Leben mit AIDS

August 2011 | Medizin & Trends

„Ich bereue meinen Leichtsinn zutiefst“
 
Vor zehn Jahren erhielt Helene Lechner (Name von der Redaktion geändert) die Diagnose „HIV-positiv“. Damals war sie 18. Im Interview mit MEDIZIN populär erzählt die heute 28-jährige Wienerin, wie Aids ihr Leben verändert hat.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

MEDIZIN populär
Frau Lechner, Sie waren 18 Jahre alt, als bei Ihnen die Infektion mit HIV festgestellt wurde. Wie haben Sie damals auf die Diagnose reagiert?

Helene Lechner
Ich war sehr geschockt.

Wie haben Sie sich angesteckt?
Durch ungeschützten Geschlechtsverkehr mit meinem damaligen Freund.

Wie hat er sich infiziert?
Er war drogensüchtig. Ich vermute, er hat sich durch die Verwendung einer Heroinspritze von einem anderen Infizierten angesteckt, aber so genau weiß ich das nicht. Ich bereue heute meinen Leichtsinn zutiefst, mit ihm geschlafen zu haben, und ich bereue auch, dass ich mich überhaupt auf ihn eingelassen habe. Der war ja nicht wirklich mein Freund, so wie alle, von denen ich damals gedacht habe, sie sind meine Freunde, keine wirklichen Freunde waren.

Heute haben Sie wirkliche Freunde?
Mein jetziger Freund und meine Freundinnen sind für mich da. Sie sorgen sich um mich und unterstützen mich, wenn ich Hilfe brauche. Dass ich sie gefunden habe, ist das Positive an meiner Erkrankung.

Was haben Sie nach der Diagnose durchleiden müssen?
Als die Diagnose gestellt wurde, hatte ich eine Gehirnhautentzündung bekommen und war ins Spital eingeliefert worden. Da hat man auch eine Blutuntersuchung auf HIV gemacht. Wegen der Gehirnhautentzündung bin ich eine Zeit lang im Koma gelegen, und als ich wieder aufgewacht bin, konnte ich nicht mehr gehen, und ein Arm war gelähmt. Danach habe ich noch eine Hepatitis C-Infektion bekommen. Nach sechs Jahren Therapie und Rehabilitation konnte ich wieder gehen, in eine eigene Wohnung ziehen und selber meinen Haushalt führen. Das mache ich nun auch schon wieder drei Jahre!

Wie geht es Ihnen heute?
Einmal gut, einmal nicht so gut. Vor zwei Monaten habe ich den Rollstuhl, den ich immer noch hatte, in den Keller gestellt. Vor einer Woche habe ich ihn wieder hervorgeholt, weil mir das Gehen so weh getan hat.

Welche Therapie bekommen Sie?
Ich mache die Kombinationstherapie gegen Aids und nehme zweimal täglich Tabletten. Dann habe ich noch eine Physiotherapeutin und eine Ergotherapeutin, die mit mir das Gehen trainieren und versuchen, die Lähmung des Arms wegzubekommen. Auch das wird noch gelingen, es braucht halt alles seine Zeit.

Wie gehen die Menschen damit um, wenn sie erfahren, dass Sie Aids haben?
So viele erfahren das nicht. Das wissen nur meine Familie, meine Freunde und meine behandelnden Ärzte und Therapeuten. Und ein paar Beamte vielleicht, weil ich wegen meiner Behinderungen frühpensioniert bin. Andere Leute brauchen das gar nicht wissen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen entsetzt sind und Abstand nehmen. Am liebsten würden sie sich in einen Handschuh hüllen, der von der Stirn bis zu den Füßen reicht, wenn sie von meiner Krankheit hören, und das ist nicht angenehm.

Was stört Sie sonst noch an anderen Menschen?
Mir gefällt nicht, dass manche Gesunde so dahinleben und nichts machen, obwohl sie alles machen könnten.
 
Was würden Sie machen, wenn Sie Aids nicht bekommen hätten?
Dann wäre ich Physiotherapeutin geworden. Das geht nun wahrscheinlich nicht mehr, leider. Aber ich habe mich damit abgefunden, dass ich Aids habe und versuche, die Hoffnung auf eine Besserung nicht aufzugeben. Ich glaube, dass ich das schaffen werde. Denn ich bin heute sicher gescheiter als früher, denke mehr darüber nach, was ich mache, während ich zum Beispiel mein neues Hobby pflege.

Welches Hobby haben Sie denn?
Ich putze leidenschaftlich gern! (lacht) Da geht eh viel Zeit drauf, bei meinen Behinderungen… Ansonsten sehe ich gern fern.  

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Dass ich wieder gut gehen und Spaziergänge machen kann! Und ich möchte gern noch ein schönes langes Leben ­haben.

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