Medizin, die schmeckt

November 2012 | Ernährung & Genuss

So essen Sie sich gesund
 
Von Bluthochdruck bis Sodbrennen – die dramatische Zunahme von Lebensstilerkrankungen in unseren Breiten zeigt: Unsere Nahrung und unser Essverhalten machen uns krank. Doch so wie falsche Ernährung eine Reihe von Krankheiten zumindest mitverursachen kann, kann richtige Nahrung dazu beitragen, Leiden zu lindern oder sogar zu heilen.
In MEDIZIN populär verraten Experten, wie Sie sich gesund essen können.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Das Wissen um die Ernährung als Medizin, die schmeckt, hat in letzter Zeit stark zugenommen, beobachten Experten. „Eine Umfrage unter Krebspatienten ergab, dass 70 Prozent ihr Essverhalten ändern wollen, weil sie aktiv zu ihrer Heilung beitragen möchten“, berichtet etwa Ass. Prof. Dr. Irene Kührer, Fachärztin für Interne Medizin, Hämatologie und Onkologie in Wien. Die richtige Ernährung bei Krankheit stärkt – neben den notwendigen medikamentösen Therapien – nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche: Schließlich bedeutet Nahrungsaufnahme auch Genuss und Lebensfreude. Gesund und ausgewogen zu essen, fördert außerdem das Selbstbewusstsein: „Etwas für die eigene Gesundheit zu tun, ist wichtig für die Menschen – erst recht in Zeiten der Krankheit“, betont Irene Kührer.
Fürs „Sich-Gesund-Essen“ gilt im Übrigen das Gleiche wie fürs „Sich-Krank-Essen“: Mehr als einzelne Nahrungsmittel fallen die Ernährungs- und die Lebensweise generell ins Gewicht. „Alle ernährungsbedingten Erkrankungen sind letztendlich auf ein Missverhältnis von Energiemenge und einzelnen Nährstoffgruppen zurückzuführen“, betont die Präsidentin des Verbandes der Diaetologen Österreichs Prof. Andrea Hofbauer. Eine ausgewogene Mischkost mit viel Obst und Gemüse gibt die grobe Marschrichtung vor. Zu den besonders potenten Gesundmachern zählen dabei die sekundären Pflanzenwirkstoffe mit ihrer anti-entzündlichen Wirkung. „Entzündungsprozesse sind schließlich aller Krankheiten Anfang“, erklärt Kührer und zeigt gemeinsam mit anderen Experten auf, wie die richtige Ernährung bei den zehn wichtigsten Lebensstilerkrankungen helfen kann:

Bluthochdruck

Salzarme, pflanzliche Kost wirkt ausgleichend

Von hohem Blutdruck, der auf Dauer die Gefäße, Herz und Hirn schädigt, ist in Österreich jeder Dritte betroffen. „Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass eine salzärmere Kost als wirksame Maßnahme bei Bluthochdruck eingesetzt werden kann“, betont der Ernährungsmediziner und Internist Prim. Univ. Doz. Dr. Raimund Weitgasser vom Diakonissen-Krankenhaus Salzburg. Die Salzmengen reduziert, wer beim Würzen verstärkt zu Kräutern und Gewürzen greift und Fleisch-, Wurstwaren sowie Fertiggerichte meidet. Die mediterrane Mischkost mit Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten ist das potente Gegenmittel, mit dem sich „womöglich die Dosis der Medikamente reduzieren lässt“, sagt Weitgasser. „Man sollte mehr pflanzliches als tierisches Eiweiß essen und komplexen Kohlenhydraten wie Vollkornbrot den Vorzug geben.“ Irene Kührer ergänzt: „Studien zeigten außerdem, dass Phytoöstrogene, die in mehrfach ungesättigten Ölen wie Raps- oder Walnussöl vorkommen, einen günstigen Einfluss auf Bluthochdruck und das Herzkreislaufsystem haben.“

