Bogenschießen

Mai 2014 | Fitness & Entspannung

Haltung einnehmen, sich aufs Wesentliche konzentrieren und den Stress hinter sich lassen: Bogenschießen macht’s möglich. Ganz nebenbei kann man mit Pfeil und Bogen einen Volltreffer für die Gesundheit landen. MEDIZIN populär zeigt auf, was den Trendsport zur Therapie macht.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Ganz leicht nur zittern die Hände von Hermann F., als er den Bogen spannt, die Zielscheibe anvisiert und den Pfeil loslässt: Volltreffer! Der Parkinson-Patient wischt sich den Schweiß von der Stirn und lächelt erfreut. „Seit ich mit dem Bogenschießen begonnen habe, fühle ich wieder mehr Kraft in den Händen, und sie zittern weniger“, sagt der 68-Jährige, der zu jenen Patienten im niederösterreichischen Kur- und Rehabilitationszentrum Bad Pirawarth zählt, für die Bogenschießen Teil der Therapie ist. „Zuhause will ich damit weitermachen“, sagt er begeistert. Schließlich fühlt er sich nicht nur körperlich wohler, durch den Schießsport rücken für einige Zeit auch alle Gedanken an die Krankheit in den Hintergrund. „Die Patienten sind begeistert und mit voller Konzentration bei der Sache“, bestätigt Dr. Beata Kowalczyk, Fachärztin für Physikalische Medizin und Allgemeine Rehabilitation.  

Kräftigere Muskeln

„Vor allem erreicht man damit eine Kräftigung der oberen Extremitäten, also der Arm- und Handmuskulatur, eine Kräftigung der Nacken- und Schultermuskulatur sowie der Rumpfstabilität“, nennt Beata Kowalczyk die wichtigsten gesundheitlichen Effekte des therapeutischen Bogenschießens. „Auch die Koordination, vor allem jene von Hand und Auge, wird dabei gefördert.“ Was sich außerdem verbessert, ist das Gleichgewichtsgefühl. Entsprechend sind es auch Menschen, die an Multipler Sklerose oder Parkinson erkrankt sind, oder Schlaganfallpatienten, die mit Pfeil und Bogen Kraft und Koordination trainieren. „Außerdem bewährt sich das Bogenschießen bei orthopädischen Beschwerden, etwa bei Problemen im Bereich von Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule“, ergänzt Sportwissenschafter Mag. Martin Aimet, verantwortlich für den sportwissenschaftlichen Bereich in Bad Pirawarth. Und: „Bogenschießen ist eine Haltungsschulung. Das bedeutet, dass damit eine gerade, aufrechte Haltung gefördert wird“, sagt Aimet.

Mehr Handlungsspielraum

Mit dem therapeutischen Bogenschießen wird außerdem das Bewegungsspektrum, das sich bei Erkrankungen wie Multipler Sklerose zunehmend verringert, wieder breiter. „Die Betroffenen werden sich beim Bogenschießen ihrer Möglichkeiten bewusst“, erklärt die Ärztin. „Sie erweitern den Bewegungsfluss, indem sie beispielsweise entdecken, dass der Arm höhere Spannung als gedacht aufbauen kann.“ Mit dem Einüben von Haltung und Bewegungsabläufen wird auch die Konzentrationsfähigkeit der Bogenschützen gestärkt: Mit dem Fokus auf die Haltung und den Bewegungsablauf kommt auch der Geist zur Ruhe.

Bewegung im Gespür

Und so läuft die halbstündige Trainingseinheit in Bad Pirawarth ab: Man trifft sich in Kleingruppen von maximal vier Personen im Turnsaal. Nach dem Aufstellen der Anlage – Gestell, Scheibe bzw. Dämpfer – wärmen die Bogenschützen sich mit einfachen Übungen wie Schulterkreisen, Armkreisen, Greifübungen auf. „Außerdem mobilisieren wir den Rücken und führen Imitationsübungen durch, das heißt, wir üben den Bewegungsablauf ohne Gerät“, ergänzt der Sportwissenschafter Aimet. Danach kommen die Schießübungen, erst ohne, dann mit Zielscheibe: „Dabei wird versucht, in einem Durchgang fünf, sechs Pfeile auf immer einen Punkt zu schießen“, so Aimet.
Im Gegensatz zu Leistungssportlern praktizieren die Patienten intuitives Bogenschießen, das bedeutet, dass beide Augen geöffnet sind. „Dabei werden Intuition und Instinkt gefördert“, betont Martin Aimet. „Ziel ist, den Bewegungsablauf ins Gefühl zu kriegen und instinktiv zu wissen, wie und wohin man zielt und dann halbwegs zu treffen.“ Natürlich erlernen die Bogenschützen auch verschiedene Kniffe, um ihre Zielgenauigkeit zu verbessern; schließlich steigt mit jedem Volltreffer der Spaß an der Sache. Im Gegensatz zum sportlichen Bogenschießen ist aber der Weg viel mehr das Ziel als das Ziel selbst. „Dass man immer in die Mitte der Scheibe trifft, ist sekundär“, so Aimet. „Viel wichtiger ist, die richtige Haltung und den richtigen Bewegungsablauf einzuüben.“

