Lügen unter Liebenden

Februar 2011 | Partnerschaft & Sexualität

Warum Partnerschaft UND Gesundheit darunter leiden
 
Ausflüchte, Höflichkeitsfloskeln und Übertreibungen eingeschlossen lügt der Durchschnittsmensch bis zu 200 Mal am Tag. Und er belügt auch jene, die ihm am wichtigsten sind: die Partnerin oder den Partner. Je nach Phase der Beziehung verfolgen die Lügen unter Liebenden unterschiedliche Ziele. Zu jeder Zeit aber fügen sie der Partnerschaft und mitunter auch der Gesundheit Schaden zu, sagt die Ärztin und Paartherapeutin Dr. Lucia Monschein-Obwegeser.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Pinocchio zählt wohl zu den berühmtesten Lügnern der Geschichte – vielleicht deshalb, weil er es beim Lügen äußerst schwer hatte: Jedes Mal, wenn er die Unwahrheit sprach, wuchs seine Nase in die Länge und wurde rot, und sein Umfeld wusste sofort: Jetzt lügt er. Zwar gibt es heute, 130 Jahre nach der Erfindung der bunten Holzfigur, verschiedene Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass Lügen etwa mit einem Blinzeln, einem bestimmten Blick bzw. Gesichtsausdruck oder einem Griff an Nase oder Ohren einhergeht. Doch verlässliche Zeichen dafür, dass das Gegenüber lügt, sind diese Reaktionen keinesfalls. Anders als die Märchengestalten um Pinocchio können wir an keinem Menschen erkennen, ob er uns belügt. Auch nicht am Partner oder an der Partnerin.
Worauf man sich hingegen verlassen kann: Dass der Partner oder die Partnerin es nicht immer ganz genau nimmt mit der Wahrheit. Schließlich wird gelogen, dass sich die Balken biegen. So ergab eine Studie, die 2002 mit Studentinnen und Studenten an der Universität in Massachusetts, USA, durchgeführt wurde, dass ein Mensch, der den ganzen Tag über immer wieder in Gesprächssituationen mit anderen kommt, dabei bis zu 200 Mal lügt. 2010 kam eine Befragung in London zu dem etwas weniger dramatischen Ergebnis, dass Männer normalerweise durchschnittlich dreimal am Tag lügen, Frauen zweimal.
Ob Mann oder Frau: Immerhin zehn Prozent der Befragten gaben zu, immer wieder auch die Partnerin bzw. den Partner anzulügen. Wobei die Liste der häufigsten Lügen der Männer gegenüber ihren Frauen die Aussage: „Ich habe gar nicht so viel getrunken“ anführte, und jene der Frauen gegenüber ihren Männern: „Es ist alles in Ordnung, mir geht es gut.“

Selbstbeweihräucherung und Schmeicheleien

Welche Ziele die Lügen der Liebenden verfolgen? „Grundsätzlich lügen Männer in Partnerschaften eher, um sich selbst und das, was sie zum Beispiel im Beruf leisten, in einem besseren Licht erscheinen zu lassen“, weiß Dr. Lucia Monschein-Obwegeser, Fachärztin für Innere Medizin, Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutische Medizin sowie Imago-Paartherapeutin in Scheibbs in Niederösterreich. Frauen lügen, so die Expertin weiter, „eher, um sich und die Kinder vor einer vermuteten Kritik des Partners zu schützen“.
Abgesehen von diesem Mann-Frau-Unterschied hat die Expertin noch festgestellt, dass sich die Motive für das Lügen im Lauf der Beziehung verändern. „In der Verliebtheitsphase, die meistens eineinhalb Jahre, manchmal auch bis zu drei Jahre andauern kann, lügen auch Frauen häufig, um sich selbst zu beweihräuchern, mit dem Ziel, dass der Partner ein tolles Bild von ihnen entwickelt“, sagt Monschein-Obwegeser. „Und darüber hinaus wird in dieser Verliebtheitsphase von beiden Partnern häufig gelogen, um dem anderen zu schmeicheln.“ Ein Beispiel für die dann häufige Männer-Lüge: „Nein, dein Po schaut darin nicht groß aus.“ Die entsprechende Frauen-Lüge: „Das ist genau das, was ich mir immer gewünscht habe.“

Kritik ausweichen und Pläne vereiteln

Ist die Verliebtheitsphase vorbei, folgt, so Monschein-Obwegeser, ob man es will oder nicht, in jeder Beziehung eine Machtkampfphase, die wenige Wochen, Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte bis hin zu lebenslänglich andauern kann. „In dieser Phase wird nicht mehr so oft gelogen, um dem anderen zu schmeicheln oder sich selbst zu beweihräuchern, sondern eher, um befürchteter Kritik zu entgehen.“ Beispiel: Er denkt, sie wird ihm Vorwürfe machen, wenn er ihr erzählt, dass er sich mit einer Kollegin verplaudert hat und deswegen später als sonst nach Hause kommt. Also ruft er vorsorglich an und sagt: „Ich stecke im Verkehr fest.“ Das entsprechende Frauen-Beispiel: Sie denkt, er wird ihr Vorwürfe machen, dass sie schon wieder ein Paar Schuhe gekauft hat, und erklärt, noch ehe er sie, wie sie vermutet, kritisiert: „Es war im Ausverkauf.“ Monschein-Obwegeser über ein anderes Lügen-Motiv in der Machtkampfphase: „Beide Partner lügen in dieser Phase außerdem häufig, um Pläne des anderen zu vereiteln.“ Beispiel: Sie möchte am Sonntag gemeinsam mit ihm ihre Eltern besuchen, er hat keine Lust dazu und lügt: „Da kann ich nicht, da bin ich schon mit Freunden unterwegs.“ Das Frauen-Beispiel: Er möchte am Abend noch gemeinsam mit ihr eine Runde Joggen gehen, sie mag nicht und sagt: „Ich kann nicht, ich habe so Kopfweh.“

