10 Jahre, 100 Kilo

März 2013 | Medizin & Trends

So gefährlich ist Übergewicht bei Kindern
 
Auch vor den Jungen und Jüngsten in Österreich macht die „Epidemie des 21. Jahrhunderts“ nicht Halt: Schon jedes vierte Schulkind ist zu dick. Während die Statistik eine deutliche und stetige Zunahme verzeichnet, weiß die medizinische Forschung immer mehr über die gefährlichen Folgen, die jungen Schwergewichten drohen. Ein Experte informiert für MEDIZIN populär.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Laut dem jüngsten Ernährungsbericht des Gesundheitsministeriums von 2012 sind bereits 24 Prozent der Schüler im Alter von sieben bis 14 Jahren zu dick. Das heißt, jedes vierte Schulkind bringt zu viel auf die Waage, wobei mehr Buben als Mädchen betroffen sind und mehr junge Österreicher im Osten als im Westen. Zu verzeichnen ist aber nicht nur eine stetige Zunahme an jungen Schwergewichten, die dicken Kinder und Jugendlichen werden zudem immer dicker. 15-Jährige mit 130 Kilo, Zehnjährige mit 100 Kilo und Kleinkinder, die doppelt so viel wiegen wie sie dürften, sind schon jetzt keine Seltenheit mehr, weiß Prim. Univ. Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter des Karl Landsteiner Instituts für Pädiatrische Fortbildung und Forschung am Landesklinikum St. Pölten, wo man sich intensiv mit Ernährungsproblemen der Nachwuchsgeneration befasst.

Schweres Erbe

Die medizinische Wissenschaft hat eine Reihe von Erklärungen für das zunehmende Gewichtsproblem der Kinder und Jugendlichen. Neben den Genen spielen das schlechte Vorbild der Eltern, das übergroße Nahrungsangebot und natürlich Bewegungsarmut eine Rolle. Neuen Erkenntnissen zufolge führen auch epigenetische Faktoren zu Übergewicht: Das heißt, dass die ungesunden Verhaltensweisen der Eltern wie schlechte Ernährungsgewohnheiten und die Neigung zu einem Leben als Couch-Potatoe offenbar ihren Niederschlag in den Genen finden und weitervererbt werden. Und zwar, wie man ebenfalls erst seit kurzem vermutet, mitsamt einer biologischen Besonderheit, die Dicksein zur Folge hat: einer Darmflora, die anders zusammengesetzt ist als bei Schlanken. „Man hat zumindest festgestellt, dass sich im Darm Übergewichtiger mehr Bakterien befinden, die viele Kilokalorien aus der Nahrung herausziehen, als das bei Normalgewichtigen der Fall ist“, berichtet Zwiauer. Auf der Suche nach Lösungen für die gewichtigen Probleme versuchen nun Forscher diese Erkenntnis zu nützen, indem sie die Darmflora manipulieren.

Schwere Folgen

„Bis sich aus dieser Erkenntnis praktikable und breit einsetzbare Möglichkeiten auftun, können Betroffene nur versuchen, abzunehmen, indem sie nachhaltig und am besten mit Expertenhilfe ihren Lebensstil verändern“, dämpft Zwiauer die Hoffnungen auf eine einfache Lösung für die Gewichtsprobleme. So schwierig das auch ist, so wichtig ist es: Denn übergewichtigen Kindern und Jugendlichen drohen gefährliche gesundheitliche Folgen. Wer schon in jungen Jahren zu dick ist, hat mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit auch als Erwachsener mit Übergewicht zu kämpfen.
Darüber hinaus ist, wie die medizinische Forschung immer deutlicher zeigt, das Risiko, schon frühzeitig eine Reihe von Krankheiten zu bekommen, drastisch erhöht:

DIABETES

„Die Wahrscheinlichkeit, dass jene, die im Schulalter übergewichtig sind, schon im jungen Erwachsenenalter an Diabetes Typ II erkranken, liegt bei 40 Prozent“, warnt Zwiauer. Denn der Weg zur Zuckerkrankheit, die sonst eher im fortgeschrittenen Alter auftritt, beginnt bei schlechten Ernäh­rungs­gewohnheiten und vor allem beim Konsum von stark zu­cker­hältigen Lebensmitteln. „Irgendwann kann die Bauchspeicheldrüse nicht mehr genug Insulin bilden, das den Zu­cker im Blut abbaut“, erklärt Zwiauer. Bleibt der Blutzuckerspiegel dauerhaft hoch, drohen schlimme Folgeschäden: Durchblutungsstörungen bis hin zum „offenen Bein“, Schäden an Organen wie der Leber, den Nieren, den Augen etc. Um von all dem verschont zu bleiben, müssen Betroffene lebenslang und oft mehrmals täglich ihre Blutzuckerwerte messen, genau auf ihre Ernährung achten und Medikamente nehmen bzw. Insulin spritzen.

