Bauchspeicheldrüse in Gefahr

Juni 2014 | Medizin & Trends

Was dem kleinen Organ zu schaffen macht
 
„Alles Fleisch“ dachten die alten Griechen über die Bauchspeicheldrüse und nannten sie „Pankreas“. Inzwischen weiß man, wie enorm wichtig das Organ für die Gesundheit ist. Und doch werden Erkrankungen oft auch heute noch viel zu spät erkannt. MEDIZIN populär informiert, was der kleinen Drüse zu schaffen macht und welche Anzeichen unbedingt beachtet werden sollten.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Sie wiegt gerade einmal um die 70 Gramm, ist 14 bis 18 Zentimeter lang und befindet sich als querliegender Keil unter dem Magen. Soweit der anatomische Steckbrief der Bauchspeicheldrüse. Von den bedeutenden Aufgaben, die die (nach der Leber) zweitgrößte Drüse des menschlichen Körpers bewältigt, bemerken wir im Normalfall so gut wie nichts. Sie werden uns meistens erst bewusst, wenn das Organ nicht mehr richtig funktioniert – wenn sich etwa eine Zuckerkrankheit einstellt oder aufgrund heftiger Bauchschmerzen der Arzt den Verdacht auf eine ernste Pankreaserkrankung äußert.

In doppelter Mission

Ihre außergewöhnliche Doppelfunktion macht die Bauchspeicheldrüse besonders wichtig. Einerseits ist sie eine bedeutende Schaltstelle für unsere Verdauung: Als sogenannte exokrine Drüse erzeugt das Pankreas täglich zirka zwei Liter Sekret, das stark basisch ist, damit es den mit Magensäure versetzten Speisebrei neutralisieren kann. Über einen Ausführgang gelangt der Bauchspeichel in den Zwölffingerdarm, wo seine Enzyme Nahrung weiter zerlegen: Eiweißbruchstücke in noch kleinere Teile, Stärke in Zucker, Fette in Glyzerin und Fettsäuren.
Andererseits produziert die Bauchspeicheldrüse als sogenannte endokrine Drüse in den Langerhansschen Inseln u. a. die Hormone Insulin und Glukagon, die den Blutzuckerspiegel regeln. Damit leistet das Organ wesentliche Beiträge für unseren Energiehaushalt: Insulin sorgt dafür, dass die beim Essen aufgenommenen Kohlenhydrate in Form von Stärke (Glykogen) gespeichert werden, während Glukagon in Hunger- und Arbeitsphasen diese Energiereserven wieder mobilisiert. Außerdem halten die beiden Hormone in perfekter Abstimmung aufeinander den Blutzuckerspiegel möglichst konstant.

Hauptfeinde Alkohol und Nikotin

So wichtig der kleine Tausendsassa unter dem Magen für unsere Gesundheit ist, so empfindlich reagiert er auf die klassischen Sünden eines ungesunden Lebensstils. Alkohol und Nikotin heißen seine Hauptfeinde, die wesentliche Faktoren für die Entstehung von Pankreaserkrankungen sind: „Während für die akute und chronische Entzündung  der Bauchspeicheldrüse der Alkohol die wichtigere Rolle zu spielen scheint, dürfte das Rauchen eher die chronische Entzündung und das Karzinom begünstigen“, erklärt Prim. Univ. Prof. Dr. Rainer Schöfl, der dem 2011 gegründeten Pankreas-Leber-Zentrum am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz vorsteht.
Kolikartige Schmerzen, die sich gürtelförmig um den Oberbauch ziehen, Völlegefühl, Übelkeit und Darmlähmung sind die Symptome einer akuten Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung). Das schwere Leiden muss meist im Krankenhaus behandelt werden, danach sind für die Betroffenen Alkohol, Kaffee und Zigaretten tabu. Auch die chronische Pankreatitis äußert sich in Verdauungsproblemen und Oberbauchschmerzen, die zwar nicht so heftig sind, aber oft in den Rücken ausstrahlen. Die Krankheit entsteht meistens als Folge von langjährigem Alkoholkonsum und ist deshalb so gefährlich, weil es mit der Zeit zu einem Gewebeschwund kommt und die Drüse dadurch ihre Funktion verliert.