Den Partnerzwischenraum sauber machen

Was folgt auf die Machtkampfphase? „Entweder das Paar trennt sich, oder einer der beiden Partner resigniert und trennt sich innerlich, das Paar bleibt aber trotzdem zusammen“, sagt Monschein-Obwegeser. „Es gibt aber noch eine Möglichkeit.“ Die bestehe darin, dass die beiden – eventuell nach einer neuerlichen Verliebtheitsphase – zu einer Vertrautheit finden und eine schöne, innige Beziehung führen. Die Voraussetzung dafür: Der Partnerzwischenraum müsse, so Monschein-Obwegeser, „sauber gemacht und sauber gehalten werden“. Mit sauber meint sie frei von Vertrauensbrüchen, die Lügen ihrer Meinung nach immer sind – egal, ob sie dazu dienen, Pläne des anderen zu durchkreuzen, vermuteter Kritik zu entgehen, oder auch nur den Zweck haben, dem anderen zu schmeicheln oder sich selbst zu beweihräuchern.

Das Ende vom Lügen oder Lieben

Selbst für Pinocchio, der erstmals anno 1881 in einer italienischen Zeitung log, war es schwer, vom Lügen zu lassen. Doch irgendwann schaffte er es und wurde – so wie er es sich sehnlich wünschte – zum echten Buben. Wie Paare, die einander oft anlogen, den Weg zu einer innigen schönen Beziehung voller Vertrautheit und ohne Lügen schaffen? Monschein-Obwegeser: „Indem beide Partner so mutig sind, dem anderen zu sagen, warum und weshalb sie nicht ehrlich zu ihm waren bzw. warum und weshalb sie immer wieder in die Versuchung kommen, ihn anzulügen.“ Im besten Fall können so die Gründe für die Lügen besprochen – und dauerhaft beseitigt werden. Die Folge einer solchen Aussprache sei, so Monschein-Obwegeser, wegen der seelischen Verletzungen, die manchmal auch der körperlichen Gesundheit schaden (siehe oben), freilich nicht immer eine innige Beziehung, sie könne auch eine Trennung sein. „Aber die ist immer noch besser, als eine jahrzehntelange wechselseitige Lügerei.“

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Lügen und Leiden

Lügen, in welcher Form auch immer, schadet nicht nur der Beziehung, sondern mitunter auch der Gesundheit – vor allem desjenigen, der belogen wird und auf die Lüge draufkommt. Dr. Lucia Monschein-Obwegeser: „Das führt zu seelischen Verletzungen und über diese Verletzungen oft auch zu psychosomatisch bedingten körperlichen Beschwerden.“ Zu letzteren zählen z. B. Magenschmerzen und Übelkeit – insbesondere dann, wenn mit dem Erkennen der Lüge ein Ekelgefühl verbunden ist, wie es oft der Fall ist, wenn der Partner beim Fremdgehen ertappt wird. Aber auch das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben, Kopfschmerzen oder Bluthochdruck können in Folge des Vertrauensbruchs Lüge auftreten.
Doch auch das Lügen selbst kann nicht ganz gesund sein: Schließlich beruht die Annahme, dass man per Lügendetektor Lügen erkennen kann, darauf, dass es beim Lügen zu ungesunden Körperreaktionen kommen kann wie etwa einer Beschleunigung des Pulsschlags, die mit Schweißausbrüchen verbunden ist.

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Die Top-10 der Lügen unter Liebenden*

MÄNNER

Ich habe gar nicht so viel getrunken.
Es ist alles in Ordnung, mir geht es gut.
Ich hatte keinen Empfang.
Es war nicht so teuer.
Ich bin unterwegs.
Ich stecke im Verkehr fest.
Nein, dein Po schaut darin nicht groß aus.
Entschuldige, ich habe deinen Anruf verpasst.
Du hast abgenommen.
Das ist genau das, was ich mir immer gewünscht habe.

FRAUEN

Es ist alles in Ordnung, mir geht es gut.
Ich weiß nicht, wo es ist, ich habe es nicht angerührt.
Es war nicht so teuer.
Ich habe gar nicht so viel getrunken.
Ich habe Kopfweh.
Es war im Ausverkauf.
Ich bin unterwegs.
Das habe ich schon seit Ewigkeiten.
Nein, ich habe es nicht weggeworfen.
Das ist genau das, was ich mir immer gewünscht habe.

* Quelle: Umfrage unter 3000 Männern und Frauen in Großbritannien, durchgeführt 2010 vom Science Museum in London

 

 

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