Da kommt die Galle hoch!

Juni 2011 | Medizin & Trends

Die häufigsten Gallenleiden im Überblick
 
Sie sind heimtückisch, denn oft werden sie erst dann bemerkt, wenn sie akut werden und große Schmerzen verursachen: Erkrankungen des Gallenwegsystems und der Gallenblase, von denen insbesondere Frauen betroffen sind. Lesen Sie, wie man die häufigsten Gallenleiden erkennen kann, welche Ursachen sie haben und wie man sie heute behandelt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Wenn jemandem „die Galle hochkommt“, ihm gar „die Galle übergeht“ und er daher „Gift und Galle spuckt“, dann ist dieser jemand – aus der bildhaften Sprache übersetzt – furchtbar wütend. Tatsächlich kann es dazu kommen, dass Gallenflüssigkeit nicht wie vorgesehen ihren Weg von der Leber in den Darm nimmt und mit dem Stuhl ausgeschieden wird, sondern über die Speiseröhre in den Mund hochkommt, sagt Univ. Prof. Dr. Thomas Hinterleitner, Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie und Hepatologie in Graz. „Ein Wutanfall kann diesen Prozess aber nicht auslösen.“ Auch andere Ereignisse, die die Psyche belasten, wie eine große Aufregung, tragen entgegen der landläufigen Meinung nicht zu dieser Funktionsstörung bei.

Baut Fett und Schadstoffe ab

Das Gallenwegsystem dient dazu, die in der Leber produzierte Gallenflüssigkeit in den Zwölffingerdarm zu transportieren, wo die Gallenflüssigkeit für die Fettverdauung sowie den Abbau von schädlichen Stoffen wie Cholesterin oder Medikamentenrückständen zuständig ist. Die Gallenblase dient wiederum als Reservoir für die Gallenflüssigkeit: Sie hält die Flüssigkeit zurück – um bei gesteigertem Bedarf nach einem besonders fettreichen Essen mehr davon ausschütten zu können.
Wenn man nach Mahlzeiten aufstoßen muss und einem die Gallenflüssigkeit hochkommt, muss man damit rechnen, dass die Gesundheit des oberen Verdauungstraktes und/oder des Gallenwegsystems bzw. der Gallenblase beeinträchtigt ist. Betroffen von Gallenleiden sind zwölf Prozent der Erwachsenen – darunter mehr Frauen als Männer und besonders häufig Frauen nach den Wechseljahren. Hinterleitner: „Warum das so ist, weiß man nicht.“ Vermutet wird ein Zusammenhang mit dem weiblichen Hormonhaushalt bzw. dem altersbedingten Schwinden der weiblichen Sexualhormone, vor allem der Östrogene.

Erste Anzeichen für Gallenleiden

Was sind nun abgesehen vom Aufstoßen und Hochkommen der Galle Anzeichen für ein Gallenleiden? Hinterleitner: „Wer ein Gallenleiden hat, dem ist nach Mahlzeiten oft übel.“ Weitere Symptome sind Blähungen, Durchfall, Verstopfungen oder auch ein Druck im Bereich des rechten Oberbauchs – dort, wo sich das Gallenwegsystem mit den Gallengängen und der Gallenblase befindet. Wenn sich durch das Gallenleiden die gelb-grünliche Gallenflüssigkeit im Körper staut, kann man die Erkrankung auch durch einen Blick in die Augen erkennen. „Dann nimmt die weiße Fläche der Augäpfel bald die Farbe der Gallenflüssigkeit an und wird gelb“, sagt Hinterleitner. Zugleich färben sich der Harn dunkler und der Stuhl grau.
Trotz all dieser Anzeichen werden Gallenleiden oft erst erkannt, wenn sie akut werden – was bei der Hälfte der Betroffenen über kurz oder lang passiert. „Im Akutfall kommen zu den beschriebenen Symptomen starke Schmerzen im Bereich des rechten Oberbauches und oft auch Fieber“, sagt Hinterleitner. „Dann sollte man sofort einen Arzt aufsuchen.“
Egal, ob akut oder chronisch: Wenn etwas mit dem Gallenwegsystem und der Gallenblase nicht stimmt, so Hinterleitner, „stecken häufig Gallensteine mit einer Entzündung des Gallenwegsystems oder der Gallenblase dahinter“. Eine Blutuntersuchung und eine Ultraschallaufnahme zeigen, was Sache ist. Kann man Gallenleiden vorbeugen? „Nur indem man Lebererkrankungen vorbeugt, die zu Gallenerkrankungen führen, ansonsten ist keine Vorbeugung möglich“, sagt Hinterleitner. Die Neigung zur Bildung von Gallensteinen wird nämlich vererbt – und dagegen lässt sich nichts machen.

