Frauen sind anders (krank)

September 2010 | Medizin & Trends

Die weiblichen Besonderheiten bei Bluthochdruck, Diabetes & Co
 
Die Gender-Medizin fördert immer mehr neue Erkenntnisse darüber zutage, dass der „kleine Unterschied“ zwischen Mann und Frau im Krankheitsfall so klein nicht ist. So manche weibliche Eigenheit wirft aber nach wie vor Fragen auf. MEDIZIN populär über bereits bekannte und noch rätselhafte weibliche Besonderheiten bei fünf häufigen Krankheiten.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

1. Bluthochdruck: Weniger Östrogen, engere Gefäße

Laut Statistik Austria ist Bluthochdruck in Österreich die häufigste Ursache für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die sehr häufig zum Tod führen. Während Männer vorwiegend im Alter von 20 bis 45 Jahren an Bluthochdruck erkranken, beginnt das Leiden bei Frauen meistens erst ab dem 50. Lebensjahr. Und dann holen sie kräftig auf: Von den Bluthochdruckpatienten über 70 sind zwei Drittel Frauen.
Warum das so ist, erklärt die Erste Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin Univ. Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek von der Abteilung für Kardiologie der Medizinischen Universität Wien: „Kommen Frauen in die Wechseljahre, produziert ihr Körper weniger weibliche Sexualhormone wie zum Beispiel Östrogene.“ Und: „Wir wissen, dass vor allem die Östrogene die Gefäße weit halten und dadurch unter anderem auch vor Bluthochdruck schützen.“
Diagnostiziert wird der Bluthochdruck bei Frauen mit derselben Methode wie bei Männern: über Messungen mit dem Blutdruckmessgerät. Die weibliche Eigenheit: „Tritt Bluthochdruck auf, wird er bei Frauen meistens früher erkannt als bei Männern, weil die betroffenen Frauen in jungen Jahren oft eher einen niedrigeren Blutdruck hatten und deswegen stärker unter den Begleitsymptomen wie Nervosität, Kopfschmerzen oder Schwindelgefühlen leiden“, weiß die Internistin und Kardiologin Strametz-Juranek.
Behandelt wird Bluthochdruck bei Männern wie Frauen mit blutdrucksenkenden Medikamenten. Die Besonderheit bei Frauen: „Wird, wie es in den Wechseljahren der Fall ist, die Östrogen-Produktion zurückgeschraubt, kann Bluthochdruck durch Salzkonsum begünstigt werden“, sagt Strametz-Juranek. Warum es dazu kommt, ist derzeit noch nicht bekannt. „Wir raten den Patientinnen daher, ihren Kochsalz-Konsum deutlich einzuschränken. Laut den internationalen Behandlungsrichtlinien wird von medizinischer Seite Frauen im Rahmen der Bluthochdruck-Behandlung zusätzlich empfohlen, sogenannte Diuretika einzunehmen, das sind Mittel, die die Wasser- und damit auch die Salzausscheidung steigern.“

2. Herzinfarkt: Andere Symptome, höhere Lebensgefahr

Der Herzinfarkt ist nach Angaben der Statistik Austria hierzulande die häufigste Herzerkrankung. Bei Männern tritt sie eher vor dem 50. Lebensjahr auf, bei Frauen erst im oder nach dem Wechsel. Grund für das erhöhte Infarktrisiko der Frauen nach der Menopause ist wiederum der Östrogenabbau. Obwohl laut Statistik 2008 in Österreich 37,5 Prozent der Männer, aber 48,5 Prozent der Frauen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen verstorben sind, ist Frauen dieses Risiko nicht bewusst. Strametz-Juranek dazu: „Herzinfarkte werden laut internationaler Datenlage bei Frauen vielfach nicht rasch genug oder gar nicht erkannt, da bei ihnen die Symptome nicht so leicht zuzuordnen sind.“ Während betroffene Männer bei einem Herzinfarkt über Schmerzen im Bereich der Brust und der Schultern sowie das Gefühl der Todesangst berichten, wird der Herzinfarkt bei Frauen von Schweißausbrüchen, Bauchschmerzen und Übelkeit begleitet – was auch auf viele andere Erkrankungen hindeuten kann.
Ist ein Herzinfarkt einmal diagnostiziert, gebe es auch bei der Therapie eine gewisse Chancenungleichheit für Frauen, so Strametz-Juranek. „Herzerkrankungen und Patienten nach einem Herzinfarkt werden vorrangig medikamentös behandelt, und die Medikamente sind bisher nur in wissenschaftlichen Studien an Männern getestet worden.“ So seien die Wirkungen und möglichen Nebenwirkungen der Herzmedikamente in der Behandlung von Frauen derzeit lediglich aus Erfahrungen in der Praxis bekannt.
Ein weiterer trauriger Unterschied zwischen Männern und Frauen, die einen Herzinfarkt erleiden: Ist es einmal dazu und auch zur nachfolgenden medikamentösen Behandlung gekommen, erleiden binnen der folgenden 30 Tage wesentlich mehr Frauen als Männer einen neuerlichen Infarkt und sterben daran.