HERZ- UND KREISLAUFERKRANKUNGEN

Schon früh rächt es sich, dass der übergewichtige Nachwuchs viel zu viele fettreiche Lebensmittel zu sich nimmt: So ist bei dicken Schulkindern der Anteil an schädlichen Triglyceriden bzw. Fetten im Blut dreimal so hoch wie bei Normalgewichtigen. Auch das Verhältnis zwischen schädlichem und gutem Cholesterin ist äußerst ungünstig. Das zeigt eine Studie, die an der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie an der Universität Leipzig gemacht wurde. Das schädliche LDL-Cholesterin und die Triglyceride lagern sich an den Gefäßwänden ab und verengen so nach und nach die Gefäße. „Deswegen ist bei jungen Erwachsenen mit Übergewicht, die bereits als Kind übergewichtig waren, das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen weitaus höher als bei Normalgewichtigen“, sagt Zwiauer. Bluthochdruck sowie lebensgefährliche Schlaganfälle und Herzinfarkte drohen: Menschen, die von Kindesbeinen an übergewichtig sind, leben generell um 7,2 Jahre kürzer als Normalgewichtige.

PROBLEME AM BEWEGUNGSAPPARAT

Wenn über viele Jahre zu viele Kilos auf dem Bewegungsapparat lasten, macht ihm das zu schaffen. Besonders Füße, Knie, Hüften und Wirbelsäule leiden darunter. Zwiauer: „Übergewichtige Kinder und Jugendliche haben häufig schon ebensolche Fuß-, Knie- und Hüftprobleme wie die Älteren, also Verschleißerscheinungen und Gelenksentzündungen.“ Aufgrund der Belastung gleiten manchmal auch die Hüftgelenke aus ihrer Halterung. Da hilft nur noch eine Operation. Andere Betroffene benötigen früh künstliche Kniegelenke. Fußfehlstellungen wie Platt- oder Spreizfuß entwickeln beinahe alle jungen Schwergewichte, ebenso Fehlhaltungen, die die Wirbelsäule belasten und über kurz oder lang zu chronischen Rückenschmerzen, Bandscheibenproblemen & Co führen.

KREBSERKRANKUNGEN


Wohl das komplexe Zusammenspiel aus Stoffwechselvorgängen, das bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen früh gestört ist, führt dazu, dass die Betroffenen eher als Normalgewichtige an Krebs erkranken. „Welche Faktoren hier genau mitspielen, weiß man noch nicht“, so Zwiauer. Vermutet wird, dass es einen Zusammenhang zwischen den gestörten Stoffwechselvorgängen und Störungen im Hormonhaushalt gibt – beides fördert wiederum die Bildung von Tumoren vor allem in Speiseröhre, Dickdarm, Brust, Gebärmutter und Nieren.

FETTLEBER

Fettreiche Lebensmittel im Übermaß schädigen auch bereits die Leber der Kinder und Jugendlichen. „So kann sich sehr früh eine Fettleber entwickeln“, nennt Zwiauer eine weitere Folge kindlichen Übergewichts. Diese Veränderung der Leber beeinträchtigt vor allem ihre Fähigkeit, Zucker abzubauen und kann so die Neigung zu Diabetes Typ II verstärken – oder eine bereits bestehende Zuckerkrankheit verschlimmern.

DEPRESSIONEN

„Praktisch alle Kinder und Jugendlichen, die Übergewicht haben, werden von den Normalgewichtigen verspottet und oft auch ausgegrenzt, also von Freizeitunternehmungen ausgeschlossen“, weiß Zwiauer. Viele ziehen sich auch von sich aus zurück, etwa wenn es darum geht, gemeinsam mit den anderen Sport zu treiben oder in die Disco zu gehen. Zwiauer: „So oder so leidet die Seele der Betroffenen darunter.“ Nicht wenige entwickeln sogar depressive Verstimmungen bis hin zu Depressionen.

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Body-Mass-Index:
Wann ist ein Kind zu dick?


Wo liegt die Grenze zwischen Babyspeck und Übergewicht oder gar Adipositas? Wann ist ein Kind zu dick? „Das ist eindeutig definiert“, sagt Experte Prim. Univ. Prof. Dr. Karl Zwiauer. „Als Maßstab gilt der Body-Mass-Index BMI.“ Dieser zeigt an, in welchem Verhältnis Körpergröße und -gewicht zueinander stehen. Errechnet wird er nach folgender Formel:

Körpergewicht (kg) dividiert durch die Körpergröße im Quadrat (m²).

Das Ergebnis wird mit den Werten von BMI-Tabellen verglichen, wobei für Kinder andere gelten als für Erwachsene, für Mädchen andere als für Buben. BMI-Rechner für Kinder und Jugendliche finden sich im Internet, z. B. unter https://gesundheitsfoerderung.ch. Eine kompetente Antwort auf die Frage, ob ihr Kind wirklich zu dick ist, holen Eltern aber am besten bei ihrem Arzt ein.

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