Eifersucht

Januar 2013 | Partnerschaft & Sexualität

Wenn die bittere Seite der Liebe zur Gefahr wird
 
Jeder kennt das bohrende Gefühl im Herzen, das sich einstellt, wenn man Angst hat, vom Liebsten verlassen zu werden. Bis zu einem gewissen Grad ist Eifersucht normal, ja sogar gut für die Beziehung, sagen Experten. Wenn das Misstrauen jedoch überhandnimmt, ist die Partnerschaft in Gefahr. Und nicht nur das: Eifersucht ist, wie viele Fälle der jüngsten Zeit zeigen, ein besonders häufiges Motiv für tätliche Gewalt. MEDIZIN populär über die bittere Seite der Liebe.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Die 49-jährige Hermine S. hat es nicht leicht: Sie hat einen Don Juan zum Ehemann, erzählt sie im Brustton der Überzeugung. Es genügt, wenn der Göttergatte sich nicht sofort am Handy meldet oder zehn Minuten länger als üblich für den Heimweg von der Arbeit braucht – schon ist sie misstrauisch. Da sei es nur recht und billig, regelmäßig seine SMS zu überprüfen, ihn mehrmals täglich anzurufen und abends den Kragen auf mögliche Spuren einer allzu nahen weiblichen Bekanntschaft hin zu untersuchen. „Ich kann den ganzen Tag nur noch daran denken, mit wem Günther gerade zusammen ist und ob er mich betrügt“, klagt die Bürokauffrau. Jetzt sitzt sie in der Eifersuchtsambulanz der Psychiatrischen Klinik der Medizinischen Universität Innsbruck und hofft, dass man ihr dort helfen kann.

Normal bis krankhaft

„Eifersucht an sich ist eine ganz normale Empfindung und bis zu einem gewissen Grad sogar beziehungsfördernd“, erklärt der Psychiater und Neurologe Dr. Harald Oberbauer. „Dem Sexualwissenschaftler Max Marcuse zufolge gehört sie zur Grundausstattung des Menschen.“ Problematisch wird es, wenn die Empfindung über das gesunde Maß hinausgeht, ergänzt Oberbauer, der 1999 die Innsbrucker Eifersuchtssprechstunde – die einzige derartige Einrichtung Österreichs – initiiert und mittlerweile Hunderte Betroffene betreut hat. Ab wann das Gefühl krankhaft wird, lässt sich nicht allgemeingültig feststellen oder gar messen; ein Kriterium dafür, dass jemand übermäßig eifersüchtig ist, sei aber, „wenn die Lebensqualität des Eifersüchtigen oder des Partners, auf den das Gefühl sich konzentriert, darunter leidet“, betont der Psychiater. Das ist etwa dann der Fall, wenn der oder die Eifersüchtige den Partner ständig mit Fragen nach seinem Tun und Lassen löchert, ihn kontrolliert, ihm misstraut. „Es kann dazu kommen, dass der von der Eifersucht des Partners Betroffene zuhause gleichsam eingesperrt ist“, so Oberbauer. Wagt man es dann, abends einmal allein wegzugehen, riskiert man Vorwürfe oder eine heftige Szene.

Quälende Gedanken

Besonders belastend ist das bohrende Gefühl für die Eifersüchtigen selbst. Die Gedanken kreisen unentwegt um die (vermeintliche) Untreue des Partners: Was macht er/sie gerade? Mit wem ist er/sie jetzt zusammen? Wird er/sie mich verlassen? Die Betroffenen finden keine Ruhe, es fällt ihnen schwer, sich auf anstehende Tätigkeiten zu konzentrieren. Manchmal kommt es auch zu psychosomatischen Beschwerden wie Magen- oder Hautproblemen.
Um ein wenig Sicherheit zu finden, beginnen viele, ihre Partner zu kontrollieren – das „Checking“ ist eine verbreite Methode. „Die Eifersüchtigen kontrollieren den E-Mail-Verkehr, die SMS, die Aktentasche des Partners. Sie überprüfen, ob sich auf dem Revers Haare befinden, die dort nicht hingehören“, gibt Oberbauer Beispiele.
Zwar drückt die quälende Empfindung sich bei jedem Menschen etwas anders aus, manchmal zeigen sich jedoch Parallelen in der persönlichen Geschichte: „Oft waren zur Eifersucht Neigende schon als Kinder zum Beispiel auf ein Geschwisterkind eifersüchtig“, weiß der Experte.
Daneben sind die gegenwärtigen Lebensumstände ein möglicher Nährboden für das bittere Pflänzchen: Ungleiche Paarkonstellationen zählen dazu, also, wenn z. B. einer der Partner bedeutend jünger oder beruflich erfolgreicher ist – die Akademikerin, deren Partner am Bau arbeitet; der ältere Mann mit der blutjungen Freundin.
Und wer in einer vorangegangenen oder der aktuellen Beziehung betrogen worden ist, „schleppt“ die bittere Erfahrung mit. Dann können bereits scheinbar belanglose Vorkommnisse Misstrauen und Ängste schüren.

