Schule: Was braucht mein Kind wirklich?

September 2013 | Gesellschaft & Familie

Von Ausrüstung bis Ausgleich, von Jause bis Pause, von Wissbegier bis Zuversicht: Für MEDIZIN populär zeigen Experten auf, was Kinder wirklich brauchen, um gesund und ausgeglichen durch die Schulzeit zu kommen.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

1. Richtige Ausrüstung:
Von Schultasche bis Hauspatschen

Den „Ernst des Lebens“ bekommen viele Kinder als Erstes in Form einer großen Last auf ihrem Rücken zu spüren: „Die Schultaschen sind fast immer zu schwer“, kritisiert Univ. Prof. Dr. Christian Gäbler, Facharzt für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie sowie Leiter der Sportordination in Wien. Schwer wiegen auch Folgen des Übergewichts am Buckel der Kinder: „Dadurch kann es zu verschiedenen Beschwerden an der Wirbelsäule kommen, zu Schmerzen im Kreuz-, im Hals- und Nackenbereich, aber auch zu wiederkehrenden Kopfschmerzen.“ Deshalb sollte man unbedingt ein leichtes Modell kaufen. „Mit Inhalt sollte die Schultasche nicht mehr wiegen als zehn Prozent des Körpergewichts der Kinder“, nennt Gäbler den empfohlenen Richtwert. „Bei Volksschulkindern, die zwischen 20 bis 30 Kilo wiegen, sind das zwei bis drei Kilo inklusive Füllung.“
Zweite „orthopädische Problemzone“: die Füße. Viele Kinderfüße stecken in zu kleinen Alltags- oder Hausschuhen. „Statistiken zeigen, dass 60 Prozent aller Schulkinder mit zu kleinen Schuhen für den Außenbereich herumlaufen“, so Gäbler. „Und gegen Ende des Schuljahres sind fast 90 Prozent mit zu kleinen Hausschuhen unterwegs.“ Fehlstellungen von Hallux valgus bis hin zur Hammerzehe sind die dauerhaften Folgen dieser Nachlässigkeit, warnt Gäbler. Das kann man dem Kind ersparen, indem man die Passform der Schuhe alle zwei Monate kontrolliert und überprüft, ob nach vorne genug Abstand ist.

2. Gesunde Grundlage:
Frühstück und Jause

Gut gerüstet für den Schulalltag zu sein, bedeutet auch: ein kleines Frühstück – und sei es nur ein Getränk – intus und eine stärkende Jause im Ranzen zu haben. Umfragen zufolge kommen rund zehn Prozent der Kinder ohne Frühstück in die Schule. Die Empfehlung der Wiener Schulärztin und Allgemeinmedizinerin Dr. Gudrun Weber, Schulärzte-Referentin der Österreichischen Ärztekammer: „Ein Kind sollte etwas zu sich nehmen, bevor es zur Schule aufbricht. Ansonsten kommt es schon vor der Pause zu einem Abfall von Konzentration und Leistungsfähigkeit.“ Wird das Bedürfnis nach rasch verfügbarer Energie in der Pause mit zuckerreichen Snacks und Drink gestillt, fällt der Blutzuckerspiegel rasch wieder ab und man hat schneller wieder Hunger. „Der Zuckerbedarf des Körpers wird am besten mit komplexen Kohlenhydraten, mit Vollkornprodukten, Obst, Gemüseaufstrichen gedeckt“, rät Weber fürs Pausenbrot.
Und: Ein Kind, das morgens in Ruhe frühstücken kann, kann auch sein Hunger- und Sättigungsgefühl besser wahrnehmen und erspüren, was der Körper braucht. Eine wichtige Fähigkeit, auch für das spätere Leben.

