Mut zur Wut

Oktober 2014 | Gesellschaft & Familie

Warum Dauerlächeln fatal enden kann
Wut zählt zu den grundlegenden Gefühlsregungen des Menschen. Und doch wird sie in der heutigen Gesellschaft negativ bewertet, ja geradezu geächtet. Sehr zum Schaden für unser Zusammenleben und unsere Gesundheit, wie die Psychiaterin Prim. Dr. Heidi Kastner in ihrem neuen Buch schreibt.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

„Sei kein Rumpelstilzchen!“ bekommt die sechsjährige Josefine immer dann zu hören, wenn sie vor Wut faucht, brüllt und heftig aufstampft. In unserer Gesellschaft sind Zorn und Ärger unerwünschte Gefühle; schon Kinder sollen lernen, sie zu unterdrücken. Warum die Wut so schlecht bewertet wird? „Weil sogenannte Negativemotionen unangenehm sind: für denjenigen, der sie empfindet, und zu einem ganz wesentlichen Teil für denjenigen, dem sie zugedacht sind“, erklärt die Psychiaterin und Neurologin Prim. Dr. Heidi Kastner, Chefärztin der forensischen Abteilung der Linzer Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg. Diese Unannehmlichkeiten will man sich ersparen – mit einschneidenden Konsequenzen.

Unangemessenes Gefühl?

„Da uns erklärt wurde, dass Wut nicht zulässig ist, haben wir zum Teil verlernt, sie zu empfinden“, bedauert Kastner. Wir reden uns ein: „Der andere meint es nicht so. Eigentlich habe ich keine Wut.“ Viele schlucken ihren Groll auch aus Angst vor den Reaktionen der anderen: „Was wird passieren, wenn ich einmal laut werde? Auf den Tisch haue?“
Auch früher schon galten Ärger und Zorn als unangemessene Gefühle: In seinem Buch über die Wut („De ira“) empfahl der römische Philosoph Seneca, die Emotion zu unterdrücken, sich zu sagen: „Derjenige, der mich ärgert, ist es gar nicht wert, beachtet zu werden.“ Zynismus oder Abwertung sind jedoch „bedeutend schädlicher für die zwischenmenschliche Kommunikation als wenn man emotional angemessen reagiert und die eigenen Empfindungen artikuliert“, ist Kastner überzeugt.

Wichtiger Grenzmarker

Überhaupt sei Wut eine Gefühlsregung, die man sich nicht einfach abgewöhnen kann. „Sie zählt zu den grundlegenden menschlichen Emotionen“, betont die Psychiaterin. Diese nicht auszudrücken, gehe „vor allem zulasten der menschlichen Natur“, so Kastner. „Immer nur freundlich zu sein, alles, was nicht passt, unter den Teppich zu kehren und lächelnd drüber zu schreiten, ist kein tauglicher Umgang mit unseren Emotionen.“
Im sozialen Miteinander fungiert Wut als „Grenzmarker“: „Sie zu spüren ist eine Form der Selbsterkenntnis: Ich nehme wahr, wo meine Grenzen überschritten werden“, betont Heidi Kastner. „Und indem ich meine Wut zeige, vermittle ich dem anderen, wann er mir auf die Zehen steigt und mit negativen Reaktionen zu rechnen hat.“ Den eigenen Ärger kundzutun ist ein unverzichtbares Instrument in der zwischenmenschlichen Interaktion, das jeder beherrschen sollte. Wer seine Wut zeigt, ist nicht automatisch aggressiv, räumt die Psychiaterin mit einem verbreiteten Missverständnis auf, „sondern teilt lediglich eine Empfindung mit“. Wird der Zorn jedoch „zurückgespielt“, indem man den anderen verbal oder gar tätlich angreift, handelt es sich um Aggression.

Fatale Folgen

Wenn man hingegen gelernt hat, dass man als gebildeter, sozialer Mensch keine Wut haben darf, wird man sie gar nicht erst wahrnehmen. „Und Emotionen nicht wahrzunehmen, bedeutet, dass man in dem schädigenden Denken oder Verhalten verharrt“, warnt die Fachfrau. „Dann lässt die Emotion sich auch nicht als Leitlinie für Entscheidungen heranziehen.“ Ein Beispiel: Wenn man allein beim Anblick des Chefs jedes Mal wütend wird, ist es höchste Zeit, sich Gedanken über die Arbeitssituation und mögliche Konsequenzen zu machen. Wer den Zorn aber gar nicht erst spürt, wird in einer Situation verharren, die früher oder später schädigend wirkt. „Dann kommt es zu einem Burnout oder zu krankhafter Bitterkeit“, warnt Kastner. „Die Betroffenen sind physisch zwar völlig gesund, tragen in sich aber ein großes Maß an aufgestauter, negativer Emotion, die sie von innen her geradezu auffrisst.“ Das Dauerlächeln, die immer freundliche Miene zum bösen Spiel schadet damit der Gesundheit. „Wird Ärger ständig unterdrückt, kann das in eine Depression, in psychosomatische Störungen wie Verdauungsprobleme, hohen Blutdruck, in Gekränktheit, Zynismus, in krankhafte Verbitterung münden“, zählt die Expertin auf.
Besonders dramatisch wird es aber auch, wenn sich über lange Zeit unterdrückte Wut auf gewaltvolle Weise den Weg bahnt. „Die Emotion kann sich wandeln in eine extrem heftige, eruptive Form der Wutäußerung – bis hin zu Gewalt“, warnt die Expertin. Überproportional häufig passiert dies in engen Beziehungen. „Hier entsteht die größte Nähe, die größte Vertrautheit. Damit ergibt sich natürlich das größte Potenzial, den anderen zu verletzen“, sagt die Expertin und ergänzt: „80 Prozent der Tötungsdelikte passieren in Beziehungen.“ Umso wichtiger, gerade in engen Bindungen, den eigenen Unmut wahr- und ernst zu nehmen.

