Beleidigter Bauch: Was hilft, wenn die Verdauung spinnt

Januar 2014 | Medizin & Trends

Schon jeder dritte Österreicher erfährt es regelmäßig am eigenen Leib: Wenn die Verdauung spinnt, fühlt sich der ganze Mensch nicht wohl. Ständig neue wissenschaftliche Forschungen untermauern die große Macht des Darms über unsere körperliche und seelische Gesundheit. Sie zeigen aber auch, warum der Bauch gar so leicht und immer öfter beleidigt ist. MEDIZIN populär über jüngste Erkenntnisse und nicht ganz alltägliche Hilfen bei Problemen mit
der Verdauung.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

„Der Bauch ist Herr über uns.“ – Damit bringt der Wiener Internist Prim. Dr. Marcus Franz auf den Punkt, was ständig neue Untersuchungen belegen: Der Darm bestimmt über unser Wohl und Wehe. „Er ist die Urform jeden Lebens, hier sitzt auch das Urhirn“, sagt Franz, Ärztlicher Direktor und Vorstand der Internen Abteilung am Wiener Hartmannspital, und verdeutlicht es am Beispiel der Einzeller: „Bei ihnen dreht sich alles um die Verdauung: darum, dass Nahrungsmittel in die Urzelle eindringen und auf der anderen Seite wieder ausgeschieden werden.“ Um das Verdauungssystem herum hat sich „jedes Tier und jedes Lebewesen entwickelt“.

„Riesenschlange“ in der Leibesmitte

Der gegenwärtigen Kopflastigkeit zum Trotz liegt unser Zentrum also in der Leibesmitte und im Darm, einer sieben bis neun Meter langen „Schlange“, die es aufgrund der vielen feinen Darmzotten auf eine Oberfläche von 400 bis 500 Quadratmetern bringt. „Die Bedeutung des Darms für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden wurde in letzter Zeit intensiv beforscht und wissenschaftlich bestätigt“, betont Univ. Prof. Dr. Gabriele Moser, Internistin, Psychotherapeutin und Leiterin der Gastroenterologischen Psychosomatik-Ambulanz an der Universitätsklinik für Innere Medizin III am Wiener AKH. Schließlich befinden sich im Darm mindestens so viele Nervenzellen wie im Hirn. „Doch während nur zehn Prozent der Nervenverbindungen vom Hirn in den Bauch führen, gehen 90 Prozent vom Bauch ins Gehirn“, erklären Moser und Franz. Über diese Nervenverbindungen, über Hormone und vor allem über die Darmbakterien stehen Bauch und Hirn in ununterbrochenem Austausch.  
400 bis 500 Arten von Darmbakterien sind mittlerweile bekannt: Das Bakterienkonvolut im Darm, auch intestinales Mikrobiom genannt, gilt für viele Experten bereits als selbstständiges Organ. Dabei ist die Zusammensetzung der Darmflora bei jedem Menschen anders. „Der Bakterienabdruck im Darm ist so individuell wie der Fingerabdruck und wird als Pendant zum Fingerprint als ,Shitprint‘ bezeichnet“, berichtet die Internistin Moser.

Zentrale des Wohlbefindens

„Der Appetit, die Tatsache, dass jemand ein guter oder schlechter Futterverwerter ist, Emotionen und sogar charakterliche Eigenschaften – alle diese Aspekte hängen möglicherweise viel enger mit der Darmflora zusammen als man bisher vermutet hat“, veranschaulicht Marcus Franz. „Forschungen zeigen außerdem, dass das Mikrobiom sehr viele Erkrankungen, vor allem metabolische Erkrankungen wie Diabetes und Adipositas und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beeinflusst“, ergänzt Gabriele Moser. Das Mikrobiom könnte sogar (mit)verantwortlich für die Entwicklung psychischer Störungen, z. B. von Angsterkrankungen und Autismus, sein. Auch ein Zusammenhang bei Depressionen ist denkbar. Der Botenstoff Serotonin, der bei depressiven Erkrankungen eine Schlüsselrolle spielt, wird nämlich zu 95 Prozent im Magen-Darm-Trakt, und nur zu zehn Prozent im Gehirn gebildet. Und: „Man weiß heute, dass die Entwicklung des Gehirns von Geburt an ein gesundes Bakterienkonvolut im Darm benötigt“, ergänzt Moser.

