Die Pille ist 50

Januar 2011 | Medizin & Trends

Heute kann sie mehr als „nur“ verhüten
 
50 Jahre nach ihrer Einführung in Europa zählt die Anti-Baby-Pille nach wie vor zu den beliebtesten Verhütungsmitteln. Schließlich ist sie sicher, einfach in der Anwendung und kann mehr als „nur“ eine ungewollte Schwangerschaft verhindern: Vor einigen Jahren erst hat man erkannt, dass die Pille in ihren verschiedenen Zusammensetzungen auch gezielt zum Vorteil der Gesundheit genützt werden kann.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Zahlreiche Studien, die weltweit durchgeführt wurden, zeigen: Von 100 Frauen, die ein Jahr lang die Anti-Baby-Pille nehmen, wird lediglich eine Frau ungewollt schwanger. „Damit ist die Pille eines der sichersten Verhütungsmittel, die es heute gibt“, sagt Univ. Prof. DDr. Johannes Huber, Leiter der Abteilung für Gynäkologie, Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung an der Universität für Frauenheilkunde am AKH in Wien. Die Pille ist aber nicht nur sehr sicher, sie zählt auch zu den beliebtesten Verhütungsmitteln: 50 Jahre nach ihrer Einführung in Europa wird sie hierzulande von fast einem Drittel der 14- bis 40-jährigen Frauen eingenommen.

Neu erkannte Einsatzmöglichkeiten

Dass die Pille heute so beliebt ist, hängt für den Hormonexperten Huber auch damit zusammen, dass sie mehr kann als „nur“ verhüten. Erst vor einigen Jahren hat man erkannt, dass man die verschiedenen Zusammensetzungen der Pille, wie sie heute zur Verfügung stehen, auch gezielt zum Vorteil der Gesundheit nutzen kann: „Je nachdem, wie sie zusammengesetzt ist, kann die Pille durch die kontinuierliche, immer gleich bleibende Abgabe von Östrogenen und Gestagenen zum Beispiel die Menstruation regulieren“, verdeutlicht Huber. Zwischenblutungen hören auf und die Länge oder Stärke von Blutungen kann reduziert werden. Die Pille könne aber auch das Prämenstruelle Syndrom (PMS), das viele Frauen einige Tage vor der monatlichen Blutung plagt, verhindern. Wiederum durch die konstante Abgabe der weiblichen Sexualhormone Östrogen und Gestagen können PMS-Beschwerden wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Spannungsgefühle in den Brüsten, Bauchschmerzen oder depressive Verstimmungen zum Verschwinden gebracht werden.
Auch gegen Akne, unreine Haut und unerwünschten Haarwuchs wie z. B. den Damenbart kann Frau mit Hilfe der Pille ankommen: Dazu wird gezielt ein Präparat eingesetzt, das sogenannte Antiandrogene enthält. Das sind Substanzen, die den Spiegel männlicher Sexualhormone wie des Testosterons im Körper senken.
„Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass die Pille das Risiko für bestimmte Erkrankungen senkt“, so Huber über einen weiteren Zusatznutzen der Anti-Baby-Pille. Besteht die regulierende Wirkung der Pille darin, dass sie die Östrogen-Ausschüttung mindert, dann kann sie gegen Endometriose helfen. Bei dieser Krankheit siedeln sich Gebärmutterschleimhaut-Zellen an Orten im Körper an, wo sie nicht hingehören, und sorgen für Probleme von Schmerzen bis hin zu Unfruchtbarkeit. Pillenpräparate mit derselben Wirkweise können auch das Wachstum von Myomen reduzieren bzw. deren neuerliches Auftreten verhindern. Myome sind gutartige Geschwülste, die in der Gebärmutter wachsen, die Menstruation verstärken und ebenfalls schmerzhaft sein und zur Unfruchtbarkeit führen können.
Schließlich wird noch angenommen, dass durch die regulierende Wirkung der Pille auf den weiblichen Hormonhaushalt auch das Risiko reduziert werden könne, an Osteoporose, Eierstockkrebs, Gebärmutterhalskrebs und Brustkrebs zu erkranken – es sei denn, man nimmt sie zu früh und zu lange (siehe unten).

