Von Träumen lernen

Januar 2014 | Leben & Arbeiten

So wird das „Schlafkino“ zur Lebenshilfe
 
Sie sind so faszinierend wie verwirrend, die Bilder, die nachts im Schlaf durch unseren Kopf geistern. Die wissenschaftliche Forschung hat sie schon lange Zeit im Visier. Was sich mehr und mehr zeigt: Träumen ist man nicht hilflos ausgeliefert; man kann das Programm des „Schlafkinos“ mitgestalten und für das eigene Wohlergehen nützen. Denn: Von Träumen kann man fürs Leben lernen.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Wenn’s so recht schwarz wird um mich herum, habe ich meine besten Besucher“: Dem Dichter und Schriftsteller Friedrich Schiller waren seine Träume willkommene Gäste. Wer Angenehmes oder Amüsantes träumt, wird Schiller Recht geben; anders, wenn im „Schlafkino“ Beunruhigendes auf dem Programm steht oder einen sogar Albträume plagen.
Was vielen Träumenden, unabhängig vom Trauminhalt, allerdings gemein ist: Sie nehmen die nächtlichen Bilder als gegeben hin, quasi als Kinovorstellung, in die sie per Zufall geraten sind. Und während die einen Träume als „wirres Zeug“ abtun, wollen andere darin sogar (schreckliche) Prophezeiungen sehen. Dass wir Träumen nicht hilflos ausgeliefert sind, dass wir Einfluss nehmen können auf die Inhalte und diese sogar für unser Wohl nutzen, wissen die wenigsten.

Bewusstseinsstrom reißt nicht ab

Der Definition nach ist Träumen schlicht die „psychische Aktivität während des Schlafens“ und ein Traum das, was wir an Trauminhalten beim Aufwachen erinnern. Weil das Gehirn nie schläft, wird auch im Schlaf weiter gedacht, gefühlt, wahrgenommen. „Beim Einschlafen geht das subjektive Erleben im Wachzustand in das Träumen über und wird beim Aufwachen wieder subjektives Erleben des Wachzustands – der Bewusstseinsstrom reißt nicht ab“, erklärt der Traumforscher und Psychologe Prof. Dr. Michael Schredl, der das Schlaflabor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim leitet. Aus diesem Grund geht man auch davon aus, dass jeder Mensch jede Nacht – zumeist in Farbe, mitunter auch schwarz-weiß – träumt. Die Traumaktivität scheint in den REM (= Rapid Eye Movement)-Schlafstadien am intensivsten zu sein. „Auch in anderen Schlafstadien wird geträumt, die meisten Träume entstammen aber dem REM-Schlaf, wenn das Gehirn sehr aktiv ist“, erklärt die Wiener Schlafmedizinerin Univ. Prof. Dr. Gerda Saletu-Zyhlarz.

Seismographen des Befindens

Was die Funktion der Träume angeht, sind die Wissenschaftler uneins. „Wissenschaftlich bestätigt ist, dass der Schlaf dazu dient, das, was man untertags gelernt hat, weiter zu verarbeiten und besser abzuspeichern. Ob das Träumen in Zusammenhang mit dieser Funktion steht, ist noch nicht sicher“, sagt Michael Schredl. „Aus psychologischer Sicht dient der Traum dazu, das am Tag Wahrgenommene gleichsam in die innere Welt der Wahrnehmung einzubauen“, erläutert die Wiener Traumforscherin und Psychotherapeutin Dr. Brigitte Holzinger, die Träume auch als „Seismographen der Befindlichkeit“ bezeichnet. „Wir gehen davon aus, dass alle Träume etwas Gutes wollen, indem sie uns helfen, am Tag Erlebtes zu verarbeiten.“
Und aus (schlaf)medizinischer Sicht? Da sind es nicht die Träume an sich, die wir für die Gesundheit benötigen, „sondern vielmehr die Funktionsveränderungen im Gehirn, die während der Rapid Eye Movement-Stadien ablaufen“, betont Gerda Saletu-Zyhlarz. Ob Non-REM-Phasen mit ihrem hohen Anteil an Tiefschlafphasen oder REM-Phasen – jedes Schlafstadium sollte einen gewissen Prozentsatz der Gesamtschlafzeit einnehmen. „Albträume führt man in der Schlafmedizin auf vermehrte REM-Stadien zurück; hier werden auch Medikamente verschrieben, welche die REM-Schlaf-Stadien und damit die Albträume reduzieren“, erläutert die Schlafmedizinerin.

