Trockene Augen

Oktober 2010 | Medizin & Trends

Augentropfen, Akupunktur & Co: Was wirklich hilft
 
Es brennt und kratzt, fühlt sich an, als hätte man Sand in den Augen, ein Schleier trübt den Blick: Was es bedeutet, trockene Augen zu haben, weiß jeder Fünfte über 40-Jährige aus eigener Erfahrung. Neben Augentropfen & Co werden neuerdings auch alternative Therapien wie Akupunktur oder Hypnose gegen das Volksleiden eingesetzt. Mit Erfolg, wie ein Experte bestätigt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Noch vor einigen Jahrzehnten war das Leiden weitgehend unbekannt und trat, wenn überhaupt, höchstens im fortgeschrittenen Alter auf. Jetzt erkrankt bereits jeder Fünfte ab 40 an trockenen Augen, dem sogenannten Sicca-Syndrom. Warum sich diese Augenerkrankung, die meistens beidseitig auftritt, mehr und mehr verbreitet und immer mehr Jüngere betrifft? Als Hauptursache vermute man Veränderungen im Arbeitsumfeld und im Freizeitverhalten, sagt Univ. Prof. Dr. Jörg Schauersberger von der Abteilung für Augenheilkunde und Optometrie am Wiener AKH, der auch ärztlicher Leiter des Augenzentrums Musilplatz in Wien ist. Immer mehr Menschen arbeiten immer länger vor Computerbildschirmen und verbringen darüber hinaus auch noch viel Freizeit am PC. Schauersberger: „Längeres konzentriertes Arbeiten am Computer führt dazu, dass man weniger blinzelt, wodurch die Augenoberfläche weniger mit Tränenflüssigkeit benetzt wird.“ So werden die Augen trocken. „Und wer oft trockene Augen hat, hat auch ein erhöhtes Risiko, die typischen Sicca-Beschwerden zu bekommen“, sagt Schauersberger.
Erkennbar ist das Sicca-Syndrom an einer Vielzahl unterschiedlicher Symptome. Dazu zählen das Gefühl, Sandkörner in den Augen zu haben, ein Kratzen und Brennen, gerötete Augen. Aber auch tränende Augen, eine Schleierbildung und eine Verschlechterung der Sehleistung können vorkommen. Schauersberger: „Treten die genannten Symptome über einen Zeitraum von vier Wochen immer wieder auf, sollte man eine Augenärztin oder einen Augenarzt aufsuchen.“

Entzündungen und Sehprobleme

Stellt sich heraus, dass ein Sicca-Syndrom besteht, ist eine entsprechende Therapie unbedingt notwendig, denn bleibt die Erkrankung unbehandelt, sind Folgeerkrankungen programmiert. „Die Betroffenen sind zunächst einmal besonders anfällig für bakterielle Augenentzündungen wie Bindehaut­- oder Hornhautentzündungen“, sagt Schauersberger. Der Grund: Tränenflüssigkeit wirkt antibakteriell. Mangelt es an der Flüssigkeit, vermehren sich jene Bakterien, die beim Gesunden in geringer Zahl die Bindehaut der Augen besiedeln, schneller, was eher zu den genannten Entzündungen führt. Schauersberger über eine weitere Folgeerkrankung des unbehandelten Sicca-Syndroms: „Bei mangelnder Tränenflüssigkeit reibt das Oberlid, das beim Gesunden mit jedem Lidschlag den Tränenfilm über das Auge verteilt, direkt über die Hornhaut-Oberfläche, wodurch auf der Hornhaut kleine Schürfwunden entstehen.“ Über diese Wunden können dann wiederum Bakterien in die Hornhaut eindringen und Entzündungen in Form von Geschwüren bilden. Heilen die Geschwüre ab, hinterlässt das sehr oft Narben. Und an den Stellen, wo Narben sind, ist die Hornhaut eingetrübt. „Das beeinträchtigt oft das Sehvermögen, und im schlimmsten Fall kann die Eintrübung der Hornhaut sogar zum völligen Verlust des Sehvermögens führen“, sagt Schauersberger. Ist es einmal so weit gekommen, helfe nur noch eine Hornhauttransplantation.

