Lärm: Der unterschätzte Krankmacher

April 2012 | Leben & Arbeiten

Während sich immer mehr Österreicher von Lärm belästigt fühlen, weiß die medizinische Forschung immer mehr darüber, wie schädlich Lärm für die Gesundheit ist. Und doch werden die Auswirkungen dieses Umweltproblems nach wie vor unterschätzt.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Die Erhebungen der Statistik Austria zeigen es deutlich: Lärm wird zunehmend als Problem empfunden. Laut den jüngsten Mikrozensus-Daten aus 2007 fühlen sich 38,9 Prozent der Österreicher in ihrer Wohnung durch Lärm belästigt, vier Jahre davor haben sich „nur“ 29,1 Prozent am Krach der anderen gestört.
Lärm – das sind ja immer die anderen. Die Musik aus der Nebenwohnung, der Rasenmäher aus Nachbars Garten, das Gelächter aus dem Schanigarten vis-à-vis, das Telefonat des Kollegen im Großraumbüro, die Flugzeuge, die die anderen in den Urlaub fliegen, die Autos, in denen die anderen selbst nachts noch am Schlafzimmerfenster vorbeibrausen. „Lärm ist akustischer Abfall“, verdeutlicht Assoz. Prof. DI Dr. Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner an der Medizinischen Universität Wien, das Problem: „Lärm ist Schall, der unerwünscht ist, belästigt, stört und krank machen kann.“

Ohren schlagen Alarm

Dass Lärm krank machen kann, fußt auf immer mehr fundierten Erkenntnissen der medizinischen Forschung. „Wir wissen heute, dass Lärm die Gesundheit noch viel stärker beeinträchtigten kann, als bisher angenommen“, so Hutter. Dabei ist es längst nicht nur die Hörfähigkeit, die von ohrenbetäubenden Geräuschkulissen zunehmend geschädigt wird (siehe unten: „Jeder dritte Jugendliche hat Hörschäden“). Was die Mediziner mindestens ebenso beunruhigt, sind die Folgen von Lärmbelastungen auf den gesamten Organismus, Seele inklusive. In einem aktuellen Bericht des Regionalbüros für Europa der Weltgesundheitsorganisation WHO wird (Verkehrs-) Lärm gleich nach der Luftverschmutzung als zweitgrößter Krankmacher unter den Umweltproblemen gelistet: Auf sein Konto, so die Analyse, geht in Europa jedes Jahr mindestens eine Million gesunde Lebensjahre.
Das Gefährliche am Lärm: Selbst wenn er bewusst nicht als störend empfunden wird, entfaltet er seine schädigende Wirkung. Weil unsere Ohren – natürlichen Alarmanlagen gleich – Tag und Nacht auf Empfang gestellt sind, gerät der Körper durch jedes laute Geräusch in einen Alarmzustand: „Stresshormone wie Kortisol werden ausgeschüttet, Blutdruck, Herz-, Atemfrequenz sowie Muskelspannung werden erhöht, damit der Körper für Kampf oder Flucht bereit ist. In Zeiten, in denen sich der Mensch noch vor wilden Tieren schützen musste, war es überlebensnotwendig, so auf verdächtige Geräusche zu reagieren“, erklärt Hutter. Was einst dem Überleben diente, wird heute zur zunehmenden Lebensgefahr: „Der Lärmstress ist ein grob unterschätztes Gesundheitsproblem“, so Hutter. Insbesondere der Verkehrslärm, der auch nachts keine Ruhe gibt, führt dazu, dass der Mensch ständig auf Stand-by geschaltet ist. So wird die Aktivierung des Körpers, die den Kampfgeist für kurze Zeit wecken soll, zum Dauerzustand – und das heißt zum Dauerstress. Für (Dauer-) Stress sorgt der Lärm auch dann, wenn er nicht bewusst wahrgenommen wird. „Selbst wenn man während des Schlafs nicht aufwacht, melden die Ohren laute Geräusche ans Gehirn weiter, und der Organismus wird aktiviert. Die Folgen sind eine messbar verstärkte Herzaktivität und eine Verschiebung der Schlafphasen. Das heißt: Wir schlafen weniger tief und erholen uns nicht so gut“, erläutert Hutter.

