Der schmerzhafte Unterschied

Oktober 2011 | Medizin & Trends

Warum Frauen mehr leiden und Männer mehr jammern
 
Die Gender-Medizin bringt es immer deutlicher an den Tag: Frauen leiden häufiger und stärker an Schmerzen als Männer. Und doch können sie psychisch besser damit umgehen als ihre männlichen Leidensgenossen. Lesen Sie, warum das so ist.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Man setzte sie Hitzereizen aus, elektrisierte sie und betupfte einen ihrer Finger mit einer ätzenden Flüssigkeit: Sobald die Versuchspersonen aufgrund dieser Reize Schmerzen spürten, sollten sie auf einen Knopf drücken. Anschließend wurden die Frauen und Männer gefragt, wie sehr es denn wehgetan hatte. Durch diese Tests fanden Forscher heraus, dass es zwischen den beiden Geschlechtern Unterschiede gibt, wenn es um die Wahrnehmung von Schmerzen geht.
„Die chemische, elektrische und thermische Reizung hat gezeigt, dass Frauen Schmerzen früher und auch stärker als Männer empfinden“, sagt Univ. Prof. DDr. Hans Georg Kress, Präsident des Dachverbandes der Europäischen Schmerzgesellschaften EFIC sowie Vorstand der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie der Medizinischen Universität Wien. Diese Ergebnisse beruhen übrigens nicht nur auf den subjektiven Angaben der Testpersonen, sondern sie wurden auch objektiv bestätigt. Das machte eine Messung der Blutströme im Gehirn möglich, die mittels eines bildgebenden Verfahrens während des Versuchs durchgeführt wurde. Kress: „So wurde sichtbar, dass die schmerzhaften Reize bestimmte Areale in den weiblichen Gehirnen tatsächlich früher und stärker aktivierten als in den Hirnen der Männer.“

Quälende Schmerzen sind weiblich

Was die Schmerzempfindung angeht, sind Frauen gegenüber den Männern klar im Nachteil. Der schmerzhafte Unterschied tritt nicht nur in der akuten Variante, sondern auch bei chronischen Schmerzen zutage. Diese Schmerzen, die binnen drei bis sechs Monaten entweder permanent gespürt werden oder immer wieder auftreten, tun den Frauen außerdem nicht nur mehr weh als den Männern, Frauen sind auch häufiger davon betroffen. In Österreich leiden laut Erhebungen der EFIC 28 Prozent der Frauen, aber „nur“ 18 Prozent der Männer an chronischen Schmerzen.
Zudem sind Frauen im Vergleich zu Männern besonders häufig von Schmerzarten betroffen, die extrem quälend sind und über kurz oder lang arbeitsunfähig machen: Frauen leiden etwa vier bis sieben Mal so oft am Fibromyalgie-Syndrom (das sind chronische Schmerzen an Muskeln und Sehnen des ganzen Körpers), zweieinhalb mal so oft wie Männer haben sie eine immer wiederkehrende Migräne und eineinhalb mal so oft chronische Rückenschmerzen.

Der bessere Empfang für Schmerz

Warum leiden Frauen mehr? „Dafür gibt es viele verschiedene Gründe“, sagt Kress. Schuld an der Benachteiligung sind z. B. bestimmte weibliche Gene. Sie bewirken, dass die Muskeln und Sehnen des Frauenkörpers mit wesentlich mehr Schmerzrezeptoren, den sogenannten Nozirezeptoren, ausgestattet werden als der Körper der Männer: Frauen haben also sozusagen mehr Antennen, die es ermöglichen, Schmerzen zu empfangen bzw. zu empfinden. Frauen haben auch mehr Organe, die anfällig für mehr und stärkere Schmerzen sind, wie Eierstöcke, Eileiter oder Gebärmutter. Außerdem finden im weiblichen Körper mehr biologische Vorgänge statt, die schmerzhaft sein können bzw. sind. „So können Frauen bedingt durch die Menstruation jeden Monat Brust- und Unterleibsschmerzen haben und darüber hinaus Schmerzen während der Schwangerschaft, bei und nach der Geburt“, sagt Kress. Und als wäre das nicht genug, spielen bei Schmerzen auch die weiblichen Sexualhormone eine entscheidende Rolle, die der männliche Körper nur in geringen Mengen produziert, der weibliche aber in bestimmten Zyklusphasen in großen. „Man weiß, dass die Östrogene die Schmerzrezeptoren im gesamten Körper sensibilisieren“, sagt Kress. „Hat man Schmerzen, und werden zugleich zyklusbedingt Östrogene ausgeschüttet, verstärkt sich dadurch der Grad der Schmerzen.“  

