Sticheln, schubsen, schlagen:

September 2011 | Partnerschaft & Sexualität

Wenn Gewalt die Liebe zerstört
 
„Blutiges Beziehungsdrama“, „Tödlicher Ehekrach“, „Mord aus Eifersucht“: Sie sind die Spitze des Eisbergs, jene Konflikte in Partnerschaften, die in Mord oder Totschlag enden und in Österreich beinahe schon wöchentlich Schlagzeilen machen. Gewalt in Liebesbeziehungen hat jedoch viele Facetten, reicht vom Sticheln übers Schubsen bis zum Schlagen, zeigt sich im Schweigen genauso wie in Schimpftiraden, in Drohungen genauso wie in Demütigungen. Und sie kommt wesentlich öfter vor, als man wahrhaben möchte: Mindestens jede dritte Partnerschaft wird durch Gewalt vergiftet, zu ihren Opfern zählen neuen Studien zufolge genauso viele Männer wie Frauen. MEDIZIN populär über die lauten und leisen Formen von Gewalt, über Auslöser und Ursachen von Übergriffen, die unterschiedlichen „Waffen“ von Mann und Frau und eine aktuelle Initiative der österreichischen Ärzteschaft.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer & Mag. Karin Kirschbichler

Der Landwirt, der erst seine Freundin ersticht und dann sich selbst tötet; die „Eislady“, die zwei Ex-Partner ermordet, zerstückelt und einbetoniert haben soll, der Mann, der seine Ex-Freundin mit einem Messer attackiert und dann von einer Brücke in den Tod springt: In Österreich dringen in jüngster Zeit in erschreckend kurzen Abständen Nachrichten über tödliche Beziehungsdramen an die Öffentlichkeit. Was mindestens genauso besorgniserregend ist: Gewalttätigkeit – wenn auch nicht in so dramatischem Ausmaß – gehört zum Beziehungsalltag vieler Partnerschaften, Experten zufolge ist die Dunkelziffer sehr hoch. Gewalt kann sich darin äußern, dass ein Partner den anderen schlägt, zu Sex zwingt oder gefährlich bedroht. Emotional gewalttätig ist, wer den anderen demütigt, herabsetzt, ständig kritisiert. In all ihren Facetten zerstört Gewalt die Liebe oder, um es mit den Worten des schwedischen Schriftstellers August Strindberg zu sagen: „Manche Ehe ist ein Todesurteil, das jahrelang vollstreckt wird.“
Das trifft auf mehr Beziehungen zu, als man wahrhaben möchte: „Tätliche Gewalt kommt Untersuchungen zufolge in etwa 35 Prozent aller Partnerschaften vor“, betont der Vorarlberger Psychiater Prim. Univ. Prof. Dr. Reinhard Haller. Die emotionale Bindung, die räumliche Nähe, das intensive Miteinander, die gemeinsam zu bewältigenden Aufgaben: Faktoren, die eine Partnerschaft auszeichnen, können dieselbe auch enorm belasten. Gewalttätige Verhaltensmuster schleichen sich oft fast unbemerkt ein. „Am Anfang steht in der Regel emotionale Gewalt“, sagt der Mediziner. „Dazu kann in der Folge soziale Gewalt kommen, indem man dem anderen Geld verweigert oder ihn von sozialen Kontakten abschneidet, und schließlich die körperliche Gewalt.“

Weibliche & männliche Gewalt

Opfer sind viel zu viele Frauen, aber beileibe nicht nur: „Auch Männer erleiden Gewalt in Paarbeziehungen“, sagt die Berliner Soziologin Univ. Prof. Dr. Barbara Kavemann, die sich seit langem intensiv mit Fragen zu Gewalt beschäftigt. Wie aktuelle internationale Studien zeigen, haben rund 25 Prozent der befragten Frauen und 25 Prozent der befragten Männer Gewalt durch den Partner bzw. die Partnerin erlebt.
Der vermeintliche Gleichstand zwischen den Geschlechtern besteht aber nur auf den ersten Blick. „Wenn man nachfragt, was genau passiert ist, erleben wir einen starken geschlechtsspezifischen Unterschied“, sagt Kavemann. „Frauen üben eher sogenannte situative Gewalt aus, etwa in einer Streitsituation. Und sie wenden deutlich seltener schwere und wesentlich seltener kontrollierende Gewalt an.“ Was damit gemeint ist? Wenn z. B. ein Partner dem anderen nachspioniert, ihn mit Drohungen zu einem bestimmten Verhalten zwingen will, wenn sich also zur Gewalttätigkeit kontrollierendes Verhalten gesellt, gilt dies als besonders gefährlich. Diese sogenannte systematische Misshandlung wird vorwiegend von Männern ausgeübt.
„Tendenziell ist die tätlich-aggressive Gewalt eher die männliche, weil Männer über das kleinere emotionale Repertoire verfügen“, ergänzt Haller. „Und die emotionale ist eher eine weibliche Form der Gewaltausübung.“ Emotionale Gewalt kann sich als Missachtung, Drohung, Einschüchterung zeigen, auch verschiedene Ausprägungen von Mobbing können die Liebe vergiften, z. B. „indem man Informationen vorenthält, zynische Bemerkungen macht oder nie Lob ausspricht“, sagt Haller. „Emotionale Gewalt äußert sich außerdem sehr häufig in Form von Schweigen. Das Schweigen ist unglaublich aggressiv, weil es bedeutet, dass der andere einem nicht einmal ein Wort wert ist.“

