Krebs: So hilft die Strahlentherapie

Juni 2011 | Medizin & Trends

Strahlen – spätestens seit den Unglücksmeldungen aus Japan und den Gedenkveranstaltungen an die Katastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren löst der Begriff bei vielen Menschen schwerste Bedenken aus. In der Medizin können Strahlen freilich ungemein hilfreich sein, nicht zuletzt bei der Bekämpfung von Krebs.
 
Von Dr. Kurt Markaritzer

Die Strahlen-Angst hängt vor allem mit Unfällen in Kernkraftwerken zusammen, bei denen ein radioaktiver Cocktail aus verschiedensten Substanzen wie z. B. Jod, Cäsium, Strontium oder Plutonium unkontrolliert frei werden kann. Die radioaktiven Strahlen gelangen bei einem derartigen GAU über die Haut, die Atmung und die Nahrung in den Organismus, wo sie Zellen verändern bzw. zerstören und so akut eine Strahlenkrankheit und langfristig Krebs auslösen können.
Die enorme Gefahr, die von Unfällen in Kernkraftwerken ausgeht, löst deshalb große Ängste aus, weil die Freisetzung der Strahlen und ihre Einwirkung auf den Körper faktisch ohne jegliche Kontrolle ablaufen und Schäden anrichten, gegen die man sich – wenn überhaupt – nur mit großem Aufwand schützen kann.
Damit unterscheiden sich Strahlenunfälle entscheidend von der Anwendung energiereicher Strahlen in der Medizin, wo die Strahlung bei verschiedensten Krebsarten als lokale Therapie eingesetzt wird. Sie attackiert nicht das gesamte Gewebe, sondern speziell Krebszellen – und zwar gezielt dort, wo sie sich befinden. Dabei wird gesundes Körpergewebe nach Möglichkeit nicht beschädigt.
Die geplante und gezielt vorbereitete Strahlentherapie verbessert damit die lokale Tumorkontrolle. Sie ist deshalb vielfach eine wertvolle Ergänzung zur Chemotherapie, die generell im gesamten Körper wirkt und auch versprengte Tumorzellen erfasst.

Je nach Tumorart

Univ. Prof. Dr. Richard Pötter, Vorstand der Universitätsklinik für Strahlentherapie der Medizinischen Universität Wien im Allgemeinen Krankenhaus, der größten radioonkologischen Klinik in Österreich: „Tumore reagieren unterschiedlich auf die Strahlen. Besonders empfindlich sind Lymphome, also Krebserkrankungen des lymphatischen Systems, das sind Gewebe und Organe, in denen die für die Immunabwehr entscheidenden Lymphozyten heranreifen oder besonders zahlreich vertreten sind.“
Es gibt einige Tumore, die rein strahlentherapeutisch mit genau so gutem Erfolg behandelt werden können, als wenn man sie operieren würde, das erspart den Patienten einen chirurgischen Eingriff mit seinen Risiken und Nebenwirkungen. Das ist besonders bei älteren Patienten oder auch bei Kranken von großer Bedeutung, denen man eher keinen operativen Eingriff zumuten möchte.
Pötter: „Für eine alleinige Strahlentherapie kommen allerdings nur kleine Tumore in Frage, die noch keine Metastasen gebildet haben, zum Beispiel das kleine Prostatakarzinom. Auch kleine nichtkleinzellige Lungentumore können auf diese Art erfolgreich behandelt werden.“
Mit etwas höheren Dosen können Analtumore ohne Operation geheilt werden, was den Patienten eine spürbare Besserung der Lebensqualität bringt, weil sie keinen künstlichen Darmausgang bekommen müssen. Wichtigste Voraussetzung ist, dass bei all diesen Erkrankungen keine Metastasen in Lymphknoten oder anderen Organen vorliegen, denn dann ist eine Heilung durch die Strahlentherapie nicht möglich.
Sehr empfindlich auf die Bestrahlung reagieren auch die Tumorzellen bei Leukämien, also bei bösartigen Erkrankungen des blutbildenden Systems. Trotzdem werden sie nicht durch Strahlentherapie allein behandelt, sondern in erster Linie chemotherapeutisch. Knochentumore oder Melanome sind eher nicht strahlenempfindlich, in diesen Fällen ist eine Operation das Mittel der Wahl.

