Gefährlicher Gestank

Mai 2011 | Medizin & Trends

Neue Studien: Auch kalter Rauch kann schädlich sein
 
Wer zur Zigarette greift, mag denken, der Qualm verwehe mit dem leisesten Lüftchen in weite Ferne. Für den Rauch trifft das zwar zu – viele schädliche Substanzen bleiben jedoch hängen: an den Händen, am Pullover, an den Haaren. Und sie lagern sich auf Teppichen ab, auf Kästen und so manchem Teddybär. Forscher beschäftigen sich erst seit kurzem intensiv mit diesen Schadstoffen und gaben dem Phänomen den Namen „Thirdhand Smoke“. Wie gefährlich ist dieser „Rauch aus dritter Hand“?
 
Von Bettina Benesch

Es gibt Tage, an denen nichts funktioniert: Der Wecker läutet nicht, die Kaffeemaschine geht kaputt, Milch ist auch keine im Haus. Wer dennoch auf seinen Morgenkaffee nicht verzichten möchte, schaut ausnahmsweise auf einen Sprung im Café ums Eck vorbei. Ein Raucherlokal. Trotzdem schnell hinein, Espresso trinken, dann rasch zur Arbeit. Der Mief des kalten Rauchs wird auf dem Arbeitsweg schon verwehen…Wer daran glaubt, liegt falsch: Es ist gar nicht so leicht, den Mief abzuschütteln, der in der Fachsprache Thirdhand Smoke genannt wird. Wer raucht oder passiv mitraucht, trägt viele Rauchinhaltsstoffe lange Zeit an seinen Haaren und seiner Kleidung mit sich herum. Wer in Innenräumen raucht, bedeckt seine Teppiche, Kommoden, Nippes, Wände, Couch mit einer hauchdünnen Schadstoffschicht. Dieser Belag setzt sich auch auf Oberflächen in Raucherlokalen ab. Eine zusätzliche Belastung also für die Mitarbeiter dieser Lokale – und ein weiterer Grund für schärferen Nichtraucherschutz.

Jüngste Forschungen

Immer mehr Forscher beschäftigen sich mit diesem Phänomen, das einer breiteren Öffentlichkeit erst seit 2009 als Thirdhand Smoke – als „Rauch aus dritter Hand“ – bekannt ist. Experten sprechen im Zusammenhang mit dem Phänomen von den „drei R“: Thirdhand Smoke bestehe aus den Schadstoffen des Tabakrauchs, die auf Oberflächen oder im Staub verbleiben (Remain), die wieder an die Luft abgegeben werden (Re-emitted), oder die mit anderen Umweltbestandteilen reagieren (React), um sekundäre Schadstoffe zu bilden.
Erst 2010 zeigten US-amerikanische Forscher, dass Nikotin mit salpetriger Säure reagiert, einem bekannten Innenraumschadstoff, der unter anderem in ungenügend belüfteten Gasöfen oder im Tabakrauch selbst entsteht. Nikotin reagiert also mit salpetriger Säure, wodurch sogenannte tabakspezifische Nitrosamine entstehen, die krebserregend sind. Vereinfacht gesagt, wird Tabakrauch also immer gefährlicher, je älter er ist.
Auch der Innenraumschadstoff Ozon reagiert mit Inhaltsstoffen des Passivrauchs: Dabei entstehen ultrafeine Partikel, die kleiner sind als 100 Nanometer; kleiner also als lungengängiger Feinstaub. Diese Winzlinge können sich überall im Körper festsetzen, beispielsweise im Knochenmark, den Lymphknoten oder im Herzen.

Weitere Studien sind notwendig
 
Dies sind zwei Ergebnisse aus den wenigen Studien, die sich bisher mit dem Phänomen des Thirdhand Smoke befasst haben. Das gesundheitsgefährdende Potenzial ist also noch schwer zu beurteilen. Auch einige Forscher selbst weisen darauf hin, dass derzeit noch nicht vollständig klar ist, wie hoch die Dosis der Schadstoffe ist, die Menschen durch Thirdhand Smoke aufnehmen, und wie sich diese Schadstoffe auf die Gesundheit auswirken. Darauf wies auch eine Sprecherin von British American Tobacco hin: Die Forschungsarbeit zum Thema tabakspezifische Nitrosamine beschäftige sich nicht mit den konkreten Folgen für die Gesundheit. Es brauche weitere Studien, bevor eine eindeutige Aussage zu Gesundheitsgefahren getroffen werden könne. Diese Studien sind im Gange.
„Die Tabaklobby wird immer das Argument der Quantifizierung bringen“, erklärt OA Priv. Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner an der Medizinischen Universität Wien. „In diesen Studien kann man aber nur Annahmen treffen, wie viel tatsächlich aufgenommen wird. Inwiefern die Gesundheit allein durch Thirdhand Smoke beeinträchtigt wird, kann man heute noch nicht sagen. Um das zu schaffen, müsste man Thirdhand Smoke vor allem vom Passivrauchen abgrenzen.“ Und das lässt sich schwerlich machen. Eines ist jedoch klar, sagt Hans-Peter Hutter: „Tabakrauch enthält viele krebserregende Substanzen. Die lagern sich an den Oberflächen in Ihrer Wohnung ab, können aufgewirbelt und eingeatmet oder auch oral aufgenommen werden.“
Wer in einer Raucherwohnung auf den Teppich tritt oder sich erschöpft auf die Couch fallen lässt, wirbelt die schädlichen Substanzen auf. Kinder, die am Boden spielen, nachdem im Zimmer geraucht wurde, kommen unweigerlich mit Thirdhand Smoke in Kontakt. „Tabakrauch ist bewusst eingebrachte Verunreinigung der Innenraumluft“, sagt der Umweltmediziner. „Wer allein lebt, setzt nur sich selbst diesem Risiko aus. Das kann jeder für sich entscheiden – in dem Moment aber, in dem andere Menschen und vor allem Kinder beteiligt sind, wird es brenzlig.“
 
