Trauer: Warum sie wieder salonfähig werden sollte

November 2011 | Psyche & Beziehung

Es tut so weh, wenn man verliert
 
Immer gut drauf sein und immer funktionieren müssen, das verlangt die Gesellschaft heute von ihren Mitgliedern. Traurigsein und Trauern – diese Gefühlsregungen werden schnell ins krankhafte Eck geschoben, obwohl sie wesentlich für die seelische Gesundheit sind.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Der kollektive Friedhofsbesuch zu Allerseelen ist einer der wenigen Überreste unserer Kultur, in der Tod und Trauer zur Schau getragen werden. Ansonsten tut sich unsere Gesellschaft sehr schwer damit. Die Frage nach dem Warum beantwortet Dr. Adelheid Gassner-Briem, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie in Feldkirch, so: „Diese Themen werden heute deshalb tabuisiert, weil wir zu leben versuchen, als könnten wir ewig jung, kräftig und erfolgreich bleiben.“
Doch irgendwann holt die Realität jeden ein. Viele trifft es unvorbereitet, sie sind mit der plötzlichen Gefühlsaufwallung überfordert. Dabei müsste der Mensch eigentlich im Trauern geübt sein, denn es ist die unausbleibliche emotionale Reaktion auf einen ernsten Verlust. Gassner-Briem: „Den Abschiedsschmerz fühlen wir schon bei der Geburt, wenn wir den Mutterleib verlassen. Er begleitet uns das ganze Leben hindurch – nicht nur wenn wir nahestehende Menschen durch Tod, Trennung oder Scheidung verlieren.“ Wir betrauern etwa die Ideale unserer Jugend, die sich mit wachsender Erfahrung als Illusion erweisen, beklagen den Verlust materieller Güter, der uns Beschränkungen auferlegt. Mütter und Väter müssen ihre Kinder in die Welt entlassen, ältere Menschen kommen neben Haaren und Zähnen allmählich auch Seh- und Hörvermögen abhanden. „Es tut so weh, wenn man verliert“, spricht der Austropopper Reinhard Fendrich mit einem seiner Lieder allen Trauernden aus der Seele.

Schmerzliche Realität

In der Psychologie war Sigmund Freud einer der ersten, der sich dem Thema systematisch widmete. In seinem Aufsatz „Trauer und Melancholie“ von 1917 definiert er Trauer als nichtkrankhaften Zustand, der alle Besonderheiten einer Melancholie (Depression) aufweist. Der Unterschied besteht darin, dass bei der Trauer nach einer gewissen Zeit der Alltag wieder normal bewältigt werden kann, während bei der Depression die schmerzlichen Verlustgefühle sich anhaltend manifestieren und oft nicht mit einem realen Verlusterlebnis begründet werden können.
Mit der Einführung des Begriffes „Trauerarbeit“ ermöglichte Freud eine völlig neue Sichtweise. Seither wird Trauer nicht bloß als Reaktion gesehen, deren Abklingen im Sinne von „Die Zeit heilt alle Wunden“ einfach nur abgewartet werden muss, sondern man versteht das Trauern als einen aktiv zu gestaltenden Prozess. Dazu Mag. Hedwig Seczer, Psychotherapeutin in Hainburg an der Donau und Bruck an der Leitha: „Nach dem Verlust eines geliebten ,Objektes‘ bestehen weiterhin intensive Gefühle für dieses Objekt. Es bindet psychische Energie, die nicht für den Aufbau neuer Bindungen zur Verfügung steht. Der Mensch sträubt sich jedoch dagegen, diese Energie vom verlorenen Objekt abzuziehen, er kann die schmerzliche Wirklichkeit nur langsam in kleinen Schritten zur Kenntnis nehmen.“ Genau darin besteht nach Freud die Trauerarbeit, nach deren Vollendung das Ich wieder frei und ungehemmt ist. Geht die Trauer aber in eine Depression über, bleibt das Ich eingeschränkt. „Der Sinn der Trauer aus psychoanalytischer Sicht ist somit die Anerkennung der schmerzlichen Realität“, resümiert Seczer.
Evolutionsbiologisch hat das Gefühl der Trauer Sinn, weil der Mensch für ein Überleben als Einzelwesen nur dürftig ausgestattet ist. Daher wohnt uns ein starkes Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Bindung inne und wir verfügen über ein Motivationssystem, das Bindung mit positiven Emotionen belohnt, die Auflösung von Bindungen dagegen mit negativen Gefühlen verbindet.