Kontrollieren und klammern

Hinter dem Wunsch, den Partner zu kontrollieren, stecken oft Verlust- und Verlassensängste, Selbstzweifel, Gefühle der Ohnmacht. Während Frauen die quälenden Empfindungen eher gegen sich richten – „Weil ich nicht so attraktiv bin, nimmt sich mein Mann eine andere“ –, neigen Männer zu Aggression und Tätlichkeit. Bei einem sogenannten Beziehungsdrama mit Gewalt, Mord oder Selbstmord ist sehr oft Eifersucht im Spiel, wie auch viele Fälle der jüngsten Zeit zeigen.
So wie beim Eifersüchtigen aufgrund der Angst das Kontrollbedürfnis wächst, schrumpfen beim Partner die Handlungsspielräume – ein fataler Kreislauf: Je mehr die Eifersüchtigen ihren Partner – das Liebesobjekt – kontrollieren, umso eher verlieren sie ihn. Eine Erfahrung, die auch Hermine S. zu schaffen macht: „Je mehr ich mich an Günther klammere, umso mehr zieht er sich zurück“, klagt sie.
Schließlich steht nicht nur die Lebensqualität der beiden Partner, sondern auch die Liebesbeziehung auf dem Spiel. Nicht selten würde der von Eifersuchtsszenen entnervte Partner schließlich das Weite suchen, beobachtet Oberbauer. „Dann geht es darum, den Eifersüchtigen aufzufangen und für die Zukunft neue Reaktionsmechanismen zu lernen.“

Wahnsinnig eifersüchtig

Ist jemand krankhaft eifersüchtig, werden reale Ereignisse überbewertet oder falsch interpretiert: Die Partnerin lächelt dem Kellner zu? Schon wittert der Eifersüchtige eine Affäre. Eifersucht, die über das normale Maß hinausgeht, tritt meist in Zusammenhang mit einer Grundstörung auf: „Speziell Menschen mit geringem Selbstwertgefühl oder einer Depression können zur Entwicklung krankhafter Eifersucht neigen“, sagt der Arzt. Auch der Missbrauch von Substanzen, allen voran Alkohol, fördert das quälende Gefühl.
Darüber hinaus können bestimmte Gehirnerkrankungen die Entstehung begünstigen: „Menschen nach einer Hirnblutung oder einer Hirnhautentzündung neigen zur Entwicklung eifersüchtiger Gedanken und wahnhafter Vorstellungen“, weiß Oberbauer. Wer im Wortsinn wahnsinnig eifersüchtig ist – der Wahn ist die höchste Steigerungsform der Eifersucht – lässt sich durch nichts von der Überzeugung abbringen, betrogen, verlassen etc. zu werden.

Behandlung je nach Ursache

Behandelt wird je nach Ursache und Ausprägung: „Wenn der Betroffene eigentlich selbstunsicher und depressiv ist, wird eine antidepressive Behandlung in die Wege geleitet“, sagt Psychiater Oberbauer. „Ist Alkohol das Problem, braucht es eine alkoholspezifische Therapie.“ Mitunter ist eine langfristige Psychotherapie kombiniert mit Medikamenten (z. B. Antidepressiva oder Antipsychotika bei Wahnzuständen) nötig; so etwa im Fall von Hermine S., die, wie sich schließlich herausstellte, eigentlich an einer Depression leidet.
In leichteren Fällen hilft vielen schon das Reden, weiß Harald Oberbauer, der seine Patienten oft dazu ermutigt, die Partner mit in die Sprechstunde zu bringen. „Wenn ein Paar sich mit der zugrunde liegenden Verlustangst oder dem Mangel an Vertrauen auseinandersetzt, ist die Eifersucht oft schon bald kein Problem mehr.“

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Bitter bis würzig
Auch wenn der Impuls, den Partner zu kontrollieren, süchtig machen kann: Das Wort Eifersucht leitet sich eigentlich von den althochdeutschen Wörtern „eiver“ (= das Bittere, Herbe) und „suht“ (= Krankheit, Seuche) ab. Ob Frau oder Mann, Teenager oder Seniorin, Taxifahrer oder Hochschulprofessorin: Eifersucht kann jeden – unabhängig vom Geschlecht, Alter, Bildungsgrad – treffen. Während Männer allerdings die bitteren Gefühle eher aggressiv (und tätlich) ausleben, neigen Frauen dazu, die Gefühle gegen sich selbst zu richten und depressiv zu werden.
In Maßen gibt Eifersucht der Partnerschaft sogar eine gewisse „Würze“. Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl können mit dem kleinen Stachel umgehen – und es sogar genießen, wenn der Partner oder die Partnerin bewundernde Blicke erntet.

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Selbsttest: Krankhaft eifersüchtig?

Übersteigt die Eifersucht in Ihrer Beziehung das gesunde Maß?
Diese Checkliste gibt eine Orientierungshilfe:

  • Denken Sie mehrmals täglich an eine mögliche Untreue Ihres Partners?
  • Durchsuchen Sie die persönlichen Sachen Ihres Partners auf even­tuelle Beweisstücke?
  • Fällt Ihnen auf, dass Sie bestimmte Verhaltensweisen des Partners in Richtung Untreue deuten?
  • Lassen Sie Ihren Partner selten ­allein oder spionieren Sie ihm nach?
  • Fragen Sie andere Personen über Aktivität und Aufenthaltsort Ihres Partners aus?
  • Gibt es in Ihrer Beziehung häufig Streit wegen vermuteter Untreue?
  • Werden Sie von Ihrem Partner ständig kontrolliert?
  • Fühlen Sie sich in Ihrer persönlichen Freiheit wegen Eifersucht des Partners eingeschränkt?

(Quelle: Eifersuchtsambulanz Innsbruck)

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