Von Alkoholsucht bis Sexsucht

September 2010 | Medizin & Trends

Die Süchte von Herrn und Frau Österreicher
 
Anfällig für Suchterkrankungen sind Männer und Frauen in Österreich gleichermaßen. Unterschiede gibt es aber in den Ursachen für die Erkrankung, im Umgang mit der Sucht und in der Dauer, bis Hilfe gesucht wird. Auch die Wahl des Suchtmittels ist abhängig vom Geschlecht: So ist z. B. die Alkoholsucht überwiegend männlich, die Medikamentensucht hingegen eher weiblich.
MEDIZIN populär über geschlechtsspezifische Aspekte der Sucht.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Alkohol, Medikamente, illegale Drogen wie Cannabis, Heroin und Kokain, Glücksspielen, Einkaufen, Internetsurfen und Sex: Alle diese Substanzen bzw. Tätigkeiten können süchtig machen, und sie tun es auch. Die Zahl der Österreicherinnen und Österreicher, die eines der genannten sieben Suchtprobleme haben, ist teilweise statistisch erfasst, teilweise beruhen die Angaben auf Schätzungen von Experten: Demnach sind insgesamt rund 700.000 betroffen. Die rund 340.000 Alkoholiker im Land bilden die große Mehrheit der Suchtkranken, rund 120.000 Medikamentenabhängige stellen die zweitgrößte Gruppe dar.

„Anfällig für Suchterkrankungen sind Frauen und Männer zwar gleichermaßen“, sagt Prim. Dr. Wolfgang Preinsperger, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin sowie Psychotherapeut am Anton-Proksch-Institut in Wien. „Wenn man nach den Ursachen bzw. Risikofaktoren fragt, bestehen jedoch geschlechtsspezifische Unterschiede.“

Bewältigung oder Bewunderung

Warum Frauen aus anderen Gründen süchtig nach Alkohol, Glücksspiel, Einkaufen & Co werden als Männer? Biologische Hintergründe wie die verschiedenen Hormonhaushalte und Unterschiede im Gehirnstoffwechsel haben diesbezüglich nur wenig Einfluss, so Preinsperger. „Eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von Suchtkrankheiten spielen bei Frauen meiner Erfahrung nach oft negative Erlebnisse mit Familienangehörigen, das heißt, sie sind schlecht von ihren Eltern oder Partnern behandelt worden oder haben Gewalt- und Missbrauchserfahrungen hinter sich.“ Anfällig für Suchterkrankungen macht Frauen oft auch die Überforderung mit der Doppel- und Mehrfachbelastung durch Beruf, Haushaltsführung und Kindererziehung, so der Primar weiter. Während Frauen also eher versuchen, mit dem Konsum von Suchtmitteln Belastendes zu bewältigen und oft auch schon begleitend zur Sucht an psychischen Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen leiden, schlittert ein Mann laut Preinsperger eher aus anderen Gründen in die Sucht: Er will gegenüber seinem sozialen Umfeld – seien es der Verein, dem er angehört, Freundeskreis oder Familie – den starken Mann markieren. „Er will oftmals der sein, der sich traut, so große Mengen an Alkohol zu trinken oder um so viel Geld zu spielen wie kein anderer, und meint, deswegen Anerkennung und Bewunderung zu bekommen.“

Scham oder Führerscheinentzug

So wie es bei den Ursachen bzw. Risikofaktoren für die Sucht Unterschiede zwischen Frau und Mann gibt, gibt es auch von Frau zu Mann verschiedene Arten, mit der Sucht zu leben. Preinsperger: „Frauen empfinden früher Scham als Männer, wenn sie ein Suchtverhalten zeigen, also z. B. zu viel Alkohol trinken, zu viele Medikamente konsumieren oder immer wieder um viel Geld spielen.“ Warum das so ist? Die Gesellschaft verurteilt eine Frau, die ein derartiges Suchtverhalten zeigt, eher als einen Mann, weiß Preinsperger. „Für Männer stellt es länger als für Frauen kein Problem dar, um viel Geld zu spielen, oder viel Alkohol zu trinken, da diese Süchte von den Betroffenen selbst und auch von der Gesellschaft als typisch männliche Verhaltensweisen eher toleriert werden.“
Die Folge der geschlechterspezifisch unterschiedlichen Eigen- und Fremdwahrnehmung der Süchte: „Frauen gestehen sich früher ein, süchtig zu sein und suchen auch früher professionelle Hilfe als Männer“, sagt Preinsperger. Sie wenden sich dann nach den Erfahrungen des Suchtexperten häufig an ihren Hausarzt und besprechen mit ihm das Problem. Preinsperger: „Süchtige Männer suchen oft erst nach einem einschneidenden Erlebnis Hilfe, sei es nach dem Führerscheinentzug nach einer Fahrt im alkoholisierten Zustand oder nach dem Jobverlust.“ Oder sie erleiden einen körperlichen Zusammenbruch, z. B. einen epileptischen Anfall, und sehen sich aufgrund dessen dazu motiviert, sich selbst und gegenüber anderen ihre Suchterkrankung einzugestehen, sich helfen zu lassen, eine
Therapie zu beginnen.

