„Palliative Care“: Mit dem Sterben leben

November 2013 | Gesellschaft & Familie

Auf dem letzten Wegabschnitt sind schwerstkranke Menschen und ihre Angehörigen einer starken Belastung ausgesetzt, die sie in Österreich im Idealfall nicht mehr allein tragen müssen. Mittlerweile gibt es in allen Bundesländern Hospiz- und Palliativdienste, die Sterbenden und ihren Familien zur Seite stehen, z. B. im Landesklinikum Hainburg an der Donau.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Selbst wenn wir es nur ungern wahrhaben wollen: Wie freudige Ereignisse gehört auch die schmerzvolle Zeit rund um den Tod zu unserem Leben. Eine Stütze am Ende des Weges kann „Palliative Care“ sein. Sie hat sich das achtsame Umsorgen von Sterbenden und deren Angehörigen zur Aufgabe gemacht. Im Landesklinikum Hainburg an der Donau in Niederösterreich etwa gibt es dieses Angebot seit sechs Jahren. Seitdem wurde es kontinuierlich an die Bedürfnisse der Menschen in der Region angepasst und erweitert: Nunmehr kümmern sich ein Arzt, zwei Ärztinnen, fünf Krankenschwestern und eine Sozialarbeiterin im Bezirk Bruck an der Leitha, im Raum Schwechat und im südlichen Marchfeld um Sterbende und ihre Angehörigen.
Die Betreuung erfolgt nicht nur krankenhausintern auf den einzelnen Stationen, sondern auch mobil im häuslichen Umfeld, wie der Leiter des Palliativteams Oberarzt Dr. Peter Gaidoschik betont. „Die meisten unheilbar Kranken möchten daheim in vertrauter Umgebung sterben. Die Möglichkeit, Hausbesuche zu machen, bringt daher eine entscheidende Qualität in unsere Arbeit, denn so können wir die Patienten individuell nach ihren persönlichen Wünschen begleiten“, sagt der Facharzt für Innere Medizin.

Erfüllt leben bis zuletzt

In der täglichen Praxis zeigt sich, dass etliche Betroffene mit dem Begriff „Palliative Care“ nur wenig anfangen können. Diplomkrankenschwester Renate Welleschitz, die Koordinatorin des Palliativteams, berichtet: „Wenn wir zu einem Patienten gerufen werden, meinen die Angehörigen manchmal fälschlich, jemand leiste nun Sterbehilfe. Wir stellen dann klar, dass es – ganz im Gegenteil – um Lebensbegleitung geht.“
Palliative Care (von lat. palliare = mit einem Mantel bedecken und engl. care = Fürsorge, Zuwendung, Achtsamkeit) ist die ganzheitliche Betreuung und Pflege von Patienten, die an einer weit fortgeschrittenen Krankheit leiden, welche nicht mehr auf eine heilungsorientierte Therapie anspricht. Während Palliativmediziner die Schmerzen und andere Begleitsymptome wie Übelkeit, Atemnot, Hautjucken, Unruhe und Schlaflosigkeit durch Gabe von Medikamenten lindern, bringen die Krankenschwestern im Team ihr Fachwissen in der Pflege ein. „Wir legen etwa Wickel an, bereiten Kräutertees zu, verabreichen Massagen mit Aromaölen, und eine Arztkollegin führt gegebenenfalls Akupunktur durch“, umreißt Renate Welleschitz das breite Spektrum der Behandlungsmethoden.
Bisweilen jedoch erweist sich das Leid als weder schulmedizinisch noch komplementär therapierbar. Dr. Peter Gaidoschik zur nicht zu unterschätzenden psychischen Komponente: „Ich erinnere mich beispielsweise an einen tumorkranken jungen Familienvater, der noch im Arbeitsleben stand und sich große Sorgen machte, wie seine Hinterbliebenen den Hauskredit zurückzahlen würden. Erst als seine Firma ihn in den Ruhestand versetzte und geklärt war, dass die Familie eine Witwen- und Waisenrente erhalten würde, ließen seine Schmerzen nach.“ Bei der Durchsetzung sozialrechtlicher Angelegenheiten tritt die Diplomierte Sozialarbeiterin des Teams auf den Plan. Sie hilft etwa auch bei der Beantragung von Pflegegeld, worauf Krebskranke in ihrem Überlebenskampf mitunter vergessen.
„Hat der oder die Sterbende den nahenden Tod akzeptiert, lösen sich manche Schwierigkeiten von selbst“, weiß Gaidoschik. „Oft wird auch der Bedarf an Schmerzmitteln geringer, wenn Patienten sich entscheiden, nach Hause zurückzukehren, wo vielleicht geliebte Enkelkinder anwesend sind, ein Haustier im Bett schlafen darf oder sie den Blick in den eigenen Garten genießen können.“ Es seien meist die Kleinigkeiten, die nun oberste Priorität erhielten, ergänzt Renate Welleschitz. Menschen, die ihre Endlichkeit erfahren, destillieren gleichsam ihre persönliche Essenz aus dem Leben heraus und verwenden oft enorme Kraft darauf, sich diese Lebensqualität bis zuletzt zu erhalten.