Mord und Totschlag

Wie viele Menschen unter emotional gewalttätigen Partnerinnen bzw. Partnern leiden, ist nicht bekannt. Anders ist die Situation im Fall von Mord und Totschlag: „Man geht davon aus, dass mindestens 70 Prozent der rund 100 Tötungsdelikte im Jahr Beziehungsdelikte sind und sich dabei der überwiegende Teil in Partnerschaften abspielt“, sagt der Experte. „Weiters geht man davon aus, dass zehnmal mehr Männer ihre Partnerin oder Ex-Partnerin töten als umgekehrt.“ Ein Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik der letzten Jahre zeigt, dass in Österreich auch andere schwere Straftaten, z. B. schwere Körperverletzung, sexuelle Nötigung oder Freiheitsentzug mehrheitlich von Männern begangen werden. Oft ist bei eskalierender Gewalt noch ein Dritter im Spiel: Die Droge Alkohol wird zum gefährlichen „Raufkumpanen“, wenn unter seinem Einfluss Konflikte nicht unter Kontrolle gehalten werden können.

Macht und Muster

Was sind die Auslöser und Ursachen, wenn Konflikte außer Kontrolle geraten? Woran kann es liegen, dass der Mann ausrastet oder die Frau ständig stichelt? „Es hat viel mit der Machtverteilung in einer Beziehung zu tun“, betont Psychiater Haller. „Wer hat mehr Macht? Wer ist stärker, wer ist schwächer? Wer liebt mehr?“ Entsprechend gilt Eifersucht als wichtiges Motiv für Gewaltanwendung. „Gut funktionieren generell nur jene Partnerschaften, in denen die Machtverhältnisse in etwa ausgeglichen sind.“ Demzufolge spiele die Umverteilung von Macht eine große Rolle, wenn Gewalt eskaliert: „Partnerschaftstragödien passieren immer dann, wenn lang eingenommene Rollen in Frage gestellt werden.“ War der Mann bislang der Dominierende, so fühlt er sich möglicherweise bedroht, wenn die Frau „aus der Rolle fällt“ und beispielsweise wieder in den Beruf einsteigt. „Dann kann es passieren, dass er mit immer drastischeren Mitteln darum kämpft, die alten Rollenverhältnisse wiederherzustellen“, sagt Haller.

Rollen und Risiken

Speziell zwei Paarkonstellationen tragen ein hohes Risiko für schwere Gewalt in sich, weiß Barbara Kavemann. „Das sind Paare, in denen die Frauen mittleren Alters und – im Gegensatz zum Partner – beruflich sehr erfolgreich sind und über gute Ressourcen verfügen.“ Die zweite „Risikopartnerschaft“ gehen sehr junge Paare ein, wenn beide Partner sozial und ökonomisch schlecht gestellt sind. Vor Beziehungsgewalt sind selbst Mädchen und junge Frauen, die Wehrhaftigkeit als Teil ihrer Identität verstehen, nicht gefeit. „Wenn sie eine Beziehung eingehen, fallen sie ganz häufig wieder in traditionelle Weiblichkeitsmuster zurück, dann tolerieren sie Gewalt in der Beziehung“, so die Expertin.  

