkranken oder wegen der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper Depressionen zu entwickeln, bei Übergewichtigen und Adipösen im Vergleich zu Normalgewichtigen deutlich erhöht. Schließlich steigert jedes Kilo zuviel auch das Risiko, an Krebs zu erkranken, vor allem an Darm-, Speiseröhren-, Leber- und Gallenblasenkrebs. Übergewichtige Männer leiden zudem überdurchschnittlich oft an Potenzstörungen oder Impotenz, übergewichtige Frauen sind häufig unfruchtbar.

Auch Schlanke können Fett haben

Wenn es um die Gefährlichkeit der überschüssigen Kilos für die Gesundheit geht, ist Übergewicht aber nicht gleich Übergewicht. Abgesehen von der Menge spielt die Verteilung des Fettes eine Rolle. Zu dieser Erkenntnis sind Mediziner der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität aufgrund einer Studie mit 11.000 Teilnehmern gekommen, die sie acht Jahre lang beobachtet hatten. Auch Experte Toplak weiß: „Wenn es um die Frage geht, wie gesundheitsgefährdend Übergewicht ist, ist es nicht egal, ob jemand einen großen Bauch hat, oder ob sich das Fett an den Hüften oder am Po sammelt.“

Nur: Ab wann ist das Fett an Hüften und Po zuviel, ab wann ist ein Bauch zu groß? Da sind sich die Experten nicht ganz einig. Die Münchner Forscher hatten die Studienteilnehmer nach der „Waist to Height Ratio“, kurz WtHR, bewertet, einer Formel, bei der neben der Körpergröße auch der Taillenumfang berücksichtigt wird. Toplak hingegen setzt auf das Wiegen mit der Körperfettmesswaage, die den Körperfettanteil in Prozent angibt, sowie auf die Messung des Bauchumfangs (siehe unten). Der Grund für die Wahl dieser Methoden: Mit der Waage und der Bauchumfangmessung kann auch nicht sichtbares Bauchfett, das sogenannte viszerale Fett, entdeckt werden, das sich nicht nur bei übergewichtigen, sondern auch bei schlanken Menschen im Bauchraum um die Muskeln und inneren Organe herum bilden kann. Toplak: „So wie das sichtbare Fett kann nach den neuesten medizinischen Erkenntnissen auch das viszerale Fett zur Entstehung von Diabetes, Herz- und Kreislauferkrankungen, Schlaganfall und Herzinfarkt beitragen.

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Die 4 Fett-Messungen
Wie funktionieren die Methoden?

Body Mass Index (BMI)

Der „BMI“ oder „Body Mass Index“ errechnet sich, indem man das Körpergewicht in (Kilogramm) durch das Quadrat der Körpergröße (in Metern) dividiert. Untergewicht besteht bei Werten unter 18,5. Normalgewichtig ist man bei Werten zwischen 18,5 und 25. Ab 25 ist man übergewichtig, von Adipositas oder krankhafter Fettleibigkeit spricht man ab einem Wert von 30. Die Klassifizierung wird seit 1995 von der Weltgesundheitsorganisation WHO verwendet. Immer mehr Experten erachten den BMI allein als nicht ausreichend, um die Gefahr von Übergewicht zu erfassen.

Körperfettanteil

Der Anteil an Körperfett wird mit speziellen Körperfettmesswaagen gemessen. Die Richtwerte sind je nach Alter und Geschlecht unterschiedlich: Jüngere sollten weniger Körperfett haben als Ältere, Männer weniger als Frauen. Bei Frauen im Alter von 30 bis 50 gilt ein Körperfettanteil bis 25 Prozent ideal, gleichaltrige Männer liegen mit einem Fettanteil bis 20 Prozent im idealen Bereich. Der Vorteil dieser Messmethode gegenüber der Messung des BMI: Es wird auch nicht-sichtbares gefährliches Fett entdeckt, wie das sogenannte viszerale Fett im Bauchraum.

Waist to Height Ratio (WtHR)

Bei der „Waist to Height Ratio“, kurz WtHR, wird der Taillenumfang (unterhalb der Rippen) gemessen und durch die Körpergröße in Zentimetern dividiert. Ab einem Ergebnis von 0,5 gilt man als zu dick bzw. es besteht eine Gesundheitsgefährdung. Bei dieser Messmethode wird allerdings der Bauchumfang nicht berücksichtigt – der immer mehr als Gradmesser für bestimmte Krankheitsrisiken gilt.

