Strahlengefahr in und aus Japan

April 2011 | Medizin & Trends

Wichtige Informationen zu brennenden Fragen
 
Nach dem Atomunfall in Japan herrscht auch in Österreich Angst vor der strahlenden Gefahr, obwohl alle Experten versichern, dass derzeit kein Grund dazu besteht. Mit der Unsicherheit tauchen viele brennende Fragen auf. Fragen, die in der aktuell zwar intensiven, doch leider oft auch oberflächlichen, Panik schürenden Berichterstattung nicht immer ausreichend beantwortet werden. MEDIZIN populär hat bei Umweltmediziner und Strahlenexperten OA Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter wichtige Hintergrundinformationen eingeholt. Denn nur Wissen schützt vor unangemessenen, mitunter sogar gefährlichen Panikreaktionen.
 
Von Dr. Susanne Lang & Mag. Karin Kirschbichler

Welche Strahlen werden bei einem AKW-Unfall freigesetzt?

Im Fall einer Kernschmelze können radioaktive Stoffe wie Uran und Plutonium sowie deren Spaltprodukte (z. B. Cäsium, Strontium, Krypton) entweichen. Auch radioaktives Jod wird bei der Zerstörung eines Reaktors in Form von Gas freigesetzt. Jeder einzelne dieser sogenannten Radionuklide ist schädlich für Mensch und Umwelt, am gefährlichsten ist Plutonium, einer der giftigsten Stoffe überhaupt. Die radioaktive Strahlung nach einem Reaktorunfall ist eine gefährliche Mixtur dieser Elemente.

Wie breitet sich die Strahlung aus?

Abgesehen von der direkten Verstrahlung der Arbeiter im Bereich der Atomanlage erfolgt die Ausbreitung zunächst über die radioaktive Wolke. Betroffen davon sind hauptsächlich jene Menschen, die in der Nähe des zerstörten Reaktors leben – sie sind den Strahlen unmittelbar ausgesetzt, die radioaktiven Gase und Partikel werden durch die Luft verbreitet und in der Folge eingeatmet. Sind die kontaminierten Luftmassen weitergezogen, ist die größte Gefahr vorbei. Doch die radioaktiven Partikel, die im Staub, in der Erde, auf der Vegetation zurückbleiben und aufgewirbelt werden, stellen für die Menschen in den unmittelbar betroffenen Gebieten eine jahrzehntelange Gefahr dar. Über kontaminierten Boden oder Wasser kommt die Strahlung schließlich auch über die Nahrung in den Körper.

Kommt die Strahlengefahr auch zu uns?

Die radioaktive Wolke, die aus dem AKW Fukushima ausgetreten ist, bewegt sich abhängig von meteorologischen Gegebenheiten; sie kann stark „verdünnt“ und vielleicht sogar erst Jahre nach dem aktuellen Atomunfall in Japan auch nach Europa gelangen und so die bereits vorhandene radioaktive Hintergrundkonzentration (siehe Seite 13) etwas erhöhen. Wie drastisch diese Erhöhung ausfallen könnte, ist derzeit nicht absehbar; Grund zur Panik besteht aber nach Ansicht von Experten nicht. Auch über verstrahlte Lebensmittel aus Japan braucht man sich hierzulande zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Sorgen machen. Wie auch das Gesundheitsministerium zu Redaktionsschluss bestätigte, sind alle Produkte aus Japan (wie getrocknete Pilze, Tee, Saucen, spezielle Gewürze), die jetzt in Österreich erhältlich sind, nicht radioaktiv kontaminiert. (Über die mögliche Strahlengefahr aus Lebensmitteln und die Kontrollen in Österreich informiert die nächste Ausgabe von MEDIZIN populär).

Wie bemerkt man diese Strahlung?

Nur aufgrund von Messungen. Die bei einer Kernschmelze frei werdende Strahlung kann man weder sehen, noch riechen, noch schmecken. Je nachdem, in welcher Konzentration sie auftritt, drohen akute und langfristige Schäden für die Gesundheit (siehe unten).

Was genau bewirken die Strahlen im Körper?