Ausstieg und Trennung

Warum tolerieren es so viele Menschen oft über Jahre und Jahrzehnte, vom Partner gedemütigt, bedroht, körperlich misshandelt zu werden? Und warum wird Gewalttätigkeit oft nicht angezeigt? Angst sei ein Grund, warum Frauen lange mit einer Anzeige zuwarten, so Haller. „Sie verzeihen oft auch rasch wieder und geben dem Partner eine weitere Chance.“ Jene wiederum, die von weniger schwerer Gewalt betroffen sind, glauben oft auch, die Beziehung verbessern zu können. „Wieder andere haben aufgrund glaubhafter Drohungen – wie etwa ,Wenn du dich trennst, bring’ ich dich um‘ – berechtigte Angst, sich zu trennen“, berichtet Kavemann. „Wenn Frauen schwer verletzt werden oder zu Tode kommen, dann geschieht das mehrheitlich in der Situation der Trennung.“
Auch ein „falsches Rollenverständnis“ könne den Ausstieg erschweren, sagt Haller: „Frauen glauben, sie müssten sich fügen und die Gewalt erdulden. Und Männer können alles Mögliche ertragen, aber nicht zugeben, dass sie Opfer geworden sind.“
Aus psychologischer Sicht kann es sein, dass ein sadomasochistischer Mechanismus die Partner auf fatale Weise zusammenschweißt. „Bei diesem Zusammenspiel ist ein Partner aggressiv und dominant, der andere unterwürfig und masochistisch-empfänglich“, analysiert der Psychiater.

Kränkung und Krankheit

Vielfältig sind nicht nur die Gründe, in einer gewalttätigen Beziehung zu bleiben, sondern auch die gesundheitlichen Folgen, die man dabei riskiert. „Im körperlichen Bereich sind es die üblichen Verletzungssymptome durch Schläge, Stöße, Boxhiebe“, sagt Haller. Sie reichen vom blauen Auge über Striemen bis hin zur bleibenden Behinderung. Die Gewalttätigkeit eines Partners schlägt sich außerdem auf die Psyche. „Wenn in einer Partnerschaft ein chronischer Spannungszustand herrscht, kommt es zu Resignation und Leere, was in der Folge zu verschiedenen psychischen Erkrankungen führen kann“, erklärt der Facharzt. „Bei den Männern wird dadurch meist eine Kränkungsreaktion ausgelöst, die in ein Burn-out münden kann. Bei Frauen kommt es eher zu Depressionen, zu psychosomatischen Reaktionen und Medikamentenmissbrauch.“

Medizin und Polizei

Weil das Gesundheitsrisiko, das von Gewalt in Beziehungen ausgeht, bislang unterschätzt wird, hat die Österreichische Ärztekammer nun im Rahmen des Projekts „MedPol“ („Medizin und Polizei“) Maßnahmen im Kampf gegen die Gewalt beschlossen. „Hauptintention ist, dass Gewalt – und insbesondere auch psychische Gewalt – beim Finden der jeweiligen Krankheitsursache viel mehr als bisher mit einbezogen wird“, betont der Allgemeinmediziner Dr. Hans-Jörg Pruckner, der die Initiative „Medizin gegen Gewalt“ betreut. Für Gewaltopfer soll es zudem nach deutschem Vorbild eine Anlaufstelle geben, derzeit läuft in Graz ein entsprechender Probebetrieb. „Die Betroffenen sollen dort untersucht werden und es werden gerichtstaugliche Gutachten erstellt, ohne dass Kosten entstehen oder rechtliche Folgen daraus resultieren“, berichtet der Mediziner. (siehe dazu auch Interview unten)

Gespräche und Grenzen

Ins Blickfeld rücken wollen Haller und Kavemann schließlich die Möglichkeiten, Beziehungsgewalt gar nicht erst entstehen zu lassen. Dazu empfiehlt es sich, schon zu Beginn eine gemeinsame Streitkultur zu entwickeln: Wie gehen wir mit Konflikten um? Wie bringen wir sie zu einem konstruktiven Ende? In schwierigen Zeiten ist der regelmäßige Austausch umso wichtiger. „Das Schweigen ist der Vorbereiter der Gewalt, weil es beim anderen unglaubliche Fantasien und Kränkungen auslöst“, warnt Haller. Zudem müssen von vornherein klare Grenzen gesetzt werden, Grenzverletzungen müssen Konsequenzen nach sich ziehen. „Werden die Ausbrüche des Partners oder der Partnerin immer wieder geduldet und verziehen, leistet man unbewusst einen Beitrag dazu, dass die Gewaltspirale nicht endet“, warnt Barbara Kavemann.

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Gesellschaft gefordert:
Aktiv gegen Männergewalt

„Gewalt im privaten Raum wird immer noch als Privatsache betrachtet“, betont die Berliner Soziologin Univ. Prof. Dr. Barbara Kavemann. Um ihr gegenzusteuern, genüge es nicht, sie zu thematisieren, die Gesellschaft müsse sich außerdem intensiv mit der Gewalt von Männern gegen Männer auseinandersetzen. „Männer, die nicht stark oder durchsetzungsfähig sind, erleiden unglaublich viele Niederlagen durch andere Männer“, sagt die Expertin. Derart gedemütigte Männer versuchen dann, sich zuhause und Frauen gegenüber zu profilieren. Dem lasse sich entgegenwirken, indem man Männergewalt ernst nimmt und männliche Gewaltopfer nicht länger stigmatisiert.