Brainstorming im Schlaf
Wer also behauptet, etwas würde ihm, „im Traum nicht einfallen“, könnte sich irren. Im Schlaf ist unser Gehirn höchst kreativ – Traumforscher Schredl vergleicht die Aktivität mit der Technik des Brainstormings: Um zu einer Problemlösung zu gelangen, verlässt man die üblichen Denkmuster und überlegt sich neue Zusammenhänge. „In den Trauminhalten werden bereits erlebte Erfahrungen neu gemixt und zusammengesetzt“, so Schredl. Sind für ein Problem neue Ideen gefragt, kann man sich deshalb durchaus mit einem „Traumwunsch“ an die „nächtliche Kreativabteilung“ wenden. Sie vollenden gerade ein wichtiges Projekt und es fehlt noch die zündende Idee für die Präsentation? Sie könnten sich beim Einschlafen damit gedanklich beschäftigen: „Es hat sich gezeigt, dass sich die Anzahl der kreativen Träume dadurch tatsächlich erhöht“, weiß Schredl aus Untersuchungen.
Weniger ratsam ist, den Traum als Entscheidungshilfe zu nehmen. „Der Traum schlägt nicht nur kreative Lösungen vor, sondern spiegelt auch Ängste wider“, nennt der Psychologe den Grund. Ein Beispiel: „Man bekommt einen neuen Job angeboten und träumt daraufhin, dass dieser furchtbar ist. Das bedeutet nicht, dass der Job nicht gut für einen ist, sondern lediglich, dass eine Zusage auch mit Angst verbunden ist.“ Der Traum rät also nicht zur Absage, sondern zeigt verschiedene Facetten, die mit der Entscheidung zu tun haben, auf. Deshalb muss man – wie beim Brainstorming – die nächtlichen Ideen bei Tageslicht prüfen und bewerten. „Der Traum ist kein höherer Bewusstseinszustand im Vergleich zum Wachbewusstsein und man sollte ihn auch nicht als Prophezeiung nehmen“, rät der Traumforscher. „Wenn jemand vom Tod eines schwerkranken Freundes träumt, ist das viel eher Ausdruck der eigenen Ängste.“

Gefühle unterm Brennglas
Dass wir zuweilen so intensiv träumen, dass uns beim Aufwachen die Angst noch in den Gliedern sitzt, „hat mit der Gehirnaktivität zu tun“, erklärt Michael Schredl. „Da unser Gehirn im REM-Schlaf sehr aktiv ist, sind die Träume in diesem Stadium intensiver, sodass man sich an diese am besten erinnert. Im Tiefschlaf, wenn das Gehirn weniger aktiv ist, sind die Träume meist kürzer und weniger intensiv.“ Während des REM-Schlafes ist außerdem die Amygdala besonders aktiv, ergänzt Brigitte Holzinger. „Dieses Gehirnareal bringt man in Zusammenhang mit dem Entstehen starker Gefühle.“ Der Traum fungiert gleichsam als Brennglas auf eine Situation und die dazu gehörigen Empfindungen.
„Träume, auch Albträume, sind nichts von uns Abgekoppeltes, sie entspringen unserem Leben, wir erzeugen sie“, erklärt Brigitte Holzinger. „Bei Albträumen werden im Grunde festgefahrene Muster, Gefühle wie Angst, wiederholt“, ergänzt Schredl. Im Prinzip handelt es sich bei Träumen im Gegensatz zu Tagesfantasien um nächtliche Fantasien. „Angelegenheiten, die tagsüber wichtig sind, haben eine hohe Chance, auch im Traum aufzutreten“, sagt Michael Schredl. „Und je mehr Stress man am Tag hat, desto eher hat man negative Träume und Albträume.“
Der Schrecken in der Nacht befällt mehr Menschen als man denkt: „Rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung hat mindestens einmal pro Woche Albträume“, schätzt Schredl. „Wenn drei Mal pro Woche Albträume auftreten, ist das nicht nur sehr störend, es schadet auch der Gesundheit“, betont Holzinger. „Wenn die Inhalte die Patienten auch tagsüber beschäftigen, sie dadurch schlecht schlafen, kann das etwa dazu führen, dass eine Schlafstörung sich immer mehr verschlechtert“, warnt die Schlafmedizinerin Saletu-Zyhlarz.