Diabetes mellitus
Vollkornprodukte halten Blutzucker niedrig

Jeder Zehnte leidet hierzulande an Diabetes Typ 2, der in erster Linie auf das Konto von zuviel Fett und Zucker, oft in Kombination mit Übergewicht und Bewegungsmangel, geht. Statt einer speziellen „Diabetesdiät“ empfehlen die Experten auch hier eine mediterrane Mischkost mit Gemüse, Blattsalaten, Getreide, magerer Milch und Milchprodukten, Fisch; Pflanzenöle wie Oliven-, Raps- oder Kürbiskernöl runden den Speiseplan ab. „Auch sekundäre Pflanzenwirkstoffe wie das Resveratrol in Weintrauben oder die Omega-3-Fettsäuren in Nüssen sind sehr günstig“, ergänzt Raimund Weitgasser. Der Anteil an rasch resorbierbaren Kohlenhydraten in Zucker, Süßigkeiten oder Weißmehlprodukten sollte zu Gunsten komplexer Kohlenhydrate, z. B. in Vollkornbrot, reduziert werden. „Letztere führen zu einem geringeren Blutzuckeranstieg“, erklärt der Arzt. Bei übergewichtigen Diabetikern, bei welchen die Hauptursache für den hohen Blutzucker ein schlechtes Ansprechen auf das Insulin ist, ist Abnehmen die wichtigste Therapiemaßnahme. „Dadurch könnte man öfter auch ohne Medikament auskommen“, ermutigt der Mediziner.

Gicht
Obst und Gemüse senken Schmerzen

Ein bis zwei Prozent der Österreicher leiden an Gicht. In der Ernährung werden vor allem Purine – organische Verbindungen, bei deren Abbau Harnsäure entsteht – für das Problem verantwortlich gemacht. „Die Harnsäure kristallisiert im Blut aus und lagert sich in den Gelenken, mitunter auch in Organen wie der Niere ab“, präzisiert Diaetologin Hofbauer. „Das führt zu schmerzhaften Schwellungen und Gichtanfällen.“ Die ausgleichende Kost: viel Gemüse und Obst, fettarme Milch und Milchprodukte, Vollkornprodukte und Hühnereier. In einer neuen Studie konnten Forscher feststellen, dass Vitamin C den Harnsäurespiegel im Blut senkt. Stark einschränken sollte man den Verzehr von tierischen Produkten, insbesondere von Innereien und rotem Fleisch. Auch Alkohol ist ungünstig, weil er die Harnsäureausscheidung hemmt. Die Chancen, die Krankheit mit der richtigen Kost in den Griff zu bekommen, sind sehr gut, sagt Weitgasser. „Steckt jedoch eine Störung des Stoffwechsels dahinter, braucht es mitunter dauerhaft Medikamente, um den Harnsäurespiegel zu senken.“

Herzkreislauf-Erkrankungen
Omega-3-Fettsäuren reduzieren Gefäßablagerungen

Herzkreislauf-Erkrankungen sind hierzulande das gesundheitliche Problem Nummer eins und die häufigste Todesursache. Wenn Fett sich an den Gefäßen ablagert, führt dies zur Arteriosklerose – dem Wegbereiter für Herzinfarkt, Schlaganfall & Co. Auf der „schwarzen Liste“ in der Küche sollten vor allem fettreiche Nahrungsmittel stehen.
„Besonders gesättigte Fettsäuren, welche etwa in fettreichen tierischen Lebensmitteln vorkommen, bewirken einen Anstieg des LDL-Cholesterins, das sich an den Gefäßwänden der Arterien ablagert“, verdeutlicht Andrea Hofbauer.
Mit der Zufuhr der richtigen Fette steuert man den krankmachenden Prozessen effektiv entgegen. In Raps-, Hanf- oder Leinöl sowie in Fischen wie Lachs oder Makrele sind wertvolle Omega-3-Fettsäuren enthalten. „Sie hemmen und mildern die Ablagerung der Blutplättchen in den Arterien“, sagt Internistin Irene Kührer. Auf diese Weise lasse sich Arteriosklerose nicht nur stoppen, sondern sogar zurückbilden. Einen besonderen Gefäß- und Herzschutz bieten zudem Obst und Gemüse, wie die aktuelle Interheart-Studie aus Kanada bestätigt. Besonders günstig: Flavonoide in Trauben, Kirschen, Beerenobst etc.: „Sie wirken sie sich positiv auf das Blutgerinnungs- und Entzündungssystem im  Körper aus und senken das Herzkreislaufrisiko“, betont Kührer.

