Sport trotz Rheuma

Oktober 2014 | Fitness & Entspannung

Wie Bewegung die Beschwerden lindert
Die Zeiten, in denen bei Rheuma körperliche Schonung verordnet wurde, sind vorbei. Im Gegenteil: Für Betroffene gibt es heute Bewegung gleichsam auf Rezept. MEDIZIN populär über sechs Vorteile, die Sport Rheumatikern bringt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Die einen haben es in den Händen, die anderen am Rücken oder an den Knien: Rheuma kann überall entstehen, es gibt viele verschiedene Arten der Erkrankung mit unterschiedlichsten Ursachen. Ein Merkmal aber ist ihnen allen gemein: „Rheumatische Erkrankungen sind häufig mit Schmerzen am Bewegungs- und Stützapparat des Körpers verbunden“, sagt die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie und ärztliche Direktorin vom Klinikum Malcherhof in Baden Prim. Dr. Gabriele Eberl. Und wenn die Gelenke, Knochen, Muskeln oder das Bindegewebe rund um Organe wehtun, fällt eines schwer: sich zu bewegen. Auch weil die meisten Rheumatiker denken, sie müssten sich körperlich schonen, um weniger Probleme zu haben, betreiben sie kaum oder gar keinen Sport. „Und das ist sehr schade“, bedauert Gabriele Eberl. „Denn wie man heute weiß, kann gerade Bewegung bei Rheuma die Beschwerden lindern.“ Expertin Eberl zeigt sechs Vorteile auf, die Sport Rheumatikern bringt:

Vorteil 1: Schutz vor Schmerzen

„Viele Rheumapatienten mit Verschleißerkrankungen meinen, dass ihre Schmerzen durch körperliche Schonung schwächer werden“, weiß Eberl aus Erfahrung. „Dabei ist es im Gegenteil so, dass die Schmerzen bei Inaktivität zunehmen.“ Der Grund: Wenn Bänder, Muskeln, Sehnen, Knochen und Gelenke zu wenig benützt werden, verlieren sie an Substanz, funktionieren immer weniger gut, werden falsch belastet und tun weh. Rheumatologin Eberl: „Werden die Gelenke bewegt, bleiben sie genau wie die Bänder und Sehnen sozusagen in Form, und bewegte Muskeln werden kräftiger.“ Das schützt letztendlich vor Fehlbelastungen und Schmerzen. Bei entzündlichen Rheumaerkrankungen ist allerdings Vorsicht geboten, wenn Schmerzen und Schwellungen an Gelenken auftreten, so die Expertin weiter: „Dann empfiehlt es sich, zumindest das betroffene Gelenk zu schonen.“

Vorteil 2: Beweglichkeit nimmt zu

Egal, ob man rheumatische Hüften, Schultern oder Finger hat: Die chronische Krankheit geht meist nicht nur mit Schmerzen, sondern auch mit einer Einschränkung des Bewegungsumfangs einher; die Gelenke können anschwellen, auch steif und instabil werden. Eberl: „Nur wenn die Gelenke gezielt trainiert und regelmäßig bewegt werden, nimmt der Bewegungsumfang wieder zu.“

Vorteil 3: Stimmung bessert sich

Typisch für rheumatische Erkrankungen ist eine ständige Abgeschlagenheit, eine Müdigkeit, die oft mit schlechter Stimmung einhergeht. „Genauso wie auch bei Gesunden bessert sich bei Rheumakranken schon während der Bewegung die Stimmung“, so Eberl. „Mit der Zeit entwickeln jene, die Sport betreiben, regelrechte Freude daran, sich Ziele zu setzen und zu versuchen, diese zu erreichen.“ Wer bei der Sache bleibt, erlebt über kurz oder lang sportliche Erfolge. Und spätestens dann verabschieden sich der Missmut, ständige Müdigkeit und die charakteristische Abgeschlagenheit.

Vorteil 4: Übergewicht wird reduziert

„Rheumatiker haben durch die oft jahrelange Inaktivität vielfach Übergewicht“, weiß Eberl. „Es zu reduzieren und zu versuchen, das Normalgewicht zu erreichen, ist wichtig. Denn dadurch werden die Gelenke, die durch die entzündliche Erkrankung ohnedies schon stark belastet sind, mechanisch entlastet.“ Mit Bewegung und Sport gelingt das Abspecken deswegen so gut, da gleich zwei Effekte dazu beitragen, dass die Kilos purzeln: „Wer trainiert, verbraucht dabei Energie aus der Nahrung und baut Muskeln auf, und stärkere Muskeln verbrauchen im Ruhezustand mehr Energie.“ So schwindet belastender Speck nach und nach, womit es dann auch immer leichter fällt, Sport auszuüben.

