Sex im Wechsel

September 2013 | Partnerschaft & Sexualität

Wie das Klimakterium das Liebesleben beeinflusst
 
Die hormonellen Veränderungen in den Wechseljahren machen sich oft auch im Liebesleben bemerkbar. Welche Probleme auftauchen und wie Frauen ihnen begegnen können, zeigt eine Expertin in MEDIZIN populär auf.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Von Schweißausbrüchen über Schlafstörungen bis hin zu starken Stimmungsschwankungen: Die Auswirkungen des Klimakteriums beschränken sich selten auf das Ausbleiben der Monatsblutung. Zu den hormonell verursachten Beschwerden gesellen sich die verschiedenen Anzeichen des Alterns: Die Straffheit der Haut lässt nach, Falten vermehren und vertiefen sich, beim Haar setzt sich zunehmend ein Grauton durch. Die verschiedenen Veränderungen gehen Frauen oftmals sehr nah und beeinflussen auch den intimsten Bereich, das Sexualleben.

Körper im Umbruch

Ob Körpergefühl, Lust- oder Orgasmusempfinden – das und mehr wird von der Hormonumstellung (siehe auch Aufruhr der Hormone unten) im Wechsel beeinflusst. „Durch den Abfall des Östrogenspiegels nimmt die genitale und klitorale Durchblutung ab, sodass die Frau sexuell nicht mehr so leicht stimulierbar ist“, gibt Dr. Elia Bragagna, Ärztin für Allgemein- und Sexualmedizin in Wien, ein Beispiel. Weil der Genitalbereich trockener ist, wird die Frau auch schmerzempfindlicher. Hinzu kommt: Das Fettgewebe unter dem Venushügel und den äußeren und inneren Genitallippen nimmt ab, die Vagina schrumpft in Länge und Durchmesser. Nach und nach reduzieren sich die Kontraktionen während des Orgasmus, dadurch kann er auch anders erlebt werden.

Belastete Psyche

Meist ist es damit nicht getan: „Viele Frauen beschreiben, dass sie sich auch innerlich verändern“, berichtet Bragagna. „Sie merken, dass sie wesentlich sensibler sind, viel stärker auf Kränkungen oder Überforderung reagieren.“ Diese Labilität geht ebenfalls auf die Hormonumstellung zurück: Sexualhormone (z. B. Östrogen, Testosteron) haben einen direkten Einfluss auf verschiedene Botenstoffe im Gehirn (z. B. Serotonin, Dopamin), die wichtig für unsere Stimmungslage sind. Entsprechend führt ein Absinken der Hormonspiegel zu einer Drosselung dieser Botenstoffe. Dadurch erhöht sich das Risiko etwa für eine Angststörung oder für depressive Phasen; die Frauen sind gereizt, emotional labil, traurig, unruhig, erschöpft.
Oft ist in der Menopause nicht nur der Hormonspiegel, sondern das ganze Leben im Umbruch: Mit dem „Flüggewerden“ der Kinder und dem Verlust der Mutterrolle entwickelt so manche Frau ein „Empty-Nest“-Syndrom. „Das kann der Beginn einer Depression oder der Start einer Psychopharmaka-Karriere sein“, warnt Bragagna. Die Situation spitzt sich zu, wenn die Frau entdeckt, dass sie mit dem Partner nur mehr wenig verbindet bzw. man sich als Paar auseinandergelebt hat. „Trennungen sind in dieser Phase häufig“, beobachtet die Medizinerin.

Reif & lustlos

Neben diesen inneren Prozessen sind Frauen mit verschiedenen gesellschaftlichen Vorgaben und Klischees konfrontiert. „Junge Frauen mit straffem Körper werden eher als sinnlich angesehen als Frauen jenseits der 50“, verdeutlicht Elia Bragagna das Problem. Wie sehr es der Frau zusetzt, in einer „Jugendgesellschaft“ älter zu werden, hängt stark davon ab, „wie sehr sie in sich ruht.“ Leicht sei das „bei aller Selbstliebe nicht“, so die Medizinerin. „Es zeigt sich aber, dass eine positive Haltung gegenüber dem Körper förderlich ist, die Freude an der Sexualität zu erhalten. Das verhindert oder minimiert die Gefahr von Kränkungen, Schamgefühlen und dem darauf folgenden sexuellen Rückzug.“
Dass Frauen ab einem bestimmten Alter keinen Spaß mehr am Sex haben und lustlos sind, ist ein weiteres Vorurteil. Die Expertin nennt den eigentlichen Hintergrund: „Im Rahmen des Älterwerdens weiß die Frau oft viel genauer, wie sie Sexualität leben will – und wie nicht“, erklärt Bragagna. „Wird nun beim Sex das zugrunde liegende Bedürfnis etwa nach Intimität und Nähe auf Dauer nicht befriedigt, vergeht ihr die Lust und sie flüchtet unbewusst in die Lustlosigkeit.“

