Atemwege in Gefahr

November 2012 | Medizin & Trends

So wappnen Sie sich gegen Viren und Bakterien
 
Jetzt sind sie wieder da, die Viren und Bakterien, die unsere Atemwege in Gefahr bringen. Halsweh, Schnupfen, Husten, Bronchitis, ja sogar Lungenentzündung drohen, wenn der Körper nicht gut genug gegen krankmachende Keime gewappnet ist. MEDIZIN populär informiert, was die Atemwege am besten schützt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Wenn auf der Straße, in Bus oder Bahn mehr geniest, geschnäuzt und gehustet als mit dem Handy telefoniert wird, braucht man keinen Kalender, um zu wissen: Jetzt ist die kalte Jahreszeit da. Warum haben die Erreger von Erkältungskrankheiten eigentlich akkurat im Herbst und Winter Hochsaison? Warum bringen sie ausgerechnet jetzt unsere Atemwege in Gefahr und bescheren so vielen Halsweh, Husten, Schnupfen bis hin zu Bronchitis und Lungenentzündung?
Nur an der Kälte liegt es nicht, weiß Univ. Prof. Dr. Andreas Temmel, Facharzt für Hals-, Nasen-, und Ohrenheilkunde sowie Kopf- und Halschirurgie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien: „Kälte allein führt nicht zu Erkältungskrankheiten, denn diese können nur nach Infektionen mit Viren entstehen.“ Das beweisen Studien, die schon in den 1950-er Jahren an der Abteilung für Erkältungsforschung des Harvard-Hospitals in Großbritannien gemacht wurden (siehe unten). „Es wird aber vermutet, dass Kälte deswegen zu einer Zunahme an Erkältungskrankheiten führt, weil sie die Durchblutung drosselt“, so Temmel, der auch eine Ordination in Perchtoldsdorf hat. So wie das Blut also weniger gut durch den gesamten Körper gepumpt wird, wenn es draußen kalt ist, wird auch die Durchblutung der Schleimhäute in den oberen Atemwegen schlechter: also in der Nase und im Mund- und Rachenraum, den hauptsächlichen Eingangspforten für die Erkältungsviren. Dort produzieren die Schleimhäute bei schlechterer Durchblutung weniger Schleim, und je trockener sie sind, desto schwieriger ist es, bereits eingedrungene Viren wieder aus dem Körper hinauszubugsieren. Wo weniger Blut kursiert, befinden sich auch weniger Abwehrstoffe, Leukozyten und Immunglobuline. Sind Viren erst einmal bis ins Blut gelangt, können sie sich dort schließlich gut vermehren.

Füße warmhalten

Oma hatte also recht, wenn sie uns dazu ermahnte, uns bei Kälte im Herbst und Winter immer schön warm anzuziehen, insbesondere auch den Kopf zu bedecken und den Hals zu schützen. „Damit wir uns nicht so leicht erkälten, sollten wir aber auch die Füße warm halten“, so Temmel. „Denn es gibt einen sogenannten Reflexbogen von den Füßen bis zu den oberen Atemwegen.“ Das bedeutet: Auch wenn wir nur kalte Füße haben, werden die Schleimhäute in der Nase und im Mund- und Rachenraum schlechter durchblutet, was unsere Abwehrmöglichkeiten gegenüber Viren und Bakterien einschränkt und uns leichter zu Opfern von Halsweh, Husten, Schnupfen & Co macht.

Immer gut lüften

Außerdem tun sich Erreger mit ihren Attacken in der kalten Jahreszeit leichter, weil wir bei Kälte weniger lüften. Temmel: „Wenn die Fenster in den Räumen, in denen wir uns aufhalten, die meiste Zeit über geschlossen bleiben, kommen dort ganz einfach mehr Viren zusammen, die Erkältungen oder die Grippe hervorrufen.“ Je mehr Viren in der Luft sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie einatmen. Also lautet neben dem Warmhalten die zweite herbst- und winterliche Devise im Kampf gegen krankmachende Keime: Auch wenn es draußen noch so kalt ist, sollten wir öfter lüften.

Hände waschen, Nase ausspülen

Die Erreger schwirren aber nicht bloß in der Luft herum, nachdem sie von einem bereits Infizierten durch Niesen oder Husten ausgestoßen wurden, sondern landen über kurz oder lang auf Möbelstücken wie Tischen und Stühlen bzw. gelangen über die Hand, die sich ein Infizierter beim Niesen oder Husten vor das Gesicht hält, auf Geländer und Türschnallen. Wer dann auch nur Türen auf- und zumacht oder zur Begrüßung bzw. Verabschiedung Hände schüttelt, riskiert, die Keime wiederum über die eigenen Hände in die Atemwege einzuschleusen – etwa, wenn er sich mit den Händen an die Nase oder die Lippen greift. Eine Angewohnheit, die man in der Erkältungszeit möglichst vermeiden sollte, rät Temmel. Der Experte über andere Möglichkeiten, einer Infektion über die Hände vorzubeugen: „Am besten wäscht man sich tagsüber so oft wie möglich gründlich mit Wasser und Seife die Hände und reinigt abends die Nase, indem man eine Wasser-Kochsalzlösung wie Nasentropfen in die Nasenlöcher eintropft und wieder ausschnäuzt.“