Technik der Traumsteuerung
Um Angst einflößende oder belastende Träume in den Griff zu bekommen, gibt es verschiedene Techniken; besonders bewährt hat sich die „Imagery Rehearsal Therapy“ (IRT), die „Vorstellungs-Wiederholungstherapie“: „Dabei wird die Albtraumsituation in der Fantasie während des Tages umgestaltet“, so Schredl. Anstatt z. B. vor einem Verfolger wegzulaufen, bleibt man stehen und dreht sich um, oder man sucht sich Helfer. Weil Albträume mitunter sehr tief „sitzen“, könnte bei der IRT eine begleitende Psychotherapie hilfreich sein, ergänzt Brigitte Holzinger. „In Studien hat sich herausgestellt, dass es für die Betroffenen eine große Herausforderung ist, sich vorzustellen, dass ein schrecklicher Traum besser ausgeht.“ Die Therapeutin führt dies auf die Aktivität des „Emotionszentrums“, die Amygdala, zurück, und darauf, dass „die Angst eine starke Sogwirkung ausübt“. Diesem Sog gilt es standzuhalten und sich zu überlegen: Welche Ausgänge aus diesen „Angstwirbeln“ gibt es? Die Möglichkeiten müssen gedanklich und visuell durchgespielt werden. „Man sollte die Vorstellungen außerdem in Worte fassen und zu Papier bringen“, verweist die Psychotherapeutin auf den „therapeutischen Aspekt des Schreibens“.  
Der Effekt: „Der Akt des Erinnerns und Zu-Tage-Förderns bewirkt eine Veränderung des Traums und der zugrunde liegenden Gefühle“, beschreibt Holzinger die hirnphysiologischen Vorgänge. „Wird das Gedachte und Gesagte in eine schriftliche Form gebracht, sind an dem Prozess weitere Hirnebenen beteiligt, welche die Verarbeitung des Erlebten weiter fördern.“ Indem durch den Prozess neue Informationen an die Innenwelt gelangen, werden nach und nach Trauminhalte beeinflusst. „Weil sich mit der Bearbeitung eines Traumes auch die zugrunde liegenden Gefühle ändern, ändern sich auch die anderen Träume“, sagt die Traumforscherin. Wie beim Dominospiel fallen auch andere (Albtraum-)Steine. Stellt man sich für einige Zeit, rund zwei Wochen, einen besseren Ausgang des Traumes vor, wird er sich zum Positiven wenden.

Das Traumgedächtnis ankurbeln
Während belastende Albträume geradezu nach Aufmerksamkeit (und Aktivität) schreien, können „normale Träume“ nicht minder bedeutsame Botschaften vermitteln. Für Traumforscher Michael Schredl steht fest: „Aus diesen kann man sehr viel lernen und für sich im Wachzustand verwenden.“ Voraussetzung freilich ist, dass man sich an die Träume erinnert. Wovon die Traumerinnerung abhängt? „Wir können uns nur an jene Träume erinnern, aus denen wir aufwachen oder die dem Aufwachen unmittelbar vorangegangen sind“, sagt Schlafmedizinerin Saletu-Zyhlarz. „Wenn man sich für Träume interessiert, steigt aber auch die Traumerinnerung“, ist Michael Schredl sicher. Ein Tipp, um das Traumgedächtnis anzukurbeln: „Im Rahmen einer Studie hat sich gezeigt, dass es sich durch das Führen eines Tagebuchs deutlich verbessert, weil dadurch die Aufmerksamkeit auf die Träume gelenkt wird.“
So wertvoll die Erinnerungen an bzw. die Arbeit mit den Träumen ist – es hat auch Sinn, dass die nächtlichen Erfahrungen unser Bewusstsein weniger prägen als jene während des Tages. Schließlich ist es wichtig, das eine vom anderen zu unterscheiden: „Könnte man sich an Träume genauso gut erinnern wie an Dinge, die man im Wachzustand erlebt hat, gäbe es Chaos“, gibt Traumforscher Schredl zu denken.

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Wertvolles „Naturgut“:
Von klein auf von Träumen profitieren

Im Gegensatz zu unserer westlichen Kultur sind Träume in anderen Regionen z. B. bei den australischen Aborigines oder den „native Americans“ in Nord- und Südamerika wichtiges „Kultur-“, besser gesagt „Naturgut“. „Diese Kulturen sind eng verbunden mit Natur und natürlichen Vorgängen, so wie der Traum einer ist“, erläutert die Wiener Traumforscherin und Psychotherapeutin Dr. Brigitte Holzinger. „Wer sich mit der eigenen Natur verbinden möchte, tut das auch über den Traum.“
Von der Verbundenheit mit der eigenen Innenwelt profitieren ganz besonders Kinder. „Indem man mit Kindern über ihre Träume spricht, vermittelt man ihnen: Deine innere Welt ist toll! Kultiviere und entwickle sie“, regt die Psychotherapeutin an. Wenn ein Kind aufgeregt erzählt, dass es ihm Traum von einem Haifisch verfolgt wurde, kann man ihm raten, sich das nächste Mal zu wehren. „Das funktioniert in den meisten Fällen auch“, so Holzinger. „Da Kinder den Realitätssinn erst nach und nach ausbilden, können sie unvermittelter als Erwachsene in die Traumwelt eingreifen.“

