Seitensprung – und dann?

Oktober 2011 | Partnerschaft & Sexualität

Warum Trennung nicht die beste Lösung ist
 
Seitensprünge sind kein Privileg der Promis: Nicht nur Arnold Schwarzenegger & Co, 50 Prozent der Männer und Frauen gehen irgendwann einmal im Lauf des Lebens fremd. Untreue des Partners bzw. der Partnerin ist der häufigste Scheidungsgrund – und doch hält die Paartherapeutin Dr. Lucia Monschein-Obwegeser Trennung nicht für die beste Lösung. Für MEDIZIN populär erklärt sie, wie der Hang zum Fremdgehen entsteht und überwunden werden kann.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

„Treue“ – das Wort, das vom Althochdeutschen „Triuwa“ her stammt, steht für innere Festigkeit, „treu“ bedeutete stark sein und „betreuen“ jemanden beschützen. Einen Partner oder eine Partnerin, der oder die einen beschützt und dabei stark und innerlich gefestigt, eben treu ist, das wünschen sich 90 Prozent aller Frauen und Männer – und doch geht jeder bzw. jede Zweite irgendwann im Lauf des Lebens fremd. „Mangelnde Aufmerksamkeit des Partners“, „unbefriedigender Sex“ oder „der Partner lässt sich gehen“ – das sind einer Befragung zufolge die häufigsten Gründe fürs Fremdgehen (siehe unten).

Unbewältigte Konflikte

Für Dr. Lucia Monschein-Obwegeser, Ärztin für Allgemeinmedizin, Fachärztin für Innere und psychotherapeutische Medizin sowie Imago-Therapeutin in Scheibbs in Niederösterreich, stellen diese Gründe aber nur die Spitze des Eisbergs dar. Das Fundament dieses Eisbergs bilden jene Probleme, die Betrügende und Betrogene miteinander und auch mit sich selber haben.
Fragt man weiter, welche Probleme das sind, verweist Monschein-Obwegeser zunächst auf den Zusammenhang zwischen der Qualität der aktuellen Beziehung und der Qualität früherer Partnerschaften sowie der Qualität der Beziehung zu den Eltern. „Jeder Mensch sucht sich den Partner unbewusst so aus, dass er Konflikte, die er mit früheren Partnern, mit der Mutter und dem Vater hatte, in der aktuellen Partnerschaft wieder erleben, bewältigen und sich so weiterentwickeln kann“, sagt sie. Kommt es dann aber zum Wiedererleben des einen oder anderen Konflikts, schaffen viele die Bewältigung nicht – weil sie dem Partner nicht sagen können, dass sie z. B. unter mangelnder Aufmerksamkeit leiden oder darunter, dass der Sex unbefriedigend ist. Stattdessen flüchten sie sich in eine Zweitbeziehung.
„Oft kommt es nach einiger Zeit in dieser Zweitbeziehung zu den gleichen Konflikten, die schon in der Erstbeziehung bestehen“, so Monschein-Obwegeser. So kann es zu Wiederholungen kommen, die nur aufhören, wenn man sich ihrer bewusst wird und bereit ist, sie aus seinem Leben zu verbannen. Ein schwieriges Unterfangen, aber, so Monschein-Obwegeser: „Es gelingt, wenn man die Scheu, Probleme anzusprechen, überwindet, dem Partner sagt, was einem nicht passt, und gemeinsam nach einer Lösung sucht.“

Schlechte Vorbilder

So wie einen Konflikte mit früheren Partnern oder Elternteilen in die Beziehungsfalle Seitensprung tappen lassen können, ist es oft auch deren schlechtes Vorbild. „Menschen, die miterlebt haben, wie ein Ex oder ein Elternteil Beziehungsprobleme durch Fremdgehen umgeht, neigen eher als andere dazu, sich ebenfalls so zu verhalten“, sagt Monschein-Obwegeser. Auch ihnen hilft: Sich dessen bewusst werden, dass man schlechten Vorbildern folgt und Konflikte in der Beziehung mit dem Partner bereinigen.

Verletzungen in der Kindheit

Zwar liegen sie schon lang zurück, doch auch Verletzungen in der Kindheit können hinter dem Hang zum Fremdgehen stecken. Monschein-Obwegeser: „Häufig tendieren Menschen zum Seitensprung, die in der Identitätsfindungsphase im Alter von drei bis vier Jahren von der Mutter oder dem Vater verletzt wurden.“ Ein Beispiel für eine solche Verletzung: Ein Kind möchte gern öfter zerrissene Jeans tragen, muss sich aber meistens so schön kleiden wie die Mutter. Wenn es dann doch einmal in verschlissener Hose erscheint, wird es heftig kritisiert. So wird die Entwicklung des Selbstwertgefühls gestört. Betroffene neigen später dazu, das Defizit durch Zweitbeziehungen auszugleichen, die meist ein hierarchisches Gefälle aufweisen. Typisch für diese Art der „Seitenspringer“: Der Universitätsprofessor, der mit einer Studentin fremdgeht.
Auch Menschen, die in der Bindungsphase im Alter von null bis knapp über einem Jahr verletzt wurden, gehen später oft fremd, weiß Monschein-Obwegeser. „Sie haben oft Angst vor zuviel Nähe und flüchten deswegen in eine Zweitbeziehung.“ Auch in der sogenannten Kompetenzphase, die mit vier Jahren beginnt und mit sieben endet, gibt es Verletzungen, die im Erwachsenenalter zum Seitenspringen tendieren lassen. Der daraus resultierende Prototyp: Einer, der anderen den Partner ausspannt, weil er glaubt, so Kompetenz zu zeigen.
Um welche Verletzung in der Kindheit es sich auch handelt: Jede kann so aufgearbeitet werden, dass der Seitenspringer Seitensprünge nicht mehr nötig hat, sagt Monschein-Obwegeser. Die Bereitschaft dazu ist freilich Voraussetzung für den Weg aus dem Hang zum Fremdgehen.