Beschwerden kommen spät

Was der Bauchspeicheldrüse besonders zu schaffen macht, ist die oftmals verzögerte Behandlung von gesundheitlichen Problemen. Insbesondere der Bauchspeicheldrüsenkrebs ist heimtückisch. Er verursacht erst in einem sehr späten Stadium Beschwerden, die zudem noch eher unspezifisch sind – Gewichtsverlust, Oberbauchschmerzen, Gelbsucht. Der Krankheitsverlauf hängt von der Größe und dem Typ des Tumors ab, die einzige Behandlungsmethode mit Heilungschance ist die Operation. „Das durchschnittliche Pankreaskarzinom entwickelt sich von der ersten Krebszelle bis zum Tod des Patienten in zirka 15 Jahren. Da die Metastasenbildung im Schnitt nach sieben Jahren einsetzt, die ersten Beschwerden aber erst nach zwölf bis 13 Jahren auftreten, wird klar, warum die Therapie so oft ins Leere läuft“, erläutert Schöfl.
Abhilfe könnte durch Früherkennung geschaffen werden. Diese ist prinzipiell möglich, denn man weiß heute, wie die Zellveränderungen bei der Entstehung eines Pankreaskarzinoms im Mikroskop aussehen. Daneben haben bestimmte an sich gutartige Zysten, die häufig bei Untersuchungen des Bauchraumes mit bildgebenden Verfahren entdeckt werden, die Tendenz, sich zu einem Karzinom zu entwickeln. „Würde man diese zufällig entdeckten Pankreaszysten konsequent und präzise weiter untersuchen, könnten sicher mehr Menschen gerettet werden“, so der Experte. Mit speziellen Untersuchungen wie der Kernspintomographie oder Endosonographie ließen sich die Vorstufen des Bauchspeicheldrüsenkrebses eher identifizieren und dann rechtzeitig operieren. Schöfl: „Freilich kann man nicht bei jedem eine Kernspintomographie machen, dazu ist die Krankheit zu selten. Aber die Überwachung von Menschen, die ein deutlich erhöhtes Risiko tragen, wäre schon möglich.“ Dazu gehören beispielsweise Personen mit an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten Verwandten.
Einen besonders sinnvollen Präventionsansatz sieht Rainer Schöfl in der frühzeitigen Diagnose von Diabetes, der als ein wesentlicher Risikofaktor für Bauchspeicheldrüsenkrebs verstanden wird. „Patienten mit neu entdecktem Diabetes sollten sich einmal mit einem bildgebenden Verfahren untersuchen lassen“ rät der Spezialist. Die wirkungsvollste Vorbeugung setzt freilich schon bei den ganz Gesunden an: Vermeidung von übermäßigem Alkoholkonsum, Verzicht auf Tabakrauch und die Erhaltung des Normalgewichts durch gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung, kurz: Alles, was gesund erhält, tut auch der Bauchspeicheldrüse gut.    

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Bin ich gefährdet?

Prim. Univ. Prof. Dr. Rainer Schöfl
vom Pankreas-Leber-Zentrum am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz  über die wichtigsten Anzeichen von Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse:


Bauchspeicheldrüsenkrebs

Trotz ihrer relativen Seltenheit sind Pankreaskarzinome hierzulande immerhin die vierthäufigste Krebstodesursache, wie die Zahlen der Statistik Austria belegen: 2011 erkrankten 1585 Menschen an Bauchspeicheldrüsenkrebs, 1537 Patienten starben an dem Leiden. Ein erhöhtes Risiko, an Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken, haben Menschen mit chronischer Pankreatitis. Auch Übergewicht, eine zu kalorienreiche, fleischbetonte Ernährung und Diabetes mellitus werden mit der Entstehung von Pankreaskarzinomen in Zusammenhang gebracht.
Mögliche Anzeichen:

  • Gürtelförmige Bauchschmerzen, vor allem ein bis zwei Stunden nach dem Essen,
  • Gewichtsverlust,
  • Auftreten einer Gelbsucht,
  • Auftreten einer Zuckerkrankheit.


Akute Bauchspeicheldrüsenentzündung

Das dramatische Krankheitsbild kann nicht nur durch Alkoholmissbrauch, sondern auch durch abgehende Gallensteine, als Nebenwirkung von Medikamenten (z. B. bestimmter Antibiotika) sowie durch – auch einmaligen – Haschisch-, Heroin- oder Kokainkonsum ausgelöst werden. Selten ist ein erhöhter Triglyzerid- oder Kalziumspiegel Ursache einer akuten Pankreatitis. In Österreich zählt man jährlich zirka 20 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner.
Mögliche Anzeichen:

  • Starke kolikartige Schmerzen im Oberbauch,
  • Völlegefühl und Übelkeit,
  • Verstopfung,
  • eventuell Fieber.

Chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung

Ungefähr 40 bis 70 Menschen pro 100.000 Einwohner leiden an einer chronischen Entzündung der Bauchspeicheldrüse.
Mögliche Anzeichen:

  • Wiederkehrende gürtelförmige Bauchschmerzen,
  • Gewichtsverlust,
  • lehmfarbiger, schaumiger Stuhl („Fettstuhl“).

Stand 05/2014

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