Lebensretter gesucht, aber…

Juni 2013 | Medizin & Trends

Wer als Blutspender geeignet ist und wer nicht
 
Jede Minute wird in Österreich im Schnitt eine Blutkonserve benötigt – Tendenz steigend. Entsprechend wächst der Bedarf an Spendern. Doch nicht jeder kommt als Lebensretter infrage. Etwa jeder Zehnte muss ausgeschlossen werden. MEDIZIN populär informiert, wer als Blutspender geeignet ist und wer nicht.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Ein kleiner Stich genügt, und schon ist die Armvene angezapft. Wenn die Kanüle gelegt ist, geht es ans Pumpen: Faust ballen, lösen, ballen… Jetzt strömt das Blut über den Schlauch in den Plastiksack. Binnen fünf Minuten ist er voll – 450 Milliliter Lebenssaft sind gespendet. Das ist nicht einmal ein Zehntel der fünf bis sieben Liter Blut, die durch den Körper zirkulieren. Und doch kann diese Menge schon reichen, um ein Menschenleben zu retten.
Dank 260.291 Spendern konnten 2012 insgesamt 388.992 Blutkonserven zur Verfügung gestellt werden. Damit ist zwar die Zahl der Spenden gegenüber 2011 gesunken, doch ist vor allem aufgrund neuer Operationstechniken zuletzt auch der Blutbedarf zurückgegangen. „So sind wir mit dem Spenderblut ausgekommen“, sagt Dr. Eva Menichetti, medizinische Leiterin der Blutspendezentrale des Roten Kreuzes für Wien, Niederösterreich und das Burgenland. In der Organisation weiß man aus Erfahrung, dass permanent 4000 bis 5000 Konserven mit Blut der vier Gruppen 0, A, B, AB und den Rhesusfaktoren negativ und positiv auf Lager sein müssen. Denn im Schnitt werden in Österreich jährlich bis zu 450.000 Konserven benötigt – pro Minute eine. Menichetti: „Etwa die Hälfte des Spenderbluts wird bei Operationen gebraucht, die andere Hälfte für die Versorgung von chronisch kranken Menschen.“

Blutbedarf steigt

Da Blut trotz der aufwändigen Bearbeitung und Lagerung nur 42 Tage haltbar ist, muss der Bestand immer wieder aufgefrischt werden. Werden eine oder mehrere Blutgruppen knapp, wird man aktiv: „Dann laden wir unsere Stammspender ein oder rufen über die Medien die Österreicher zum Blutspenden auf“, erklärt Menichetti. Schon jetzt weiß sie, dass dies aufgrund der bevorstehenden Reisezeit demnächst wieder nötig sein wird: „Wenn dann wieder mehr Verkehrsunfälle passieren, steigt einerseits der Bedarf an Blut, und andererseits gehen die Spenden zurück, da viele Spender auf Urlaub sind.“
Doch nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig dürfte man allein schon aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung mehr Spenderblut benötigen. Unter älteren Menschen sind mehr chronisch Kranke, die auf Spenderblut angewiesen sind. Und älteren Menschen muss man im Notfall mehr Blut zuführen, da Blutknappheit bei ihnen schneller zu Sauerstoffmangel führt.
Gleichzeitig steht zu befürchten, dass die Zahl der Spender sinken wird: „Es gibt zwar kein Höchstalter für Blutspender mehr“, sagt Menichetti. „Aber je älter die Spender sind, desto häufiger treffen andere Ausschlusskriterien auf sie zu.“ Schon jetzt muss etwa jeder Zehnte vom Spenden ausgeschlossen werden. „Deswegen bemühen wir uns immer mehr darum, möglichst viele Menschen für den freiwilligen und unbezahlten Dienst an der Allgemeinheit gewinnen zu können“, so Menichetti. „Und besonders froh sind wir natürlich über alle, die zu Stammspendern werden.“

Von Piercing bis Diabetes

Der gute Wille allein reicht allerdings nicht aus, um Blutspender zu werden. „Mindestens 50 Kilogramm sollte man dazu wiegen, über 18 Jahre alt und gesund sein“, nennt Eva Menichetti die Grundbedingungen. Genauer gibt ein Spenderfragebogen des Roten Kreuzes Auskunft. Er umfasst 30 detaillierte Fragen zu Gesundheit und Lebensstil und muss vor dem Blutspenden ausgefüllt werden. Menichetti, die selbst des Öfteren mit der Auswertung der Bögen befasst ist: „Jüngere müssen oft ausgeschlossen werden, weil sie Frage 13 mit Ja beantwortet haben.“ Diese lautet: „Haben Sie sich in den letzten vier Monaten tätowieren oder piercen lassen oder tragen Sie ein Permanent-Make-up?“ Warum in diesen Fällen eine Blutspende abgelehnt wird? „Die Betreffenden könnten sich mit Hepatitis B oder C angesteckt haben, aber noch nichts davon wissen“, begründet Menichetti.
Besonders häufig werden Spenderwillige deshalb ausgeschlossen, weil sie eine Erkältung noch nicht ganz ausgestanden haben, weil sie sich im Ausland aufgehalten und infiziert haben könnten, oder weil sie bestimmte Medikamente einnehmen. Auch kürzlich zurückliegende Impfungen, Zahnbehandlungen oder Durchfallerkrankungen, eine weniger als sechs Monate zurückliegende Schwangerschaft, chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs und ein Lebensstil, der das Risiko in sich birgt, mit HIV infiziert zu sein, sind Ausschließungsgründe.