Heilungschancen

Wer kann eher von der Sucht geheilt werden: Frauen oder Männer? „Da kann man keinen Unterschied ausmachen“, sagt Preinsperger. „Man weiß nur, dass es von denjenigen, die in ein Therapieprogramm eintreten und das gesamte Programm durchziehen, das je nach Suchtart und Suchtausprägung über Wochen, Monate oder – dann ambulant – auch Jahre dauern kann, ein großer Prozentsatz schafft und als geheilt gelten kann.“ Wobei die Heilung nicht immer mit Abstinenz einhergeht, sondern manchmal auch mit einem moderaten Konsum des Suchtmittels. Preinsperger: „Wesentlich ist, nach der Therapie ein relativ glückliches, zufriedenes und möglichst freudvolles Leben führen zu können.“

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Sonderfall Nikotinsucht:
Warum Frauen anders rauchen als Männer

In Österreich rauchen zwar fast gleich viele Frauen (47 Prozent) wie Männer (48 Prozent), doch es gibt viele geschlechtsspezifische Unterschiede, wenn es um die Nikotinsucht geht. „Dass Frauen anders rauchen, zeigt sich schon beim Einstieg in die Sucht“, sagt Univ. Prof. Dr. Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz an der Medizinischen Universität Wien, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie sowie Expertin für Suchtforschung und Suchttherapie. Fischer: „Burschen greifen zwar früher zur Zigarette als Mädchen, aber sie tendieren auch dazu, nach einer Zeit der Abstinenz eher in positiv besetzten Situationen zu rauchen.“ Mädchen, die einmal mit dem Rauchen angefangen haben, greifen, so die Expertin weiter, dann eher in negativer Stimmung zur Zigarette, was sie schneller vom Nikotin abhängig macht.

Light-Zigaretten
Raucherinnen haben zudem ein höheres Krankheitsrisiko als Männer. Das liegt daran, dass sie eher zu Light-Zigaretten greifen. Diese enthalten weniger Nikotin, sodass es zu einem rascheren Abbau im Körper kommt, was zum Konsum von immer mehr Zigaretten führt. Fischer: „Light-Zigaretten werden außerdem tiefer inhaliert, wodurch mehr der Schadstoffe über die Lunge in den Körper gelangen.“ So ist bei Raucherinnen etwa das Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch Lungenkrebs zu bekommen, gegenüber Nicht-Raucherinnen bei weitem höher, als dies bei Rauchern im Vergleich zu Nicht-Rauchern der Fall ist.

Selbsttherapie
Ein weiteres frauenspezifisches Problem, das mit dem Rauchen einhergeht: Bei Frauen werden psychische Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen häufiger festgestellt als bei Männern – und Raucherinnen unter ihnen haben dann eher als betroffene Männer die Erwartung, dass ihnen das Rauchen bei der Bewältigung der negativen Gefühle, der Energielosigkeit und des Gefühls der Einsamkeit hilft. „Für sie stellt der Konsum des Nikotins fast eine Form der Selbsttherapie dar, da Nikotin auch einen Neurotransmitter, nämlich Dopamin aktiviert, der eine wesentliche Rolle bei Stimmungsstörungen spielt“, sagt Fischer.
Die Folge: Für die betroffenen Frauen ist die Entwöhnung besonders schwierig. Ärztliche Hilfe ist in diesen Fällen das Um und Auf.

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Süchte in Österreich – und ihre geschlechtsspezifische Verteilung:

 

Alkohol: 340.000
2/3 Männer, 1/3 Frauen

Medikamente: 120.000
2/3 Frauen, 1/3 Männer

Glücksspielen: 30.000 bis 60.000
2/3 Männer, 1/3 Frauen

Internetsurfen: bis zu 60.000
2/3 Männer, 1/3 Frauen

Einkaufen: 30.000 bis 60.000
2/3 Frauen, 1/3 Männer

Illegale Drogen wie Cannabis, Heroin und Kokain: bis zu 33.500
3/4 Männer, 1/4 Frauen

Sex: bis zu 30.000
3/4 Männer, 1/4 Frauen

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