Das erste Mal

August 2012 | Partnerschaft & Sexualität

Was Jugendliche über Sex und Verhütung wissen sollten
 
Sex ist heute allgegenwärtig, das Internet voller einschlägiger Informationen – die Jugend weiß Bescheid, sollte man meinen. Und doch grassieren gerade in der sexualisierten Welt viele falsche Vorstellungen, trüben jede Menge Ängste die Vorfreude auf das erste Mal. Was die Teenies von heute befürchten, und was sie über Sex und Verhütung wissen sollten.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Was, wenn es wehtut?“ – „Ich habe Angst, dass ich bluten werde.“ – „Ist mein Penis groß genug? “ – „Wie verhüte ich sicher?“: Für viele Jugendliche ist das erste Mal nicht nur mit Lust oder Vorfreude verbunden, sondern auch mit Unsicherheit und Stress. Trotz Internet und dem schier unbegrenzten Zugang zu Informationen aller Art – oder gerade deshalb – sind sie nicht vor Druck und Irrtümern gefeit.

Pornofilme als Informationsquelle

„Bei den Mädels besteht nach wie vor die Angst, dass das erste Mal wehtut“, weiß Mag. Sabine Ziegelwanger, Sexualpädagogin und Familienplanungsberaterin der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF). „Das scheint fix in den Köpfen zu sein und wird zur selbst erfüllenden Prophezeiung: Wenn man Angst vor etwas hat, spannt man sich an – und es tut weh.“ Was Mädchen darüber hinaus auch heute noch die Freude auf das erste Mal trübt, ist die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft. Die Befürchtungen der Burschen wiederum betreffen eher – dem Stereotyp von Männlichkeit entsprechend – ihre Leistung im Bett. „Sie machen sich Sorgen, ob sie lange genug durchhalten, um eine Frau zu befriedigen“, berichtet die Expertin. „Viele fragen sich auch, ob der Penis passt, so wie er ist.“ Grund für die Verunsicherung sind vielfach unrealistische mediale „Vorbilder“: „Über 40 Prozent der Burschen beziehen ihr Wissen aus Pornofilmen und glauben, dass Männer unendlich lange Geschlechtsverkehr haben können“, so die Wiener Gynäkologin und Präsidentin der ÖGF Dr. Claudia Linemayr-Wagner. „Aus Jugendstudien weiß man auch, dass sich viele Burschen wünschen, dass den Mädchen der Sex mit ihnen gefällt und diese einen Orgasmus bekommen.“

Burschen freuen sich mehr

Neben Ängsten und Unsicherheit ruft das erste Mal aber auch Vorfreude, Lust und Neugierde auf den Plan. Insbesondere die Burschen freuen sich auf die ersten sexuellen Erfahrungen: „,Sex macht Spaß‘, ,Sex ist geil‘ – so ihre Einstellung“, erklärt Sabine Ziegelwanger. „Aufgrund ihrer Erziehung entwickeln sie eher Lustgefühle und machen die Erfahrung, dass die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, etwa durch Masturbation, sehr viel Spaß macht.“
Mädchen sind diesbezüglich wesentlich zurückhaltender. „Die Lust an körperlicher Erregung ist bei ihnen eher im Hintergrund, während die Ängste vor den ersten sexuellen Erfahrungen vergleichsweise stärker sind“, weiß die Sexualpädagogin und verweist auf gesellschaftliche Hintergründe: „Wir haben immer noch negative Bilder über Mädchen und Frauen im Kopf, die Spaß am Herumexperimentieren haben. Entsprechend befriedigen Mädchen sich wesentlich weniger und später.“ Studien zufolge fühlen sie sich außerdem punkto sexuelles Erleben im Nachteil: „Zwei Drittel der Mädchen glauben, dass Burschen und Männer mehr vom Sex haben als Frauen“, berichtet Claudia Linemayr-Wagner.
In einem Punkt sind sich Mädchen und Burschen aber einig: „Sie alle haben das Bedürfnis, alles richtig zu machen, gut zu sein und den anderen nicht zu enttäuschen“, so Sabine Ziegelwanger. Schließlich gilt das erste Mal als „Großereignis“, als wichtiger Schritt auf dem Weg ins Erwachsenendasein.

Ein Drittel verhütet nicht

Diesen Weg säumen jedoch weitere Fragen, Unklarheiten und Mythen, etwa was die Verhütung angeht. So hätten nach wie vor viele die Vorstellung, „dass beim ersten Mal ohnehin nichts passieren würde“, berichtet der Wiener Gynäkologe Dr. Michael Elnekheli. Man weiß aus verlässlichen Daten, dass ein Drittel der Jugendlichen beim ersten Mal überhaupt kein Verhütungsmittel anwendet.“
Ansonsten würden zwar die meisten die „primären Verhütungsmittel“ Kondom und Pille kennen, darüber hinaus seien ihnen kaum weitere Methoden bekannt. „Auch wissen die wenigsten, wie man ein Kondom richtig benutzt“, ergänzt die Gynäkologin Linemayr-Wagner, die Mädchen wie Burschen empfiehlt, den Gebrauch vor dem ersten Geschlechtsverkehr zu üben, indem sie das Kondom „an einer Gurke oder Banane abrollen“, so die Expertin. „Schließlich ist man in der Situation aufgeregt und erregt, sodass es manchmal nicht funktioniert.“
Mitunter hapert es auch mit der Anwendung der Pille. „Einer der Hauptgründe für ungewollte Schwangerschaften ist, dass die Mädchen schlichtweg vergessen haben, die Pille einzunehmen“, sagt die Gynäkologin. „Für manche ist daher ein Verhütungsring oder ein Verhütungspflaster besser geeignet, weil man nicht täglich daran denken muss.“

