Seelische Leiden im Alter

März 2013 | Psyche & Beziehung

Was die Psyche jetzt gesund hält
 
Von Depression bis Sucht: Immer mehr Männer und Frauen über 50 haben ein psychisches Leiden. Lesen Sie, was die Seele jetzt braucht, um gesund zu bleiben.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Es wird immer deutlicher: Chronische psychiatrische Erkrankungen sind zunehmend ein Problem des Alters; rund ein Viertel der Über-60-Jährigen hat ein psychisches Leiden. Die steigende Betroffenheit geht Hand in Hand mit verschiedenen Wissenslücken die psychische Gesundheit von Senioren betreffend – Gründe genug, um Ende des Vorjahrs die Österreichische Gesellschaft für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie (ÖGAPP) zu gründen.
Schließlich sind Depression, Demenz & Co zwar Erkrankungen, an denen viele ältere Menschen leiden, sie sind aber keineswegs – wie fälschlich angenommen – „normale“ Begleiterscheinungen des Älterwerdens, die früher oder später jeden treffen. „Von den Über-90-Jährigen haben rund 30 Prozent eine Demenz und 70 Prozent eben nicht“, gibt Prim. Dr. Christian Jagsch, der erste Präsident der ÖGAPP, ein Beispiel.

Einsam und bedrückt

Feststeht allerdings, dass insbesondere Einsamkeit und Isolation vielen älteren Menschen zusetzen. „Ob nach Partnerverlust oder dem Verlust von wichtigen Aufgaben: Die Einsamkeit zählt zu den schwerwiegendsten Problemen von Senioren“, berichtet Christian Jagsch, der außerdem an der Grazer Landesnervenheilklinik Sigmund Freud die Abteilung für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie leitet. „Mit der Pensionierung ist man nicht länger eingebettet ins berufliche Umfeld, auch der Lebensstil und die bisherigen Werte wandeln sich oft. In dieser Übergangsphase treten gehäuft depressive Erkrankungen auf“, ergänzt Univ. Prof. DDr. Gabriele Sachs, ärztliche Direktorin der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz. „Rund ein Fünftel der Über-65-Jährigen leidet an Depressionen verschiedenen Schweregrads, Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer“, präzisiert Alterspsychiater Jagsch. Bei Frauen ist das Depressionsrisiko bereits ab dem Wechsel erhöht; auch jene, die mehrfach erkrankt sind, und Hochbetagte sind häufiger depressiv. Die Betroffenen fühlen sich isoliert, freud- und perspektivenlos und ziehen sich zunehmend zurück. „Oft kommt es außerdem zu Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen“, ergänzt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und Psychologin Gabriele Sachs. Wer im höheren Alter an sich selbst oder einem Angehörigen einige dieser Symptome bemerkt, sollte nicht automatisch an eine Demenz denken – es könnte auch eine Altersdepression dahinterstecken.
Mitunter zieht die depressive Störung eine Schlafstörung nach sich. Gerade im Alter kann die nächtliche Ruhe aber auch aufgrund von anderen Ursachen beeinträchtigt sein. „Schlafstörungen können isoliert oder im Rahmen einer Depression oder Angsterkrankung auftreten“, sagt Jagsch. „Auch körperliche Krankheiten wie Lungen- oder Herzerkrankungen können dahinterstecken.“ Die Folgen? „Es kann so weit kommen, dass sich der gesamte Schlaf-Wach-Rhythmus umkehrt“, betont Sachs. Wer nachts ein Schlafdefizit „ansammelt“, benötigt tagsüber regelmäßig ein längeres Nickerchen.

Vielfältig belastet

Damit nicht genug: Jene, die sich ihr Leben lang über ihre beruflichen Leistungen definiert haben, erleben das Ende der Berufstätigkeit als besonders schwierig. „Wer das Selbstwertgefühl allein über den Beruf erlangt hat, gerät oft in eine schwer zu bewältigende Krise“, erklärt Gabriele Sachs. Wie wertvoll und wichtig bin ich noch? Werde ich noch respektiert? „Andere wiederum sind froh, in Pension zu gehen und aus dem Arbeitsstress aussteigen zu können“, ergänzt Christian Jagsch. Und wieder andere sehen sich im Ruhestand erst recht gezwungen, über die eigenen Grenzen zu gehen, weil sie einen kranken Angehörigen zu pflegen haben.
Auch unbewältigte Konflikte in der Vergangenheit können dafür verantwortlich sein, dass die Senioren nicht zur Ruhe kommen. „Es gibt Menschen, die Verschiedenes ihr Leben lang mitgeschleppt haben, das sie gern erledigt hätten“, weiß Jagsch. Viele quält zudem die Angst vor Krankheit und dem möglichen Verlust der Selbstständigkeit: Wer kümmert sich um mich, wenn ich krank werde? Werde ich gut versorgt sein? Muss ich in ein Pflegeheim gehen oder werde ich zuhause gepflegt? „Auch wird mit etwa 70, 80 Jahren vielen die Endlichkeit des Lebens zunehmend bewusst. Einerseits, weil dann viele im Freundes- und Bekanntenkreis sterben, und andererseits, weil oft körperliche Erkrankungen dazukommen, die einen bedrohen“, erläutert Jagsch.

