Jetzt geht’s bergauf!

Mai 2013 | Fitness & Entspannung

Wie Wandern bei Depressionen hilft
 
Durch eine einzigartige österreichische Studie bekommen Redewendungen wie „Es geht bergauf“ und „Übern Berg sein“ neue Bedeutung. Denn Wandern erweist sich für Menschen mit Depressionen und schweren Lebenskrisen als äußerst wirkungsvolle Therapie.
 
Von Wolfgang Kreuziger

Schon Søren Kierkegaard erkannte vor fast 200 Jahren: „Ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen und kenne keinen, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen wieder loswürde.“ In den philosophischen Fußstapfen des dänischen Denkers erlebten 20 depressive und suizidgefährdete Menschen in einer mehrmonatigen Studie hautnah am eigenen Körper, wie ihnen das Wandern in der Salzburger Bergwelt aus schweren Lebenskrisen half. Für sie wurde das 1522 Meter hohe Zwölferhörndl zur Aussichtsplattform neuer Hoffnung, weckte das Bad im klirrend kalten Wasser des Gebirgsbachs Taugl die schlafenden Lebensgeister und bedeuteten Begegnungen mit Pferden, Kühen, Katzen oder Hunden berührende Erlebnisse. „Wir wollten die Teilnehmer durch die Aktivität in der Bergwelt seelisch und körperlich stärken“, erklärt der Initiator der Studie Prim. Priv. Doz. Dr. Reinhold Fartacek. Der Leiter der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg war bei Gesprächen mit Reinhold Messner 2006 auf dem Rauriser Sonnblick erstmals auf die Idee gekommen, depressive Testpersonen auf Berggipfel zu lotsen. Der Südtiroler Extrembergsteiger hatte ihm zuvor von seiner persönlichen Beobachtung erzählt: „Vielen Bekannten von mir geht es auf dem Berg psychisch besser als im Tal, ihre Stimmung hellt sich auf.“

Wenn der Berg ruft

Jährlich sterben in Österreich rund 1200 Menschen durch Suizid, geschätzte 800.000 Menschen leiden an depressiven Erkrankungen. Dass gegen psychische Störungen mit Niedergeschlagenheit und Verlust des Gefühls der Freude als Hauptsymptome die pure Bewegung alleine schon als Antidepressivum wirken kann, bewiesen schon viele Studien. So untermauerten etwa Forscher des Cooper-Instituts in Dallas (USA), dass Sport auf dem Laufband und dem Hometrainer wie ein Medikament wirken kann. Noch nie jedoch war es bislang gelungen, diese Effekte beim Bergwandern und auch in Fällen von starker Depression und akuter Suizidgefahr nachzuweisen. „Wir haben uns daher bei unserer Studie für 20 Teilnehmer entschieden, die alle schon mindestens einen Suizidversuch hinter sich hatten und in stationärer Behandlung waren“, erzählt der Leiter der Feldforschung MMag. Dr. Josef Sturm, Sportwissenschaftler und Mitarbeiter am Forschungsprogramm für Suizidprävention an der Privatuniversität Salzburg. Er selbst begleitete die zwei Testgruppen zu je zehn Personen über neun Wochen auf geführten Wanderungen. Die Gruppen waren kunterbunt gemischt, Frauen und Männer, Junge und Ältere folgten dem Ruf der Berge.

Die Mühen der Ebene

Die größten Mühen hatten die Forscher allerdings in der Ebene zu bestehen, lange bevor der erste Bergschuh geschnürt wurde. „Wir wurden anfangs in Fachkreisen belächelt, weil wir mit stationären Patienten in die Berge wollten. Außerdem war es nicht leicht von der für solche Studien zuständigen Ethikkommission grünes Licht zu erhalten. Man befürchtete, es könnte im Gebirge zu dramatischen Vorfällen kommen“, verrät Fartacek. Sein Kollege Sturm wiederum begegnete bei der Suche nach Studienteilnehmern den typischen Verhaltensweisen Depressiver: „Menschen, die den Sinn des Lebens aus den Augen verlieren, haben meist mit massiven Motivationsproblemen zu kämpfen, besonders bei körperlicher Aktivität. Sie sind oft antriebslos und sprechen wenig. Es sind viele Raucher darunter und auch Übergewicht kann für ein Vorhaben wie unseres zum Problem werden.“ Doch 20 Teilnehmer bestanden schließlich im Vorfeld die medizinische Untersuchung, und so konnte das Experiment beginnen.

