Müdes Herz

März 2012 | Medizin & Trends

Wenn die Pumpe schwächer wird
 
Das Stiegensteigen fällt immer schwerer? Sie kommen schon bei einem gemütlichen Spaziergang außer Atem? Ihre Beine sind geschwollen? Hinter all diesen Beschwerden kann eine Herzschwäche stecken. Wenn die Pumpe mit den Jahren müde wird, mindert das nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Lebenserwartung. Rechtzeitige Behandlung ist das Um und Auf.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Bis ins hohe Alter buchstäblich pumperlgsund zu bleiben – das wird mit den Jahren immer schwieriger. Schließlich steigt mit dem Älterwerden das Risiko z. B. für Herzerkrankungen – und damit für eine schwache Pumpe, ein müdes Herz. „Ab dem 60. Lebensjahr nimmt die Wahrscheinlichkeit für eine Herzinsuffizienz ganz auffällig zu“, bestätigt Univ. Doz. Dr. Gerhard Pölzl, Oberarzt der Kardiologischen Ambulanz der Universitätsklinik Innsbruck. Hauptverursacher der Herzschwäche sind Herzkranzgefäßerkrankungen (z. B. verstopfte Gefäße und Herzinfarkt) sowie Bluthochdruck. Nicht zuletzt aufgrund unseres ungesunden Lebensstils – durch Rauchen, ungesunde Ernährung, Übergewicht und hohe Cholesterinwerte – werden diese Erkrankungen immer häufiger und verursachen schließlich einen Komplex an Problemen, den man unter dem Begriff „schwaches Herz“ zusammenfasst.

Schnell außer Atem

Das Stiegensteigen fällt immer schwerer? Sie kommen schon bei einem gemütlichen Spaziergang außer Atem? Ihre Beine sind geschwollen? Hinter all diesen Beschwerden kann eine Herzschwäche stecken: „Die Hauptsymptome der Herzinsuffizienz sind Leistungsverminderung, Atemnot und Beinschwellungen“, bestätigt der Kardiologe Pölzl. Die Leistungseinbußen können sich in Form von Müdigkeit, Kurzatmigkeit und nachlassender Muskelkraft äußern. „Hinzu kommen Konzentrationsschwäche und – vor allem bei älteren Menschen – Verwirrtheit.“ Nicht immer treten die Probleme von heute auf morgen auf; manchmal lässt die Leistungskraft allmählich nach, sodass die Betroffenen sich daran gewöhnen oder die zunehmende Schwäche dem Alter zuschreiben. „Es kann damit beginnen, dass die Patienten beim Bergaufgehen Schwierigkeiten haben, später schaffen sie es nicht mehr in den ersten Stock und können dann im Extremfall die tägliche Toilette nicht mehr bewältigen“, schildert der Arzt den möglichen Verlauf. Oder: Atemnot macht sich anfangs nur bei schwerer, später auch bei leichter Belastung bemerkbar und tritt zuletzt sogar in Ruhe auf.

Pumpleistung lässt nach

Doch wo genau besteht der Zusammenhang zwischen einem schwachen Herzen und Beschwerden wie Leistungsknick und Atemnot? „Im Wesentlichen führt die eingeschränkte Pumpfunktion des Herzens bei der Herzinsuffizienz dazu, dass zu wenig Blut in den Systemkreislauf gelangt“, erklärt der Kardiologe. „Dadurch kommt es zur Unterversorgung der peripheren Organe einschließlich der Muskulatur, was sich in erster Linie durch eine Leistungsverminderung äußert.“ Und warum wird man kurzatmig? „Weil das Herz mit zunehmender Pumpschwäche steifer wird, kann das zum Herzen zurückfließende Blut nicht mehr ausreichend aufgenommen werden. Der hohe Füllungsdruck führt dazu, dass Blutwasser in den Systemkreislauf abgepresst wird und zwar hauptsächlich in die Lunge, was zu Atemnot führt.“ Flüssigkeit gelangt aber auch in andere Organe und Körperregionen: „Weil die rund fünf Liter Blut, die im Kreislauf zirkulieren, bei einer Herzinsuffizienz nicht mehr ausreichend in Bewegung gehalten werden können, kommt es zu einem Rückstau in die Lunge, die Leber, den Bauch, die Beine“, so Pölzl. Aufgrund des hohen Drucks im (Bein-) Venensystem kann auch hier Flüssigkeit abgepresst werden – es entstehen die typischen Beinschwellungen.

