Schöne Stimme per OP

Juni 2010 | Medizin & Trends

Neuer Trend, der an die Kehle geht
 
„Stimmlifting“ ist der letzte Schrei in den USA und gehört inzwischen genauso zum Verjüngungsprogramm von Beauty-Chirurgen wie Gesichts- und Intimlifting. Auch in Österreich zeichnet sich der Trend, der an die Kehle geht, mehr und mehr ab. Aber nicht aus ästhetischen Gründen, wie Univ. Prof. DDr. Wolfgang Bigenzahn, Experte auf dem Gebiet der Stimmchirurgie, versichert.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Was nützen das zarte Näschen von Nicole Kidman oder die vollen Lippen von Angelina Jolie, wenn die Stimme gurgelt wie jene von Tom Waits? Was hat man schon von einer geglätteten Stirn, korrigierten Schlupflidern und einem gestrafften Doppelkinn, wenn die Stimme schlottert? In den USA gehört das „Stimmlifting“ inzwischen zum Repertoire der „Schönheitschirurgen“. Nicht nur wenn es um Verschönerung, sondern vor allem wenn es um Verjüngung geht. Schließlich wird mit den Jahren nicht nur die Haut schlaff, auch die Stimme lässt einen alt aussehen, verliert an Kraft, wird dünn, brüchig, zittrig, altersschwach. Die Stimmlippen mit ein bisschen Bauchfett aufgespritzt – und schon ist der jugendlich-kraftvolle Klang der Stimme wieder da. Ganz einfach also, oder?

Zängelchen und Scherchen
„So einfach ist das nicht“, warnt Univ. Prof. DDr. Wolfgang Bigenzahn, Experte auf dem Gebiet der Stimmchirurgie. „Eine Stimm-Op ist Präzisionsarbeit und gehört unbedingt in die Hände speziell ausgebildeter Fachärzte.“ Die Phoniatrie, wie die medizinische Disziplin, die sich mit Stimm-, Sprech- und Sprachstörungen befasst, in der Fachsprache heißt, hat sich dank enormer Fortschritte zu einem Spezialgebiet entwickelt. Heute weiß man viel besser über den Stimmapparat Bescheid als noch vor wenigen Jahren, und auch in der Operationstechnik hat sich viel getan. „Ein stimmverbessernder bzw. stimmerhaltender Eingriff wird heute meist ohne Schnitt von außen über ein spezielles Rohr durch den Mund vorgenommen. Kleine, feine Instrumente, Zängelchen oder Scherchen werden durch das Rohr in die Kehle geführt, in ganz bestimmten Fällen kommt auch der Laser zum Einsatz. Unter mikroskopischer Sicht wird mit höchster Präzision getan, was getan werden muss“, erklärt Bigenzahn.

Knötchen, Polypen, Lähmungen
Mit Betonung auf: „getan werden muss“. Rein ästhetische Gründe können Bigenzahn nicht dazu bewegen, zum Operationsbesteck zu greifen. Für den Leiter der klinischen Abteilung für Phoniatrie-Logopädie an der Wiener Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten und seine Kollegen in Österreich sei allein die medizinische Indikation ausschlaggebend. Operiert wird z. B., wenn Verdickungen, Knötchen oder Polypen an den Stimmlippen festgestellt werden. Werden diese Veränderungen entfernt, können die Stimmlippen wieder ungehindert schwingen, und die Dauer-Heiserkeit ist weg. Operiert wird z. B. auch bei einseitiger Stimmlippenlähmung. Dann wird von außen über einen Hautschnitt das Knorpelgerüst des Kehlkopfes freigelegt und – meist unter Lokalanästhesie – die gelähmte Stimmlippe mit Hilfe eines Titanimplantats verlagert. So kann sich die Stimmritze wieder schließen, die Stimmlippen schwingen wieder, der behaucht-heisere Stimmklang ist behoben.

Zwei Oktaven, 90 Dezibel
Operiert wird aber auch, wenn die Stimme so sehr an Leistungsfähigkeit verliert, dass sie deutlich „schwächelt“. Das kann ab dem 60. Lebensjahr der Fall sein, wenn altersbedingte Veränderungen am Stimmapparat zum Tragen kommen. „Das kann aber auch schon bei 40-, 45-Jährigen auftreten, wenn die Stimme zum Beispiel nach jahrelanger Überlastung erschöpft ist, was wir bei Lehrern häufig feststellen müssen“, so Bigenzahn. Für das „Schwächeln“ der Stimme gibt es eine genaue Definition: So sollte eine normale, also nicht ausgebildete Stimme mindestens zwei Oktaven umfassen und eine Intensität von 90 Dezibel erreichen, also etwa das laute Schnarchen des Bettpartners übertönen können. „Wenn ein Patient deutlich von diesen Vorgaben abweicht, dann ist das für uns eine Indikation für einen phonochirurgischen Eingriff.“ Dann wird z. B. körpereigenes Fett oder Hyaluronsäure in die Stimmlippen gespritzt, so dass sie wieder elastisch schwingen und kräftige Töne erzeugen können. „Wir machen das aber nicht im Sinne der Verjüngung, sondern nach einer genauen präoperativen Diagnostik“, wie Bigenzahn betont. „Stimmchirurgie ist funktionelle Chirurgie zur Verbesserung oder Erhaltung der Kommunikationsfähigkeit des Patienten und keine ästhetische Chirurgie. Noch nicht“, schließt der Experte nicht aus, dass der Trend zur Stimmverschönerung und -verjüngung aus den USA eines Tages auch zu uns überschwappt.

