Was die Seele krank macht

November 2010 | Psyche & Beziehung

Einsamkeit, Oberflächlichkeit, Schnelligkeit: Univ. Prof. Dr. Christoph Stuppäck, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie I an der Salzburger Christian-Doppler-Klinik, über die Belastungen der modernen Welt.

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Herr Prof. Stuppäck, was setzt der Seele heute besonders zu? 

Univ. Prof.  Dr. Christoph Stuppäck
Die Vereinsamung. Das ist die größte psychische Herausforderung unserer Zeit. Kontakte beschränken sich immer mehr auf den virtuellen Bereich und werden in Chatrooms oder per SMS gepflegt, der Abend klingt für viele alleine vor dem Fernseher aus. Das einsame Versinken in den Computer oder Fernseher ist vielleicht vordergründig erholsam, hat aber auf längere Sicht katastrophale Auswirkungen auf die Psyche, weil man dabei sozial vereinsamt. Auch der eventgesteuerte Teil der Gesellschaft tut sich nichts Gu­tes. Nur darauf zu schauen, wo was los ist, und von einem Event zum anderen hetzen, sich auf nichts länger einlassen, nirgends verharren, das führt zu einer Oberflächlichkeit, die die Seele auf Dauer belastet. Damit will ich aber nicht sagen, dass früher alles besser und tiefgründiger war.

Aber langsamer war’s, oder?

Ja, die heutige Schnelllebigkeit setzt der Seele besonders zu. Es gab Zeiten, da hat man mit der Postkutsche eine Depesche auf den Weg geschickt und vielleicht drei Wochen später Antwort erhalten. Heute funktioniert der Austausch von Informationen in Minutenschnelle, ist um vieles unmittelbarer und auch wesentlich weniger nachhaltig geworden. Auch im Arbeitsleben hat sich das Tempo drastisch erhöht. Kein Wunder, dass da manche Seele nicht mehr mitkommt. Was kann man tun? Ein Leben neben der Arbeit führen, das ist eine wichtige Strategie gegen psychische Probleme. Aber es ist zugegebenermaßen sehr schwierig geworden, sich ein solches Parallel­leben zu schaffen und zu bewahren. Der Druck ist groß, ständig in Bereitschaft zu sein, und auch die Angst wird immer größer, den Job zu verlieren, wenn man sich nicht ständig damit beschäftigt. Es ist ja heute fast schon Pflicht geworden, ein Burn-out-Syndrom zu bekommen, um zu beweisen, dass man sich für die Arbeit total zerrissen hat. Burn-out verkommt immer mehr zur Modeerscheinung – und dabei ist es eine schwere Krankheit … 

… gegen die es hilft, ein Parallelleben zu führen?

Auf jeden Fall. Sehr viele Leute haben kein Steckenpferd. Ich wähle ganz bewusst den altmodischen Begriff und nicht das Wort Hobby. Früher hat der Mensch ein Gedicht geschrieben, ein Bild gemalt oder Hausmusik gemacht – und hatte damit eine wichtige Gegenwelt zur Arbeitswelt, die ganz wesentlich ist für die psychische Gesundheit.   

Was braucht es in  der Arbeitswelt zur ­Vorbeugung psychischer Erkrankungen?

Man sollte Chefs bestellen, die auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen. Am Arbeitsplatz kann man psychische Probleme am besten verhindern, wenn man die Mitarbeiter ihren Fähigkeiten entsprechend beschäftigt, das heißt, dass man sie weder über- noch unterfordert. Im Berufsleben genau das zu tun, was man möglichst gut kann und auch noch möglichst gern macht – das ist ein guter Schutzschirm für die Seele. 

Und was braucht’s  im Gesundheitssystem, um psychische Prä­ven­tionsmaßnahmen ­voranzutreiben?

Zum Beispiel mehr Geld für die Gesprächsmedizin: Wenn ein Hausarzt bei einem Patienten feststellt, dass er an einer Depression leidet, dann sollte die Zeit, die es braucht, um mit diesem Menschen darüber zu reden, honoriert werden. Ich plädiere aber auch für Vorsorgeuntersuchungen und Screenings, die den psychiatrischen Bereich mit einschließen. Betriebsärzte sollten verstärkt auf die psychischen Aspekte achten, aber auch die Schulärzte sollten die Möglichkeit bekommen, bei den Kindern nicht nur auf die Zähne oder aufs Gewicht zu schauen, sondern auch darauf, wie es ihrer Seele geht.  

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