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Die häufigsten Gallenleiden im Überblick

Gallensteine

Hinterleitner: „Gallensteine bilden sich, wenn die Gallenflüssigkeit in ihrer Zusammensetzung gestört ist und verklumpt.“ Das Vorhandensein von Gallensteinen allein verursacht oft weder Beschwerden noch Schmerzen. Wenn aber ein Stein den Gallengang verstopft und sich Gallenflüssigkeit aufstaut, kann es zu Aufstoßen, Übelkeit und Gelbfärbung der Augen kommen. Begibt sich ein Stein auf Wanderschaft und bleibt er an einer Engstelle stecken, kann es zu starken, anfallsartigen Schmerzen kommen, der Gallenkolik. Helfen Schmerzmittel nicht, oder treten die Koliken wiederholt auf, empfiehlt sich die Entfernung der Steine. „Steine in den Gallengängen können mit einem speziellen Endoskop, das über den Mund eingeführt wird, aufgespürt und entfernt werden“, sagt Thomas Hinterleitner.
„Haben sich in der Gallenblase Gallensteine gebildet, die die Beschwerden verursachen, wird heute immer die Gallenblase entfernt.“ Betroffene haben dann kein Reservoir für Gallenflüssigkeit mehr, weshalb die Flüssigkeit permanent durch die Gallengänge von der Leber in den Darm strömt. Damit lässt es sich aber gut leben – sofern man allzu fettreiches Essen meidet.

Entzündungen des Gallenwegsystems oder der Gallenblase

Hinterleitner: „Bei Entzündungen der Gallengänge oder der Gallenblase sind die Schmerzen je nach Schweregrad mehr oder weniger stark.“ Zur Entzündung kann es kommen, wenn ein Gallenstein schon länger an derselben Stelle in Gallengängen oder -blase liegt und die Auflagefläche reizt. Mit der Entfernung der Gallensteine verschwindet auch die Entzündung. Eine Entzündung kann aber auch durch eine bakterielle Infektion entstehen – dann bringen Antibiotika eine Heilung.

Lebererkrankungen als Ursache für Gallenleiden

Wenn sich die Leber aufgrund einer Infektion mit Viren oder Bakterien entzündet oder aufgrund von übermäßigem Alkoholkonsum erkrankt ist, verläuft die Produktion und Ausscheidung der Gallenflüssigkeit in der Leber nicht so, wie sie sollte. Hinterleitner: „In Folge der Lebererkrankung kommt es daher auch zu einem Stopp der Gallenproduktion in der Leber und damit zum Rückstau von schädlichen Stoffen im Blut.“ Gelbsucht ist die Folge.

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Wissen

Was ist die Galle?

Mit „Galle“, ein Wort das vom Althochdeutschen „Gelbgrün“ kommt, meint man im Volksmund die Gallenflüssigkeit genauso wie die Gallenblase. Die Gallenblase liegt unterhalb der Leber im rechten Oberbauch und ist durch Gallengänge mit der Leber und dem Zwölffingerdarm verbunden. In den Gallengängen wird die von der Leber produzierte Gallenflüssigkeit transportiert, die im Darm die Fettverdauung und den Abbau verschiedener Schadstoffe wie z. B. des schädlichen Cholesterins bewirkt.
Die Gallenblase dient als Reservoir für die Gallenflüssigkeit, ist bei Erwachsenen etwa sechs Zentimeter lang, vier Zentimeter breit, birnenförmig und fasst 1/16 Liter Flüssigkeit. Wird besonders fettreiches Essen konsumiert, schüttet die Gallenblase besonders viel der gespeicherten Flüssigkeit aus, die Fett und Schadstoffe abbaut. Fehlt die Gallenblase, strömt die Flüssigkeit in immer gleicher Menge von der Leber in den Darm.
Die Gallenflüssigkeit besteht zirka zu 82 Prozent aus Wasser, zu zwölf Prozent aus Gallensalzen sowie zu sechs Prozent aus Elektrolyten und Enzymen.

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