Vorteil 5: Herz-Kreislaufsystem bleibt in Schuss

„Rheumatiker sind aufgrund der Entzündungsprozesse im Körper besonders gefährdet für Atherosklerose“, warnt die Expertin. Die Gefäßverengungen können zu Bluthochdruck und in weiterer Folge zu Herzproblemen bis hin zum Herzinfarkt und zu Thrombosen sowie zum Schlaganfall führen. „Erkrankte, die regelmäßig Sport betreiben, senken das Risiko für diese lebensgefährlichen Erkrankungen“, informiert Eberl. Der Grund: Beim Training werden einzelne Zellen des Blutes positiv beeinflusst, was die Gefäße gesund erhält und die Gefahr für Atherosklerose mindert.

Vorteil 6: Krankheitsfortschritt wird verzögert

„Heilbar sind Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises durch Bewegung und Sport zwar nicht“, räumt Eberl ein. Beobachtungen zeigen jedoch, dass der Fortschritt des Funktionsverlustes der Gelenke bei Arthritis, Gicht, Morbus Bechterew, aber auch bei Osteoporose erheblich verzögert werden kann, wenn die Betroffenen regelmäßig trainieren. Das bringe ihnen oftmals weitere Vorteile, streicht Eberl hervor: Sie können ihren Beruf weiter ausüben und ihre Lebensqualität erhalten. Und nicht nur das: Je länger rheumatische Erkrankungen in Schach gehalten werden können, desto stärker steigt zudem die Lebenserwartung der Rheumatiker.

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Welcher Sport ist gut für mich?

  • „Wie für Gesunde ist auch für Rheumatiker eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining ideal“, sagt die Rheumatologin Prim. Dr. Gabriele Eberl.
  • Welche Ausdauersportart aus der breiten Palette der Möglichkeiten von Radfahren über Schwimmen bis Nordic Walking die richtige für den Einzelnen ist, und ob man seine Kraft besser bei Gymnastik als beim Hanteltraining steigert, sollte man mit dem behandelnden (Fach-)Arzt klären.
  • „Außerdem empfiehlt sich ein Beratungsgespräch mit einem Sportmediziner, das am besten im Rahmen einer sportmedizinischen Untersuchung geführt wird“, rät Eberl und ergänzt: „Auf der Basis dieser Untersuchung wird auch die ideale Häufigkeit, Dauer und Intensität des Trainings ermittelt.“
  • Die Untersuchung sollte anfangs alle sechs bis acht Wochen wiederholt werden, um zu ermitteln, wann welche Steigerungen möglich sind.

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Was tun, bei …

… Schmerzen?
„Bei entzündlichen rheumatischen Erkrankungen können mit heute verfügbaren Medikamenten, allen voran Biologika, rheumatische Schübe verringert und Schmerzen abgeschwächt werden“, erklärt Rheuma­Expertin Prim. Dr. Gabriele Eberl. So stehen dem regelmäßigen, kontrollierten Training zumindest die Schmerzen nicht mehr im Weg.

… Unsicherheit?

Viele Betroffene fühlen sich beim Start in ein sportliches Leben unsicher, haben Angst, etwas falsch zu machen, die Gelenke durch die körperliche Belastung noch mehr zu schädigen und sich noch mehr Schmerzen einzuhandeln. Der Tipp der Expertin für mehr Sicherheit: „Betroffene können sich zum Beispiel im Rahmen einer Physiotherapie zeigen lassen, wie sie die Bewegungen beim Sport richtig ausführen.“

… mangelnder Motivation?
„Viele Rheumatiker betrachten Bewegung als unnötig, und daher fehlt ihnen die Motivation dazu“, weiß Eberl. Viele entscheiden sich dann aber doch für ein bewegtes Leben, wenn sie einmal am eigenen Leib erfahren haben, wie rasch sich durch Sport heilsame Erfolge einstellen: „Aufgrund von Erfahrungen mit Patienten in Rehabilitationszentren, die an einem mehrwöchigen Trainingsprogramm teilnehmen, weiß man, dass dies oft schon nach drei Wochen Training der Fall ist“, macht Eberl Mut. Außerhalb von Reha-Zentren hilft es, sich einer Gruppe Gleichgesinnter anzuschließen, um sich zu regelmäßiger Bewegung zu motivieren.

Buchtipp:
Uitz, Mayer, Bahadori
Rheuma. vorbeugen – erkennen – behandeln
ISBN 978-3-902552-51-8
112 Seiten, € 12,90
Verlagshaus der Ärzte

Stand 10/2014

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