Hier geht’s ans Eingemachte

Damit nicht genug: Untersuchungen bestätigen weiters den Einfluss der Verdauung auf unsere Stimmungen, wie man ihn aus dem Volksmund längst schon kennt. Wenn vom „Bauchgefühl“ die Rede ist, wenn uns „etwas im Magen liegt“ oder „bis zum Hals steht“, wenn wir eine schlimme Nachricht „erst verdauen müssen“ oder eine „Wut im Bauch“ haben, beschreibt dies anschaulich den engen Zusammenhang zwischen psychischem Befinden und Verdauung. „Alle diese Redewendungen konnten mittlerweile in Studien wissenschaftlich belegt werden“, sagt Moser.  
An dieser engen Verbundenheit von Psyche und Darm liegt es auch, dass es uns gar so sehr belastet, wenn der Bauch beleidigt ist: „Der sogenannte somatische Schmerz, wie er bei einem Beinbruch oder gequetschten Finger auftritt, wird nicht so emotional empfunden wie Schmerzen im Magen-Darm-Trakt“, erklärt Gabriele Moser. „Hier geht es buchstäblich ans Eingemachte.“ Denn anders als das Skelettmuskelsystem oder die Haut ist der Darm über die „Bauch-Hirn-Achse“ sehr eng mit unserem limbischen System und damit den Emotionen verbunden.

Zuverlässiges Bauchhirn

Die Macht der Mitte bedeutet aber nicht nur Weh, sie lässt sich auch für das eigene Wohl nutzen, z. B. indem man (auch) auf das Bauchgefühl hört. „Die unbewussten Entscheidungen aus dem Bauch heraus erfolgen viel schneller und sind viel umfassender“, so die Fachärztin Moser über das Gedächtnis unseres enteralen Nervensystems im Darm, dem Bauchhirn. „Gespeicherte Wahrnehmungen unserer Verdauungs- und Sinnesorgane können sehr viel schneller und unverfälschter abgerufen werden als über das kognitive Sich-Erinnern.“ Auf das Bauchhirn als die zuverlässigere Entscheidungsinstanz vertrauen aktuellen Untersuchungen zufolge immer mehr Österreicher.

Abwehr aus der Mitte

Eine wichtige, bislang stark unterschätzte Rolle spielt der Darm außerdem als „Immunorgan“: Hier befinden sich immerhin rund 70 Prozent der körpereigenen Abwehrzellen. „Auch wenn der Darm selbst im Inneren des Körpers sitzt, gibt es über den Mund eine Verbindung nach außen“, erläutert Facharzt Franz. „Entsprechend ist die Darmflora ein wichtiger Sensor für mögliche, das Immunsystem belastende Reize von außen.“ Dabei setzt eine gute Immunabwehr eine intakte Darmflora voraus. „Ansonsten wird man anfällig für Infektionen, weil die eindringenden Fremdeiweiße nicht abgewehrt werden“, erklärt Franz. Ähnlich wie in der Natur gilt deshalb auch für die Flora im Darm: Je vielfältiger und bunter die (Bakterien)-Landschaft, desto besser.
Die Zusammensetzung der Darmflora ist aber nicht in Stein gemeißelt. „Sie verändert sich immer wieder, etwa langfristig bei einer Nahrungsumstellung, Antibiotikaeinnahme oder bei Infektionen mit krankmachenden Keimen“, berichtet Moser.

Schwere Kost für den Darm

Buchstäblich schwere Kost für den Darm ist natürlich falsche Ernährung: Nicht nur der eher fleischlastige, ballaststoffarme Ernährungsstil ist einer gesunden Verdauung abträglich. Gerade in der westlichen Welt werden immer mehr industriell produzierte Nahrungsmittel konsumiert; diese sind mit Zusatzstoffen wie Stabilisatoren, Emulgatoren, Konservierungsmitteln aber auch mit Pestiziden oder Antibiotika belastet. Diese Ernährungsweise lässt die Darmflora verarmen und macht sie krankheitsanfälliger. „Wenn die Vielfalt an Bakterien abnimmt, kann es zu Mikroentzündungen kommen“, so Moser. „Die Zunahme von funktionellen Magen-Darm-Störungen hat sicherlich auch damit zu tun.“