Lärmstress geht zu Herzen

Schlafstörungen mit allen bekannten Konsequenzen von Diabetes bis Übergewicht sind aber bei weitem nicht die einzigen gesundheitlichen Auswirkungen von Lärmstress. Neueren Erkenntnissen zufolge greifen die stressbedingten hormonellen Veränderungen auch das Immunsystem an. „Ein abwehrgeschwächter Organismus ist nicht nur anfälliger für Allergien, die Immunschwäche verstärkt unter anderem auch die Wirkung von Luftschadstoffen bei der Entstehung von Asthma und chronischer Bronchitis“, verdeutlicht Hutter. Gut erforscht sind mittlerweile die Folgen von erhöhter Lärmbelastung für die kindliche Entwicklung. „Kindern, die an stark befahrenen Straßen oder in der Nähe von Flughäfen aufwachsen, fällt das Lernen deutlich schwerer“, sagt Hutter. Mit dem Lärmpegel steigt darüber hinaus der Aggressionspegel. Hutter: „Untersuchungen zufolge ist die Gewaltbereitschaft der Menschen, die in stark lärmbelasteten Gebieten leben, höher, ihre Hilfsbereitschaft geringer.“
Eine Studie, die im Umfeld eines deutschen Flughafens mit Nachtflugbetrieb durchgeführt wurde, legt nahe, dass auch psychische Erkrankungen in Zusammenhang mit Lärmbelastungen stehen können: Den Ergebnissen zufolge nehmen die Bewohner im Umfeld des Flughafens deutlich mehr Mittel zur Beruhigung (Tranquillizer) sowie zur Behandlung von Depressionen (Antidepressiva) – aber auch zur Therapie von Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Dass Lärmstress zu Herzen geht, weil er den Blutdruck und die Blutfettwerte erhöht, ist schon länger Gegenstand der Forschung. Hutter: „Aus einer groß angelegten Studie zum Beispiel wissen wir, dass Menschen, die über einen längeren Zeitraum einem Straßenverkehrslärm von im Schnitt über 60 Dezibel untertags und 50 Dezibel während der Nacht ausgesetzt sind, ein deutlich erhöhtes Herzinfarktrisiko haben. Deutsche Experten führen heute bereits drei Prozent der Herzinfarkte auf Lärm zurück“, weiß Hutter.

Lärmerregte & Lärmerreger

All diese alarmierenden Erkenntnisse haben die WHO dazu veranlasst, die Werte für eine gesundheitsverträgliche Lärmbelastung nach unten zu korrigieren. Laut der jüngsten Richtlinie für Nachtlärm aus 2009 sollte der Geräuschpegel in der Nacht bei maximal 40 Dezibel im Jahresmittel liegen. Demzufolge gilt das Wohnen und Schlafen an einer ruhigen Straße aus gesundheitlicher Sicht gerade noch als akzeptabel. Die Realität sieht freilich anders aus: „In Österreich sind rund elf Prozent der Bevölkerung von definitiv gesundheitsschädlich hohen Lärmbelastungen betroffen“, gibt Umweltmediziner Hutter zu bedenken. In der gesamten EU ist laut WHO sogar jeder Fünfte regelmäßig so großem Lärm ausgesetzt, dass die Gesundheit auf jeden Fall gefährdet ist, nämlich Dauerschallpegeln von über 65 Dezibel am Tag und 55 Dezibel in der Nacht.
Lärmschutzfenster, Lärmschutzwände, Flüsterbeton, lärmarme Reifen, verkehrsberuhigte Zonen, Tempolimits, Nacht- und Wochenendfahrverbote, leisere Flugzeugtriebwerke – Initiativen, um den Lärmpegel zu senken, gibt es viele. Doch das steigende Verkehrsaufkommen macht die Bemühungen zur Beruhigung der Umwelt wieder zunichte: Laut Angaben des Umweltbundesamtes hat sich in Österreich die Anzahl der Flugbewegungen zwischen 1990 und 2008 beinahe verdreifacht, im selben Zeitraum hat sich das Verkehrsaufkommen auf den heimischen Straßen um 55 Prozent erhöht. „Neben Maßnahmen auf politischer Ebene braucht es mehr Lärmbewusstsein insgesamt und mehr gegenseitige Rücksichtnahme“, fordert Hutter. Denn jeder Lärmerregte ist auch ein Lärmerreger: Viele, die unter Verkehrslärm leiden, steigen selber ins Auto, um am Wochenende in der Stille der Natur zu entspannen. Viele, die der Fluglärm schier in den Wahnsinn treibt, fliegen zwei-, dreimal im Jahr selber in den Urlaub, um fernab vom Flughafen Ruhe zu finden. Und die meisten, die das sonntägliche Staubsaugen in der Nachbarwohnung in Rage bringt, haben selber schon einmal eine Party gefeiert – ausgelassen, fröhlich und bei offenem Fenster. Der Lärm, der dabei abfällt, belästigt und belastet dann halt die anderen.