Anspannen und Loslassen

Obwohl die Bögen deutlich leichter sind als jene von Leistungssportlern, deren Zugkraft 40 Kilogramm ausmachen kann, hat es das Training in sich: „Die Hauptschwierigkeit ist, die Kraft aufzubringen, um den Bogen zu spannen“, weiß Sportwissenschafter Aimet. Dabei geht es nicht darum, die Spannung besonders lange zu halten, im Gegenteil. „Das Verharren in der Position, bis man schießt, dauert nur ein paar Zehntelsekunden“, so der Experte. „Manche probieren zwar durch Aufbauen der Spannung und langes Zielen, genauer zu schießen.“ Das sei aber eher kontraproduktiv: „Meistens reicht die Kraft dann nicht aus und man beginnt zu zittern und trifft erst recht nicht besser.“
Die Anweisungen an die Schützen lauten deshalb: kurzes Anvisieren, Bogen spannen und dann loslassen. Der Trainingseffekt stellt sich „durch die Wiederholungen des Bewegungsablaufes“ ein, betont Aimet. „Bereits innerhalb von vier Wochen kann man mit positiven Effekten rechnen“, ergänzt Medizinerin Kowalczyk.

Entspannung im Visier

Wem die Ärztin den Sport außerdem nahelegt? „Ich empfehle das Bogenschießen besonders jenen, die eine sitzende Arbeit haben, jenen beispielsweise, die stundenlang vor dem Computer in einer Position verharren, weil dies den Nacken- und Schultergürtel belastet“, sagt Beata Kowalczyk. Mit dem Bogenschießen wird nicht nur die aufrechte Haltung, sondern insbesondere auch die Nackenmuskulatur gestärkt und unterstützt. „Es ist eine durchaus günstige Übung für die beanspruchten Muskelgruppen im Nacken- und Schultergürtel“, so Kowalczyk.
Und auch, wer geistig einen gesunden Ausgleich im Visier hat, erzielt mit Pfeil und Bogen günstige Effekte; auch unruhige, nervöse Menschen profitieren von dem Schießsport. „Der Bewegungsablauf erfolgt immer in Zusammenhang mit einer bewussten Atmung, sodass es zu einer Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit kommt“, erläutert Sportwissenschafter Aimet. „Wir setzen das Bogenschießen deshalb auch ein, wenn es um Entspannung geht und darum, zur Ruhe zu kommen.“

Für fast jeden geeignet

Prinzipiell kann man in jedem Alter mit Pfeil und Bogen sporteln. Die Voraussetzungen: „Ein bestimmtes Kraftniveau muss vorhanden sein“, erklärt Sportwissenschafter Aimet. „Und es braucht freilich die kognitiven Voraussetzungen, um die Technik umsetzen zu können und weder sich selbst noch andere zu gefährden.“ Wann man besser nicht zu Pfeil und Bogen greift? „Wenn die Bewegungen Schmerzen verursachen oder aufgrund von Instabilität von Schulter, Ellbogen oder Handgelenk nicht durchführbar sind“, betont Fachärztin Kowalczyk.
Und wie oft sollte man trainieren, wenn man wie Hermann F. Feuer gefangen hat? „Optimalerweise zwei bis drei Mal in der Woche“, empfiehlt Aimet. Um keine einseitige Belastung zu riskieren, sollte man trotz aller Begeisterung den Bogen nicht überspannen und ausgleichende Bewegungsarten wie Nordic Walking oder Radfahren in den Alltag integrieren.

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Bogenschießen im Trend:
Auf der Jagd nach Ausgleich

Ob Freizeit- oder Leistungssportler: Die ständig wachsende Fangemeinde des Bogensports folgt einer uralten Tradition. Wie Höhlenzeichnungen dokumentieren, machten sich unsere Urahnen schon vor mehr als 14.000 Jahren mit Pfeil und Bogen auf die Jagd. Die Bogenschützen von heute sind weniger auf der Jagd nach Essbarem als vielmehr nach Körperbeherrschung und Konzentrationsfähigkeit – und damit buchstäblich nach einem spannenden Ausgleich.
Neben dem sportlichen Bogenschießen, das übrigens eine olympische Disziplin ist, liegt heute vor allem das traditionelle Bogenschießen, zu dem auch das therapeutische zählt, im Trend. (Psycho-)Therapeutisch macht man sich dabei auch den Wechsel von Anspannung und Entspannung, Konzentration und Loslassen zunutze. Zu den prominenten Bogenschützen zählen nach Robin Hood heute zum Beispiel die Hollywood-Schauspielerin Geena Davis (bekannt aus „Thelma & Louise“) oder Entführungsopfer Natascha Kampusch.

Stand 04/2014

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