Winterwandern: Worauf es dabei ankommt

Januar 2014 | Fitness & Entspannung

Es müssen nicht immer zwei taillierte Brettln sein: Abgeschreckt von unleistbaren Skiurlaubskosten suchen zunehmend mehr Menschen den Kick im Pulverschnee beim Winterwandern, mit oder ohne Schneeschuhe, mit oder ohne Rodel. Experten verraten, worauf es dabei ankommt und wie die Gesundheit davon profitiert.
 
Von Wolfgang Kreuziger

Die Skination Nummer eins liegt in der Kältestarre: In den vergangenen 20 Jahren hat statistisch jeder dritte Pistenflitzer in Österreich seine Brettln für immer in die Ecke gestellt, im vergangenen Winter fuhren nur mehr 1,8 Millionen talwärts. Schuld am kollektiven Abschnallen ist neben den gepfefferten Preisen für Ausrüstung und Liftkarte auch die Angst vor schweren Verletzungen. Um dennoch nicht auf den Adrenalinstoß im weißen Pulverschnee verzichten zu müssen, haben die Pisten-Verweigerer nun eine neues Betätigungsfeld entdeckt: Sie tauschen die Schranz-Hocke gegen das prickelnde Gefühl einer Polar-Expedition in den Fußspuren von Forscher Roald Amundsen.
„Im Winter zu Fuß durch die raue Schneelandschaft zu stapfen, übt auf Gestresste einen besonders beruhigenden Reiz aus“, weiß Mag. Michael Larcher, Leiter der Abteilung Bergsport beim Alpenverein. „Ich habe in der unversehrten Winternatur schon Tränen in den Augen von saturierten Geschäftsleuten gesehen.“ Mehr als 350 speziell betreute Routen in über 40 Urlaubsregionen ebnen mittlerweile den Weg für die nach dem Skifahren bereits zweitliebste Bewegungsform in der kalten Jahreszeit. „Winterwandern ist dabei nicht nur kostengünstig, sondern auch gesund“, ergänzt Sportmediziner Prim. Univ. Prof. DDr. Josef Niebauer vom Universitätsinstitut für präventive und rehabilitative Sportmedizin in Salzburg. „Es bringt unseren ganzen Körper auf Trab, von der Muskulatur bis zum Immunsystem.“

Väterchen Frost als Freund

Mit einem Fußmarsch auf sommerlichen Almen in T-Shirt und kurzer Hose hat das Winterwandern freilich nicht viel gemeinsam. Denn das Gehen durch Schneewehen bei frostigen Temperaturen lässt den kleinsten Spaziergang schnell zur abenteuerlichen Expedition werden. „Um sicher und beschwingt unterwegs zu sein, schult der Alpenverein seit Jahren spezielle Winterwander-Instruktoren, die über die Gefahren von Kälte oder Lawinen aufklären“, verrät Larcher. Denn erschöpfte Tourengeher sind sogar schon in der Ebene erfroren, Schneestürme und Lawinen oft zum tragischen Spielverderber geworden, wenn das nötige Fachwissen fehlte. „Ohne Erfahrung oder Führer sollte man nicht in lawinengefährdete Gebiete vordringen“, warnt der Tiroler. Als eine seiner obersten Aufgaben sieht er, den Wanderer auch mental auf den Frost einzustellen. „Die Kälte erscheint uns anfangs wie ein Feind. Doch mit der wärmenden Bewegung als Waffe treiben wir ihr den Schrecken aus.“ Aus medizinischer Sicht ist Kälte sowieso kein Grund zur Panik, weiß Sportmediziner Niebauer. „Bis minus 15 Grad braucht sich niemand Sorgen zu machen, wenn er nicht gerade an Lungen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leidet oder Rheuma hat. Tiefe Temperaturen sind auch kein Risiko für eine Verkühlung, wie viele glauben. Im Gegenteil, die Kälte härtet den Körper ab und stärkt das Immunsystem.“  