Auslöser beseitigen

Wie lässt sich das Sicca-Syndrom heilen? Schauersberger: „Grundsätzlich lässt sich nur die vorübergehende Form des Sicca-Syndroms heilen.“ Dabei verschwinden die Beschwerden, wenn der Auslöser beseitigt ist – wenn also etwa die Zeit eingeschränkt wird, die vor dem PC verbracht wird, oder zumindest alle ein bis zwei Stunden längere Bildschirm-Pausen eingelegt werden. Andere häufige Auslöser der vorübergehenden trockenen Augen sind Reizungen durch allergische, bakterielle oder virale Entzündungen oder auch durch Augentropfen, die wegen dieser Entzündungen genommen werden, sowie Reizungen durch Kontaktlinsen. „In diesen Fällen reicht es, die Kontaktlinsen wegzulassen, die augenreizenden Tropfen gegen ein anderes Präparat zu tauschen bzw. die zugrundeliegenden Augenentzündungen auszuheilen“, sagt Schauersberger.
Eine weitere, bei Frauen ebenfalls häufige Ursache für das Sicca-Syndrom sind Veränderungen im Hormonhaushalt, die durch eine Schwangerschaft, eine Hormontherapie oder die Wechseljahre ausgelöst werden. Schauersberger: „Die Veränderungen im Hormonhaushalt stören die Fettproduktion in den Talgdrüsen der Augenlider. Das führt zu einem Mangel an Fett in der Tränenflüssigkeit und dadurch zur schnelleren Verdunstung der Tränenflüssigkeit. Die Tränendrüsen reagieren darauf mit einer erhöhten Tränenproduktion, was zu tränenden Augen führt. „Gute Behandlungserfolge werden in diesen Fällen mit fetthältigen Augentropfen, Augensalben und Augensprays erzielt“, sagt Schauersberger.

Entspannung und Linderung

Neben dem vorübergehenden gibt es aber auch das dauerhafte, chronische Sicca-Syndrom. Schauersberger: „Dieses ist entweder genetisch bedingt und tritt daher manchmal schon im Kindesalter auf. Es kann aber auch eine Begleiterkrankung von chronischen Leiden wie Diabetes Typ-II, Rheuma oder von verschiedenen Haut-, Bindegewebs- und Autoimmunerkrankungen sein.“ Durch eine optimierte Behandlung der Grunderkrankung in Kombination mit einer intensiven Augentherapie können bei den Betroffenen zumindest die Beschwerden gut gelindert werden.  
Allerdings: Ein Symptom, das vor allem bei der chronischen Form der trockenen Augen auftritt, werde meistens außer Acht gelassen, sagt Schauersberger. „Das ist die große psychische Belastung, unter der die Patienten leiden.“ Um hier Abhilfe zu schaffen, setzen Experten um Ass. Prof. Dr. Johannes Nepp an der Sicca-Ambulanz am Wiener AKH ergänzend zur medikamentösen Therapie alternativmedizinische Methoden ein.
Die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien von Nepp und Schauersberger zeigten, dass der psychische Leidensdruck der meisten Sicca-Patienten durch eine Akupunkturbehandlung abnahm – und die Intensität der Beschwerden durch die trockenen Augen gleich mit. Einige wenige Patienten konnten nach der Akupunktur sogar auf befeuchtende Tropfen & Co verzichten. Abgesehen von der Akupunktur setzen Schauersberger und Nepp auch auf progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Hypnosebehandlungen, die ebenfalls Linderung bewirken. Der genaue Mechanismus, wie über die Entspannung das Sicca-Syndrom gebessert wird, ist noch nicht geklärt und nach wie vor Gegenstand der Forschung.

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Der Tränenfilm: Drei Schichten für gesunde Augen

Mit sechs bis zehn Tausendstel Millimeter ist der Tränenfilm hauchdünn – und doch besteht er aus drei Schichten: Die äußerste oberste Schicht ist eine Fettschicht und wird von Talgdrüsen in den Lidern gebildet. Sie verhindert, dass die Tränenflüssigkeit zu schnell verdunstet. Die mittlere Schicht des Tränenfilms ist eher wässrig und enthält Substanzen, die Krankheitserreger abtöten können. Die innerste unterste Schicht ist schleimig und wässrig und liegt direkt auf der Hornhaut auf. Sie sorgt dafür, dass der Tränenfilm auf der Hornhaut anhaftet. Nur wenn alle drei Schichten des Tränenfilms in entsprechender Qualität und ausreichender Menge produziert werden, hat das Sicca-Syndrom keine Chance.

Buchtipp:
Wedrich, Schmut, Rabensteiner, Trockenes Auge. Alles zum Sicca-Syndrom,
ISBN 978-3-902552-42-6, 176 Seiten, € 14,90 Verlagshaus der Ärzte

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