Osteoporose
Kalzium und Vitamin D stärken Knochen

Eine unzureichende Kalziumzufuhr gilt als die Hauptursache für Osteoporose, dem „Knochenschwund“ – rund 600.000 Österreicher sind betroffen. „Neben genetischen Faktoren trägt bei der Entstehung sehr oft der Lebensstil dazu bei“, sagt Andrea Hofbauer. Das Risiko dafür steigt ab dem 30. Lebensjahr, wenn die Knochenbildung abgeschlossen ist. „Die Ernährungsberichte für Österreich zeigen, dass gerade die Kalziumzufuhr bei Menschen ab dem 50. Lebensjahr reduziert ist, also genau dann, wenn Kalzium besonders benötigt wird“, berichtet Raimund Weitgasser. „Kalzium ist in Milchprodukten, Vollkornbrot und bestimmten Gemüsesorten reichlich enthalten.“ Die benötigte Dosis von rund einem Gramm erreicht, wer über den Tag verteilt z. B. ein Glas Milch trinkt, zwei Scheiben Emmentaler isst und eine Portion Brokkoli verzehrt. Um das Kalzium in die Knochen einzubauen, braucht es außerdem Vitamin D, das der Körper bei ausreichend Sonnenlicht selbst bilden kann; ansonsten empfiehlt sich die Gabe von Vitamin D-Tropfen. „Vitamin D steckt auch in Fisch, Eiern, Käse“, sagt der Ernährungsmediziner.

Rheuma
Pflanzenöle hemmen die Entzündung

Zwei Millionen Österreicher leiden an einer rheumatischen Erkrankung. Diese allein durch Ernährung in den Griff zu bekommen ist Experten zufolge schwierig. „Es gibt keine wirkliche Rheumaernährung“, sagt Weitgasser. „Entzündliche Rheumaprozesse können jedoch durch eine gesunde Ernährung, die keine freien Radikale erzeugt, reduziert werden.“ Konkret ist das eine vegetarisch betonte Kost mit viel Obst und Gemüse: Günstig, weil antioxidativ wirksam, sind z. B. Kirschen, rote Beeren, Äpfel, Blaukraut, Weintrauben, Hülsenfrüchte wie Erbsen und Bohnen, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch. Wichtig ist auch hier die Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren in Form von Pflanzenölen wie Raps-, Oliven- oder Leinöl. „Omega-3-Fettsäuren hemmen die rheumatischen Entzündungsprozesse, während gesättigte Fettsäuren etwa im Fleisch die Entzündungen begünstigen und die Beschwerden verstärken können“, sagt Hofbauer.

Sodbrennen
Übergewicht abbauen und „leicht“ essen
 
Jeder fünfte Österreicher kämpft mindestens einmal pro Woche mit Refluxsymptomen. Sodbrennen, ein Brennen in Hals oder Oberbauch, ist die bekannteste Begleiterscheinung von Reflux, dem Rückfluss von Magen- oder Gallensäure in die Speiseröhre. Ursachen sind die falsche Kost, Stress, Übergewicht. „Durch Übergewicht steigt der Druck im Bauch, sodass Magensäure in die Speiseröhre zurückfließt“, verdeutlicht Raimund Weitgasser. Die wichtigsten Maßnahmen: Gewicht abbauen und mehrere kleine anstatt weniger großer Mahlzeiten essen. Auch empfiehlt sich eine leichte Vollkost. „Man sollte darauf achten, dass die Nahrungsmittel nicht zu fett- und zuckerreich sind und dass bei der Zubereitung keine Röstprodukte entstehen“, sagt Andrea Hofbauer. Dazu kommt es z. B. beim Grillen oder scharfen Anbraten von Speisen. Neben Süßigkeiten können Kaffee, Alkohol und sehr kalte oder heiße Speisen den Reflux verstärken. „Als Getränke eignen sich Wasser, mildes Mineralwasser oder Kräutertee“, so die Diaetologin. Weil nicht jeder auf dieselben Lebensmittel mit Beschwerden reagiert, sollte man eine Zeitlang ein Ernährungstagebuch führen.

Darmträgheit
Ballaststoffe und Flüssigkeit kurbeln Darm an

Unregelmäßiger Stuhlgang, Schmerzen bei der Darmentleerung, Blähungen: „Die chronische Verstopfung lässt sich oft auf Lebensstilfehler – mangelnde Bewegung, zu wenig Flüssigkeit sowie eine ballaststoffarme Kost – zurückführen“, sagt Hofbauer. „Kommt die Ballaststoffzufuhr zu kurz, beeinträchtigt dies die Darmtätigkeit.“ Neben Ballaststoffen sollte man ausreichend Flüssigkeit zuführen, auch Sauermilchprodukte können den Darm in Schwung bringen. Die Empfehlungen gelten aber nicht für alle Patienten, warnt Weitgasser: „Wenn Darmdivertikel, also Aussackungen der Darmwand, Ursache für die Verstopfung sind, kann es sein, dass Ballaststoffe in größerer Menge das Problem sogar verschlimmern.“
Abgesehen davon konnten aktuelle Studien die Bedeutung der Ballaststoffe für den Darm belegen: „Es zeigte sich, dass Ballaststoffe als Energiequelle gebraucht werden, um eine gesunde Darmflora zu erhalten“, sagt Kührer. Und eine gesunde Darmflora stärkt das gesamte Immunsystem.