3. Sicherheit am Schulweg:
Richtiges Verhalten trainieren

Auch auf dem Schulweg sind Stress und Zeitnot schlechte Begleiter. Optimal vorgesorgt hat, wer bereits in den Ferien mit den Kindern den Schulweg eingeübt hat. Doch auch jetzt ist es nicht zu spät, gemeinsam das richtige Verhalten zu trainieren und auf Gefahren hinzuweisen: Wo sind unübersichtliche Stellen oder Übergänge? Wo ist der sicherste Weg über die Straße?
Wegen ihrer Körpergröße können Kinder den Straßenverkehr weniger gut als Erwachsene überblicken und werden von anderen Verkehrsteilnehmern weniger gut wahrgenommen. „Ein unterschätztes Problem heutzutage ist, dass immer mehr Kinder mit Scootern in die Schule fahren“, warnt Weber. „Besonders gefährlich sind Ausfahrten, weil man durch Zäune und Bewuchs Kinder, die vorbeischießen, oft erst spät sieht.“ Und so werden in Österreich allein am Schulweg jährlich rund 400 Kinder verletzt. Was Eltern nicht vergessen sollten: Der Nachwuchs orientiert sich vielmehr an dem, was Mama und Papa tun, als an dem, was sie „predigen“. Auch wenn man einmal knapp dran ist, sollte man dem sichersten und nicht den kürzesten Weg wählen.
    
4. Professionelles Check-up:
Einmal im Jahr zum Schularzt

Bereits bei der Schuleinschreibung bekommt die Schulärztin bzw. der Schularzt den Taferlklassler in spe im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung zu Gesicht. „Da werden Kinder auch hinsichtlich körperlicher und sozialer Reife angeschaut und untersucht, ob eventuell eine Rückstellung angezeigt ist“, sagt Gudrun Weber. „Ist ein Kind zum Beispiel sehr klein und zart, wird mitunter empfohlen, noch ein Jahr in die Vorschule zu gehen.“ Auch während des Schuljahres werden die Kinder wenigstens einmal im Jahr schulärztlich von Kopf bis Fuß angeschaut. „Man untersucht Seh- und Hörvermögen, Zähne, Stütz- und Bewegungsapparat und schaut, ob das Kind etwa Knick- oder Plattfüße hat“, erklärt die Ärztin. Die Eltern erhalten dann Empfehlungen für weitere Untersuchungen beim Fach- oder Kinderarzt. Auch außertourlich sind Schulärzte wichtige Ansprechpartner, z. B. wenn Lehrer an Kindern Auffälligkeiten bemerken. Gudrun Weber: „Wird mir bei einem Kind eine Leseschwierigkeit gemeldet, veranlasse ich erst eine organische Untersuchung etwa der Augen, dann wird beispielsweise weiter in Richtung Teilleistungsschwäche geschaut.“

5. Gespür für psychische Belastungen:
Alarmsignale richtig deuten

Ob Bauch- oder Kopfschmerzen: Nicht immer stecken hinter den Beschwerden organische Ursachen. Gerade Kinder neigen dazu zu „somatisieren“, also mit körperlichen Symptomen auf psychische Belastungen zu reagieren. „Wir beobachten verstärkt, dass Kinder immer wieder mit bestimmten Beschwerden zu uns Schulärzten kommen“, erklärt Weber. „Aus meiner Erfahrung hat das oft mit Überforderung zu tun, damit, dass sie in der falschen Schule sitzen, einen großen Leistungsdruck seitens der Eltern verspüren.“ Hinter den Symptomen kann auch – und das viel häufiger als früher – ein Mobbingproblem stecken: Andere Schüler zu schikanieren, bloßzustellen und zu demütigen, ist weit verbreitet. „Immer mehr Eltern beklagen, dass ihre Kinder gemobbt werden“, beobachtet Prim. Univ. Doz. Dr. Erwin Hauser, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum Thermenregion Baden-Mödling. „Mitunter rutschen sie dadurch in eine Depression, sind völlig antriebslos.“

6. Wohltuender Rhythmus:
Ruhe und Erholung zur Regeneration

Wenn die Kinder sich bereits gegen Ferienende wieder an den zu Schulzeiten üblichen Schlaf-Wach-Rhythmus gewöhnt haben, wird die Eingewöhnung leichter fallen. Doch selbst, wenn man die Umstellung bis zum ersten Schultag hinausgezögert hat, muss dies für den Nachwuchs kein größeres Problem darstellen: „Kinder sind sehr flexibel“, weiß Prim. Dr. Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. Was Kinder allerdings – nicht minder als Erwachsene – brauchen: Es sollte ausreichend Zeit sein, um sich morgens in aller Ruhe auf den Tag vorzubereiten. „Das bei Schulkindern oft auftretende Bauch- oder Magenweh entsteht nicht selten durch Stress und hastiges Essen in aller Früh“, sagt Gudrun Weber. „Kinder benötigen ausreichend Ruhe und Phasen der Entspannung.“

