„Atempause“

August 2011 | Psyche & Beziehung

Urlaub für psychisch Kranke
 
Koffer packen und ab in den Urlaub: Was für Gesunde ganz selbstverständlich ist, stellt für psychisch Kranke oft eine unüberwindliche Hürde dar. Dabei würde eine kleine Auszeit nicht nur Menschen mit Depressionen, Schizophrenie, Psychosen & Co äußerst gut tun, sondern auch deren Angehörigen. Das Projekt „Atempause“ macht diese Auszeit seit nunmehr zehn Jahren möglich.
 
Von Bettina Benesch

Was lernt man beim Wandern auf 2000 Metern Seehöhe? Gemeinschaft leben, Pausen genießen, körperliche Grenzen erfahren. Zum Beispiel. Vielleicht lernt man auch, die eigenen Grenzen auszudehnen. Was bringt das Baden auf Meeresniveau? Gemeinschaft leben, Pausen genießen, vielleicht auch körperliche Grenzen erfahren, über sich selbst hinauswachsen. Zwischen null und 2000 Metern ist einiges möglich, zeigen die Organisatoren des Projekts „Atempause“: Menschen mit Depressionen, Schizophrenie und anderen psychischen Erkrankungen gönnen sich und ihren Angehörigen eine Woche Auszeit.

An Urlaub denken  

Was lapidar klingt, ist eine schwierige Aufgabe, vor allem für Menschen mit psychischen Erkrankungen: „Ich habe zwar schon manchmal daran gedacht wegzufahren, aber allein bei der ÖBB anzurufen war mir aufgrund meiner Ängste nicht möglich“, erinnert sich Atempause-Urlauberin S. Was für gesunde Menschen keine große Sache ist – zum Telefon greifen und ein Zugticket buchen –, stellte für Frau S. aufgrund ihrer Angststörung und Sozialphobie eine unüberwindliche Hürde dar. Mit dem Anruf bei den ÖBB hören die Urlaubsvorbereitungen freilich nicht auf: Eine Unterkunft muss gebucht, das Programm geplant werden. Bei alldem soll man die Kosten nicht aus den Augen verlieren. Und dann noch packen. Urlaubsvorbereitungen sind anstrengend und stressreich – für psychisch gesunde Urlauber genauso wie für  psychisch erkrankte.
Mit einem Unterschied: „Wer zum Beispiel unter den Symptomen einer Psychose leidet, ist mit sich selbst derart beschäftigt, dass für Urlaubsplanung und -umsetzung keine Energie mehr übrig bleibt“, erklärt der Mediziner und Psychotherapeut Dr. Rudolf P. Wagner, Geschäftsführer der Gesellschaft „pro mente Wien“, die sich um psychische und soziale Gesundheit bemüht.

Auch der Ortswechsel bedeutet oft Stress: „Für jeden Menschen ist eine neue Umgebung eine Herausforderung. Für psychisch kranke Menschen kann eine neue Umgebung auch überfordernd sein – und Überforderung bewirkt oft eine Verschlechterung des Zustands“, erklärt Wagner. Auch die soziale Komponente spielt eine Rolle, schließlich ziehen sich viele Menschen mit psychischen Erkrankungen im Laufe der Jahre zurück. Das soziale Netz wird zusehends löchrig, der Umgang mit anderen Menschen immer schwieriger.

Den Urlaub organisieren

All diese Gründe haben „pro mente Austria“ dazu veranlasst, Urlaube für psychisch kranke Menschen anzubieten. Das war der Anfang des Projekts „Atempause“. Das Ziel war und ist es, Menschen mit psychischen Erkrankungen zu stärken: Sie verlassen ihre vertraute Umgebung, entwickeln dabei soziale Kompetenzen, werden selbstsicherer, entdecken ihre Genussfähigkeit und erleben Neues. Es geht um Rehabilitation, nicht primär um medizinische Therapie. Die Macher der „Atempause“ verstehen ihr Projekt als soziales Kompetenztraining mit therapeutischer Unterstützung; es geht darum, in unbekannter Umgebung selbstbestimmt zu handeln.

