Viren im Anflug: So verteidigt sich der Körper

Oktober 2013 | Medizin & Trends

Immer und überall werden wir von Heerscharen von Krankheitserregern bedroht. Aktuell sind wieder einmal die Erkältungs- und Grippeviren im Anflug. Wie sich der Körper selbst dagegen verteidigt und wie wir ihn bei seinem Kampf unterstützen können.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Wäre unser Immunsystem ein Judoka oder ein Karatekämpfer, würde es den schwarzen Gürtel tragen – das Kennzeichen für höchste Leistung. Denn die Kampftechniken, die der Selbstverteidigung unseres Körpers vor Feinden unserer Gesundheit dienen, gehören der Meisterklasse an. Und sie sind rund um die Uhr gefordert: Schließlich versuchen uns ganze Heerscharen von Erregern – Bakterien, Viren, Pilze, Parasiten – immer und überall niederzuringen. Jetzt im Herbst stehen wieder besonders harte Kampfrunden an, denn nun sind äußerst zähe Gegner im Anflug: die Erkältungs- und Grippeviren. Wie sich unser Immunsystem dagegen wehrt?

Kampftechnik 1
Abwehren

Die Selbstverteidigung unseres Körpers beginnt an unserer äußersten Körperhülle, der Haut, genaugenommen schon außen vor der Haut. „Unsere Haut ist von einer Bakterienflora überzogen. Das ist eine Schicht aus Schweiß und Talg, in der sich Bakterien befinden“, erläutert Dr. Thomas Schwingenschlögl, Internist, Rheumatologe und Ernährungsmediziner in Wiener Neudorf die erste Kampftechnik unseres Immunsystems. „Die Bakterienflora enthält gute Bakterien, die böse Bakterien zerstören, bevor sie uns schaden können.“
Der Schweiß verteidigt uns darüber hinaus durch seinen Gehalt an Milchsäure, die den pH-Wert der Flora im sauren Bereich hält. In so einem Klima geben sich viele Erreger rasch geschlagen. Zusätzlich erschweren dicht aneinander liegende, verhornte Zellen der obersten Hautschicht den Keimen das Eindringen über die Körperhülle.

Tipp: Beim Waschen, Duschen und Baden möglichst pH-neutrale Reinigungsmittel verwenden, um Haut und Hautflora zu schonen. Hat man sich eine Hautverletzung zugezogen, sollte die Wunde desinfiziert bzw. mit einer antibakteriell wirkenden Salbe versorgt werden. So bleibt unser äußerster Schutzschild intakt.

Kampftechnik 2
Ausschwemmen

Erkältungs- und Grippeviren greifen uns gern über die Einfallstore Mund, Nase und Augen bzw. Tränenkanäle der Augen an. Hier wendet unser Immunsystem folgende Kampftechnik an: Durch eine rinnende Nase oder tränende Augen werden die Erreger einfach ausgeschwemmt. „In der Tränenflüssigkeit etwa befinden sich Substanzen, die Mikroorganismen aufspalten und zerstören können, wie das sogenannte Lysozym“, verdeutlicht Schwingenschlögl.

Kampftechnik 3
Ausstoßen

Sind Erkältungs- oder Grippeviren in Nase, Mund und Rachenraum eingedrungen und reizen sie dort bestimmte Nerven, löst das über Zentren im Gehirn einen Nies- und Hustenreiz aus. Auch das ist nichts anderes als ein Mittel zur Selbstverteidigung: „Mit Luft und Nasensekret beim Niesen und mit der Luft beim trockenen Husten werden auch Krankheitserreger ausgestoßen“, erklärt Schwingenschlögl, wie der Körper diese Kampfrunde zu gewinnen versucht. Führen die Maßnahmen nicht zum Ziel, geht das Niesen in einen Schnupfen über. Das heißt, die Produktion von Nasensekret wird hochgefahren, um Erreger besser absondern zu können. Und aus dem trockenen entwickelt sich ein sogenannter produktiver Husten. Der heißt deswegen so, weil Schleim ausgehustet wird – und Bakterien und Viren gleich mit.

Kampftechnik 4
Abtransportieren

Von der Nase über die Luftröhre und die Bronchien bis hin zur Lunge: Ein Großteil der Schleimhäute der Atemwege ist mit feinsten Flimmerhärchen bedeckt, eine besonders wichtige Waffe im Arsenal unseres Immunsystems. „Die Flimmerhärchen haben die Fähigkeit, durch wellenartige Bewegungen Erreger in Richtung Rachen und Mund, also wieder nach draußen zu befördern“, betont Internist Schwingenschlögl. Wenn das gelingt, haben Viren, Bakterien & Co kaum mehr eine Chance, der Gesundheit zu schaden.

Tipp: Ausreichend trinken, denn die Flimmerhärchen erfüllen ihre Aufgabe umso besser, je feuchter sie sind. Was Raucher wissen sollten: Rauch trocknet die Flimmerhärchen aus, macht sie unbeweglich – und damit weniger funktionstüchtig!

Kampftechnik 5
Zersetzen

Sind die Krankheitserreger mit dem Nahrungsbrei oder als Inhaltsstoff von Getränken bis in den Magen vorgedrungen, bekommen sie es mit der Magensäure zu tun. „Die Magensäure wird von der Magenschleimhaut produziert und ist so sauer, dass sie viele Keime zersetzen kann“, weiß Schwingenschlögl. Und was zersetzt ist, kann uns nicht mehr gefährlich werden.