3. Diabetes: Höheres Risiko, mehr Komplikationen

An Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2, der Zuckerkrankheit, leidet hierzulande jeder zehnte Erwachsene ab 20 Jahren, wobei der Anteil der Betroffenen mit zunehmendem Alter stetig steigt. Unter den Über-65-Jährigen ist bereits jeder Vierte betroffen. Was vielen nicht bewusst ist: „Frauen haben gegenüber Männern ein fast sechsfach erhöhtes Risiko, an Diabetes zu erkranken“, sagt Strametz-Juranek. Wobei die Gründe dafür noch genauso unbekannt seien wie die Antwort auf die Frage, warum es bei Frauen mit Diabetes häufiger zu Komplikationen wie Nervenerkrankungen, Augenerkrankungen, Nierenfunktionsstörungen, Harninkontinenz, Depressionen und der Entwicklung des diabetischen Fußes kommt als bei Männern.

4. Depression: Mehr Diagnosen, weniger Suizide

Nach Schätzungen von Experten leiden in Österreich bereits 650.000 Menschen an einer Depression, Frauen, heißt es, seien doppelt so häufig betroffen wie Männer. Strametz-Juranek über den geschlechtsspezifischen Unterschied: „Leiden Männer psychisch, reden sie nicht darüber, sondern gehen eher in eine Abwehrstellung und werden aggressiv, während Frauen ihre Probleme eher anderen Menschen anvertrauen, mit Freundinnen reden und auch eher professionelle Hilfe suchen.“ Die Folge: Bei Frauen werden depressive Verstimmungen und Depressionen eher als bei Männern diagnostiziert und therapiert. Da Suizid die häufigste Folge von Depressionen und depressiven Verstimmungen ist, liegt die Suizidrate bei Männern in allen Altersgruppen über jener der Frauen.

5. Osteoporose: Höhere Lebenserwartung, mehr Betroffene

An Osteoporose, wie der Knochenschwund in der Fachsprache genannt wird, leiden nach Schätzungen von Experten zirka zehn Prozent der Österreicherinnen und Österreicher. Ob Frauen wie bisher angenommen tatsächlich früher und in größerem Ausmaß davon betroffen sind als Männer, wisse man nicht, sagt Strametz-Juranek: „Ich denke, dass Osteoporose bei Frauen einfach früher diagnostiziert wird.“
Aber nicht nur die frühere Diagnose hat zur Folge, dass in den Statistiken wesentlich mehr osteoporosekranke Frauen als Männer aufscheinen. Da das Risiko, an Osteoporose zu erkranken, mit dem Alter steigt, und die Lebenserwartung der Frauen nach wie vor höher ist als jene der Männer, erhöht sich auch das Erkrankungsrisiko. Außerdem weisen Männer gegenüber Frauen schon von früher Kindheit an eine höhere Knochenmineraldichte auf – und damit auch ein vermindertes Osteoporose-Risiko im Alter.

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Neuer Schwerpunkt an Medizinischer Universität Wien

Im Herbstsemester 2010/2011 startet an der Medizinischen Universität Wien ein neuer Schwerpunkt in Forschung und Lehre: Unter dem Titel „Gender-Medizin“ werden die Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei Erkrankungen, Diagnose und Therapie beleuchtet. Näheres im Internet: www.meduniwien.ac.at/ULG-gendermedicine

Webtipp:
Die Österreichische Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin, der auch medizinische Laien als außerordentliche Mitglieder beitreten können, bietet Informationen und Veranstaltungstipps rund um die Gender-Medizin. Näheres im Internet: www.gendermedizin.at

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