Wetterfest mit Chemie

Dezember 2014 | Leben & Arbeiten

Viele Outdoor-Jacken gefährden Umwelt und Gesundheit
 
Wir halten uns immer weniger im Freien auf und rüsten uns fast wie Polarforscher aus, wenn wir doch einmal bei Sauwetter hinausgehen. Der Preis dafür ist laut Untersuchungen hoch: Viele Outdoor-Jacken werden mit chemischen Substanzen wetterfest gemacht, die die Umwelt und Gesundheit gefährden können.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Sie sind wasserdicht, wasserabweisend, windundurchlässig, atmungsaktiv – und giftig. Zu diesem Urteil über Outdoor-Jacken dieser Art kam die Umweltschutzorganisation Greenpeace, nachdem u. a. in Österreich gekaufte Kleidungsstücke im Labor getestet worden waren. Denn die Untersuchungen zeigten, dass die Allrounder unter den Kleidungsstücken Chemikalien beinhalten, „die nicht nur die Umwelt, sondern auch die Gesundheit belasten können“.
„Bei diesen Substanzen handelt es sich um PFC, also polyfluorierte Chemikalien, wie insbesondere die Perfluoroktansäure PFOA und die Perfluorsulfonsäure PFOS, die wegen ihrer Eigenschaften eine hohe Beständigkeit gegenüber Umwelteinflüssen aufweisen und so die Bekleidung extrem wetterfest machen“, präzisiert Assoz. Prof. DI Dr. Hans-Peter Hutter vom Institut für Umwelthygiene an der Medizinischen Universität Wien und ergänzt: „Aufgrund von Tierexperimenten stehen diese PFC im Verdacht, auch beim Menschen hormonell wirksam zu sein, so die Fortpflanzungsfähigkeit zu beeinträchtigen und Krebserkrankungen zu fördern.“

Über Speichel und Lunge ins Blut

Im Blut von Beschäftigten in Betrieben, in denen PFC-haltige Jacken produziert werden, wurden die gefährlichen Chemikalien bereits nachgewiesen, noch dazu in hoher Konzentration. In die Blutbahn gelangen die Substanzen etwa, „wenn man eine Jacke angreift, die mit PFC aufgerüstet ist, sich mit der Hand an den Mund fährt und mit dem Speichel auch die Chemikalien verschluckt“, erklärt Hutter.
Wenn die Raumluft mit den Stoffen belastet ist, können sie zudem eingeatmet werden und geraten über die Lunge ins Blut. Auch eine Aufnahme über die Haut, etwa wenn man unter der Jacke nur ein ärmelloses T-Shirt trägt, sei laut Hutter nicht ganz ausgeschlossen.
Wie bei der Produktion werden die PFC aber auch beim Waschen der Jacke in die Umwelt freigesetzt, wo sie laut Hutter lange Zeit verbleiben, da sie äußerst stabil sind. Über das Grundwasser, über einen Acker, auf dem Obst und Gemüse wachsen oder Vieh weidet, können diese Chemikalien schließlich in die Nahrungskette – und auf unseren Tisch kommen.

Vom praktischen Rüstzeug zum Prestigeobjekt

Das Fatale: Die wetterfesten, wasserdichten oder wasserabweisenden sowie windundurchlässigen und atmungsaktiven Alleskönner unter den Kleidungsstücken werden längst nicht mehr nur für das verwendet, wofür sie ursprünglich gedacht waren: als praktisches Rüstzeug für Menschen, die extremer Witterung ausgesetzt sind. Seit es Marketingstrategen geschafft haben, mit den Jacken den Anstrich von Abenteuer, Naturverbundenheit und Sportlichkeit zu verkaufen, sind sie zum Prestigeobjekt geworden. Statt vor dem Starkregen am Berg schützen sie inzwischen immer öfter vor leichtem Nieseln auf der Shoppingtour. Umweltmediziner Hutter kritisiert die häufige und oftmals unnötige Verwendung dieser mit PFC aufgerüsteten Jacken nicht nur als „unverhältnismäßig“, sondern sogar als „verantwortungslos“. Schließlich gelangen dadurch Chemikalien in die Umwelt, egal ob sie sinnvoll eingesetzt wurden oder nicht.

Von Kindern fernhalten

Wie man erkennen kann, dass man sich Wetterfestigkeit mit Chemie erkauft hat? Da keine Kennzeichnungspflicht besteht, ist das gar nicht so einfach. Hutter: „Man kann aber davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit für PFC in einer Jacke größer ist, je mehr die Jacke kann.“ Auch Nachfragen beim Hersteller bzw. Händler kann Aufschluss geben. Ob das einst wasserabweisende bzw. wasserdichte Stück, das bereits seit Jahren im Schrank hängt und schon zigmal getragen und gewaschen wurde, nach wie vor PFC enthält, „lässt sich vom Besitzer nicht erkennen“, so Hutter. Man könne jedoch davon ausgehen, dass die giftigen Substanzen bereits zum Großteil herausgewaschen sind. Ob neu oder gebraucht: Für den Umweltmediziner kommt es auf Besonnenheit beim Tragen an, man solle die Outdoor-Jacken „also nur dann einsetzen, wenn es wirklich nötig ist“. Sicherheitshalber sollte man sie allerdings vor Kindern fernhalten. Da die Kleinen dazu neigen, alles in den Mund zu nehmen oder abzulutschen, besteht die Gefahr, dass sie sich auf diese Weise eine hohe Dosis der Chemikalien einverleiben.

Unbedenkliche Alternativen

PFC steckt übrigens nicht nur in Jacken für Outdoor-Aktivitäten in besonders hoher Konzentration, sondern auch in anderer Bekleidung wie wetterfesten Handschuhen. Auch das hat Greenpeace in Labortests nachgewiesen – und schon mehrfach ein EU-weites Verbot der Verwendung der PFC-Gruppe bei der Herstellung von Kleidungsstücken gefordert. Diese Forderung verhallte zwar bisher ungehört, doch habe die EU mittlerweile zumindest die Besorgnis der Umweltschützer geteilt. Bis Maßnahmen getroffen werden, empfehlen Hutter und Greenpeace beim Neukauf von Outdoor-Jacken auf PFC-haltige Kleidungsstücke zu verzichten und ungefährliche Alternativen zu bevorzugen, die ebenfalls Atmungsaktivität gewährleisten und zumindest wasserabweisend sind. Dazu zählen etwa Jacken mit Polyurethan-Membranen innen und Außenbeschichtungen mit Paraffinen, Silikonen und Wachsen. Auch Jacken aus Wolle oder Wollwalk würden meistens reichen, um einen Spaziergang bei Sauwetter heil zu überstehen.    

Stand 11/2014

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