Den Angehörigen die Angst nehmen

Die Mitglieder des Palliativteams ermöglichen nicht nur Schwerkranken ein Sterben in Würde und Frieden, sie helfen auch den Angehörigen, mit der Situation besser zurechtzukommen. Viele haben Angst, ein Familienmitglied könnte zu Hause sterben. So verhielt es sich auch mit Frau O., die froh war, dass ihre Mutter plante, das Lebensende in einem Pflegeheim zu verbringen. Als allerdings bei der Seniorin ein unheilbarer Tumor diagnostiziert wurde, schwenkte sie im Gespräch mit Dr. Gaidoschik um: Sie wollte nun doch daheim, im Beisein ihrer Tochter, sterben. Eine fundierte Beratung über die zu erwartenden Geschehnisse konnte die anfänglichen Befürchtungen von Frau O. zerstreuen. Im Nachhinein empfindet sie es als Gnade, dass die Mutter ihr die Sterbebegleitung zugemutet hat. Bereichert durch die wertvolle Erfahrung kann Frau O. ihre Trauer leichter verarbeiten.
„In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Sterben hierzulande mehr und mehr an Einrichtungen des Gesundheitswesens delegiert“, ortet Palliativschwester Renate Welleschitz die Wurzel der Angst. Oberarzt Gaidoschik hakt nach: „Dadurch haben die Menschen die einfachen elementaren Dinge rund um das Lebensende verlernt.“ Dabei genüge es, einfach nur präsent zu sein. Gerade diese Untätigkeit aber ertragen nahe Verwandte schwer. „Das Eincremen von Armen und Beinen des Patienten, ein Mildern der Mundtrockenheit mit befeuchteten Wattestäbchen oder das Vorlesen kann den Angehörigen helfen, ihren Schrecken zu überwinden“, bekräftigen beide Experten einhellig.
Häufig herrscht auch eine unbegründete Furcht davor, Kinder in den Tod eines geliebten Menschen miteinzubeziehen. Wenn Eltern wie jene der siebenjährigen Emily es schließlich wagen, ihr Kind – angeleitet durch eine einfühlsame Palliativschwester – ans Bett der verstorbenen Großmutter treten zu lassen, sind sie meist tief bewegt von den positiven Effekten. „Kinder haben einen ganz natürlichen, unverfälschten Zugang zum Tod. Emily pflückte einen Blumenstrauß für ihre Oma, küsste sie auf die Wange und schmiegte sich noch einmal dicht an sie“, erzählt Welleschitz. Die Enkelin konnte den Tod der Großmutter im wahrsten Sinne des Wortes begreifen und somit besser verkraften.

Grenzen der Betreuung

Dass die Begleitung von Sterbenden das eigene Leben sinnvoll bereichert, nehmen die Mitglieder des Hainburger Palliativteams auch an sich selbst wahr. Gaidoschik: „Wir alle haben im Laufe der Jahre unser persönliches Tempo verlangsamt und uns ein wenig aus dem ständigen Agieren zurückgenommen, was in der straffen Krankenhaus-Routine nicht immer einfach ist.“
Es zeigt sich als längerfristiger Entwicklungsprozess, in auf Heilung und Genesung hin ausgerichteten Gesundheitsinstitutionen ein umfassendes Verständnis für palliative Erfordernisse zu wecken. Eine Zukunftsvision ist, das für Betroffene kostenlose, ursprünglich lediglich für Krebspatienten im Endstadium konzipierte Angebot verstärkt auf andere Sterbende auszuweiten, insbesondere auf die steigende Anzahl der Demenzkranken. Wünschenswert wäre zudem eine Rufbereitschaft an Wochenenden, um den menschlichen Bedürfnissen in schweren Stunden noch besser zu genügen. Schließlich hält sich der Tod nicht an Termine. Auch deshalb hat sich die niederösterreichische Struktur mit mobiler Begleitung bewährt. „Bereits zwei Drittel der Menschen, die wir betreuen, versterben heute wieder wunschgemäß zu Hause oder im Pflegeheim“, resümiert Dr. Gaidoschik.

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Wenn der Tod kommt
Ratschläge für Angehörige von Schwerkranken

  • „Palliative Care“ versteht sich als zusätzliche Betreuung in schwierigen Krankheitsphasen. Wenden Sie sich daher vertrauensvoll an einen Palliativdienst nahe Ihrem Wohnort.
  • Erkundigen Sie sich bereits im Vorfeld über die Anzeichen des nahenden Todes und die Linderung von Beschwerden. Eine gemeinsam mit dem Palliativteam erstellte Handlungsanleitung kann Ihnen die Scheu vor der Sterbebegleitung nehmen.
  • Werden Sie nicht sofort aktiv, nachdem der Tod eingetreten ist. Lassen Sie die Stille auf sich wirken und geben Sie Ihren Gefühlen Raum, denn das bewusste Anerkennen des Todes erleichtert die Bewältigung der Trauer.
  • Manche Angehörige haben Schuldgefühle, wenn sie genau im Augenblick des Todes nicht beim Sterbenden waren. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Sterbende häufig gehen, wenn sie alleine sind.

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