Reisezeit ist Masernzeit

Juni 2012 | Medizin & Trends

Experten warnen vor dem gefährlichen „Souvenir“ Masern
 
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er … sich was einfangen.
Zu den gefährlichsten „Souvenirs“ zählen Masern, eine Krankheit, die längst ausgerottet sein könnte. Schließlich bietet eine Impfung nahezu hundertprozentigen Schutz. Jeder fünfte Österreicher verzichtet darauf und liefert damit sich und andere einer mitunter folgenschweren Ansteckung aus.
MEDIZIN populär über die grob unterschätzte Gefahr.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Wohin wird die Reise heuer gehen? Nach China oder in den Jemen? Nach Bulgarien, Frankreich, Großbritannien oder Spanien? Oder einfach zu Verwandten in Deutschland, der Schweiz, Salzburg und Tirol? Ganz egal, ob wir in der bevorstehenden Urlaubssaison in die Ferne schweifen, unser Ziel in Nachbarländern liegt, oder ob wir in Österreich bleiben: Es besteht die Gefahr, sich unterwegs oder vor Ort mit einer Krankheit anzustecken, die schon längst ausgerottet sein könnte, aber immer in der Reisezeit ein trauriges Revival erlebt – mit Masern.

Zahl der Erkrankten steigt

„In Europa hat es voriges Jahr, aber auch heuer schon große Masern-Epidemien gegeben“, warnt Univ. Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin an der Medizinischen Universität Wien. Masern werden von Viren übertragen, und wie alle Viren verbreitet sich auch das Masern-Virus über Reisende auf der ganzen Welt. Je mehr gereist wird, desto weiter kommt das Virus herum, und desto gefährlicher wird es auch, sich zu infizieren. „Jene Form des Masernvirus zum Beispiel, das seit 2010 in Europa zirkuliert, wurde ursprünglich von Reisenden aus Asien über Großbritannien nach Hamburg eingeschleppt“, weiß Dr. Mag. Maria Paulke-Korinek von der Arbeitsgruppe für Epidemiologie und ­Reisemedizin am genannten Institut. „Von dort geriet es nach Bulgarien, Polen, Griechenland, Deutschland und Österreich.“ 30.000 Menschen infizierten sich 2011 europaweit damit, 99 erkrankten hierzulande. Damit kam Österreich auf  doppelt so viele Masern-Kranke wie im Jahr davor, und Wiedermann-Schmidt hält es für möglich, dass die Zahl der Österreicher, die an Masern erkranken, heuer weiter steigen wird.

Impfmuffel gefährden sich und andere

Warum die Expertin das befürchtet? „Masernviren sind hochinfektiöse Viren, das heißt, wer damit in Kontakt kommt, erkrankt hundertprozentig daran.“ Es sei denn, man hatte Masern schon und ist daher immun. Oder man ist geimpft. „Leider, und das ist das große Problem, das wir haben, ist die Durchimpfungsrate in Österreich nicht ausreichend hoch“, sagt Wiedermann-Schmidt. 95 Prozent der Österreicher müssten geimpft sein, damit alle geschützt sind. Doch derzeit haben nur 80 Prozent der 15-Jährigen die komplette Immunisierung hinter sich, die aus zwei Impfungen besteht. 20 Prozent haben nur eine Teilimpfung bekommen, die nicht ausreichend und dauerhaft vor Masern schützt, oder sind gar nicht geimpft. Auch in der Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen bestehen deutliche Impflücken. Ein Missstand, der vor allem auf die Nachlässigkeit von Eltern zurückgeht. Wiedermann-Schmidt: „Die meisten lassen ihrem Kind so wie vorgesehen im Lauf des zweiten Lebensjahres das erste Mal den kostenlosen Kombiimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln injizieren. Dann vergessen sie aber die ebenfalls kostenlose zweite Impfung, die einen Monat später erfolgen sollte.“
Diese Kinder sind dann genauso ungenügend vor Masern geschützt wie jene, deren Eltern Gegner von Impfungen generell und von Masernimpfungen im Besonderen sind und ihr Kind bewusst nicht impfen lassen. Nebenwirkungen bzw. Impfreaktionen können zwar nach der Impfung auftreten, räumt Wiedermann-Schmidt ein, doch treten diese selten auf und beschränken sich meist auf eine leicht erhöhte Temperatur bzw. bei zwei bis drei Prozent der Geimpften auf einen leichten Ausschlag, die sogenannten Impfmasern, die aber schon nach wenigen Tagen wieder verschwunden und ausgestanden sind. „Diese Symptome stehen in absolut keinem Verhältnis zu dem, was die Erkrankung an Masern mit sich bringen kann“, sagt Wiedermann-Schmidt. „Masern sind eine sehr gefährliche Krankheit, die sogar zu einer Gehirnhautentzündung und zum Tod führen kann.“ Das, so die Expertin, „ist aber leider vielen Menschen nicht bewusst“.