Rechtzeitig behandeln

Ob die verschiedenen Beschwerden allmählich oder schlagartig auftreten – Betroffene sollten sich rasch ärztlich untersuchen lassen. Schließlich gilt: Je früher man eine Herzschwäche erkennt, umso wirkungsvoller lässt sie sich behandeln. Wird zu lange zugewartet, schädigt das schwache Herz nach und nach den gesamten Organismus – und die Therapiemöglichkeiten sinken. „Mit dem Herzen leiden schließlich auch die anderen Organe: die Nieren, die Leber, die Lunge und so weiter“, erklärt der Experte. „Und im Endstadium einer Herzinsuffizienz bleiben nur mehr sehr drastische Maßnahmen wie eine Herztransplantation.“ Am sinnvollsten ist eine Therapie dann, wenn man ursächlich eingreifen kann. „Daher versucht man, so genau wie möglich herauszufinden, was die Ursache für die Herzinsuffizienz ist, um auf die Wurzel des Übels loszugehen.“  
Die gängige Basistherapie mit Medikamenten hat sich allerdings unabhängig von der Ursache „als sehr effektiv erwiesen“, betont der Arzt. Betablocker oder ACE-Hemmer beispielsweise verbessern die Lebensqualität und Lebenserwartung: Die Betroffenen werden leistungsfähiger, es kommt seltener zu akuten Verschlechterungen und Spitalsaufenthalten. Ergänzend wird – speziell in schwereren Fällen – ein wassertreibendes Medikament verschrieben. „Dadurch wird vermehrt Wasser über die Niere ausgeschieden, was verhindern soll, dass sich zu viel Blut zurückstaut“, sagt Pölzl.

Schrittmacher, Bypass

Außerdem können – je nach Ursache – operative Eingriffe die Beschwerden entscheidend lindern. „Wie wir heute wissen, pumpt das Herz unter bestimmten Voraussetzungen nicht nur schlecht, sondern auch sehr unkoordiniert“, berichtet der Kardiologe. „Wird durch eine spezielle Herzschrittmachertherapie die elektrische Koordination wiederhergestellt, kommt es auch zu einem harmonischeren Pumpablauf und damit zu einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit des Herzens.“
Steckt eine Erkrankung der Herzkranzgefäße hinter der Herzschwäche, kann eine Bypassoperation die Symptome lindern. Wenn ein Herzinfarkt die Pumpleistung des Herzens herabgesetzt hat, wird zuvor überprüft, inwiefern sich durch eine Operation gezielt eingreifen lässt. „Man versucht herauszufinden, ob man die Narbe, die nach einem Herzinfarkt entsteht, revitalisieren kann, oder ob in diesem Bereich alles Gewebe bereits vernarbt ist“, erklärt der Spezialist. Ein Eingriff macht das Herz zwar nicht wie neu, biete ihm jedoch „eine entscheidende Möglichkeit der Erholung“, wie der Arzt betont.

Neue Volkskrankheit

Von der Linderung der Beschwerden durch eine rechtzeitige Behandlung würden viele – und immer mehr – Betroffene profitieren: Schließlich ist die Herzinsuffizienz nicht nur wegen unseres Lebensstils auf dem besten Weg, sich zu einer Volkskrankheit zu entwickeln. Der dramatische Anstieg in den vergangenen 40 Jahren hat auch an sich sehr erfreuliche Gründe: z. B. die steigende Lebenserwartung. „Da zunehmend mehr Menschen älter werden, nimmt auch die Herzinsuffizienz an Häufigkeit zu“, betont der Facharzt.
Auch die Errungenschaften in der Medizin ziehen paradoxerweise immer mehr müde Herzen nach sich: „Durch die Möglichkeiten der modernen Medizin überleben immer mehr Menschen akute Herzerkrankungen, die sie früher nicht oder nur kurzfristig überlebt hätten – einen Herzinfarkt, schwere Herzklappenerkrankungen, Erkrankungen an der Hauptschlagader“, weiß der Kardiologe. In der Regel bleiben diese Erkrankungen aber nicht ohne gesundheitliche Folgen – und münden im Laufe der Zeit in eine Herz(pump)schwäche. „Man geht davon aus, dass in den westlichen Industrieländern, also auch bei uns, rund zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung, das sind geschätzte 250.000 Österreicher, an Herzinsuffizienz leiden“, weiß Pölzl. Mit dem Alter steigt die Zahl der Betroffenen erheblich: „Unter den Über-70-Jährigen sind wahrscheinlich gut zehn Prozent davon betroffen.“
Krankenhausstatistiken belegen diese dramatische Entwicklung: „In Österreich sowie in anderen Industriestaaten ist die Herzinsuffizienz derzeit der häufigste Grund für stationäre Aufnahmen bei Über-65-Jährigen“, berichtet Pölzl. Erschwerend kommt hinzu, dass die Betroffenen länger im Spital bleiben müssen als etwa Herzinfarktpatienten: Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei Herzinsuffizienz liegt bei zehn Tagen, Herzinfarktpatienten bleiben im Durchschnitt acht Tage im Spital.

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