Gefühle der Ohnmacht

Üblicherweise ist Trauer mit Schmerz und Kummer verbunden – mit Gefühlen, die Weinen hervorrufen. Die Abläufe im Körper sind komplex: Viele Hirnregionen, Nervenbahnen und Hormone sind aktiv, wenn Tränen in die Augen treten. Weinen wird oftmals als befreiend empfunden, die Fähigkeit dazu ist allerdings individuell unterschiedlich entwickelt. Gassner-Briem: „Es gibt Menschen, die sozusagen nahe am Wasser gebaut sind, und andere, die ihre Emotionen stark kontrollieren und häufig auch darunter leiden, dass sie nicht weinen können.“ Beispielsweise gehört es weiterhin zum anerzogenen Sozialverhalten des Mannes, dass er sich – selbst in quälendem Seelenschmerz – stark zeigen muss.
Darüber hinaus ist nicht jede Ursache von gezeigter Trauer gesellschaftlich akzeptiert. „Widrige Empfindungen, angefangen vom Bauchweh bis hin zu schweren Erkrankungen, werden auf Facebook, Twitter und Co eingehend kommentiert. Auch das öffentliche Weinen ist kein Zeichen von Schwäche mehr – wenn die Tränen dem Verlust eines geliebten Wesens gelten“, sagt Seczer. Weint man jedoch nach einer ungerechten Behandlung durch den Chef oder wegen der Kränkung durch einen Kollegen, wird man schnell zum Weichling gestempelt.
Grundsätzlich erfolgt in der Trauer eine Auseinandersetzung mit Ohnmachtsgefühlen. Der Mensch erlebt sich in seiner Kleinheit gegenüber einer mächtigen Umwelt und wird sich seiner eigenen Begrenztheit und Vergänglichkeit bewusst. Seczer: „Auch Schuldgefühle und Schuldzuweisungen sind dann normal, weil man glaubt, irgendjemand oder irgendetwas – der richtige Spezialist oder mehr Zuwendung – hätte den geliebten Menschen retten können.“ All diese Gefühle müssen in der Trauer ausgehalten und ins Weiterleben integriert werden.

Heilende Handlungen

Dabei können Trauerrituale helfen. Sie sind als symbolische Handlungen zu verstehen, die dem Leben einen Rahmen geben, der auch dann hält, wenn etwas im Inneren zerbricht. Friedhofsbesuche, das Tragen von Trauerkleidung oder regelmäßiges Wallfahrten sind Beispiele dafür. „Man kann auch neue Gewohnheiten in den Alltag einbringen, etwa bestimmte Musik hören oder eine Zeitlang auf einen besonderen Genuss verzichten“, rät Seczer, und Gassner-Briem ergänzt: „Für viele ist die tägliche Arbeit eine willkommene Abwechslung.“
Beide Expertinnen warnen jedoch davor, sich Trauerritualen zu bedienen, um den Menschen so schnell wie möglich wieder funktionstüchtig zu machen. Eine solche Instrumentalisierung degradiert Trauerarbeit zur Akkordleistung, die lediglich dazu dient, Produktionsausfälle auf ein Minimum zu reduzieren. Vielmehr muss die Gesellschaft Trauernden Zeit zugestehen, damit sie ihre Energie für ihr Seelenwohl aufwenden können. Denn aus bewältigter Trauer gehen wir als veränderte, gestärkte Individuen hervor – als gewachsene und gereifte Persönlichkeiten.

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Trauer-Tipps

Trauernden rät Dr. Adelheid Gassner-Briem:

Gefühle annehmen.
Erlauben Sie sich Ihre eigenen Emotionen und gestatten Sie sich zu weinen. Das Bemühen, mit aller Kraft stark zu sein, schadet Ihnen.

Gespräche suchen.  
Reden Sie mit Familienmitgliedern oder Freunden über Ihren Verlust. Das tröstet nicht nur, sondern festigt auch die Bindung zwischen den Hinterbliebenen.

Rituale finden.
Täglich wiederkehrende Handlungen wie beispielsweise der Gang zum Friedhof oder das Anzünden von Kerzen helfen, den Verlust anzuerkennen und damit leben zu lernen.

Zeit lassen.
Trauerreaktionen sind unterschiedlich lang und ­intensiv. Versuchen Sie nicht, Ihren persönlichen Trauerprozess zu beschränken, sondern gönnen Sie sich die Ihnen gemäße Auszeit.

Hilfe holen.
Wenn Sie bemerken, dass Sie über Ihrem Kummer das eigene Selbst verlieren und die Trauer in eine Depression übergeht, suchen Sie fachärztlichen Rat und psychotherapeutische Begleitung.

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Angehörigen und Freunden von Trauernden rät die Expertin:

Emotionen zulassen.
Geben Sie Trauernden die Gelegenheit, ihre Gefühle und Tränen zu zeigen. Falsche Ratschläge wie „Nimm dich zusammen!“ oder „Gönn dir ein Vergnügen!“ schaden dem Gegenüber und behindern dessen Trauerarbeit.

Trost spenden.
Zeigen Sie mit kleinen Aufmerksamkeiten wie einem Anruf, einem E-Mail oder kurzen Besuch Verbundenheit in der Not. Signalisieren Sie: „Ich bin für dich da.“

Zuhören statt reden.
Stilles Mitgefühl und stumme Zuwendung bedeuten oft mehr als Worte. Mit oberflächlichem Trost („Glücklicherweise ist sonst nichts passiert“) und leeren Redensarten („Das Leben geht weiter“) ist Trauernden jedenfalls nicht gedient.

Geduld aufbringen.
Messen Sie den seelischen Schmerz von anderen nie mit eigenen Maßstäben. Bedenken Sie, dass auch Liebeskummer, Trennung, Kündigung oder eine Fehlgeburt Verlusterfahrungen sind, die unterschiedlich heftige Trauerreaktionen auslösen.

Achtsam sein.
Trauernde leiden an Wochenenden, Feiertagen und vor allem Jahrestagen besonders stark. Speziell bei betroffenen jungen oder alten Menschen besteht dann erhöhte Suizidgefahr.

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