Hörgenuss gegen Stress

August 2014 | Leben & Arbeiten

Warum uns Musik zur Ruhe bringt
 
Ob man sich in der Badewanne zu schönen Klängen entspannt, sich auf einem Open-Air-Konzert den Rhythmen der Lieblingsband hingibt, oder ob man sich selbst regelmäßig mit einem Wiegenlied in den Schlaf singt: Musik wirkt – und bringt uns zur Ruhe. Das zeigt nicht nur die Erfahrung, das beweisen mittlerweile immer mehr wissenschaftliche Forschungen.
 
von Mag. Sabine Stehrer

La-le-lu, nur der Mann im Mond schaut zu, wenn die kleinen Babys schlafen, drum schlaf auch du…“ Wiegenlieder wie diese sollen eigentlich bewirken, dass die kleinen Racker nach einem Tag voller Entdeckungsreisen in den Schlaf sinken. Nicht selten fallen dabei aber auch die Augen der Mamas und Papas zu; und noch bevor das Lied zu Ende gesungen ist, finden sich Groß und Klein in seligem Schlummer vereint.
„Wiegenlieder wirken“, weiß Univ. Prof. Dr. Günther Bernatzky, Naturwissenschafter an der Universität Salzburg und Mitbegründer vom „Forschungsnetz Mensch und Musik“ des Salzburger Mozarteums. „Vor allem haben Wiegenlieder auf Menschen jeden Alters und auf der ganzen Welt einen ähnlichen Effekt“, ergänzt der Experte. Dafür gibt es mehrere Gründe: Sie werden leise dargeboten, die Lautstärke ändert sich kaum, das Tempo entspricht der Herzfrequenz oder liegt darunter, der Tonumfang ist gering, die Klangfarbe weich, die Harmonik einfach. „Musik dieser Art mindert den Stress, entspannt, bringt innere Ruhe und fördert daher den Schlaf“, so Bernatzky.  

Entspannung ist messbar

Was Bernatzky sagt, zeigen nicht nur die Erfahrungen von Eltern und Großeltern, das beweisen auch aktuelle wissenschaftliche Arbeiten. So hat das „Forschungsnetz Mensch und Musik“ des Mozarteums in Salzburg in einer Studie die Wirkung von Musik unterschiedlicher Stilrichtungen auf den menschlichen Körper untersucht. Dabei wurden Funktionen gemessen, die das Erregungsniveau eines Menschen spiegeln, wie Körpertemperatur, Blutdruck, Puls- und Atemfrequenz. Die Messwertreihen zeigten deutlich, dass Atem- und Pulsfrequenz zurückgingen, Blutdruck und Körpertemperatur sanken. Im Klartext heißt das: Die Menschen kamen zur Ruhe, wenn sie Musik mit Wiegenlied-Charakteristika hörten. Lediglich hinsichtlich des Zeitpunkts, zu dem die Wirkung spürbar wurde, gab es geringfügige Unterschiede. Bei den meisten setzte der Entspannungseffekt unmittelbar ein, weiß Bernatzky; war der Stresslevel einer Versuchsperson vor dem Musikgenuss sehr hoch, dauerte es aber etwas länger, bis die Körperfunktionen so arbeiteten, wie sie das in Ruhe tun.

Weniger Stress, mehr Genuss

„Musik wirkt eben ganzheitlich“, fasst Bernatzky die Effekte zusammen. „Sie richtet sich nicht nur direkt an die körperlichen Funktionen des Menschen, sondern auch an geistige und emotionale.“ Nehmen wir Musik wahr, wird diese Information von den Ohren in das Gehirn weitergeleitet. Dort erfolgt auf der Grundlage früherer Erfahrungen und Erlebnisse eine Bewertung: Die Sinnesempfindungen beim Musikhören werden vom sogenannten Limbischen System im Gehirn mit einem Gefühl verknüpft. Empfinden wir die Klänge als angenehm, leitet das Limbische System unmittelbar verschiedene Prozesse ein, die vom unwillkürlichen Nervensystem gesteuert werden. Dazu zählt z. B. die Harmonisierung der Atmung und des Herz-Kreislaufsystems. „Aus Experimenten ist bekannt, dass durch angenehme Musik darüber hinaus die Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Cortisol, sowie der Grundumsatz an Energie zurückgehen“, berichtet der Experte aus der Forschung. Zudem gleichen sich Schwankungen im Blutzucker- und Hormonspiegel aus, die Muskeln entspannen sich, ein Wärmegefühl entsteht. „Mit dem körperlichen Wohlbefinden steigt auch das geistig-emotionale Behagen“, erklärt Bernatzky, warum der Ohrenschmaus so entspannend und genussvoll ist.

Musik als Medikament

Wie weitere Versuche zeigen, kann entspannende Musik noch viel mehr: So können die wohligen Klänge auch Ängste und Schmerzen vor und nach Operationen und sogar chronische Schmerzen lindern. Bei den Experimenten, die zu diesem Ergebnis führten, wurden den (erwachsenen) Versuchspersonen zwar keine Wiegenlieder vorgesungen. Allerdings spielte man ihnen größtenteils speziell für die Entspannung komponierte Musik vor, die „La-le-lu“ & Co in der Struktur ähnelt. Freilich fielen die gewählten Stücke nicht bei allen Probanden auf Gefallen. Da die Musikwirkung nicht ausschließlich auf strukturelle Merkmale zurückzuführen ist, sondern auch von Emotionen abhängt, wurde für manche eben ein Popsong, Volkslied, Evergreen oder eine Opernarie zum Medikament bzw. zum „Musikament“, wie es Bernatzky ausdrückt.
Wirkt das Medikament Musik anders, wenn man es live „einnimmt“, über einen Tonträger konsumiert oder sich beim Musizieren selbst verabreicht? Nur unwesentlich, sagt Bernatzky, er vermutet aber doch kleine Unterschiede: „Bei einer Live-Darbietung könnte das soziale Erlebnis bei der Begegnung mit den Musizierenden und anderen Zuhörern für zusätzliche Entspannung sorgen.“ Spielen oder singen wir selbst entspannende Musik, könnte der Effekt durch die Aktivierung und die anschließende Erholung gleich mehrerer Sinne noch größer sein als beim passiven Hörgenuss.

Webtipphttps://www.medizinpopulaer.at/https://www.musikament.at


Stand 07/2014

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