Das Problem verharmlosen

Auch wie die beiden Geschlechter mit Schmerzen umgehen, hat die Gender-Medizin erforscht – und weitere Unterschiede festgestellt. Kress: „Wenn Frauen Schmerzen haben, suchen sie meist früher als Männer ärztliche Hilfe.“ Ein Vorteil, möchte man meinen, da eine frühzeitige Behandlung oft rascher zur Linderung der Beschwerden führt. Doch dem ist meistens nicht so. Denn sitzen Frauen dem Arzt oder der Ärztin gegenüber, tendieren die meisten dazu, das Ausmaß ihrer Schmerzen zu verharmlosen. Männer hingegen warten länger zu, ehe sie einen Arzt aufsuchen, aber wenn sie einmal dort sind, sagen sie auch eher konkret, was Sache ist und fordern eine entsprechende Behandlung. Kress: „Aufgrund der unbewussten Verharmlosung ihres Leidens werden Frauen bis zu fünfmal häufiger als Männer unzulänglich behandelt.“ Unzulänglich, das kann in diesem Zusammenhang heißen: Sie bekommen Schmerzmittel, die die Schmerzen nicht ausreichend unterdrücken. Auch wird Frauen weniger oft als Männern eine zusätzliche Behandlung vorgeschlagen, die die Schmerzen lindern könnte, wie etwa eine physikalische Therapie, eine Physiotherapie oder eine Akupunktur.

Frauen gehen besser damit um

Eines aber haben Frauen mit chronischen Schmerzen ihren männlichen Schicksalsgenossen voraus: Sie sind nicht so verzweifelt über ihr Leiden, können psychisch besser damit umgehen und blicken daher auch optimistischer als die schmerzgeplagten Männer in die Zukunft. Woran das liegt, weiß man nicht, sagt Kress. Vielleicht an der Erziehung, vielleicht an anderen soziokulturellen Einflüssen, vielleicht an der Gewöhnung der Frauen an die bei ihnen im Lauf des Lebens ja häufiger auftretenden Schmerzen? Vielleicht liegt der Optimismus der Frauen aber auch daran, dass sie besser imstande sind, sich von den Schmerzen abzulenken? Sie tun das eher, indem sie körperlich aktiv werden, einen Spaziergang machen oder Sport betreiben. Männer meinen hingegen, von Videospielen zu profitieren, fühlen sich danach aber nicht besser, sondern gleich deprimiert wie davor. Das zumindest ergaben Befragungen von Patientinnen und Patienten mit der chronischen Gelenksentzündung Arthritis.
Welche Konsequenzen Betroffene aus dem Wissen über diese schmerzhaften Unterschiede ziehen können? Experte Kress: „Für Frauen wäre es wichtig, ihr Leiden gegenüber den Ärzten so darzustellen, wie sie es auch wirklich empfinden.“ Schmerzgeplagte Männer wiederum könnten sich bei den Frauen den offenbar stimmungsaufhellenden Sportsgeist abschauen.

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Der Schmerz der Frauen
Davon sind sie häufiger betroffen als Männer:

Fibromyalgie (Schmerzen an Muskeln und Sehnen des gesamten Körpers)
Migräne
Rückenschmerzen
Gesichtsschmerzen
Schmerzen aufgrund des Reizdarmsyndroms
Rheumatische Schmerzen
Schmerzen in den Händen aufgrund des Karpaltunnelsyndroms

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Was ist Schmerz?

Die internationale Gesellschaft zum Studium des Schmerzes definiert das Leiden wie folgt: „Schmerz stellt ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis dar, das mit einer möglichen oder stattgefundenen Gewebeschädigung verbunden ist.“ Empfunden – und beschrieben – wird Schmerz ganz unterschiedlich, so Univ. Prof. DDr. Hans Georg Kress: „Als spitz, schneidend, stechend, drückend, dumpf oder brennend.“
Schmerz kann weiters akut, chronisch, funktionslos bzw. verselbstständigt sein: Der akute Schmerz tritt in Folge einer Beschädigung durch eine innere oder äußere Verletzung oder im Zuge einer Operation auf. Als chronisch wird ein Schmerz bezeichnet, wenn er über mehr als drei bis sechs Monate entweder andauernd empfunden wird oder immer wieder auftritt.
Schmerz signalisiert Handlungsbedarf – die Ursache sollte beseitigt werden, was beim chronischen Schmerz nicht immer möglich ist, da die Ursache nicht immer erkennbar ist. Der funktionslose Schmerz ist immer chronisch, hat die biologische Alarmfunktion verloren und besteht für sich als eigene Schmerzkrankheit.

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