Von Hepatitis bis HIV

Die strengen Kriterien sind nichts anderes als Vorsichtsmaßnahmen, die einerseits dazu dienen, die Spender zu schützen. Wer etwa eine „gröbere“ Zahnbehandlung oder eine schwere Durchfallerkrankung, Erkältung oder Impfung hinter sich hat, den würde der Blutverlust zu sehr schwächen, da das Immunsystem, das bei der Blutneubildung eine wesentliche Rolle spielt, noch mit der Bekämpfung möglicher Erreger beschäftigt ist. „Deswegen ist es im eigenen Interesse, den Fragebogen nach bestem Wissen und Gewissen auszufüllen“, so Menichetti.
Zum anderen muss natürlich das Risiko minimiert werden, den Empfänger durch die Transfusion des Spenderbluts mit einer Krankheit zu infizieren. Zwar ist dieses Risiko äußerst gering: Bei Hepatitis B und C liegt es bei 1:1 Million bzw. 1:750.000. Bei HIV beträgt es sogar nur 1:2,5 Millionen, und doch kam es erst im Jänner in Wien zu einer HIV-Infektion über Spenderblut. „Offenbar hat der Spender nichts von der Infektion geahnt“, sagt Menichetti. „Sicher ist, dass das Virus in seinem Blut noch nicht nachweisbar war.“ Denn ansonsten hätte die nächste Sicherheitsmaßnahme gegriffen, der Bluttest, der ebenfalls noch vor der Spende durchgeführt wird.
Dafür werden fünf Röhrchen mit Blut gefüllt. „Das Blut wird auf 15 Parameter untersucht, unter anderem eben auf eine Ansteckung mit HIV, Hepatitis und Syphilis“, so Menichetti. Außerdem werden über einen Blutstropfen, den man durch einen Stich in die Fingerkuppe gewinnt, die Blutgruppe und der Hämoglobin-Wert ermittelt, also der Anteil an rotem Blutfarbstoff. Ist der Hämoglobin-Wert außer der Norm, könnte das auf eine Erkrankung hinweisen. Ein niedriger Hämoglobin-Wert bedeutet, dass der Spendenwillige zu wenig Blut für eine Blutspende hat. Menichetti: „Deswegen ist auch ein schlechter Hämoglobin-Wert ein Ausschließungsgrund.“ Sogar Blutdruck und Körpertemperatur müssen im normalen Bereich liegen, da ein erhöhter Blutdruck zu Kreislaufproblemen führen und Fieber auf einen Infekt hindeuten könnte. Also werden auch diese Werte gemessen, ehe auf der Spenderliege die Vene angezapft wird.

Gute Tat mit Zusatznutzen

Der kleine Gesundheitscheck, den Spender auf diese Weise bekommen, wird von den meisten mindestens ebenso geschätzt, wie „das Gefühl, eine gute Tat geleistet zu haben“, so die Ärztin. Erstspender erfahren darüber hinaus oft erstmals, welche Blutgruppe sie haben und bekommen einen Ausweis, auf dem die Blutgruppe vermerkt ist – was im Notfall wichtig sein kann. Stammspender, die alle paar Monate zum Aderlass kommen, haben außerdem einmal im Jahr die Möglichkeit, beim Bluttest zusätzliche Gesundheitswerte erheben zu lassen, wie den Blutzuckerspiegel, die Cholesterin- oder Leberwerte. „Auf die eine oder andere Weise konnte so schon so manche Gesundheitsgefahr im Keim erstickt werden, ehe sie das Leben des Spenders beeinträchtigt hat“, kennt Menichetti den Zusatznutzen der guten Tat.

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Blutspenden – wann, wo, wie oft?

Blutspendetermine in Ihrer Umgebung erfahren Sie unter der kostenlosen Service-Nummer 0800 190 190 oder im Internet auf www.roteskreuz.at. Männer können bis zu sechs Mal im Jahr Blut spenden, Frauen vier bis fünf Mal.

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Weltblutspendetag am 14. Juni

Mit dem Weltblutspendetag wird jedes Jahr weltweit  das Andenken an Karl Landsteiner hochgehalten, der am 14. Juni 1868 in Baden bei Wien geboren wurde. 1901 hat der Arzt die Blutgruppen und später die Rhesusfaktoren entdeckt. Erst durch diese bahnbrechenden Erkenntnisse wurde es möglich, Blut ohne Gefahr für den Empfänger zu übertragen.

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