Krebs
Pflanzenkost verhindert Wachstum und stärkt Immunsystem

Krebs, in Österreich die zweithäufigste Todesursache, wird vielfach durch die Ernährung mitverursacht, weiß die Krebsspezialistin Irene Kührer: „Eine heuer publizierte Studie ergab, dass in 30 bis 50 Prozent der Krebsfälle eine Diät- und Ernährungsursache zugrunde liegt.“ Zu den essbaren Krankmachern zählen insbesondere Fettsäuren in rotem Fleisch, Fertigprodukte wie mehrfach verarbeitetes Fleisch, Milch und Milchprodukte, wenn sie sehr fettreich sind, sowie Transfettsäuren. Dickdarm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs bringt man insbesondere „mit dem metabolischen Syndrom und einer erhöhten Zucker- und Fettzufuhr in Verbindung“, ergänzt Raimund Weitgasser.
Potenzieller Gesundmacher ist eine obst- und gemüsebetonte Mischkost. „Studien zeigen, dass Vitamine kombiniert mit sekundären Pflanzenwirkstoffen freie Radikale fangen und damit das Krebswachstum reduzieren“, sagt Kührer. Besonders günstig sind Flavonoide in Äpfeln, Trauben, Beerenobst, Kohl, Auberginen, schwarzem und grünem Tee. Gut wirksam sind weiters Carotinoide, z. B. in Paprika, Kürbis, Karotten. Hochwirksame Krebshemmer sind außerdem die Aromastoffe, Glukosinulate, in scharf riechendem Gemüse wie Radieschen, Kresse und den Kohlarten. Mit der richtigen Kost lassen sich auch viele Symptome während der Krebstherapie, z. B. Durchfall oder Appetitlosigkeit, ausgleichen. Ist das Geschmacksempfinden durch die Chemotherapie eingeschränkt, empfiehlt sich das Würzen mit den reinen aromatischen Ölen aus den verschiedenen Gewürzpflanzen. „Studien haben gezeigt, dass die Einhaltung der Ernährungsmaßnahmen während einer medikamentösen Therapie die Erkrankung positiv beeinflussen kann und außerdem das gesamte Wohlbefinden verbessert“, berichtet Raimund Weitgasser.    

Fruktosemalabsorption
Vorübergehende Abstinenz hilft überfordertem Körper

Bei den Betroffenen verursacht der Fruchtzucker in Trauben, Äpfeln, Birnen Blähungen, Durchfall, Bauchkrämpfe: Bei der stark zunehmenden Fruktosemalabsorption ist die Verwertung von Fruchtzucker beeinträchtigt, weil bestimmte Transportsysteme im Dünndarm fehlen. „Dieser Defekt kann angeboren oder erworben sein. Fruktose ist heutzutage in vielen Produkten enthalten und die Aufnahme ist erhöht“, nennt Hofbauer eine mögliche Ursache. Aufgrund von Überforderung reagiert der Körper mit den genannten Symptomen. Wichtigste Maßnahme: das Reduzieren bzw. Weglassen fruktosehältiger Lebensmittel wie Fruchtsäfte, Obst. „Trockenobst sollte man ganz meiden, weil Fruchtzucker hier noch konzentrierter enthalten ist“, betont Hofbauer. Weil die Betroffenen meistens auch den Zuckeraustauschstoff Sorbit schlecht vertragen, sollte man Nahrungsmittel mit Sorbit, der z. B. in bestimmten Getränken oder Kaugummi vorkommt, ebenfalls weglassen. Die gute Nachricht: „Meist gilt die Abstinenz nicht für den Rest des Lebens“, beruhigt Raimund Weitgasser. „Nach einigen Monaten mit fruktosearmer Nahrung wird Fruchtzucker in geringen Mengen häufig wieder gut vertragen.“
    

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