7. Förderung statt Überforderung:
Wissbegier wecken

Das Kind nicht überfordern, die Aufgaben in kleine Abschnitte unterteilen und sich zuerst jene Lernbereiche vornehmen, in denen das Kind gut ist“, zählt Kinderpsychiater Hauser die wichtigsten Lerntipps auf. „Wird ein Schüler immer nur damit konfrontiert, was er nicht gut kann, wird er frustriert sein.“ In dem Zusammenhang warnt der Experte außerdem vor einem „Erziehung- und Förderungswahn“. Egal, ob man Talente übermäßig fördert oder permanent auf den Defiziten herumreitet: Das geht oft auf Kosten von Leistungsbereitschaft und Selbstwertgefühl. „Und ein mangelnder Selbstwert ist das größte Hemmnis für die Leistungsfähigkeit des Gehirns“, warnt Hauser. „Während Druck oder Angst das Gehirn quasi ins Chaos stürzen, hinterlässt freudvolles, interessiertes Lernen positive Spuren im Gehirn“, ergänzt Klaus Vavrik. Dabei spielt freilich auch das Engagement der Lehrer eine wichtige Rolle: „Eine große australische Studie etwa hat gezeigt, dass die Lehrer und ihre Beziehung zu den Schülern wesentlich für den Lernerfolg verantwortlich sind“, sagt Vavrik.

8. Medienkompetenz:
Gesunder Umgang mit Handy & PC

In Zeiten von Internet, Handy, Smartphone zählt der gesunde Umgang mit den neuen Medien zum grundlegenden Rüstzeug der jungen Generation. Allein der übermäßige Konsum hat verschiedene negative Auswirkungen. „Durch die neuen Medien sinkt der Bewegungsanteil“, gibt Gudrun Weber ein Beispiel. „Die Schulpausen werden heute hauptsächlich fürs das Telefonieren mit dem Handy oder SMS-Schreiben benutzt.“ Und auch Kommunikation und Sprachentwicklung leiden unter einem Zuviel an virtueller Beschäftigung. „Eine große deutsche Studie zeigt, dass durch die neuen Medien bereits 30 Prozent der Kinder sozial bedingte Sprachentwicklungsstörungen haben“, berichtet Kinderarzt Vavrik. Empfohlene (Gegen)Maßnahmen? „Einerseits Spaß und Spiel im realen Leben forcieren und andererseits wenn notwendig klar limitierte Bildschirmzeiten vorgeben.“

9. Zuversicht:
Wirksam gegen Schulangst & Co

Wie seinem Kind, und ganz besonders einem Taferlklassler, die Angst oder das mulmige Gefühl vor der Schule nehmen? „Es geht darum, das Kind positiv zu bestärken, ihm Neugier auf den neuen Lebensabschnitt zu machen“, regt Vavrik an. Für viele Kinder sind Veränderungen – sei es der Schulbeginn, der Wechsel in eine neue Schule oder Klasse – herausfordernd oder sogar angstbesetzt. „Hilfreich ist, weniger auf das einzugehen, was schwierig werden könnte, als viel mehr auf das, was spannend und toll sein wird“, betont Klaus Vavrik. „Man sollte dem Kind vermitteln, dass man überzeugt ist, dass es das schaffen wird.“

10. Bewegter Ausgleich:
Aktiv in der Pause und zuhause

Bewegung macht Spaß – sollte das Motto lauten, das Eltern ihren Kindern mit auf den (Schul)Weg geben und selbst vorleben. ­„Leider fehlt oft die Zeit, dass man als Familie gemeinsam etwas unternimmt“, bedauert Sportmediziner Gäbler. Abgesehen von der vieldiskutierten täglichen Turnstunde, die mit dem derzeitigen Ausbau der Ganztagsschulen weiter an Bedeutung gewinnt, sei es wichtig, Aktivität in den Alltag einzubauen und z. B. den Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad zurückzulegen. „Gerade im Volksschulalter sollte Sport spielerisch und vielfältig sein“, betont Gäbler. „Günstig ist auch, die Koordination der Kinder zu trainieren, etwa beim Trampolinspringen, Rad- oder Rollerfahren.“ Regelmäßige Bewegung beugt Übergewicht vor, gleicht Fehlhaltungen aus, baut Aggressionen ab und fördert ein positives Körpergefühl.

Stand 09/2013

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