Radioaktive Strahlen können die Grundbausteine unseres Körpers, die Zellen, verändern oder sogar zerstören. Nun verfügen die Zellen zwar über hochwirksame Reparatursysteme, die sogar mit den Schäden durch Strahlung fertig werden und Zellen vollständig wiederherstellen können. Treten aber die Veränderungen am Erbgut der Zelle auf, kommt es bei der Reparatur zu Fehlern oder trifft die Strahlung die Zelle in einem bestimmten Stadium (Zellteilung), so sind gesundheitliche Folgen wahrscheinlich: Das heißt, das Risiko, Krebs zu bekommen, auch erst Jahre nach der Strahlenexposition, ist deutlich erhöht.  

Welche Krankheiten können die Strahlen akut auslösen?

Wer besonders hohen Dosen radioaktiver Strahlung ausgesetzt wird, wird akute Beschwerden der sogenannten Strahlenkrankheit zeigen. Betroffen sind in der Regel Mitarbeiter des AKW, aber auch Rettungskräfte. Die Symptome der Strahlenkrankheit reichen von Haarausfall, Übelkeit und Erbrechen über Blutungen bis hin zum Tod. Akute Beschwerden können nur symptomatisch behandelt werden; sind die radioaktiven Stoffe einmal im Körper, kann man gegen mögliche langfristige Folgen nichts mehr tun.

Welche Langzeitfolgen hat eine Verstrahlung?

Langfristig erhöht sich das Krebsrisiko der Betroffenen, wobei es vor allem zu vermehrtem Auftreten von Leukämie, Schilddrüsen-, Brust-, Lungen- und Knochenkrebs kommen kann. Auch Fehlgeburten und Missbildungen sind nach einer Verstrahlung zu erwarten. Dabei treten diese Erkrankungen oft erst viele Jahre oder gar Jahrzehnte nach der Verstrahlung auf – und ob sie überhaupt manifest werden, hängt nicht zuletzt davon ab, wie intensiv die Strahlenbelastung war. Die Wahrscheinlichkeit für bösartige Zellveränderungen nimmt nämlich mit der Zahl der Treffer auf die Erbanlage (DNA) zu.

Warum ist die Schilddrüse besonders gefährdet?

Bei einem Reaktorunfall wird meist auch radioaktives Jod (Jod 131) freigesetzt, das von der Schilddrüse aufgenommen wird. Die Schilddrüse braucht Jod, um lebenswichtige Hormone produzieren zu können, macht aber keinen Unterschied zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Jod. Nimmt die Schilddrüse radioaktives Jod auf, so kann sie in ihrer Funktion gestört werden und langfristig sogar Krebs entwickeln. Tatsächlich ist Schilddrüsenkrebs die häufigste Krebsart, die in Zusammenhang mit radioaktiver Strahlung auftritt. Die Einnahme von Kaliumjodid kann hier vorbeugend wirken, denn das im Kaliumjodid enthaltene „gute“ Jod verdrängt das schädliche radioaktive Jod bzw. lässt in den Schilddrüsenspeichern keinen Platz mehr dafür.
Andere radioaktive Stoffe greifen andere Körperregionen an: Strontium z. B. lagert sich bevorzugt in den Knochen ein, da es aufgrund seiner Struktur vom Körper mit Kalzium „verwechselt“ wird. Die Folge können Knochenmarksschäden, Knochenkrebs und Leukämie sein. Cäsium wiederum macht sich im gesamten Körper breit und kann u. a. das Erbgut nachhaltig schädigen, während Plutonium, einer der giftigsten Stoffe, die es überhaupt gibt, vor allem Lungenkrebs verursacht (Details siehe unten).

Hat es Sinn, in Österreich vorsorglich Jodid-Tabletten einzunehmen?