Jeder 20. erkrankt schwer

Hat man sich z. B. über Nasensekret oder ausgehusteten Speichel von Infizierten angesteckt, dauert es acht bis zehn Tage, bis die Krankheit ausbricht. Während dieser Zeit ist man meist schon geschwächt, fühlt sich so, als hätte man eine Grippe, hat hohes Fieber, Halsweh, Husten, Schnupfen. Erst danach treten die Masern auf, ein Ausschlag, der aus kleinen scharf begrenzten, hellroten Flecken bzw. Papeln besteht, die größer werden und ineinander fließen und sich vom Bereich hinter den Ohren über das Gesicht und den gesamten Rumpf ausbreiten.
Während es bei den meisten bei diesen Beschwerden bleibt und die Masern nach zehn bis 14 Tagen überstanden sind, verläuft die Krankheit bei jedem 20. Infizierten schwerer: Es braucht mehr Zeit, bis sie ausgeheilt ist, weil es zu Komplikationen kommt. „Dazu gehören Mittelohr- und Lungenentzündungen“, so Wiedermann-Schmidt. Seltener, aber doch kann es zu einer Hirnhautentzündung kommen, die für jeden Dritten tödlich endet. Mindestens genauso gefürchtet, wenn auch äußerst selten, ist die Erkrankung an der sogenannten subakuten sklerosierenden Panenzephalitis, kurz SSPE, die auch erst Jahre nach einer Maserninfektion auftreten kann. Denn SSPE führt über fortschreitende Hirnschäden und einen oft jahrelang andauernden Leidensweg sogar bei jedem Betroffenen zum Tod. Bei Kindern zählen Komplikationen im Zug von Masern-Erkrankungen zu den häufigsten Todesursachen. Das Leben von Jugendlichen und Erwachsenen ist durch Masern zwar seltener gefährdet, doch sind die Symptome vom Fieber über den Husten bis hin zum Ausschlag für den Körper immer belastender, und es dauert immer länger, bis man sie wieder loswird, je älter man ist.

WHO-Ziel: Masern bis 2015 ausrotten

„Eine Behandlung der Ursachen von Masern gibt es nicht“, sagt Wiedermann-Schmidt. „Die Masern und mögliche damit verbundenen Komplikationen kann man sich aber leicht ersparen, indem man sich impfen lässt.“ Die Impfung schützt nach der zweiten Teilimpfung zu 98 Prozent und kann ab dem zweiten Lebensjahr in jedem Alter durchgeführt werden (siehe unten). Wer nicht weiß, ob er schon Masern hatte und daher immun dagegen ist, oder ob er korrekt geimpft wurde, wendet sich am besten an den Hausarzt. Wiedermann-Schmidt: „Über eine Blutuntersuchung kann festgestellt werden, ob man die schützenden Antikörper im Blut hat.“ Es kann aber auch ohne Test sicherheitshalber geimpft werden, denn „die Impfung schadet nicht und schützt nicht nur vor Masern, die in Europa grassieren, sondern ist auch vor Reisen nach Asien oder Afrika sinnvoll“.
Wer geimpft ist, schützt außerdem auch andere und trägt zur Ausrottung der Masern bei. Dass das möglich ist, zeigt sich in Nord- und Südamerika sowie in Australien. Paulke-Korinek: „Dort konnten mit hohen Durchimpfungsraten von über 95 Prozent die Masern ausgerottet werden. Die wenigen Fälle, die dennoch auftreten, sind auf Import zurückzuführen.“ Die Frist für die Ausrottung der Masern in Europa und Österreich musste die WHO kürzlich bereits zum dritten Mal verlängern. Nun soll es 2015 so weit sein.

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Masern-Impfung: Wann und wo?

Ab dem zweiten Lebensjahr sollten Kleinkinder geimpft werden – davor sind sie noch durch die Antikörper der Mutter geschützt, sofern die Mutter Masern hatte und daher immun ist oder geimpft wurde. Geimpft wird mit der kostenlosen Masern-Mumps-Röteln-Kombiimpfung, die in zwei Teilimpfungen im Mindestabstand von einem Monat vom Hausarzt oder Kinderarzt gegeben wird. Bei älteren Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann die Impfung jederzeit nachgeholt werden. Ab dem Alter von 25 Jahren kann man das Blut auf Antikörper gegen Masern untersuchen lassen – um zu sehen, ob ein Schutz besteht. Ist das nicht der Fall, kann man sich in jedem Alter impfen lassen, in Österreich bis zum 45. Lebensjahr kostenlos in den Gesundheitsämtern.

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