Altbekannte Nebenwirkungen

Während man erst in den vergangenen Jahren die Möglichkeiten erkannte, die Pille in ihren unterschiedlichen Zusammensetzungen auf die individuellen Bedürfnisse der Frauen abzustimmen, bestehen altbekannte Nebenwirkungen – wenn auch etwas abgeschwächt –  weiterhin. „Darum wird vor allem Frauen über 40 von der Pille eher abgeraten“, so Huber. Der Grund: Egal, in welcher Konzentration die Pille die weiblichen Sexualhormone Östrogen und Gestagen enthält, und egal, in welchem Ablauf diese zugeführt werden, immer erhöht sich mit zunehmendem Alter das Risiko, Thrombosen zu bekommen. Und diese Verstopfungen der Blutgefäße können zu Krampfadern, schlimmstenfalls aber auch zu lebensbedrohlichem Schlaganfall, Lungen- oder Herzinfarkt führen. Besonders gefährdet sind Raucherinnen über 40, da bei ihnen das Thrombose-Risiko ohnedies bereits erhöht ist.
Auch erst 14-Jährigen würde Experte Huber die Pille nicht geben, obwohl dies laut Gesetz ohne Zustimmung der Eltern und vier Jahre lang auf Kosten der Krankenkassen möglich wäre. „Es gibt Hinweise darauf, dass die zu frühe und dann eventuell lang andauernde Einnahme der Präparate das Risiko steigert, an Brustkrebs zu erkranken“, sagt Huber. Abraten würde der Experte auch jenen Frauen von der Pille, die bereits Übergewicht haben, Thrombosen, einen Schlaganfall und Herzinfarkt erlitten haben, sowie jenen, die an bestimmten Lebererkrankungen leiden, an erhöhtem Blutdruck, Diabetes oder Durchblutungsstörungen. Huber: „Bei all diesen Gegebenheiten könnte die Pille die Beschwerden verstärken oder zu einem neuerlichen Auftreten der Erkrankung führen.“ Und schließlich gibt es noch einen Grund, anders als mit der Pille zu verhüten. Die Ergebnisse zahlreicher, weltweit durchgeführter Umfragen zeigen, dass bei mehr als der Hälfte der Frauen, die die Pille nehmen, binnen weniger Monate die Lust auf Sex schwindet. „Auch diesen Frauen würde ich zur Verwendung anderer, antihormoneller Verhütungsmittel raten“, sagt Huber.

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Wie die Pille wirkt

Die Pille gibt es als Ein-Phasen-, Zwei-Phasen-, als Stufenpräparate und Mikropille, die Östrogen und Gestagen in jeweils unterschiedlicher Konzentration enthalten. Unterschiedlich ist auch die Dauer der Einnahme von Östrogen und Gestagen. Nur Gestagen enthält die Minipille. Die verhütende Wirkung der Pille gegen eine Schwangerschaft basiert auf drei Mechanismen:

  • Die Ausschüttung jener Hormone wird unterdrückt, die Eizellen heranreifen lassen: So reift erst gar kein Ei heran, und es kommt auch nicht zum Eisprung.
  • Zugleich werden mit der Pille Hormone zugeführt, die verhindern, dass sich die Gebärmutterschleimhaut so aufbaut, dass sich dort Eizellen einnisten können.
  • Zudem bewirken die Hormone in der Pille, dass sich der Schleimpfropf am Gebärmutterhals nicht wie normalerweise an den fruchtbaren Tagen verflüssigt, sondern dicht bleibt. So können Spermien nur schwer in die Gebärmutter gelangen.

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50 Jahre Pille in Österreich

In Österreich wurde die Anti-Baby-Pille so wie in den meisten Ländern Europas 1961, also vor 50 Jahren, eingeführt, in den USA ein Jahr davor. Die Pille von anno dazumal enthielt Östrogen und Gestagen in höherer Konzentration als die heutigen Präparate, was dazu führte, dass unerwünschte Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, erhöhtes Thromboserisiko und Libidoverlust häufiger und stärker auftraten als das bei der Einnahme moderner Präparate der Fall ist. Trotzdem erfreute sich die Pille rasch steigender Beliebtheit. 1965 wurde sie von 41 Prozent der Frauen unter 30 Jahren in den USA eingenommen, 1976 von drei Viertel aller 18-Jährigen auf der ganzen Welt.
Einer der Väter der Pille ist ein Österreicher, der 1938 von den Nazis verfolgte und deswegen in die USA emigrierte Chemiker Carl Djerassi. Ihm gelang es, eines der Hormone, die in der Pille enthalten sind, künstlich herzustellen. Die Forschungen, die zur Entwicklung der Pille führten, reichen aber bis 1919 zurück. Damals wies man nach, dass eine Verhütung über Hormone möglich ist: Am Beispiel von Kaninchen, denen man Eierstöcke von trächtigen Kaninchen einpflanzte, und die durch die vorgegaukelte Schwangerschaft unfruchtbar waren.

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Die Pille für den Mann

Die „Pille“ für den Mann, also genauer eine Substanz, die Männer aufnehmen, um unfruchtbar zu werden, ist nach wie vor in Entwicklung. Allerdings zielen die Forschungen weniger auf eine Pille zum Einnehmen ab als vielmehr auf eine Injektion. Die Substanz soll bewirken, dass die Spermien in den Hoden nicht reifen und deswegen auch nicht funktionstüchtig sind. Bisher ist es allerdings nicht gelungen, eine solche Substanz ohne gefährliche Nebenwirkungen zu entwickeln. Wann dies je gelingen wird, steht derzeit noch in den Sternen.

Buchtipp:
Fitz, Hauk, Baumgart, Selbstbestimmte Sexualität. Verhütung heute,
ISBN 978-3-901488-76-4, 160 Seiten, € 14,90, Verlagshaus der Ärzte

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