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Fliegen, Fallen, Sex:
So lernt man von Träumen

Aufmerksamkeit und Auseinandersetzung – mehr braucht es nicht, um aus Träumen lernen zu können. Der Psychologe und Traumforscher Prof. Dr. Michael Schredl führt es anhand von Trauminhalten vor, die viele Menschen kennen. Ob Fliegen, Fallen oder Sex, mit gezielten Fragen kann man der Bedeutung und Botschaft auf die Spur kommen: Welches Muster liegt dem Traum zugrunde? Ist es Angst, Vermeidung? Was fühle und wie handle ich im Traum? Was sagt er über meine gegenwärtige Situation aus? „Auf diese Weise stößt man auf jene Themen, die auch im Wachzustand wichtig sind“, ist Michael Schredl überzeugt.

Fliegen. Wer nächtens über Wälder und Wiesen fliegen kann, erlebt das meist als positiv. „In 30 bis 50 Prozent der Flugträume kann es jedoch vorkommen, dass man dabei auch Angst hat und befürchtet, dass es wieder abwärts geht“, sagt Schredl. „Das heißt, hinter dem Fliegen steckt eine positive Emotion, die manchmal mit Zweifeln verbunden ist: Wie lange hält das gute Gefühl an?“ Man könnte den Traum als Anregung verstehen, den positiven Gefühlen im Wachzustand mehr Aufmerksamkeit zu schenken, schlägt Schredl vor.

Verfolgung. Ein wildes Tier, ein hässliches Monster, ein furchterregender Mensch jagt hinter einem her, man läuft und läuft, entkommt nur knapp und wacht erleichtert auf: Was kann man aus Träumen dieser Art fürs Leben erkennen? „Vermeidungsverhalten“ nennen Psychologen, was Verfolgungsträumen im Wachzustand zugrunde liegt. Wovor laufe ich davon? Oder auch: Mit welcher Angelegenheit oder Situation möchte ich mich nicht beschäftigen?

Fallen. Ob man in schier endlos tiefe Schluchten stürzt oder über zahllose Stolpersteine auf dem Weg, hinter Fallträumen stecken Ängste wie: „Ich verliere den Halt“ oder „Ich habe die Dinge nicht mehr im Griff“, „Ich verliere die Kontrolle.“ Die Anregung von Psychologen Schredl: „Man könnte sich fragen: Ist die Angst berechtigt? Was ist die Lösungsstrategie?“

Sex.
Sexuelle Träume können einerseits Gedanken und Aktivitäten aus dem Wachzustand spiegeln. „Manche weichen auch davon ab – sei es hinsichtlich der Wahl des Partners oder der sexuellen Praktiken“, so Schredl. „Diese können verborgene Sehnsüchte widerspiegeln oder einfach nur Fantasien durchspielen.“ Erotische Träume sind aber nicht immer Ausdruck für Sexuelles. „Sex mit einer prominenten Person, die man nicht unbedingt attraktiv findet, könnte den Wunsch nach Eigenschaften dieser Person widerspiegeln, mit denen man sich quasi vereinigen möchte.“

Tod. Ein Freund, ein Elternteil, ein Kind, der Partner stirbt im Traum – was steckt dahinter? „Die Angst, was sein würde, wenn die andere Person nicht mehr da sein würde“, erklärt Schredl. „Je konstruktiver man damit umzugehen lernt, umso weniger hat man solche Träume.“ Hier regen die nächtlichen Bilder an, Ideen für den schlimmsten Fall der Fälle zu sammeln.

Buchtipps:

Dr. Brigitte Holzinger
Alpträume. Was sie uns sagen und wie wir sie verändern können.
ISBN 978-3-485-01427-4
nymphenburger Verlag, 2013

Brigitte Holzinger, Gerhard Klösch,
Schlafcoaching. Wer wach sein will, muss schlafen.
ISBN 978-3-902903-48-8
330 Seiten, € 19,95
Goldegg Verlag

 

 

Stand 01/2014

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