Die neuen Computer­krankheiten

Mai 2013 | Psyche & Beziehung

Wie Laptop & Co die Gesundheit gefährden
 
Von Augen- bis Rückenproblemen reicht die Palette der Beschwerden, von denen immer mehr Computerarbeiter betroffen sind. Der Trend zu Mobilgeräten verschärft das Problem und bringt neue Leiden hervor.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Die Schultern verspannt, die Augen brennen, das Handgelenk schmerzt und im Nacken sitzt der Termindruck: Von Kopf bis Körpermitte ziehen sich die meisten Beschwerden, die der moderne Büroalltag nach sich zieht. Wobei man in vielen Fällen gar nicht mehr von „Büro“ sprechen kann: Immer öfter wird zuhause, quasi im Homeoffice, gewerkt, daneben wächst die Zahl der „Jobnomaden“, die ständig und überall arbeiten. Die modernen Technologien – neben Desktop-PC und Handy sind das etwa Laptop, Tablet, Smartphone – werden für verschiedene Beschwerden von Körper und Psyche verantwortlich gemacht.

Total verspannt

Laptop-Arbeiter, die mit gesenktem Blick und gekrümmtem Nacken vor ihren kleinen Displays sitzen, sind stark gefährdet. „Wird ausschließlich am Laptop gearbeitet, ist das problematisch.  Und leider ist das ein Trend, weil man glaubt, ständig arbeiten und erreichbar sein zu müssen“, warnt Dr. Christine Klien, Präsidentin der Gesellschaft für Arbeitsmedizin, aus Bregenz. „Viele Mitarbeiter haben gar keine eigenen Arbeitsplätze mehr, weil sie viel unterwegs oder überhaupt im Außendienst sind.“ Wer immer und überall arbeitet, mit Notebook, Handy und Smartphone als ständige Begleiter in U-Bahn, Auto oder Café, ist besonders betroffen: „Das Laptop-Gerät hat eine kleiner dimensionierte Tastatur, in der Folge nimmt man eine Zwangshaltung mit den Armen ein“, erklärt die Arbeitsmedizinerin. „Es kommt zu einem Rundrücken, und die Brustmuskulatur verkürzt sich, weil man die Schultern nach vorne zieht.“ Immer öfter werden von Ärzten solche Fehlhaltungen festgestellt, die manchmal salopp als „Notebook-Nacken“ bezeichnet werden.

Auf den Bildschirm fixiert

Doch auch „klassische“ Bildschirm-Arbeiter sind vor Problemen nicht gefeit: Das stundenlange Verharren in sitzender Körperhaltung, den Blick auf den Bildschirm fixiert, belastet. Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich sind für viele Bildschirmarbeiter schon „normale Begleiterscheinungen“ des Jobs, stellt die Medizinerin bedauernd fest. „Die Verspannungen hängen vielfach damit zusammen, dass man die Schultern leicht hochzieht.“ So typisch die Haltung für Bildschirmarbeiter ist, sie ist eigentlich eine Zwangshaltung: „Bei der sitzenden Körperhaltung kommt es zu keiner echten Aktivierung der Muskulatur, die passive, statische Körperhaltung kann zur Überdehnung und damit zur Entstehung von Schmerzen vor allem im Muskel-Sehnenübergang führen“, erklärt Christine Klien. „Hinzu kommt, dass wir die Oberkörpermuskulatur praktisch nicht trainieren.“
Der permanente Blick auf den Computer – egal, wie groß dieser ist – belastet außerdem die Augen und fördert ein weiteres Leiden von Bildschirmarbeitern: trockene Augen. „Bestimmte Umstände wie trockene Büroluft können das Problem zusätzlich verschärfen“, weiß die Expertin.