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Kinder als Leidtragende
Wenn Papa und Mama sich prügeln:

Wenn es zwischen Paaren zu Gewalt kommt, leiden Kinder ganz besonders. „Handelt es sich bei der Gewalttätigkeit um einen einmaligen Vorgang, weil zum Beispiel die Mutter zusammengeschlagen wurde, so hat das immer eine posttraumatische Belastungsstörung zur Folge“, erklärt der Vorarlberger Psychiater Prim. Univ. Prof. Dr. Reinhard Haller. Sind Kinder hingegen Opfer häufiger Auseinandersetzungen, so geraten sie in einen massiven Loyalitätskonflikt, zudem fühlen sie sich oft verantwortlich für den elterlichen Zwist. „Das wirkt sich auf die emotionale Entwicklung sehr belastend aus“, so der Psychiater. Seine Empfehlung? „Man sollte mit den Kindern das Erlebte unbedingt besprechen, um ihnen zu helfen, es zu verarbeiten.“
Neben der akuten Belastung hat die elterliche Gewalttätigkeit auch langfristige Auswirkungen: „Man kann beobachten, dass viele Kinder, die selbst Zeugen von Gewalt waren, diese Erfahrungen später in der eigenen Beziehung wieder herbeiführen“, so Haller. Wird die Gewaltspirale nicht unterbrochen, kann es sein, dass sie sich in den kommenden Generationen fortsetzt.

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„Medizin gegen Gewalt“

Von Dr. Susanne Lang

Im Gespräch mit MEDIZIN populär erläutert der Präsident der Österreichischen Ärztekammer MR Dr. Walter Dorner, die Bedeutung der aktuellen Initiative „MedPol“.

MEDIZIN populär
Herr Präsident Dorner, weshalb beteiligt sich die Österreichische Ärztekammer am Projekt „MedPol“?

MR Dr. Walter Dorner
Der Ärztekammer geht es darum, das sensible Thema Gewalt aus ärztlicher Sicht aufzuarbeiten. Gewalt ist ein großes Gesundheitsrisiko – sie macht krank und wird vielfach noch tabuisiert. Ärztinnen und Ärzte werden im Lauf ihres Berufslebens häufig mit Gewalt konfrontiert. Wir wollen den Ärztinnen und Ärzten helfen, mit solchen Situationen souverän umzugehen.

Welche Maßnahmen sind das konkret?
Wir haben die „akademie der ärzte“ mit der Entwicklung von Fortbildungsinhalten beauftragt, die allen Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung gestellt werden. Sie sollen auch die kleinsten Anzeichen von Misshandlung richtig deuten und neben der Behandlung der Opfer Maßnahmen zu deren nachhaltigem Schutz mittragen.  Wir wollen weiters ein zentrales Gewaltschutzregister einrichten, das verdächtige Verletzungen dokumentiert. Damit soll verhindert werden, dass z. B. Eltern, die ihre Kinder schlagen, nach jeder Misshandlung den Arzt wechseln und so unentdeckt bleiben. Für Gewaltopfer wünschen wir uns eine zentrale Anlaufstelle sowie eine enge Vernetzung von Ärzteschaft, Exekutive, Gerichten, sozialen Einrichtungen und Behörden, um Opfern von Gewalt bestmögliche Unterstützung zu bieten.

Was halten Sie von einer allgemeinen Anzeigenpflicht, wie sie zuletzt gefordert wurde?
Ich glaube nicht, dass man den Opfern damit einen Gefallen tut. Ärztinnen und Ärzte sind ohnehin verpflichtet, im Verdachtsfall Anzeige zu erstatten. Diese Pflicht auf alle Staatsbürger auszuweiten, halte ich für nicht zielführend, da auch Gewaltopfer betroffen wären. Und diese kann man nicht dazu zwingen, Misshandlungen anzuzeigen – wenn es sich beim Täter um ein Familienmitglied handelt, liegt die Hemmschwelle sehr hoch, zur Polizei zu gehen. Eine Anzeigenpflicht kann auch umgangen werden, indem man z. B. die Opfer abschottet und verhindert, dass sie von einem Arzt untersucht und behandelt  werden. Und das wäre ein großer Schaden.

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