Bauchumfang

Der Bauchumfang wird im Nabelbereich gemessen. Bei Frauen sollte er im Idealfall 80 Zentimeter nicht überschreiten. Danach nimmt das Krankheitsrisiko schrittweise zu, Werte ab 88 Zentimetern gelten als gesundheitsgefährdend. Bei Männern wird ein Bauchumfang bis 94 Zentimetern als normal gewertet, ein Umfang ab 102 Zentimeter als gesundheitsgefährdend.

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Die 3 Typen der Fettverteilung:
Welches Fett birgt welche Gefahr?

Bauchfett der Sorte „Bierbauch“ („Apfeltyp“)

Merkmale
Der sogenannte Bierbauch steht hervor, fühlt sich hart an und besteht in einer Ansammlung von viszeralem Fett im Inneren des Bauchraums. Die Körperform wird auch als „Apfeltyp“ bezeichnet. „Das Fett umgibt die Muskeln und Organe“, sagt Toplak. Als zu groß gilt der Bauch bei Frauen ab einem Umfang von 80 Zentimetern, bei Männern ab einem Umfang von 94 Zentimetern. Ab diesen Werten steigt das Krankheitsrisiko schrittweise an, ernsthaft gefährlich für die Gesundheit wird es ab 88 Zentimetern bei Frauen und 102 Zentimetern bei Männern.

Gefahren
Toplak: „Der typische Bierbauch ist die gefährlichste Art der Fettverteilung.“ Verschiedene Studien zeigten, dass ein solcher Bauch das Risiko für die Erkrankung an Diabetes, die Bildung von Thrombosen, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt enorm erhöht, aber auch für die Erkrankung an Krebs, Alzheimer und Depressionen. Bei Männern kann der Bierbauch darüber hinaus zu Potenzstörungen und Impotenz führen, bei Frauen zur Unfruchtbarkeit. Der Grund: Das Fett im Bauchinneren kann schädliche Fettsäuren in den Körper abgeben, die zu Entzündungen führen und den Hormonhaushalt negativ beeinflussen.

Ursachen
Wie der Name schon sagt entsteht der Bierbauch z. B. durch starken Bierkonsum, aber auch durch den Konsum von zuckerhältigen Fruchtsäften und Limonaden. „Menschen mit einem klassischen Bierbauch essen typischerweise zu fett- und zuckerreich“, sagt Toplak.

Speckröllchen am Bauch

Merkmale
Bei den Speckröllchen liegt das Fett zum Teil gleich unter der Haut des Bauches, ist also oberflächlicher und daher sowohl sichtbar als auch greifbar, zum Teil aber auch im Bauchinneren. Durch die Speckröllchen kann der Bauch einen Umfang erreichen, der über den genannten Richtwerten liegt und den Träger zum „Apfeltyp“ macht, sofern Taille, Hüften und Po schlank sind.

Gefahren
Ist alles Fett der Speckröllchen oberflächlich gleich unter der Haut des Bauchs abgelagert und liegen die Bauchumfänge unter den Richtwerten, ist das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen nicht erhöht. Toplak: „Meistens wird aber mit dem Fett gleich unter der Haut des Bauchs auch das Fett im Bauchinneren vermehrt.“ Dadurch steigt die Gefahr, sämtliche genannten Folgeerkrankungen von Übergewicht zu bekommen, deutlich an. Besonders groß ist das Risiko, an Diabetes zu erkranken.

Ursachen
Toplak: „Die Entstehung von Bauchfettspeichern aus Speckröllchen und viszeralem Fett wird begünstigt, wenn man zu viel Zucker zu sich nimmt.“ Zum Beispiel über zu viele zuckerhältige Getränke oder Süßigkeiten wie Kuchen, Torten, Schokolade.

Fettpölster an Taille, Hüften & Po, („Birnentyp“)

Merkmale
„Diese Fettverteilung kommt nur bei Frauen vor“, sagt Toplak. „Ob die Pölster gesundheitsgefährdend sind, lässt sich am besten durch das Abwiegen auf der Körperfettmesswaage erkennen.“

Gefahren
Toplak: „Das Fett an Taille, Hüften und Po stellt keine Gefahr für die körperliche Gesundheit dar, solange der Bauch flach ist. Allerdings kann die Seele unter den Proportionen leiden.“ Frauen, bei denen sich das Fett an den erwähnten Stellen sammelt, können mit ihrem Körper so unzufrieden werden, dass sie Depressionen entwickeln.

Ursachen
Sammelt sich das Fett so, dass eine birnenähnliche Körperform entsteht, ist das zum Teil auf eine genetische Veranlagung zurückzuführen, zum Teil aber auch auf falsche Ernährung. „Die meisten Betroffenen nehmen zu viele fetthaltige Nahrungsmittel zu sich“, sagt Toplak.

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