Kampftechnik 6
Ausscheiden

Auch weiter unten geht es Krankheitserregern an den Kragen: im Inneren unseres Dünn- und Dickdarms nämlich, das mit der Darmflora ausgekleidet ist. „Die Darmflora besteht aus Schleim, der Keime vom Übertritt in die Blutbahn abhält. Zugleich enthält sie gute Bakterien, die böse Bakterien abtöten“, erklärt Schwingenschlögl. Die derart geschlagenen Feinde unserer Gesundheit werden bei der Entleerung des Darms ausgeschieden.

Tipp: Wer viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und Milchprodukte isst und ausreichend Flüssigkeit trinkt, unterstützt die Verdauung und daher auch die Abwehrkraft des Darms.

Kampftechnik 7
Zerstören

Im Blutplasma gelöst ist das sogenannte Komplementsystem, ein weiteres Verteidigungssystem unseres Körpers: „Es besteht aus 30 Eiweißstoffen, die in feindliche Erreger eindringen und sie zerstören“, so Schwingenschlögl.  

Kampftechnik 8
Erhitzen

Sind Erreger in die Blutbahn gelangt, gibt der Hypothalamus im Zwischenhirn den Befehl, die Körpertemperatur von 36 auf maximal 41 Grad zu erhöhen. „Fieber hat gleich mehrere Abwehrfunktionen“, verdeutlicht Schwingenschlögl. Durch die höhere Temperatur werden schädliche Mikroorganismen vernichtet. Gleichzeitig fördert das Fieber die Produktion von weißen Blutkörperchen, die ebenfalls fähig sind, Erreger zu zerstören.

Tipp: Da Fieber wie ein körpereigenes Medikament wirkt, sollte man es nur dann senken, wenn es als besonders belastend empfunden wird oder der Allgemeinzustand aufgrund einer chronischen Erkrankung oder hohen Alters schlecht ist.

Kampftechnik 9
Auflösen

Im Blut, in der Lymphe und im Gewebe finden sich die sogenannten Killer- oder Fresszellen, die zu den weißen Blutkörperchen gehören. „Sie erkennen von Geburt an sowohl schädliche körperfremde Erreger, als auch entartete, körpereigene Zellen“, so Schwingenschlögl. Treffen sie auf Feinde, die uns schaden können, umhüllen sie diese und lösen sie auf.

Tipp:
Ob aus Hühner- oder Putenfleisch oder aus Milchprodukten: Mit ausreichend Eiweiß, das über die Ernährung zugeführt wird, kann man die Bildung von Killer- und Fresszellen sowie von Lymphozyten unterstützen.

Kampftechnik 10
Abtöten

Im Knochenmark werden die sogenannten T- und B-Lymphozyten gebildet, die ebenfalls zu den weißen Blutkörperchen zählen. Schwingenschlögl: „Diese Zellen funktionieren nicht von Beginn unseres Lebens an, sondern müssen erst lernen, Antikörper zu bilden.“ Der Lernprozess erfolgt über den Kontakt mit Erregern. Haben die Zellen einmal gelernt, wie sie Erreger vernichten können, wenden sie das ganze Leben lang dieselbe Taktik an, weshalb sie auch Gedächtniszellen genannt werden. Die Wirkungsweise dieser Zellen erklärt, warum Impfungen funktionieren: Dabei wird dem Körper eine unschädliche Minimaldosis der jeweiligen Erreger zugeführt, um so die T- und B-Lymphozyten für den Kampf zu schulen.

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Die Helferlein des Immunsystems

Sport & Schlaf
Ein insgesamt gesunder Lebensstil ist die beste Stütze fürs Immunsystem. Experte Dr. Thomas Schwingenschlögl empfiehlt zur Vorbeugung vor Attacken von Erregern leichten Ausdauersport. Beim Laufen, Walken, Radfahren, Tanzen oder Schwimmen kommen gleichsam auch unsere Abwehrkräfte auf Trab, denn: „Durch die Aktivierung der Muskulatur fällt der Abtransport von Abfallstoffen – und auch von Erregern aus dem Körper leichter“, so der Arzt. Ebenfalls wichtig für ein gut funktionierendes Immunsystem sind ausreichend Schlaf und möglichst wenig negativer Stress.

Essen & Trinken
Auch eine ausgewogene Ernährung hilft dem Körper im Kampf gegen Bakterien, Viren & Co: Diese sollte aus fünf faustgroßen Portionen Obst und Gemüse pro Tag bestehen, die uns Vitamine spenden, viel Fisch mit Omega-3-Fettsäuren, die unser Immunsystem unterstützen, und ausreichend Eiweiß, z. B. in Form von Hühner- oder Putenfleisch bzw. Milchprodukten. Zum gesunden Essen gehört freilich auch ausreichend Flüssigkeit, am besten Wasser oder Tee.

Heilpflanzen & Homöopathie

Außerdem gut als Vorbeugung: Heilpflanzen wie Holunder, Lindenblüten, Echinacea oder Thuja, die man als Tee, Tropfen oder Lutschtabletten zu sich nehmen kann. Auch homöopathische Mittel können helfen. „Chronisch Kranken oder älteren Menschen rate ich außerdem zur Grippeimpfung“, so Schwingenschlögl.

Ruhe & Hühnersuppe
Haben Erkältungs- oder Grippeviren doch einmal die Oberhand gewonnen, dann heißt es: Ruhe geben und viel Tee trinken. Omas Hühnersuppe mit Karotten kann übrigens wirklich helfen: Es sind das Zink aus dem Hühnerfleisch und die Nährstoffe aus dem Gemüse, die die Suppe so wertvoll machen.

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