Heilen oder lindern

Geplant wird die Strahlentherapie auf der Basis von Befunden, die bei Untersuchungen mittels Computertomografie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT) oder Positronen-Emissions-Tomographie (PET-CT) erstellt wurden. Meist erfolgt sie nach oder vor einer Operation in Kombination mit oder ohne Chemotherapie.
Die Entscheidung, welche Behandlungsform gewählt wird, hängt von der Art des Tumors, seiner Lokalisation im Organismus und dem Stadium ab, in dem er sich befindet. Diese Umstände bestimmen auch die Zielsetzung: Die Strahlentherapie kann – abhängig von der individuellen Krankheit – sowohl zur Heilung, also kurativ, eingesetzt werden, als auch palliativ, also zur Linderung von Symptomen wie z. B. Schmerzen oder Lähmungserscheinungen im Bereich des Rückenmarks.
In niedrigen Tumorstadien gelingt immer wieder durch eine rein lokale Behandlung mit Strahlen eine Heilung. Häufig befinden sich die Patienten aber bereits in fortgeschrittenen Stadien, so dass sie sich einer Chemotherapie unterziehen müssen und die Bestrahlung zusätzlich angewendet wird.

Ständige Erfolgskontrolle

Der Erfolg der Strahlenbehandlung wird ständig kontrolliert. Ein ganz offensichtliches Anzeichen einer positiven Wirkung ist, dass Schmerzen bei betroffenen Patienten rasch nachlassen. Die Mediziner verlassen sich aber nicht nur auf die Einschätzung der Kranken, sondern überprüfen regelmäßig mit CT, MRT und Ultraschall oder PET-CT, wie der Tumor auf die Therapie anspricht.
Natürlich wird bei diesen Kontrollen auch auf mögliche Nebenwirkungen geachtet, welche die Strahlentherapie wie jede andere Behandlung haben kann. Diese können akut auftreten und bis wenige Monate nach Ende der Therapie bestehen bleiben, ehe sie sich zurückbilden, oder sie können sich erst sehr viel später bemerkbar machen. Je nachdem, wo bestrahlt wird, können z. B. Kopfschmerzen (Kopfbestrahlung), Schluckbeschwerden (Speiseröhrenbestrahlung) oder Übelkeit (Bestrahlung im Darmbereich) entstehen. Während der Bestrahlung im Bauchbereich kann es auch zu Durchfall kommen.
Oft treten auch lokale Entzündungen auf, die Entzündungsbotenstoffe ausschütten, die dazu führen, dass man sich krank fühlt. Der betreuende Arzt leitet bei Bedarf die entsprechende Therapie ein, die Nebenwirkungen können mit Medikamenten behandelt werden.

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Wie stark ist die Bestrahlung?

Bei der Strahlentherapie werden verschiedene Arten von Strahlen wie Photonen, Protonen oder Schwerionen verwendet, die eine sehr hohe Energie aufweisen. Zum Vergleich: Für eine „normale“ Röntgenaufnahme der Lunge genügt eine Stärke der Strahlung von 120 Kilovolt. Das würde für eine Strahlentherapie, die Tumorzellen zerstören soll, bei weitem nicht ausreichen. Für diese Behandlung werden deshalb – abhängig von Krebsart und -stadium – Energien von sechs bis 24 Megavolt verwendet. „Die Dosis der Bestrahlung entspricht also vielen Hunderten von Röntgenbildern“, verdeutlicht Experte Univ. Prof. Dr. Richard Pötter.
Um Schäden am gesunden Gewebe zu vermeiden, erfolgt die Strahlenbehandlung über mehrere Wochen in täglichen kleinen Einzeldosen, die innerhalb weniger Minuten verabreicht werden. Die Bestrahlung spürt man nicht, sie ist schmerzfrei. Die ultraharten Röntgenstrahlen, die während der Behandlung lokal auf den Tumor einwirken, bleiben nicht im Körper des Patienten. Pötter. „Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil kann man sagen: Der Patient strahlt nach einer Behandlung nicht!“

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Simulanten und Maskenmänner

An der Klinik für Strahlentherapie ist jeder Patient ein Simulant – doch das ist keineswegs abwertend gemeint: Damit die Tumorzellen möglichst präzise getroffen werden, ist es wichtig, die Bestrahlungsfelder so genau wie möglich festzulegen. Das geschieht bei der sogenannten Simulation vor Beginn der Behandlung durch die Ärzte und Radiotechnologen, häufig mit Unterstützung durch Computerprogramme. Je nachdem, welche Körperregion intensiv bestrahlt wird, erhalten die Patienten unter Umständen eine eigens für sie angefertigte Gesichtsmaske, die ihnen vor jeder Bestrahlung angelegt wird. Am Anfang ist das gewöhnungsbedürftig, die Maske behindert die Atmung aber nicht. Sie bewirkt, dass der Patient bei jeder Bestrahlung exakt die gleiche Position einnimmt. Den gleichen Zweck haben Markierungen, die mit wasserfesten Stiften auf dem Körper der Patienten aufgetragen werden und den Therapeuten zeigen, wie der Patient bei jedem Strahlen-Durchgang liegen muss. Die Bestrahlung kann sowohl ambulant als auch stationär erfolgen.

Webtipps:
Hilfreiche Informationen für Krebspatienten und ihre Angehörigen finden sich unter www.krebs-patienten.info und www.krebsinfo.at

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