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Presslufthammer im Ohr:
Jeder dritte Jugendliche hat Hörschäden

Mit 100 Dezibel donnert der Presslufthammer über den Asphalt. Darum muss, wer das Gerät bedient, per Gesetz einen Gehörschutz tragen. Mit 100 Dezibel und mehr lassen sich vor allem Jugendliche via MP3-Player, Handy & Co beschallen – direkt ins ungeschützte Ohr und durchschnittlich 40 Stunden in der Woche. In Gefahr geraten die wiederum überwiegend jungen Ohren auch in Diskotheken, bei Pop-Konzerten, Techno-Events. Was dort abgeht, kann so laut sein wie ein Flugzeugtriebwerk aus 50 Metern Entfernung: Lärmpegel von bis zu 120 Dezibel sind dort keine Seltenheit.
Bleiben extreme Lärmbelastungen die Ausnahme, kann sie das Gehör verkraften, sofern man den Ohren ausreichend Ruhepausen gönnt. Werden sie zur Regel, richten sie über kurz oder lang Schaden an. Ob Tinnitus oder Lärmschwerhörigkeit: Hörschäden aufgrund von dauerhafter übermäßiger Belastung nehmen zu. „Mehr als 30 Prozent der Jugendlichen haben heute schon so große Höreinschränkungen, dass sie bestimmte Berufe einmal nicht ausüben können werden“, warnt Umweltmediziner Assoz. Prof. DI Dr. Hans-Peter Hutter.

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Lärm vermeiden: Zum Beispiel beim Autofahren

Tempo 100 statt 130 bringt eine Lärmreduktion um drei Dezibel – und damit genauso viel, wie man durch eine Halbierung des Verkehrsaufkommens erreichen würde! Verkehrsberuhigte 30-er Zonen senken gegenüber den üblichen 50 km/h im Ortsgebiet den Lärmpegel um fast sechs Dezibel.

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Lärmpegel

0 – 10    Dezibel      fast unhörbar (raschelndes Blatt)
20     Dezibel          kaum hörbar (tickende Uhr)
30     Dezibel          sehr leise (feiner Regen)
40     Dezibel          leise (ruhige Wohngegend)
50     Dezibel          eher leise (normales Gespräch)
60     Dezibel          mäßig laut (Büro)
70     Dezibel          laut (lautes Gespräch in 1 Meter Abstand, durchschnittlicher Straßenverkehr)
80     Dezibel          sehr laut (laute Musik)
90     Dezibel          sehr laut (laute Fabrikshalle, schwerer Lastwagen)
100     Dezibel        sehr laut bis unerträglich (Presslufthammer)
110     Dezibel        extrem laut (Disko, Popkonzert)
120     Dezibel        unerträglich (Düsenflugzeug in 50 Meter Abstand)
130     Dezibel        Schmerzschwelle

Quelle: Lärmfibel der Wiener Umweltschutzabteilung, MA22, Magistrat der Stadt Wien    

Buchtipp:
Chibici, Die Lärmspirale Vom Umgang mit einer immer lauteren Welt
ISBN 978-3-902552-19-8
160 Seiten, € 19,90
Verlagshaus der Ärzte

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