Wenn es herauskommt

Wenn herauskommt, dass der Partner fremdgegangen ist, „fühlen sich die Fremdgeher meistens schuldig, aber zugleich so erleichtert, dass es ihnen nicht schlecht geht“, weiß die Expertin. Ganz anders ist freilich die Gefühlslage der Betrogenen: Sie sind gekränkt, ihre Gedanken kreisen um das verletzende Ereignis, sie entwickeln eine schier unbändige Wut auf den Partner und oftmals auch den Drang, ihn von nun an zu kontrollieren. All das geht oft mit depressiven Verstimmungen einher. Nicht wenige leiden dazu an körperlichen Erkrankungen, die keine organische Ursache haben. Das ergab eine Befragung von 3334 Betrogenen am Institut für Psychologie an der Georg-August-Universität in Göttingen. Monschein-Obwegeser: „Betrogene entwickeln häufig z. B. psychosomatisch bedingte Schlafstörungen oder Kopf-, Rücken- und Bauchschmerzen.“

Betrogene sind nicht nur Opfer

Dieselbe Befragung förderte einen weiteren Stachel zutage, der mehr als 80 Prozent der Betrogenen zu schaffen macht: die Frage, was sie selbst dazu beigetragen haben, dass es zum Seitensprung kam. Oft, so Monschein-Obwegeser, erkennen die Betrogenen, dass sie selbst sich schon vor dem Seitensprung aus der Paarbeziehung zurückgezogen haben – etwa mit der Entschuldigung, dass Kinder oder Arbeit einen so sehr vereinnahmt haben, dass die Bedürfnisse des Partners hintangestellt werden mussten. Zu erkennen, dass man als Betrogener nicht nur Opfer ist, ebnet den Weg zu einem guten Umgang mit dem Seitensprung, so die Paartherapeutin.
 
Und dann?

Nachdem der Seitensprung aufgeflogen ist, kommt für viele Betroffene nur eine Trennung in Frage – Fremdgehen wird als der häufigste Scheidungsgrund angegeben. Doch ein guter Umgang mit dem so weit verbreiteten Beziehungsproblem sieht für Monschein-Obwegeser anders aus. „Er besteht darin, sich gemeinsam anzuschauen, was in der Partnerschaft passiert ist, ehe es zum Seitensprung kam, und zu versuchen, die Probleme miteinander zu lösen.“ Wer sich wegen des Seitensprungs trennt, nimmt, so die Expertin weiter, die ungelösten Konflikte bloß in die nächste Beziehung mit hinein – und setzt so die Seitensprung-Spirale erneut in Gang.

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Warum gehen Männer fremd?  

  • Unbefriedigender Sex
  • Mangelnde Aufmerksamkeit
  • Die Partnerin lässt sich gehen
  • Keine Kommunikation
  • Kein zärtlicher Umgang
  • Die Partnerin vermittelt das Gefühl, unattraktiv zu sein
  • Zu wenig Zeit füreinander
  • Eine feuchtfröhliche Party
  • Rache

Warum gehen Frauen fremd?

  • Mangelnde Aufmerksamkeit
  • Keine Kommunikation
  • Der Partner lässt sich gehen
  • Unbefriedigender Sex
  • Der Partner vermittelt das Gefühl, unattraktiv zu sein
  • Kein zärtlicher Umgang
  • Zu wenig Zeit füreinander
  • Rache
  • Eine feuchtfröhliche Party

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Wie ein Seitensprung beginnt – und endet

Für fast die Hälfte der Frauen und Männer beginnt der Seitensprung des Partners bzw. der Partnerin bereits im Kopf, also wenn er oder sie in der Fantasie fremdgeht. Das ergab eine Befragung von 1000 Deutschen durch das Meinungsforschungsinstitut Emnid. Die Hälfte der Befragten gab außerdem an, dass ein Seitensprung für sie der Anfang vom Ende der Beziehung ist, und für nahezu die Hälfte ist er bereits das Ende: Würden sie von einem Seitensprung erfahren, würden sie sofort mit dem Partner Schluss machen.

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Warum er schneller dahinterkommt

„Frauen, die einen Seitensprung machen, lassen sich gefühlsmäßig stärker auf die Zweitbeziehung ein als Männer und distanzieren sich gleichzeitig stärker von der Erstbeziehung“, sagt Dr. Lucia Monschein-Obwegeser. „Das ist ein Grund dafür, warum es Männer meistens schneller merken, wenn ihre Frauen fremdgehen, als umgekehrt.“ Ein weiterer Grund wird in der Evolution gesehen, so die Expertin: „Männer waren immer schon darauf getrimmt, mehr auf die Treue ihrer Frauen zu achten, um kein Kuckuckskind untergejubelt zu bekommen.“

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