Heilkraft der Natur

August 2014 | Leben & Arbeiten

Warum wir im Grünen regelrecht aufblühen
 
Ob beim Bergwandern, bei einem Waldspaziergang, bei der Gartenarbeit oder in der Hängematte auf dem Balkon: Im Grünen blüht der Mensch regelrecht auf.
Warum die Natur so heilsam für uns ist.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Endlos weite, parkähnliche Landschaften, Baumgruppen, Flüsse und Seen: So werden die paradiesischen Zustände beschrieben, in denen die ersten Menschen lebten. „Die Natur ist unsere eigentliche Heimat. Wir sind vertraut mit ihren Gerüchen, Geräuschen, Formen – und wir sehnen uns, der Entfremdung durch das Großstadtleben zum Trotz, immer noch nach ihr“, ist der Grazer Chronomediziner Univ. Prof. Dr. Maximilian Moser überzeugt. Entwicklungsgeschichtlich sind wir geprägt von der Natur – den Bergen, Tälern und Wäldern, dem üppigen Grün der Pflanzen, den vielfältigen Formationen des Wassers. „Die Menschen früher haben an Flüssen, See- und Meeresufern gelebt und sich entlang des Wassers in die ganze Welt ausgebreitet“, gibt Moser ein Beispiel für die tragende Rolle der Natur.

Auch Blumentopf wirkt

Es braucht nicht viel, um in den Genuss der Heilkräfte der Natur zu kommen – schon der Blick ins Grüne kann kleine Wunder wirken: „Studien mittels EEG zeigen: Das beste Mittel, um zu entspannen, sind Bilder der Natur“, berichtet der Wiener Allgemeinmediziner, Garten- und Psychotherapeut Dr. Fritz Neuhauser aus der Forschung. Und natürlich entfalten Pflanzen nicht nur draußen, sondern auch drinnen ihre Wirkkräfte: „In einem Büroraum, der mit Pflanzen ausgestattet ist, herrscht ein wesentlich angenehmeres Arbeitsklima als in Bereichen, in denen sich nichts als Technik findet“, zitiert Max Moser aus einer Untersuchung. Am besten wirkt Natur jedoch, wenn man ihren gesamten Mix – Farben, Gerüche, Geräusche, Licht und Luft – mit allen Sinnen genießt.
Dazu braucht es keine „paradiesische Landschaft“, nicht den Meeresstrand auf den Malediven, nicht die ostafrikanische Savanne oder die thailändische Inselwelt. Schon der Aufenthalt im nächsten Park, dem eigenen Garten oder der begrünten Loggia lässt uns aufblühen. Ob man Blumenbeete jätet, über Wiesen und durch Wälder streift, Berge erklimmt, am Seeufer promeniert oder sich auf der Terrasse einfach am Grünen und Blühen erfreut – die Möglichkeiten, die Natur zu genießen, sind unbegrenzt.

Natur ist Kur

Besonders positiv wirkt die „Natur-Kur“, wenn man dabei aktiv ist. „Dutzende Studien zeigen, dass vor allem beschwingtes Gehen und Wandern gesundheitsfördernd ist und das Immunsystem stärkt“, erklärt Moser. „Beim Wandern kommt man zur Ruhe, die Herzfrequenz sinkt danach und die Körperrhythmen kommen wieder in Ordnung.“ Warum? „Das Gehen an sich ist ein Rhythmus, der den ganzen Organismus ergreift und zu einer Koordination von Herzschlag und Atmung führt.“ Je öfter man per pedes unterwegs ist, umso besser: „Durch den Impuls des Schrittes wird die Auswurfleistung des Herzens verbessert, das Herz spart sozusagen Kraft“, erklärt der Facharzt. „Trainierte Wanderer stimmen zudem ihre Schritte auf den Atem ab“, weiß Moser. Die Koordination der Körperrhythmen stärkt die Stabilität des Organismus. „Und Stabilität bedeutet nichts anderes als Gesundheit“, sagt Max Moser.
Viel zu gehen, empfiehlt sich freilich auch für Städter, „zumindest in den verkehrsberuhigten Bereichen“, setzt der Mediziner nach und verweist auf einschlägige Studien: „In einer Untersuchung ließ man eine Gruppe Fußgeher durch Stadtbezirke gehen, eine andere die gleiche Weglänge in der gleichen Geschwindigkeit durch Grünanlagen. Das Ergebnis: Die zweite Gruppe hatte signifikant bessere Gesundheitswerte.“

Garten als Therapeut

Nicht nur Wanderer, auch Hobbygärtner profitieren stark von der Aktivität im Freien, ergänzt Fritz Neuhauser, der am Geriatriezentrum Am Wienerberg „therapeutische Gartenarbeit“ anbietet. Dabei wirken bereits 20 Minuten im Grünen wie ein Kurzurlaub: „Durch den Aufenthalt im Freien verbessern sich alle Funktionen des Organismus – organische, mentale und psychische. Erwiesenermaßen hat dies günstige Effekte etwa auf den Blutdruck, die Hirnstromaktivitäten und den Immunstatus“, so der Arzt. Wie Messungen außerdem zeigen, wirkt die frische Luft günstig auf das Atemvolumen: „Sobald man draußen ist, atmet man instinktiv besser durch, das Atemvolumen erhöht sich um ungefähr 50 Prozent“, berichtet Neuhauser. Mit spürbar positiven Folgen: „Wer tiefer atmet, fühlt sich automatisch besser, weil alle Regenerationsprozesse im Organismus in Schwung kommen, wohingegen beim langen Aufenthalt in Räumen der Stoffwechsel verlangsamt und die Atmung flach wird.“