Weder Gasthaus noch Gespräche

In der Folge unternahm zunächst die eine, dann die andere Gruppe neun Wochen lang je drei Mal pro Woche anfangs leichte, dann schwerere Touren von zwei bis drei Stunden auf die Gipfel rund um die Stadt Salzburg. „Insgesamt habe ich mit den Wanderern über 50 Touren absolviert, mitunter war das Wetter dabei wirklich grauslich“, schildert Sturm. „Trotzdem gingen wir auch bei Schnee und Kälte und sind hie und da waschelnass geworden. Aber das hat niemanden gestört.“ Manchmal wurden hohe Ziele wie die 2444 Meter hohe Schmalzscharte anvisiert, dann wieder folgte ein gemächlicher Spaziergang rund um die Tore der Stadt Salzburg. Um den möglichen therapeutischen Effekt der Kommunikation wegzuschalten, wurden die Wanderer gebeten, möglichst wenig zu sprechen. Um hinterher nicht die romantische Erinnerung an Hüttenbesuche mit den Auswirkungen des Wanderns zu vermischen, wurden nach Möglichkeit keine Gastwirtschaften besucht. Sturm: „Unterdessen versah die zweite Gruppe als Kontrollgruppe ihre unveränderte Tagesroutine, bis nach neun Wochen getauscht wurde.“

Aufrecht statt gekrümmt

Die Ergebnisse waren teilweise erstaunlich. „Eigentlich mag ich Wandern und Berge gar nicht“, hatte einer der männlichen Studienteilnehmer anfangs behauptet, am Ende wurde er von den eigenen Gefühlen überrascht. „Er und andere berichteten überwiegend von positiven Eindrücken“, erinnert sich Sturm. „Es tat ihnen gut, aus dem Alltagstrott auszubrechen, sie klagten weniger über Stress und verspürten mehr Selbstvertrauen. Einige hatten mehr Appetit, andere schliefen besser. Teilnehmer, deren Haltung zuvor eher gekrümmt gewesen war, gingen plötzlich aufrecht. Und in der freien Natur zeigten einige Emotionen, mit denen wir nicht gerechnet hätten.“ Auch dass immer mehr Wanderer aus Vorfreude schon vor der vereinbarten Zeit an den Treffpunkten erschienen, war ein positiver Indikator für die Wirkung. Der Sportwissenschaftler glaubt, dass die Bewegung an sich für den Effekt wichtig war, aber auch Berg und Natur eine entscheidende Rolle dabei spielten. „Lediglich in der Salzburger Innenstadt spazieren zu gehen, hätte bei mehr Lärm und weniger Naturerlebnissen nicht dasselbe Ergebnis gebracht. Auch der Aspekt der Höhe, einen Gipfel zu bewältigen und danach einen Ausblick zu haben, war wichtig.“  

Die Hoffnung lebt wieder

Um wie viel es den Betroffenen nachher wirklich besser ging, ließ sich sogar in messbare Zahlen gießen. Ein täglich von den Teilnehmern ausgefüllter Online-Fragebogen mit 38 Faktoren ermöglichte eine genaue Verlaufskontrolle ihres psychischen Zustandes. Nach einer wissenschaftlich fundierten Methode wurde der Grad ihrer „Hoffnungslosigkeit“ gemessen und dabei bei beiden Gruppen eine signifikante Verbesserung nach dem Wandern festgestellt. Auch der Status ihrer „Depressivität“ konnte in Daten umgelegt werden. So sank dieser Wert nach den Touren bei einer Gruppe von 27,4 eindrucksvoll auf 12,3, während es in Nicht-Wanderphasen erneut zu einem Anstieg der Depressivität kam.

Bewegung in der Natur

„Uns gelang damit erstmals weltweit in einer klinischen Studie der wissenschaftlich saubere Nachweis, dass Wandern signifikant Depressionen, das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Selbstmordgedanken bekämpfen kann“, fasst Fartacek zusammen. Der Rückgang der Depressivität bewirkte überdies bei einigen Teilnehmern, dass stationäre Aufenthalte stark reduziert werden konnten. „Dieses Ergebnis sollten alle Menschen, mit oder ohne Depressionen, als Anregung sehen, aktiver zu sein und sich so oft wie möglich in der freien Natur zu bewegen. Nicht vergessen darf man dennoch, dass Wandern immer nur unterstützend wirken und medikamentöse Behandlung und Psychotherapie niemals ersetzen kann.“ Auch wenn das weltweit einzigartige Studienergebnis international durchaus Wellen schlug, ist es bis zur Umsetzung der Erkenntnisse nun ein weiter Weg, das weiß auch Sturm: „Wir arbeiten daran, in unserer Klinik Bewegungstherapien mit Wandern anzubieten.“

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Infotipp:

Hilfe in Lebenskrisen

Ein geliebter Mensch stirbt, oder die Familie bricht entzwei: Schneller als gedacht, findet man sich in einer schweren Lebenskrise wieder, die einen in den Grundfesten erschüttert. Für Menschen mit oder ohne Depressionen, die den Sinn ihres Lebens aus den Augen verlieren, hat das Salzburger Universitätsklinikum den „Sonderauftrag für Suizidprävention“ eingerichtet. „Wir versorgen Suizidgefährdete und bieten ihnen Hilfe, Therapien und wenn notwendig auch stationäre Aufnahme an“, sagt der Leiter Prim. Priv. Doz. Dr. Reinhold Fartacek. Das Institut befindet sich in der Ignaz-Harrerstraße 79 in 5020 Salzburg und kann telefonisch unter 0662/4483-4341 oder per E-Mail unter suizidprävention@salk.at kontaktiert werden.

Hilfe in seelischer Not bieten u. a. auch Kriseninterventionszentren und psychosoziale Dienste.

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