Falsch eingestellt

Entspanntes Arbeiten wird außerdem vereitelt, wenn der Bürotisch, Bürosessel oder Bildschirm falsch positioniert bzw. eingestellt ist. Dasselbe gilt für die Größe und Position der Computermaus. Der Mausarm ist wohl die bekannteste Form des RSI-(=Repetitive Strain Injury)-Syndroms, bei dem es aufgrund ständiger Beanspruchung zu kleinen Verletzungen kommt, die schließlich schmerzen. Neben dem Handgelenk können auch der Nacken, die Schultern oder der Arm von negativen Auswirkungen der Arbeit mit der Maus betroffen sein. „Von einer Handgelenksauflage bis zur ergonomischen Maus gibt es viele Möglichkeiten, die Beschwerden zu verhindern oder im Anfangsstadium abzufangen“, betont Klien.
Neben den körperlichen können auch psychische „Fehlhaltungen“ zu Beschwerden führen. „Stress spielt etwa bei Rückenproblemen eine große Rolle“, so Christine Klien. Wenn zuviel Arbeit auf den Schultern lastet, man unter Druck steht, kann dies ungünstige Bewegungsmuster nach sich ziehen: Man zieht die Schultern hoch – und ist früher oder später verspannt.

Immer erreichbar

Zudem belastet das hohe Arbeitspensum das psychische Wohlergehen: „Der Trend zu All-inclusive-Verträgen führt dazu, dass man bis spät in die Nacht hinein arbeitet, und das nur am Computer“, beobachtet Klien. Wird zuhause oder von unterwegs gearbeitet, bleibt zudem der persönliche Kontakt zu Arbeitskollegen auf der Strecke, während man andererseits Tag und Nacht für das Unternehmen greifbar ist. „Erst allmählich erkennt man, dass ständige Erreichbarkeit die Mitarbeiter überlastet und daher kontraproduktiv ist“, beobachtet die Arbeitsmedizinerin ein langsames Umdenken.

Ständig unterbrochen

Nicht zuletzt steigt mit den virtuellen Möglichkeiten die Versuchung, sich abzulenken: Man checkt (auch) private E-Mails und SMS, kommuniziert über Instant Messenger, hört MP3-Musik – kurzum: Man tendiert zu unkonzentrierter Computerarbeit. „Man lässt sich von den vielen Möglichkeiten ablenken und kommt vom 100. ins 1000., ohne Aufgaben abzuschließen“, beobachtet Christine Klien. Auch sorgen die unzähligen Mails, SMS etc. für ständige Unterbrechungen. „Es stresst enorm, wenn man in einem Gedankengang gestört wird“, betont Klien. Viele überfordert auch die Fülle an Informationen, die ständig einströmt. „Wir haben ein großes Angebot an Informationen, von dem wir glauben, alles aufnehmen, beantworten, verarbeiten zu müssen. Das ist allerdings genauso wenig möglich wie das Multitasking“, sagt Klien. „Die Informationsflut in den Griff zu bekommen, das müssen wir noch besser lernen.“

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Sitzen, stehen, gehen:
Entspannt arbeiten in jeder Position

Die richtige Einstellung ist in jeder Hinsicht das Um und Auf für entspannte Büroarbeit. Gemäß aktueller Empfehlungen sollte man dabei etwa 60 Prozent der Zeit im Sitzen, 30 Prozent im Stehen und zehn Prozent im Gehen verbringen. Dank moderner Möglichkeiten kann der Büroarbeitsplatz optimal gestaltet und damit körperlichen Beschwerden wirksam vorgebeugt werden; z. B. durch höhenverstellbare Tische, Stühle, Bildschirme. „Mittlerweile gibt es Steh-Sitztische, also Tische, die man per Tastendruck elektronisch stufenlos von Sitzposition zu Stehposition verstellen kann“, erklärt die Vorarlberger Arbeitsmedizinerin Dr. Christine Klien. „Auch Flachbildschirme sind höhenverstellbar und so leicht, dass man sie  problemlos richtig positionieren kann.“ Bürostühle sollten dynamisches Sitzen ermöglichen, d. h. man muss sich darauf bewegen und zurücklehnen können.

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