Wasser- und winddicht unterwegs

Noch vor dem ersten Schritt in der weißen Wunderwelt besteht der gestrenge Tiroler Bergführer bei seinen Schützlingen auf entsprechende Ausrüstung. Auf Larchers Liste haben auch bei kleinen Touren ein Biwaksack, ein geladenes Nothandy und eine Erste-Hilfe-Ausrüstung Fixplätze, eine Stirnlampe sollte ebenfalls dabei sein. An den Füßen sorgen statt Moonboots feste knöchelhohe Wanderschuhe mit steifer Sohle für Trittfestigkeit. Bei der Bekleidung gehören eine wasser- und winddichte Jacke, Feuchtigkeit transportierende Funktionsunterwäsche und Socken aus Schurwolle zur Grundausstattung.
Damit weder Muskelschmerzen noch allzu rasche Erschöpfung aufkommt, muss der Rucksack leicht sein: „Hinein gehört nur das Allernötigste“, empfiehlt der Alpenvereins-Experte. „Getränke haben darin mehr Bedeutung als das Essen, ein Liter Flüssigkeit ist das absolute Minimum. Der erfahrene Winterwanderer rät zu heißen isotonischen Getränken und zu leicht verdaulichen Snacks wie Müsliriegel, Trockenobst und Kekse, um den kleinen Hunger und Durst zu stillen. Hat man sich darüber hinaus noch mit gutem Kartenmaterial und einem Kompass eingedeckt, sind alle Weichen gestellt. Es sei denn, man will hoch hinaus: „Je höher der Weg hinaufführt, desto besser muss die Notausrüstung sein“, mahnt Larcher. „Im Lawinengelände sind detaillierte Wanderkarte, Lawinenverschütteten-Gerät, Schaufel und Sonde Pflicht sowie GPS-Empfänger sehr hilfreich.“

Wie John Wayne im Schnee

Ist man auf geräumten Forstwegen unterwegs, kommt man auf festen Bergschuhen am besten voran; mit Hilfe von Gamaschen lässt sich das Eindringen von Nässe verhindern. „Verlässt der Wanderer aber die geräumten Pfade, wird der Schneeschuh zum besseren Sportgerät, der auch ein abenteuerliches Trapper-Feeling aufkommen lässt“, schmunzelt Larcher. Kombiniert mit Teleskopstöcken, ermöglichen Schneeschuhe mit ihrer vergrößerten Auflagefläche, wegloses Gelände ohne Einsinken zu meistern. Schneeschuhe kann man sich ausleihen oder ab etwa 100 Euro kaufen. Larcher: „Die richtige Technik mit breiten Schritten wie Westernheld John Wayne und etwas höher angehobenen Füßen hat jeder schnell gelernt. Bei Steigungen über 30 Prozent ist der Schneeschuh allerdings überfordert; bei steilen Gipfeltouren jenseits der Waldgrenze müssen Tourenskier angeschnallt werden.    
   
Mit der Rodel im Schlepptau

Bei den Hoteliers und Tourismusbüros drängen sich vorrangig Menschen jenseits der 40 um Startplätze für geführte Winterwanderungen. „Kinder sind weniger interessiert“, berichtet Larcher. „Viel lieber gehen sie rodeln, das weiß ich von meinen eigenen vier Söhnen. Das ist eine Bewegungsform, die auch zum Winterwandern gezählt wird, denn der Schlitten muss ja die Steigung hinaufgezogen werden, bevor man talwärts flitzt.“ In den letzten Jahren boomte das Rodeln auf über 500 betreuten Bahnen in ganz Österreich noch mehr als das klassische Winterwandern. Dass jedes Jahr rund 4000 Menschen nach Kollisionen mit Mensch, Fels oder Baum im Spital landen, ist die Kehrseite vom Kufenspaß: „Beim sehr verletzungsgefährlichen Rodeln kommen leider Kopf- oder Gesichtsblessuren immer wieder vor, gerade wenn kleine Rodler die Geschwindigkeit unterschätzen“, mahnt Sportmediziner Niebauer zur Vorsicht. „Deshalb sollte man beim Rodeln unbedingt den Skihelm aufsetzen!“  

Von Kopf bis Fuß gesund

Ob mit Berg-, Schneeschuh oder Rodel, von der Bewegung im glitzernden Winterzauber profitiert unsere Gesundheit von Kopf bis Fuß. „Die gleichmäßige Form der Belastung trainiert effektiv unser Herz-Kreislaufsystem, Kondition und Stoffwechselfunktionen werden verbessert“, versichert Niebauer. „Das Gehen auf dem unberechenbaren Schneeboden schult obendrein unseren Gleichgewichtssinn und die Feinmotorik.“ Darüber hinaus kommt dem Licht als Stimmungsaufheller in der dunklen Jahreszeit eine ebenso große Bedeutung zu wie der beruhigenden, stresslösenden Wirkung der Natur, die Instruktor Larcher schon so oft erlebt hat: „Wenn in der Kälte über den Wanderern die Atemluft wie Rauch aufsteigt und alle in der weißen Landschaft zu einem gemeinschaftlichen Rhythmus finden, ist das wie Meditation.“    

Webtipp:

www.winterwandern.wanderdoerfer.at

Buchtipp:

Christine und Michael Hlatky,
Bergwandern mit Hund
ISBN 978-3-7025-0709-1
192 Seiten, € 22,–
Verlag Anton Pustet, 2013

 

Stand 01/2014

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo bestellen

E-Magazin

Abo Service

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo Service

E-Magazin

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

Abo Service

Gewinnspiel

E-Magazin

Newsletter