Abwarten und viel trinken

Sind erst einmal Erkältungsviren über die Schleimhäute in der Nase oder im Mund- und Rachenraum in die Schleimhautzellen eingedrungen, beginnen sie sich dort zu vermehren und in die Blutbahn überzugehen. „Die Folgen sind immer in etwa die gleichen“, so Temmel: „Erst bekommen wir Halsweh und Schnupfen, dann wandert die Infektion von den oberen Atemwegen weiter nach unten bis zu den Bronchien, und wir beginnen zu husten.“ Bakterien, die sich gern auf die virale Entzündung setzen, verschlimmern die Symptome oft, das Halsweh fällt dann stärker aus, und auch Schnupfen und Husten werden belastender. Während Husten und Schnupfen aber dazu dienen, die Erreger auszustoßen, hat Fieber, das sich aufgrund der Entzündungsreaktionen oft zur Erkältung gesellt, keine heilsame Wirkung. Es belastet den Körper im Gegenteil nur noch mehr, weil durch das Schwitzen Flüssigkeit verloren geht. Temmel: „Daher hilft in dieser Phase der Erkrankung, viel zu trinken.“
Ansonsten bleibt einem nur übrig, die Symptome der Erkältung zu lindern, durch Tabletten oder Lösungen zum Gurgeln, die die Halsschmerzen lindern, Nasentropfen, die die Nasenschleimhaut abschwellen lassen und das Atmen wieder erleichtern, oder Mittel, die den Husten eindämmen. Wer Anstrengungen vermeidet, kann damit rechnen, dass der Körper „binnen fünf bis sieben Tagen“ mit der Attacke fertig wird, weiß der Experte.

Bei Grippe ruhen

In etwa so lange dauert es auch, bis die Abwehrkräfte Grippeviren in Schach bekommen, die man sich wie Erkältungsviren einfängt – die Übertragungswege sind dieselben: einatmen oder über die Hände in die Atemwege einbringen.
Die Unterschiede zur Erkältung: Da Grippeviren aggressiver als Erkältungsviren sind, treten die Symptome abrupt auf, gehen oft mit plötzlichem, hohen Fieber und einer Kreislaufschwäche einher. „Auch bei Grippe kann man nichts anderes tun, als die einzelnen Symptome mit den verschiedenen Mitteln gegen Husten, Schnupfen & Co zu lindern“, sagt Temmel. Ruhe geben ist jetzt sehr wichtig – und abwarten, bis alles vorbei ist.  

Zum Arzt, wenn…

Wenn sich die Symptome nicht bessern wollen und vor allem der Husten nach ein, zwei Wochen nicht nachlässt, eventuell auch das Fieber anhält, rät Temmel, zum Arzt zu gehen. Denn dann könnte es sein, dass Viren und Bakterien über die Atemwege weiter nach unten gewandert sind und die Bronchien angegriffen bzw. entzündet haben. Temmel: „Dabei handelt es sich um eine Bronchitis, die unbedingt mit Medikamenten behandelt werden muss, welche die Entzündung zum Abklingen bringen.“ Unbehandelt kann diese Erkrankung der Atemwege zu bleibenden Schäden bzw. chronischen Atemproblemen führen.

Vorbeugen durch Impfung

Eine ärztliche Behandlung braucht man auch, wenn nach einer Erkältung oder Grippe Husten und Fieber nicht abklingen wollen, weil Viren oder Bakterien, z. B. Pneumokokken, vom Mund- und Rachenraum über die Bronchien noch eine Etage weiter nach unten gerückt sind und in der Lunge ihr Unwesen getrieben bzw. eine Lungenentzündung hervorgerufen haben. Denn dadurch kann Lungengewebe geschädigt werden, und auch dann besteht die Gefahr, Probleme mit dem Atmen nicht mehr loszuwerden.
Zumindest Lungenentzündung und Grippe haben aber der Erkältung eines voraus: Ihnen kann man durch eine Impfung vorbeugen – die Grippeschutzimpfung und die Impfung gegen Pneumokokken. Zu diesen Impfungen rät Temmel chronisch Kranken, deren Immunsystem geschwächt ist, Über-60-Jährigen und Menschen, die z. B. berufsbedingt viel Kontakt mit anderen haben.

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Studien zeigen:
Erkältung kommt nicht von Kälte

Dass man sich nicht allein durch den Aufenthalt in der Kälte eine Erkältung zuziehen kann, haben Forscher der „Common cold Unit“ (Abteilung für Erkältungsforschung) am Harvard-Spital im britischen Salisbury in den 1950-er Jahren eindrucksvoll bewiesen. Für ihre Studien heuerten sie Studenten an, die sie in Gruppen teilten: Eine Gruppe ließen sie mehrere Stunden lang frieren. Die zweite Gruppe wurde zwar genauso lange der Kälte ausgesetzt, zusätzlich aber mit Erkältungsviren infiziert. Das Ergebnis: In der Gruppe derjenigen, die nur froren, wurde niemand krank, in der Gruppe der Infizierten gleich zwei Drittel der Teilnehmer.

Stand 11/2012

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