Falscher Stimmgebrauch rächt sich
Immerhin führen Bigenzahn und sein Team allein am Wiener AKH bereits 100 bis 150 Mal pro Jahr stimmverbessernde bzw. stimmerhaltende Operationen durch. „Stimmstörungen werden immer häufiger“, lautet die Diagnose Bigenzahns für eine Gesellschaft, in der Kommunikation insgesamt immer wichtiger wird. „Wir sprechen mehr als die Menschen vor 100 Jahren, etwa 80 Prozent der Berufe bauen heute auf kommunikative Fähigkeiten auf, neue Technologien wie Handys verleiten zum permanenten Reden.“ Permanentes Reden, Weiterreden trotz Entzündung im Hals, falsches Reden (etwa unter zu viel Druck oder muskulärer Spannung), aber auch andere Strapazen für die Stimme wie z. B. Rauchen – all das rächt sich irgendwann. Entsprechend ist Beratung zum richtigen Gebrauch der Stimme ein Bestandteil in der Therapie von Stimm- und Sprechstörungen. Zum Gesamtpaket gehören nach der genauen diagnostischen Abklärung auch logopädische Behandlungen etwa zur Verbesserung von Atmung, Haltung, Stimmeinsatz sowie Stimmführung und in bestimmten Fällen Medikamente.

Nach OP wieder bei Stimme
„Ein Teil dieses Therapiepakets – nicht mehr und nicht weniger – ist schließlich auch die Operation“, sagt Bigenzahn. „Sie sollte erst durchgeführt werden, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden und nicht geholfen haben.“ Wie im Fall von Harald K., den eine Operation an der Schilddrüse um seine Stimme gebracht hat. Infolge des Eingriffes war es zur Lähmung einer Stimmlippe gekommen. „Ich konnte kaum mehr reden“, erzählt K. „Wenn ich etwas gesagt habe, hat man mich kaum mehr verstanden“ – eine Katastrophe für den Lehrer an einem Gymnasium in St. Pölten. „Dann kam ich zu den Spezialisten am Wiener AKH, wurde ganz genau untersucht, habe logopädische Behandlungen für die richtige Atmung, den Stimmeinsatz und vieles andere mitgemacht, auch eine Stromtherapie, um den Nerv zum gelähmten Stimmband zu stimulieren. Das alles hat aber nicht geholfen, sodass Prof. Bigenzahn nach etwa einem Jahr zur Operation geraten hat.“
Unter örtlicher Betäubung wurde K. ein Titanimplantat eingesetzt, mit dem die abgesackte Stimmlippe so weit gehoben wurde, dass beide Stimmlippen wieder zum Stimmlippenschluss aufeinandertreffen können. „Ich habe bei der Operation mitgearbeitet“, erinnert sich K., „musste gelegentlich etwas sagen. Am Schluss sollte ich aus voller Kehle sprechen. Das habe ich getan – es hat funktioniert, die Behandlung war für mich damit abgeschlossen.“
Seither erklingt die Stimme des Lehrers so kraftvoll wie zuvor. Ob sie auch schöner geworden ist? Die Frage quittiert K. mit schallendem Gelächter: „Ich werde wieder gehört, kann meine Stimme wieder fürs tägliche Leben gebrauchen, und dafür bin ich sehr dankbar.“

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Heiser?
Bitte zum Arzt!

Jede Stimmstörung macht sich durch Heiserkeit bemerkbar, die auch dann nicht vergeht, wenn Schnupfen und Husten längst abgeheilt sind. „Jede Heiserkeit, die länger als zwei bis drei Wochen andauert, soll unbedingt von einem Facharzt für Hals-, Nasen und Ohrenkrankheiten oder einem Phoniater, einem Facharzt für Stimm- und Sprechstörungen, abgeklärt werden“, sagt Univ. Prof. DDr. Wolfgang Bigenzahn. Damit können auch eventuelle bösartige Kehlkopferkrankungen rechtzeitig erkannt werden, was die Heilungschancen deutlich erhöht.

Von Heiserkeit spricht man entweder dann, wenn die Stimmlippen durch verschiedene Veränderungen nicht ungehindert schwingen können (die Stimme klingt rau), oder wenn durch einen inkompletten Stimmlippenschluss beim Reden Luft entweicht (die Stimme klingt behaucht). Was die Rauigkeit oder Behauchtheit verursacht, wird bei einer phoniatrischen Untersuchung (Foto) festgestellt. Dabei wird entweder indirekt über einen Spiegel oder direkt über ein Endoskop Einsicht in den Kehlkopf genommen und das Schwingungsverhalten der Stimmlippen beurteilt.

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Eine Frage der Schwingung:
Wie Stimme entsteht

Zur Stimmbildung gehört die Atmung genauso   wie die Körperhaltung, das gut funktionierende Zusammenspiel von rund 50 verschiedenen Muskeln genauso wie die Schwingung der Stimmlippen im Kehlkopf.
Der „gute Ton“ ist letztlich eine Frage der Schwingung. Während die beiden Stimmlippen beim Atmen geöffnet sind, damit Luft ungehindert durchströmen kann, werden sie beim Sprechen oder Singen geschlossen, damit der aus der Lunge aufströmende Luftstrom sie zum Schwingen bringen kann. Ähnlich wie bei einem Saiteninstrument entstehen durch die Schwingung Töne, die umso höher klingen, je mehr es schwingt.
Können die Stimmlippen nicht geschlossen werden oder unbeschwert schwingen, so klingt die Stimme heiser, rau, behaucht, brüchig, zittrig, schwach. Polypen, Knötchen, Lähmungen & Co, aber auch Krebsgeschwüre können die Ursachen sein. Und natürlich das Alter: Die Stimmlippen werden mit den Jahren schlaffer, der Stimmlippenschluss inkomplett, man spricht dann von einer Altersstimmstörung.

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