Das wichtigste Ziel des Projekts ist es denn auch, die Urlauber unabhängig von der „Atempause“ zu machen. Das Projekt soll einen ersten Anstoß geben. Im Idealfall bucht der Urlauber das nächste Mal nicht mehr bei „pro mente“, sondern im Reisebüro. Zuerst geht es womöglich wieder in die Tiroler Berge, das nächste Mal vielleicht an einen vollkommen neuen Ort.
Auf dem Weg dorthin werden die Urlauber von erfahrenen Fachleuten begleitet. Seit nunmehr zehn Jahren finden jährlich etwa zwölf Urlaubswochen für jeweils zehn bis zwölf Personen statt. Organisiert werden die Reisen von „pro mente Wien“ im Auftrag des Dachverbands „pro mente Austria“. Den finanziellen Aufwand für Organisation und Betreuung deckt der Sponsor Janssen-Cilag; erfolgt die Anreise per Bus, stellt Dr. Richard Austrobus vergünstigte Busreisen zur Verfügung. Die Urlauber übernehmen die Kosten für Anreise und Unterkunft, und sie kommen für die Ausgaben vor Ort auf.

Auf Urlaub sein  

Geurlaubt wird beispielsweise in den Tiroler Bergen, im ungarischen Bad Heviz oder an der kroatischen Küste. Jede Gruppe wird von zwei Betreuern begleitet: Der eine kümmert sich um das Programm, der andere sorgt für die psychosoziale Betreuung der Urlauber. Diese zweite Betreuungsperson ist entweder eine psychosoziale Fachkraft, also etwa ein Psychologe, oder ein sogenannter „peer specialist“. Darunter versteht man eine Person, die sich in der betreffenden Gruppe bewegt (peer = Gleichgestellter). Im Fall der „Atempause“ ist das ein Mensch, der selbst eine psychische Erkrankung hat oder hatte und der Gruppe sein Wissen und seine Erfahrung zur Verfügung stellt.
Der Erlebnispädadoge ist für das Programm zuständig. An einem typischen Urlaubstag sind zwei Programmpunkte vorgesehen, die jeweils etwa drei Stunden dauern: Wanderungen, Bootsfahrten, Radausflüge, Malstunden oder Museumsbesuche. Die Pädagogen ziehen einen Spannungsbogen über die Woche, mit einem Höhepunkt gegen Ende des Urlaubs, etwa ein besonderes Ausflugsziel oder ein Stadtrundflug mit einer Ein-Propeller-Maschine. Wer keine Lust hat auf Museum oder Flugzeug, der bleibt zu Hause. Das Konzept der Atempause sieht ausdrücklich auch Rückzugsmöglichkeiten vor.
Die Urlaubsgruppe ist mit etwa zehn Personen gerade einmal so groß, dass man verschiedenen Menschen begegnen kann – und dabei klein genug, um den Urlaubern das Gefühl zu geben, Teil einer Gruppe zu sein. Niemand verliert sich in der Menge. Ähnlich verhält es sich mit der Dauer des Urlaubs: Eine Woche reiche aus, um die nötigen Effekte zu erzielen, sagt Wagner: „Dieser Zeitraum ist lang genug, um auch Phasen der Gruppenfindung zu erleben.“ Zwei oder drei Wochen dagegen würden die Klienten überfordern.

Vom Urlaub profitieren  

Die Urlauber kommen von den „Atempausen“ nicht nur erholt zurück, sondern insgesamt gestärkt und selbstbewusst: „Sie haben erfahren: Ich kann’s!“, sagt Rudolf Wagner: „Ich kann mich in einer neuen Umgebung bewegen, ich kann Dinge machen, die ich mir vorher nie zugetraut hätte.“ Die Urlauber lernen auch, sich in einer Gruppe zu bewegen, sie lernen, sich abzustimmen und zeitliche Rahmenbedingungen zu akzeptieren: Der Bus zum Museum fährt pünktlich um 10.00 Uhr ab. Wer zu spät kommt, fährt nicht mit.

„Es sind praktische soziale Erfahrungen, die die Menschen in den Alltag mitnehmen“, erklärt Wagner. „Dieser Urlaub war meine erste eigene größere Herausforderung, die ich alleine, ohne meine Eltern bewältigte“, sagt Frau S., zum Zeitpunkt der Urlaubs 24 Jahre alt. „Mittlerweile wohne ich sogar in einer eigenen Wohnung, was ein wichtiger Schritt für mich war.“
Das also lernt man beim Wandern auf 2000 Metern Seehöhe und beim Sonnenbaden am Meeresstrand. Kaum einer der Teilnehmer hat bisher darauf verzichtet, das Urlaubs- und Lernprogramm komplett durchzuziehen: Von insgesamt knapp 1200 Teilnehmern brachen in den vergangenen zehn Jahren 16 den Urlaub ab. Auch die Stadt Wien zeigte sich begeistert und zeichnete das Projekt im Jahr 2006 mit ihrem Gesundheitspreis aus.

Webtipp:
Weitere Informationen: https://www.atempause.at

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