Für die österreichische Bevölkerung besteht derzeit keinerlei Strahlengefahr, sind sich alle Experten einig. Es ist daher auch nicht zweckmäßig, sich mit Jodid-Tabletten einzudecken und schon gar nicht, sie vorsorglich zu nehmen. Im Gegenteil: Eine nicht verordnete Einnahme bzw. eine falsche Dosierung kann unter Umständen die Schilddrüse nachhaltig schädigen; Kaliumjodid sollte nur nach behördlicher Anordnung eingenommen werden – und eine solche Anordnung ist nur dann zu erwarten, wenn es in Grenznähe zu einem schweren Unfall in einem AKW kommen sollte.
Menschen, die bereits an einer Erkrankung der Schilddrüse leiden, sollten mit der Einnahme von Jod-Präparaten besonders vorsichtig sein, da eine Überdosis Jod eine bestehende Schilddrüsen-­Erkrankung noch verschlimmern kann. Und: Kaliumjodid ist kein universell ­wirksames „Strahlenschutzmittel“ – es schützt ausschließlich die Schilddrüse und das auch nur dann, wenn es zeitgerecht und richtig dosiert eingenommen wird.

Was bringen die verschiedenen Schutzmaßnahmen wirklich?

Einen 100-prozentigen Schutz vor radioaktiven Strahlen gibt es in der Praxis nicht. Im Fall eines Reaktorunfalls mit Kernschmelze müssen die Menschen, die im Umkreis leben, sofort evakuiert werden. Solange eine radioaktive Wolke über das Gebiet zieht, empfiehlt es sich, im Haus zu bleiben, Fenster und Türen mit Klebestreifen abzudichten, Klimaanlagen abzuschalten. Sollte sich ein Aufenthalt im Freien gar nicht vermeiden lassen, sollte leicht zu reinigende, abwaschbare Kleidung getragen werden. Feuchte Tücher vor Mund und Nase können die Gefahr durch Einatmen flüchtiger radioaktiver Stoffe etwas reduzieren, einfache Atemschutzmaßnahmen (z. B. Staubmasken) bieten kaum Schutz.

Sind verstrahlte Menschen ansteckend?

Nein. Eine „Übertragung“ ist nur durch verseuchte Gegenstände oder Kleidung möglich, nicht aber von Mensch zu Mensch. Eine Quarantäne kann höchstens dazu dienen, Menschen, die einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt waren, medizinisch zu beobachten und akute Symptome zu behandeln.

Für wen sind die Strahlen besonders gefährlich?

Wie bei allen Umweltgiften sind Kinder und schwangere bzw. stillende Frauen besonders gefährdet.

Wie lange hält die Gefahr durch Verstrahlung an?

Das hängt von der Halbwertszeit der frei gewordenen radioaktiven Stoffe ab. Der Begriff Halbwertszeit bezeichnet jene Zeit, die es braucht, bis die Hälfte (!) der Radioaktivität eines Stoffes abgebaut ist. Bei Plutonium beträgt sie 24.000 Jahre, bei Cäsium 30 Jahre (Details siehe Grafik auf Seite 12). Radioaktiv verseuchte Regionen sind in der Regel für Jahrzehnte unbewohnbar, so auch die Gegend um das ehemalige AKW Tschernobyl. Die Erde ist verseucht, Landwirtschaft ist nicht möglich. Werden radioaktive Stoffe freigesetzt, gelangen sie auch in die Nahrungskette. Im Fall Japans ist zudem das marine Ökosystem betroffen, d. h. es ist auch eine Auswirkung auf Meerestiere zu erwarten.

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Radioaktivität und Gesundheit:
Was einzelne Stoffe bewirken

Jod 131
Wird von der Schilddrüse aufgenommen und kann dort zu Krebs führen

Plutonium 239
Sehr giftig, stark krebserregend (vor allem Lungenkrebs)

Cäsium 137
Verteilt sich im ganzen Körper, kann das Erbgut nachhaltig schädigen

Strontium 90
Kann sich in den Knochen einlagern und Knochenkrebs sowie Leukämie verursachen

(Halbwertszeit = Zeitraum, bis die Hälfte der Radioaktivität abgebaut ist)

 

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RADIOAKTIVITÄT IN ÖSTERREICH

Wie hoch ist die „Hintergrundbelastung“?