Stress beeinflusst die Darmbakterien

Zunehmend schlagen auch psychische Belastungen auf den Magen bzw. Darm: Massiver Stress und Angst etwa führen zu Kontraktionen im unteren Dickdarmbereich. „Deshalb neigt man in einer Angst- oder Stresssituation auch zu Durchfall“, erklärt Marcus Franz. Der Grund: „Das liegt wiederum an der engen Verbindung zwischen dem zentralen Nervensystem im Gehirn und dem Bauchhirn“, so Gabriele Moser. Einen Einfluss nehmen dabei Stresshormone: „Diese können das Wachstum und die Funktionen der Bakterien verändern, sodass manche Bakterienstämme plötzlich stärker wachsen und andere vielleicht veränderte Botenstoffe produzieren“, erklärt die Internistin.
Schädlich ist deshalb auch, unter Stress oder in Angst zu essen. Eine Untersuchung, bei der man eine Gruppe von Studienteilnehmern entspannt essen ließ, während man die andere Gruppe zusätzlich mit schrecklichen Bildern „fütterte“, zeigt: „Bei Angst oder Stress kann sich der Magen nicht mehr der Nahrungsaufnahme entsprechend ausdehnen“, so Gabriele Moser. Wird unter Druck gegessen, kann die Nahrung nicht gut weiter transportiert werden und bleibt im Magen liegen. „Die Ausdehnung funktioniert nur in entspanntem Zustand.“

Rhythmusorgan aus dem Takt

Auch die Tatsache, dass wir zunehmend aus dem natürlichen Rhythmus kommen, rächt sich: „Durch unseren gestressten Lebensstil verlieren wir den natürlichen Wechsel von Anspannung und Entspannung“, bedauert die Medizinerin Moser. „Darauf reagiert das Rhythmusorgan Darm extrem sensibel.“ Kommt der Mensch aus dem Takt, sind Durchfall, Verstopfung und Blähungen quasi programmiert. „Das Reizdarm-Syndrom findet man sehr häufig bei Nacht- und Schichtarbeitern“, gibt die Fachärztin ein Beispiel. Wer also unregelmäßig schläft, isst oder sich nicht ausreichend entspannt, schadet auch der Verdauung.  Dass Frauen besonders häufig an Verdauungsproblemen leiden, liegt nicht allein an den Folgen der oft vorhandenen Mehrfachbelastung. „Der weibliche Darm ist mit Rezeptoren, Nervenzellen, übersät, die intensiv auf Östrogen reagieren. Deshalb neigen Frauen rund um die Regel zu Verstopfung, Durchfall, Blähungen oder einem aufgetriebenen Bauch“, sagt Marcus Franz, und Gabriele Moser ergänzt: „Reizdarmpatientinnen haben eindeutig vor der Menstruation mehr Beschwerden.“ Überhaupt ist das Reizdarm-Syndrom, bei dem manchmal schon der normale Verdauungsvorgang als schmerzhaft erlebt wird, ein Frauenleiden: Hierzulande sind zwei Drittel der Betroffenen weiblich.

Saisonale Schwäche

Ob Reizdarm, Verstopfung oder sogar Magengeschwür: Experten beobachten, dass die Prob­leme mit der Verdauung zu bestimmten Zeiten gehäuft auftreten. „In den Herbstmonaten September, Oktober, November und dann wieder im Frühling sind die Verdauungsorgane anfälliger als sonst“, weiß Marcus Franz. „Das ist vielleicht ein Relikt aus der Urzeit?“, rätselt Franz über mögliche Gründe für die saisonale Schwäche unseres Immunorgans Darm. „Es liegt die Vermutung nahe, dass gerade unser Verdauungssystem sehr nah dem archaischen Ursystem Darm ist, dessen Funktion in der kühlen und kalten Jahreszeit quasi heruntergefahren wurde.“ Besteht eventuell sogar ein Zusammenhang zwischen der Verdauungsschwä­che und dem verstärkten Auftreten von Erkältung und Grippe in der Übergangs- und Winterszeit? „Das ist durchaus möglich, weil das Mikrobiom im Darm unser Immunsystem moduliert“, sagt Franz. Möglich also auch, dass man eines Tages die Darmsanierung zur Grippevorbeugung empfiehlt?