Tabakrückstände auf dem Teddy
 
Kinder und Kleinkinder sind besonders gefährdet: Sie krabbeln, liegen, sitzen auf Holz- und Teppichböden, greifen danach genüsslich ins Essen oder untersuchen Spielsachen mit dem Mund. Auf diese Weise nehmen sie Schadstoffe aus ihrer Umwelt oral auf. Studien zeigten, dass Kinder mehr als doppelt so viel Staub aufnehmen wie Erwachsene – und damit potenziell auch doppelt so viele schädliche Tabakinhaltsstoffe.
Und das in Zeiten, in denen Kinder zu Hause von reichlich Schadstoffen umgeben sind: von Pestiziden im Teppich, von ausdünstendem Möbellack – mitunter auch vom Dreck, der mit den Straßenschuhen in die Wohnräume getragen wird. Frei nach Hans-Peter Hutter braucht es da nicht noch die zusätzliche Belastung durch Tabakrückstände auf dem Teddybären. Noch nicht untersucht wurde bisher, wie hoch die Belastung für Kinder ist, deren Eltern nur außerhalb der Wohnräume rauchen. Sie tragen bekanntlich die Rauchschadstoffe auf der Kleidung in die Wohnung.
Erwachsene brauchen sich um Thirdhand Smoke weniger zu sorgen, solange es beim Kontakt mit diesem „Dritthandrauch“ bleibt, sagt Hutter. Selbst chronisch kranke Menschen – Asthmatiker etwa oder Patienten mit COPD – seien nicht gefährdet. Vorausgesetzt freilich, es handelt sich nur um Thirdhand Smoke: Kommt Passivrauch ins Spiel, sollten auch sie vorsichtig werden.

„Luftverbesserer“ sind kontraproduktiv

Der Geruch von kaltem Rauch kann sich Wochen oder Monate in Innenräumen halten. Das weiß jeder, der schon einmal ein Auto von einem Raucher übernommen hat. Auch in Wohnungen hält sich Thirdhand Smoke über lange Zeit – selbst wenn sie zwei Monate leer standen und vor dem Einzug neuer Mieter gereinigt wurden. Tatsächlich ist es schwierig, die Rückstände des Tabakrauchs vollständig zu entfernen.
Die Sache mit der Reinigung steht für Umweltmediziner Hutter aber nicht im Mittelpunkt. Für ihn ist es wesentlich, „dass wir bewusst mit unseren Innenräumen umgehen. Es geht darum, die Wohnung mit Hausverstand zu reinigen. Pflegen Sie Ihre Oberflächen, saugen Sie regelmäßig Staub, verwenden Sie eventuell Staubsauger mit Partikelfilter und lüften Sie regelmäßig.“
Sogenannte Luftverbesserer gegen den Rauchgeruch hält Hutter für kontraproduktiv, da sie den Übelgeruch nur übertünchen und zusätzliche Chemikalien in die Wohnräume bringen. Besser ist es, zu lüften und die Quelle des Übelgeruchs zu beseitigen. Im Fall des Thirdhand Smoke bedeutet das: Raucher sollten in ihren Wohnräumen nicht rauchen – vor allem dann nicht, wenn sie Kinder haben.

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Tabakrauch ist radioaktiv!

Neben krebserregenden Substanzen – Teer beispielsweise oder Nitrosamine – enthält Tabakrauch auch radioaktive Isotope wie Blei-210 und Polonium-210, die ebenfalls Krebs hervorrufen können. Allerdings liefert nicht jede Zigarette die gleiche Dosis: „Wie viele Radioisotope im Tabak sind, hängt auch davon ab, wie stark die Pflanzen während ihres Wachstums exponiert waren“, erklärt der Umweltmediziner Dr. Hanns Moshammer vom Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien. Man müsse bedenken, dass die Radiometalle im Tabakrauch sehr effektiv in die Lungenbläschen inhaliert werden und im Lungengewebe großteils Alphastrahlung emittieren, die sehr energiereich ist und daher schädlicher als beispielsweise Röntgenstrahlen.

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