Auch in Österreich sind wir tagtäglich Radioaktivität ausgesetzt, der sogenannten Hintergrundbelastung. Die Strahlen können natürliche Ursachen haben, etwa weil aus dem geologischen Untergrund (z. B. Granit) Radon freisetzt wird. Daneben gibt es eine künstliche Strahlenbelastung, etwa aufgrund medizinischer Anwendungen (Röntgen, Computertomographie), aufgrund der „Reste“ der Kernwaffenversuche in den 1960er-Jahren oder aufgrund von Zigarettenrauch, der ebenfalls radioaktive Substanzen enthält. Aus dem Weltall gelangt zusätzlich kosmische Strahlung auf die Erde, die sich vor allem in höheren Lagen bzw. bei Flugreisen niederschlagen kann. Sowohl natürliche als auch künstliche Strahlung machen in Österreich jährlich etwa je zwei Millisievert aus.

 

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„Gefahr nicht verharmlosen“

Im Gespräch mit MEDIZIN populär warnt der Vorstand der „Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt“ OA Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter *) vor einer Panikmache genauso wie vor einer Verharmlosung der Strahlengefahr.

MEDIZIN populär
Herr Doz. Hutter, Sie sind als Experte für Umweltmedizin derzeit einer der viel gefragten Fachleute, wenn es um die Katastrophe in Japan geht. Welche Konsequenzen müssten Ihrer Meinung nach aus der Situation im AKW Fukushima gezogen werden?

OA Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter
Die logische Konsequenz kann eigentlich nur ein Ausstieg aus der Atomkraft sein, aber ob es dazu kommen wird, ist fraglich.

Warum? Die Chancen stehen derzeit doch so gut wie nie, Anti-Atomkraft-Gegner formieren sich, Deutschland hat bereits zugesichert, mehrere Reaktoren vom Netz zu nehmen.
Das schon, aber man darf die Atomlobby nicht unterschätzen, die sogar schon kurz nach dem Unglück das Ereignis herunterspielt. Ich hoffe trotzdem, dass es gelingt, auch Politiker zum Beispiel aus Tschechien oder der Slowakei von der Unbeherrschbarkeit der nuklearen Technologie zu überzeugen. Dazu müssen wir auch auf unsere Politiker viel Druck ausüben, damit sich diese viel energischer für uns einsetzen.

Könnten nicht die Langzeitfolgen in Japan, die ja zu erwarten sind, zu einem Umdenken führen?
Das wäre wünschenswert, aber ich erinnere nur an Tschernobyl: Das Ausmaß der Folgeschäden ist bis heute nicht vollends anerkannt, also zum Beispiel dass bis zu 100.000 Liquidatoren verstorben sind, die nach dem Super-GAU im verseuchten Gebiet gearbeitet haben. Und es gibt einige, die behaupten, dass niemand an den langfristigen Folgen des Super-GAUs gestorben ist. Es wird schwierig sein, eingefleischte Atombefürworter zum Umdenken zu bewegen – und es reicht ja nicht aus, nur zu fordern, dass Atomkraftwerke vom Netz genommen werden müssen.

Welche Maßnahmen sind sonst noch erforderlich?
Es braucht ein allgemeines Umdenken in Sachen Energieverbrauch. Japan hat wenige natürliche Ressourcen, um Strom zu erzeugen. Deshalb wurde auf Atomenergie gesetzt und viel zu wenig in erneuerbare Energie investiert. Allerdings ist auch der Stromverbrauch enorm – Klimaanlagen bzw. Heizungen, die den ganzen Tag auf Hochtouren laufen, teilweise bei offenem Fenster, treiben den Strombedarf unnötig in die Höhe: pure Energieverschwendung! Wir müssen lernen, mit unseren Ressourcen viel sorgfältiger umzugehen.
Und was ich auch noch anbringen möchte: Ich halte es für unangebracht, sich über das Sushi am eigenen Teller Gedanken zu machen, während die japanische Bevölkerung nach Erdbeben, Tsunami und Atomunfall unermessliches Leid erlebt. Ebenso halte ich es für problematisch, wenn bestimmte Medien Panik schüren und Menschen in Österreich dazu bringen, Jod-Tabletten zu schlucken. Vielmehr sollte die momentane Stimmung genutzt werden, das eigene Verhalten bezüglich Energieverbrauch zu überdenken.

*) Zur Person

OA Priv. Doz. DI Dr. med. Hans-Peter Hutter ist Umweltmediziner und Landschaftsökologe am Institut für Umwelthygiene des Zentrums für Public Health an der Medizinischen Universität Wien und Vorstand der Organisation „Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt“.

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