Fataler Ausweg

Ob aus Einsamkeit, Niedergeschlagenheit oder Angst: Immer mehr Senioren greifen zu Suchtmitteln – jeder zehnte Über-60-Jährige hat ein Suchtproblem. „Es wird versucht, auftauchende Krisen mit vermehrtem Alkoholkonsum oder anderen Substanzen zu bewältigen“, weiß Sachs. Männer greifen eher zum Alkohol – zehn bis 15 Prozent haben einen „problematischen Alkoholkonsum“ – Frauen zu Schmerz- oder Beruhigungsmitteln.
Im schlimmsten Fall sehen die Betroffenen keinen Ausweg aus der psychischen Misere, bei Männern steigt im Alter die Suizidrate an. „Hinter der Zunahme steckt häufig eine psychische Erkrankung, meist eine Depression, und/oder eine Suchterkrankung“, erklärt Jagsch.

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Wie kann ich meine Psyche schützen?
Die besten Tipps

Vielseitig aktiv bleiben

Wer geistig und körperlich aktiv bleibt, stärkt damit letztlich auch die Psyche. Ob beim Wandern, Nordic Walking oder Schwimmen: „Körperliche Bewegung und Training wirken beispielsweise Depressionen entgegen“, betont der Grazer Alterspsychiater Prim. Dr. Christian  Jagsch. Wer außerdem rege und neugierig bleibt und sich seinen Sinn für Humor bewahrt, beugt z. B. Selbstwertproblemen vor. „Man sollte kognitiv aktiv bleiben, sich für neue Beschäftigungen interessieren oder alten Interessen wieder nachgehen“, so Jagsch.

Sich sinnvoll engagieren

„Jeder einzelne sollte für sich überprüfen: Wo kann ich für mich sinnvoll aktiv sein? Wo ist für mich Sinnfindung möglich?“, regt die Psychiaterin und Psychotherapeutin Univ. Prof. DDr. Gabriele Sachs an. Ob beim Philosophiestudium, einer ehrenamtlichen Tätigkeit oder Unternehmungen mit den Enkerln – man spürt: Auch im Ruhestand ist das Dasein wert- und sinnvoll.

Soziale Kontakte pflegen

Ein besonders wirksamer Schutz vor Vereinsamung, Isolation und Depression „sind gute soziale Beziehungen“, so Jagsch. Wer es nicht geschafft hat, sich in jüngeren Jahren ein tragfähiges soziales Netz aufzubauen, kann auch in der Pension eine Gemeinschaft Gleichgesinnter finden. „Es gibt Seniorengruppen, die künstlerisch tätig sind, die wandern gehen oder gemeinsam verreisen“, regt Gabriele Sachs an.

Sich auf seinen Biorhythmus einstimmen

Wer nicht gegen die innere Uhr, sondern im Einklang mit dem Schlaf-Wach-Rhythmus lebt, beugt Schlafstörungen vor. „Wir haben einen ganz natürlichen biologischen Schlaf-Wach-Rhythmus: Vor Mitternacht wird Melatonin ausgeschüttet und man wird müde“, erklärt die Psychiaterin Sachs. „In der Früh wiederum wird Cortisol ausgeschüttet. Am Vormittag ist man geistig besonders leistungsfähig, nachmittags eher körperlich.“

Ausgewogen essen

Über den günstigen Einfluss einer ausgewogenen Kost auf das psychische Wohlergehen weiß die medizinische Forschung immer besser Bescheid. „Gesunde Ernährung stellt zum Beispiel sicher, dass Blutdruck sowie Blutzucker gut eingestellt sind“, betont der Mediziner Jagsch. „Kommt es hingegen zur Entgleisung des Blutzuckerspiegels oder zu Bluthochdruck, so steigt das Risiko für Depressionen.“ Regelmäßig auf den Speisezettel gehören z. B. frisches Obst, Gemüse, Fisch.

Professionelle Hilfe suchen

„Wenn Sinnlosigkeitsgefühle oder schwerwiegende Schlafstörungen auftreten, sollte man eine Behandlung bei einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Erwägung ziehen“, rät Gabriele Sachs. „Psychotherapie kann dabei helfen, das Leben umzustrukturieren und einen neuen Sinn darin zu finden. Und sie kann bei der Auseinandersetzung mit der Endlichkeit unseres Lebens und der Angst vor dem Tod unterstützen.“  Die jüngeren Senioren haben vielfach ohnehin gelernt, sich bei Bedarf professionelle Unterstützung zu holen. Was allen gleichermaßen entgegenkommt: Immer mehr Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten spezialisieren sich mittlerweile auf die Probleme Älterer.

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