Gefühle auf den Tisch

Anstatt, wie im Fall von Josefine, Ärger & Co quasi zu verbieten, braucht es für eine gesunde Entwicklung geeignete Umgangsstrategien: „Schon Kindern muss man vermitteln, dass es in Ordnung ist, Zorn zu empfinden und wütend zu sein. Sie müssen aber auch lernen, die Gefühle sozial verträglich auszudrücken“, sagt Heidi Kastner. „Das passt mir überhaupt nicht! Das macht mich jetzt richtig wütend! Das geht so nicht weiter, da muss man etwas ändern“: So und anders könnte man seinen Unmut kundtun und dabei die Angelegenheit womöglich im eigenen Sinn lösen.

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„Gefühle zu verleugnen, ist wider unsere Natur!“

Mit ihrem neuen Buch hält die renommierte Gerichtspsychiaterin Prim. Dr. Heidi Kastner ein Plädoyer für die schlecht beleumundete Emotion Wut. Im Gespräch mit MEDIZIN populär erläutert sie, warum es mehr Mut zur Wut braucht.

MEDIZIN populär:
Wie kommt es, dass Wut heute geradezu verpönt ist?

Prim. Dr. Heidi Kastner
Ich denke, es hat damit angefangen, dass es hieß, jeder muss jung und schön sein. Jetzt muss jeder pflegeleicht, freundlich und streichelweich sein. Wer wütend ist, entspricht nicht dem zunehmend propagierten Bild der idealen sozialen Person. Diese gesellschaftlichen Forderungen entfernen sich immer weiter von der Realität: So wenig wie jeder jung und schön ist, so wenig ist jeder niemals wütend. Man muss nicht immer wohlgesonnen und freundlich sein und sich lächelnd die größten Frechheiten anhören.

Deshalb auch Ihre Ermutigung, die Wut wieder zu spüren?
Genau. Man sollte den Menschen, die ihr natürliches Empfinden schon verloren haben, mehr Bücher in die Hand geben, die ihnen helfen, ihre Wut auszudrücken. Dies zu tun bedeutet natürlich nicht, dass man den anderen niederschlägt. Aber man kann dem anderen durchaus mitteilen, dass man verärgert oder zornig ist. Es hat noch nie jemand eine posttraumatische Störung davon bekommen, dass man ihn anschnauzt.

Das heißt, auch sogenannte Negativemotionen sind der Umwelt durchaus zumutbar?
Unsere Empfindsamkeiten schön und gut – aber sie verleugnen unsere wahre Natur. So lange die Gefühlsäußerungen sich in einer gewissen Toleranzgrenze bewegen, müssen wir einander nehmen, wie wir sind.

Als Gerichtspsychiaterin haben Sie unzählige Gespräche mit Gewaltverbrechern geführt. Denken Sie, so manche Tat hätte verhindert werden können, hätte man die Emotionen beizeiten ernst genommen und ausgedrückt?
Man gewinnt immer wieder den Eindruck, dass jemand über sehr lange Zeit etwas geschluckt hat, das eigentlich nicht zum Schlucken ist; dass jemand beispielsweise lange die inadäquaten Kommunikationsweisen des Partners oder der Partnerin hingenommen hat. Nicht kommunizierte Emotionen wirken wesentlich destruktiver, als wenn man die Gefühle der Situation angemessen kommuniziert.

Zum Glück mündet Wut meist nicht in eine Katastrophe. Warum reagieren wir so unterschiedlich?
Zu einem Teil sind die Reaktionen situationsbedingt und abhängig davon, wie viel derjenige schon um die Ohren hat. Zu einem Gutteil sind sie auch eine Frage der Persönlichkeit: So wie es die gibt, die ihre Wut gut zeigen können oder schnell einmal losschreien, gibt es auch jene, die sich weniger getrauen, ihre Emotionen zu kommunizieren. Der gesellschaftliche Druck, dass man negative Emotionen nicht zeigen darf, verstärkt diese Mechanismen. Und das kann fatal enden.

Buchtipp:
Kastner,
Wut. Plädoyer für ein verpöntes Gefühl
ISBN 978-3-218-00929-4
128 Seiten, € 14,90
Kremayr & Scheriau, 2014.
Auch als E-Book erhältlich.

Stand 10/2014

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