Verschmuste Männer

Häufig macht in der Zeit auch der Partner dramatische Veränderungen durch. Bragagna: „Viele Männer kommen parallel dazu in eine Krise, die Midlife crisis, die sie oft sehr massiv erleben.“ Sie sind intensiv mit der Frage nach dem Sinn und der Endlichkeit des Lebens konfrontiert – Themen, die sich mit zunehmendem Alter und dem Ausstieg aus dem Berufsleben weniger gut verdrängen lassen. Bei vielen Männern wandeln sich außerdem die (sexuellen) Bedürfnisse: Sehr viele werden mit dem Alter verschmuster und haben ein großes Bedürfnis nach Nähe, was bei ihren Frauen nicht selten für Irritationen sorgt: „Frauen haben abgespeichert, dass der Partner, wenn er sich schmusig nähert, meistens Geschlechtsverkehr will“, erklärt die Ärztin. Nicht zuletzt steigt beim Mann mit dem Alter das Risiko, ein Sexualproblem wie eine Erektionsstörung zu entwickeln – mit teils dramatischen Auswirkungen auf das Liebesleben. Gegenstrategien für das Liebespaar? Weil die Zeit oftmals bei beiden eine Zeit des Umbruchs ist, sollte der Austausch intensiv(er) sein. „Es kann einen Mann sehr verunsichern, wenn der Körper der Partnerin auf seine Berührungen nicht mehr so wie gewohnt anspricht“, gibt Bragagna ein Beispiel. „Nicht zuletzt erleichtert es vieles, wenn auch der Partner mit dem Älterwerden umgehen kann.“

Neue Sinnlichkeit

Anstatt also an Teint und Taille „herumzubasteln“, um sich möglichst jugendlich zu halten, geht es im Wechsel vielmehr darum, loszulassen und Trauerarbeit zu leisten: „Man muss sich von einem Lebensabschnitt verabschieden und einem neuen Platz machen“, nennt Bragagna die Strategie, durch die sich nicht zuletzt das Liebesleben günstig entwickeln kann. Das zeigt auch eine Berliner Studie, in der untersucht wurde, unter welchen Bedingungen Frauen bis ins hohe Alter sexuell aktiv sind: „Die untersuchten Frauen, die sich ihre Sexualität bis ins Alter von 75, 80 Jahren erhalten haben, konnten alle mit Veränderungen des Lebens umgehen, ihre Bedürfnisse artikulieren und zu sich selbst stehen“, verrät Bragagna „die drei Geheimnisse“.
Schließlich ist der Wechsel – wie schon der Name sagt – eine Übergangsphase, bis Körper und Psyche sich auf die neue Situation eingestellt haben und die Frau ein neues Gleichgewicht gefunden hat. Wie lange diese Übergangsphase dauert, ist individuell unterschiedlich. „Manche haben ein paar Monate, andere wiederum Jahre damit zu tun“, so die Ärztin, die anregt, die Zeit für Innenschau und Neuorientierung zu nutzen. „Das Klimakterium ist eine Schwelle zu einer anderen, reiferen Form der Sinnlichkeit und Sexualität“, sagt Elia Bragagna. „Dabei gibt es keine Norm, wie die Bedürfnisse einer Frau zu sein haben. Während die einen es eher genießen, ihrem Partner in Zärtlichkeit nahe zu sein, beginnt bei anderen ein nie gekanntes sexuelles Erblühen.“

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Nicht für jede ein Problem:
Aufruhr der Hormone

Die Wechseljahre beginnen bei jeder Frau zu einem anderen Zeitpunkt: Sie können schon sehr früh, mit dem 40. Lebensjahr, oder auch erst um das 50. Lebensjahr einsetzen. Im Zentrum des (hormonellen) Geschehens stehen die Eierstöcke: Hier werden jetzt immer weniger weibliche Geschlechtshormone – Östrogen und Progesteron – gebildet, bis die Hormonproduktion schließlich ganz versiegt. Die Folgen: Eisprung und Regelblutung treten unregelmäßig auf und bleiben irgendwann ganz aus. Parallel zum Absinken der weiblichen Geschlechtshormone steigt der Spiegel des FSH (Follikel-stimulierendes-Hormon), dessen Aufgabe es ist, die Reifung der Eibläschen (Follikel) in den Eierstöcken zu fördern und den Anstieg an Östrogen zu stimulieren.
Trotz des hormonellen Umbruchs ist das Klimakterium „nicht für alle Frauen ein dramatischer Abschnitt“, so die Wiener Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna. Studien zufolge ist rund ein Drittel der Frauen körperlich nicht beeinträchtigt, während etwa zwei Drittel mäßige bis starke Wechselbeschwerden haben. Dann kann nach ärztlicher Rücksprache eine medikamentöse Zufuhr von Hormonen (Hormonersatztherapie) sinnvoll sein: „Wenn Frauen unter den klassischen Symptomen – Schweißausbrüche, Gelenksbeschwerden, schweren Stimmungsschwankungen, vaginaler Trockenheit – leiden, ist die wohldosierte Hormongabe eine sehr gute Therapiemöglichkeit“, erklärt Bragagna.

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