Ideal und Wirklichkeit

Neben diesen praktischen Problemen haben die Jugendlichen noch an anderer Front zu kämpfen: Durch die Omnipräsenz von Sex in den Medien geraten sie zusätzlich unter Druck. „Dass Jugendsexualität zum Beispiel in Filmen wie ,American Pie‘ thematisiert wird, führt oft zu Stress und Verwirrung, weil die Jugendlichen dadurch viele verschiedene Vorstellungen darüber im Kopf haben, wie Sex zu sein hat“, weiß die Sexualpädagogin. Es gelte, „den Spagat zu schaffen zwischen diesen Bildern und dem eigenen Erleben, also zwischen dem, was man empfindet und dem, was man glaubt, tun zu müssen.“
Mitunter beeinträchtigen auch die gängigen Schlankheits- und Schönheitsideale das sich noch entwickelnde Körper- und Selbstbewusstsein. Speziell Mädchen sind durch die vermeintlichen Traummaße von (Mager-) Models verunsichert oder hadern damit, wenn der Körper sich in der Pubertät „rundet“. „Viele glauben, sie sind ,verbaut‘, wenn sie nicht Idealmaße haben“, weiß die Gynäkologin. Problematisiert wird nicht nur die Größe von Busen oder Penis, auch Intimrasur und sogar das Aussehen der Schamlippen sind Thema.

Gefühlsexperten in eigener Sache

Umso wichtiger für eine gesunde, erfüllte Sexualität ein gesundes Körperbewusstsein zu entwickeln, sind sich die Experten einig. In ihrer Mädchensprechstunde legt die Gynäkologin den Jugendlichen ans Herz: „Erlaubt ist alles – ihr müsst es nur wollen. Ihr müsst mit eurem Körper umgehen lernen, euch schön finden – und nein sagen, wenn etwas unangenehm ist oder wehtut.“ Die Sexualpädagogin Ziegelwanger ergänzt: „Je besser man sich selbst und den eigenen Körper kennt – wie er aussieht, wie er sich anfühlt –, umso besser und verantwortungsbewusster geht man in Beziehungen mit den eigenen Bedürfnissen sowie mit Fragen der Verhütung um.“ Wichtig sei weiters zu lernen, „auf angenehme Art und Weise scheinbar sehr peinliche Dinge zu benennen und auszusprechen.“ Letztendlich sollten die Teenager „Gefühlsexperten“ in eigener Sache werden.

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Aufklärung und Beratung:
Wegbereiter fürs erste Mal

Mädchen- und Teenagersprechstunden bei der Gynäkologin oder dem Gynäkologen, Sexualberatung für Jugendliche, First-Love-Ambulanzen wie jene der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF) in der Wiener Rudolfstiftung – es gibt zahlreiche Anlaufstellen für Teenager.
Eine altersgerechte Aufklärung sollte aber schon viel früher beginnen, nämlich ab dem Zeitpunkt, da Kinder Fragen stellen: „Je besser Jugendliche aufgeklärt sind, desto besser können sie mit Verhütung umgehen, und umso weniger gefährdet sind sie, dass sie einen sexuellen Missbrauch erleiden“, betont die Wiener Gynäkologin Dr. Claudia Linemayr-Wagner. „Spätestens wenn die Kinder zehn, elf Jahre alt sind, sollte man mit ihnen über Sexualität, Hygiene, Monatshygiene, über Körperbewusstsein und Verhütung reden.“ Die Bezugspersonen spielen eine wichtige Rolle. „Wenn zum Beispiel die Mütter gut aufgeklärt sind, gut über sich selber Bescheid wissen und eine gute Sexualität leben, werden sie dies an die Töchter weitergeben“, so die Frauenärztin.
Wie Sexualität er- und gelebt wird, hat schließlich damit zu tun, wie man in der Familie mit Körperlichkeit umgeht. Daneben nehmen geschlechts-, milieuspezifische, kulturelle, bildungsspezifische Faktoren Einfluss – auch in Hinblick auf das Alter, in dem Jugendliche zum ersten Mal intim werden. „Je bildungsferner sie sind, umso früher haben sie Sex“, erklärt die Wiener Sexualpädagogin und Soziologin Mag. Sabine Ziegelwanger. Immerhin rund fünf Prozent der Teenager sind beim ersten Geschlechtsverkehr jünger als 14 Jahre – so das Ergebnis einer Langzeitstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Deutschland. Allerdings ist das Alter der Jugendlichen beim ersten Mal nicht – wie vielfach angenommen – ständig im Sinken begriffen. Die oben zitierte Studie belegt mittlerweile sogar einen gegenläufigen Trend: Waren 2005 noch zwölf Prozent der Mädchen unter 14 Jahre, so war dies 2009 nur noch bei sieben Prozent der Fall. In demselben Zeitraum sank bei den Burschen der Anteil der Unter-14-Jährigen von zehn auf vier Prozent.

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