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Das hilft:

Bauchberuhigung und Bauchhypnose

Beschwerden mit der Verdauung werden in unseren Breiten immer häufiger: „Insgesamt kennen wir mehr als 30 verschiedene Magen-Darm-Erkrankungen, sogenannte funktionelle gastro-intestinale Störungen, von denen Oberbauchbeschwerden wie Sodbrennen, Magenschmerzen, Völlegefühl, sowie Reizdarmsyndrom die häufigsten sind“, betont die Wiener Internistin und Psychotherapeutin Univ. Prof. Dr. Gabriele Moser. „Von diesen Erkrankungen sind hierzulande insgesamt 33 Prozent, also jeder Dritte, betroffen.“ Wieder ein Drittel der Betroffenen leidet so stark, dass ärztliche Hilfe nötig wird.
Zu den Behandlungsmöglichkeiten des Reizdarmsydroms zählen „Medikamente gegen Durchfall, Verstopfung und Krämpfe, die meist direkt am Darm ansetzen“, erklärt Gabriele Moser. Antidepressiva können ebenfalls helfen, am besten wirken jedoch Psychotherapie und eine auf den Bauch gerichtete Hypnose. Bei dieser Bauchhypnose macht man sich die nachgewiesene Lernfähigkeit des Bauchhirns zunutze. „Sie vermittelt Beruhigung und Entspannung, ein Gefühl des Selbstvertrauens, und vor allem eine aktive Vorstellung davon, dass der Darm gut arbeitet“, erklärt Moser. Die Hypnose wirkt Ängsten entgegen und steigert die psychische Abwehrkraft, die Resilienz. Grundsätzlich gilt: Wer sich tagsüber zwischendurch entspannt und seine Mahlzeiten in Ruhe einnimmt, unterstützt die Verdauungsorgane.

Bauchatmung und Bauchmuskeltraining

Eine tiefe Atmung, die Bauchatmung, hilft insbesondere bei stressbedingten Beschwerden im Magen-Darm-Trakt. „Dazu atmet man relativ rasch tief ein, atmet dann langsam aus und konzentriert sich dabei auf die Leibesmitte“, erklärt der Wiener Internist Prim. Dr. Marcus Franz. „Oft wirkt das schon nach drei, vier Atemzügen beruhigend. Man ist buchstäblich wieder in seiner Mitte.“ Jede Art der sportlichen Aktivität hilft, die Verdauung anzukurbeln und gesund zu halten. Besonders stärken lässt sich die Leibesmitte aber durch Bauchmuskeltraining: „Damit die Bauchorgane gut arbeiten können, brauchen sie eine gute Stütze durch den Muskelapparat“, erklärt der Arzt. Die tief liegenden Muskeln von Bauch, Rücken und Beckenboden – der Körperkern – werden beim danach benannten Coretraining (= engl. Kern) gestärkt, z. B. mit Liegestütz, Seitstütz oder Standwaage.

Bauchtees und Bauchgemüse

Einkaufsstress, süße, schwere Kost: Dies und mehr belastet in der Weihnachtszeit auch die Verdauungsorgane. Was tun, damit zu den Feiertagen auch der Bauch zur Ruhe kommt? Internist Prim. Dr. Marcus Franz rät vorbeugend zu einer Kur mit „Bauchtees“: „Man könnte sich angewöhnen, täglich einen halben Liter Fenchel- oder Pfefferminztee zu trinken“, so der Mediziner. Fenchelsamen sind ein bewährtes Mittel bei Bauchweh und Blähungen. „Pfefferminze wirkt beruhigend auf die Schleimhäute und fördert den Fluss der Galle, die ganz besonders für die Fettverdauung wichtig ist. Auch die Bauchspeicheldrüsensäfte, die wir für die Zucker- und Eiweißverdauung benötigen, werden angeregt.“ Weiters empfiehlt sich das „natürliche Entgasungsmittel“ Kümmel. „Er lässt die Gasblasen im Darm zusammenfallen“, erklärt Marcus Franz. Reichlich zu trinken ist ohnehin wichtig; damit lässt sich z. B. Verstopfung vorbeugen.  
Wertvolles „Bauchgemüse“ sind nicht zuletzt Artischocke und Brokkoli: Die in Artischocken enthaltenen Bitterstoffe wirken verdauungsfördernd. „Zu den Inhaltsstoffen von Brokkoli zählt eine bakterizide Substanz, die den schlechten Magenkeim, den Helicobacter-pylori, tötet.“ Dieser Keim ist weltweit für den Großteil (70 Prozent) der Magengeschwüre und die meisten (90 Prozent) Zwölffingerdarmgeschwüre verantwortlich.
Was dem Darm grundsätzlich schmeckt: so oft wie möglich selber kochen und dabei möglichst frische, naturbelassene Zutaten verwenden.

Buchtipp:

Unger, Viernstein,
Darmgesundheit
ISBN 978-3-99052-026-0
120 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte

 

Stand 12/2013

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