Probleme machen sich vom Acker

Neben der frischen Luft, trägt das Sonnenlicht – bei entsprechendem UV-Schutz – das Seine zum Wohlbefinden bei. Es hilft dem Körper bei der Bildung von Vitamin D und verbessert z. B. den Hormon- und den Kalziumstoffwechsel. „Damit wirkt es letztlich günstig auf Knochen und Muskulatur“, sagt der Gartentherapeut. Erwiesen ist außerdem, dass dabei der Cholesterinspiegel sinkt, man besser schläft, die Konzentrationsfähigkeit steigt und (überschüssige) Kilos schwinden. Überhaupt machen sich beim Gärtnern verschiedene Probleme vom Acker: „Wer zum Beispiel Schmerzen in den Gelenken hat, spürt diese draußen kaum oder weniger.“

Psyche im grünen Bereich

Nicht nur körperlich tut das Garteln wohl: „Menschen sind in freier Natur viel offener für Begegnungen und lange, persönliche Gespräche, die für sich schon therapeutisch wirken“, weiß Fritz Neuhauser. Der soziale Aspekt sei umso wichtiger, je älter und gebrechlicher die Menschen werden, je mehr sie mit ihrem Schicksal hadern, betont der Arzt: „In dem Moment, in dem die Patienten in den Garten gehen, beginnen sie sehr häufig, sich mit ihren Lebensumständen positiv zu arrangieren.“ So, als biete der Ausblick ins Grüne auch eine neue Sicht auf die (schönen) Dinge des Lebens. Entsprechend steigt im Freien die Stimmung. „Wenn man niedergedrückt, missmutig oder depressiv ist, tritt schon nach wenigen Minuten eine deutliche Stimmungsverbesserung ein“, berichtet der Gartentherapeut. „Gartenarbeit wirkt insbesondere sehr positiv bei Depressionen, Ängsten und emotionellen Belastungen.“
Auch Problemen wie Erschöpfung und Burn-out lässt sich vorbeugen. Mit dem Werkeln im Grünen gewinnt man Gestaltungs- und Handlungsspielräume, die im Berufsleben oft fehlen – und erfreut sich über sicht- und essbare Erfolge: Apfel- und Kirschbäume voller Früchte, üppig tragende Ribisel- und Himbeerstauden, bunte Blumenbeete. Manche gewinnen durch das Buddeln in der Erde buchstäblich wieder Boden unter den Füßen; für andere bietet die Frischluft-Aktivität ein Ventil, um ihrer Anspannung oder ihrem Ärger Luft zu verschaffen. Speziell ältere Menschen stärkt die Tatsache, eine Aufgabe zu haben: Indem sie sich um ihre grünen Zöglinge kümmern, übernehmen sie Verantwortung. „Dadurch wird die Selbstwahrnehmung verbessert und das Selbstbewusstsein gestärkt“, weiß Fritz Neuhauser zu berichten.

Zur Ruhe kommen

Dank ihrer Geräuschkulisse – dem Vogelgezwitscher, Bienensummen, Blätterrauschen in den Bäumen, Wasserplätschern, der Stille – kommen wir in natürlicher Umgebung zur Ruhe. Gerade in der Stadt sind Oasen der Stille – Grünareale, Parkanlagen und verkehrsberuhigte Zonen – wichtige Orte zum Auftanken: „Lärm zählt zu den größten Belastungen in den Städten“, betont Max Moser. Das setzt dem Organismus zu, und ganz besonders dem Gehör: „Unser Innenohr verbraucht bei Belastung viel Energie. Je mehr Lärm, umso höher der Stoffwechsel im Innenohr“, sagt Moser, der für regelmäßige Erholungspausen plädiert. Schließlich sei unser Organismus „nicht auf Dauerbetrieb, sondern auf Abwechslung angelegt“.

Gesunder Takt

Erholung schlechthin finden wir natürlich im Schlaf: Puls und Atmung verlangsamen sich, Blutdruck und Körpertemperatur sinken und der Körper schüttet das Wachstumshormon aus, welches die Erholung und den Stoffwechsel beeinflusst. „Zwischen Pulsschlag und Atmung stellt sich bei vielen Menschen ein Verhältnis von 4:1, bei Sportlern auch von 3:1 ein“, sagt Moser. „Diese Koordination spart dem Organismus Kraft, sodass er ökonomischer arbeitet.“ Was außerdem profitiert, ist unser Immunsystem. „Es wird dann aktiviert, wenn alles andere im Organismus quasi heruntergefahren wird: in der ersten Tiefschlafphase“, sagt Moser.

Sich vom Licht leiten lassen

Aus diesen und mehr Gründen sollten wir uns wieder verstärkt an den Rhythmen der Natur orientieren. Schlafen gehen, wenn es finster wird, bei Tagesanbruch aufstehen: Uns vom Licht leiten zu lassen, bringt unsere innere Uhr in einen gesunden Takt: „Das Licht ist ein wichtiger Zeitgeber. Es wirkt synchronisierend auf den Organismus, sodass alle Organsysteme aufeinander abgestimmt arbeiten“, betont der Chronomediziner Max Moser, der den Ablauf mit einem Orchester vergleicht: „So wie bei einer Symphonie alle Instrumente aufeinander abgestimmt sein und zur rechten Zeit einsetzen müssen, muss auch im Organismus der Einsatz der Organe und Organsysteme zur rechten Zeit erfolgen.“

Buchtipp:
Maximilian Moser, Erwin Thoma
Die sanfte Medizin der Bäume:
Gesund leben mit altem und neuem Wissen.
ISBN-13: 978-3710400018
176 Seiten,
17,99 €
Servus Verlag, 2014

Webtipp:
www.humanresearch.at

 

Stand 07/2014

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