Daumen: Schmerzen bei jedem Handgriff

Oktober 2014 | Medizin & Trends

Warum Frauendaumen so anfällig sind
 
Dem Daumen verdanken wir es, dass wir die Hände wie Zangen verwenden und Gegenstände aller Art fest im Griff haben können. Doch just dieser wichtige Finger bereitet vielen Frauen Beschwerden.
MEDIZIN populär über die häufigsten Daumenleiden der Damen und die besten Therapien.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Schon einmal versucht, ohne Daumen den Verschluss einer Flasche aufzuschrauben, Wasser einzuschenken, nach dem Glas zu greifen, es zum Mund zu führen und zu trinken? Keine leichte Aufgabe. Nur mit Daumen können wir unsere Hände wie Zangen verwenden und Gegenstände aller Art fest im Griff haben. Dass der Daumen ein besonderer Finger ist, verrät schon sein Name, stammt er doch vom westgermanischen Wort „thuman“ ab, was stark, kräftig, dick bedeutet.
„Da der Daumen mit mehr Muskelmasse und dickeren Bändern und Sehnen ausgestattet ist als die übrigen Finger, ist er tatsächlich unser kräftigster Finger“, bestätigt Dr. Christian Behrendt, Leiter der Handambulanz an der Universitätsklinik für Orthopädie der Salzburger Landeskliniken. Und obwohl er nicht wie die anderen Finger aus drei, sondern nur aus zwei Knochen besteht, hat der Daumen einen weiteren Superlativ zu bieten: „Er hat den größten Bewegungsumfang aller Finger“, so der Facharzt.
Leider hält der Daumen auch einen Negativrekord: Er ist der bei weitem anfälligste aller Finger. Und das besonders bei Frauen über 50. Behrendt: „In dieser Altersgruppe hat fast jede Zweite Probleme mit dem Daumen.“ Männer über 50 Jahren quält der wichtige Finger deutlich seltener: Nur jeder Zehnte ist betroffen. Als Grund für diesen großen Unterschied zwischen den Geschlechtern wird die Hormonumstellung in den Wechseljahren angenommen. Geht die Produktion der weiblichen Sexualhormone, der Östrogene, nach und nach zurück, mache das offenbar Bänder, Gelenke, Nerven und Sehnen des weiblichen Daumens empfindlicher für Erkrankungen.

Die häufigsten Daumenleiden der Damen

Daumensattelgelenksarthrose: Schmerzen vom Verschleiß
Ausgerechnet den wichtigsten Bestandteil des beweglichsten Fingers, das Daumensattelgelenk am unteren Ende des Daumens, trifft die bei weitem häufigste Daumenerkrankung: die Daumensattelgelenksarthrose, von Medizinern Rhizarthrose genannt. „Dabei handelt es sich um eine altersbedingte Verschleißerscheinung“, erklärt Hand-Experte Behrendt. Sie äußert sich in stechenden und ziehenden Schmerzen, die anfangs nur dann auftreten, wenn das Gelenk etwa beim Aufschrauben einer Flasche belastet wird. „Die Beschwerden werden durch eine Entzündung verursacht, die entsteht, wenn die Gelenkknorpel zwischen den Gelenkknochen so beschädigt sind, dass die Knochen bei jeder Bewegung des Daumens aneinanderreiben“, verdeutlicht Behrendt das Problem.
Im Anfangsstadium kann die Rhizarthrose meist noch gut mit entzündungshemmenden Salben eingedämmt werden. Gelingt das nicht und tut es nicht mehr nur bei einer stärkeren Belastung weh, sondern auch schon dann, wenn etwa nur ein Glas gehalten wird, helfen Kortison-Injektionen in das Gelenk. „Manchmal empfiehlt sich zusätzlich eine mehrwöchige Ruhigstellung mit einer Schiene“, so Behrendt.
Befreien auch diese Therapiemaßnahmen nicht von den Schmerzen oder tut der Daumen bereits in Ruhestellung weh, kann ein chirurgischer Eingriff helfen: „Bei der Operation wird der arthrotische Gelenkknochen entfernt, der die Schmerzen verursacht hat“, geht Behrendt ins Detail. Danach gibt man dem Daumen neuen Halt, indem man ihn mit Sehnen stabilisiert. „Schon einige Wochen nach der Operation ist der Daumen in den meisten Fällen wieder fast so funktionstüchtig und kräftig wie vor der Erkrankung an Arthrose“, weiß Behrendt. Als wirksame Behandlungsmöglichkeit habe sich auch der Einsatz einer Daumensattelgelenksprothese erwiesen.    

Heberden-Arthrose: Knoten mit Folgen

Mit Knoten macht sich eine weitere häufige Handerkrankung bei Frauen bemerkbar: die Heberden- oder Bouchard-Arthrose. Die Knoten können sich an den End- und Mittelgelenken aller Finger bilden, so auch rund um das Daumenendgelenk in der Mitte des Daumens. „Sie sehen nicht nur unschön aus, sondern tun oft auch weh, wenn der Daumen verwendet wird“, weiß Behrendt. Zudem kann der Finger wegen der Knoten oft nicht mehr richtig abgebogen werden und verliert Kraft. Wie es dazu kommt? „Die Knoten können aufgrund von Abnützung und Entzündungen wachsen, auch nach Überlastungen oder hormonell bedingt“, erklärt Behrendt. Häufig werde die Neigung dazu von der Mutter zur Tochter vererbt.
Die Medizin hat auch gegen dieses Leiden gute Hilfen parat: „Oft tun die Knoten nicht mehr weh und gehen zurück, wenn man sie mit entzündungshemmenden Mitteln behandelt“, informiert Behrendt. Helfen Salben und Injektionen nichts und sind die Beschwerden sehr stark ausgeprägt, kann das Gelenk mit Spezialschrauben versteift oder durch eine Prothese ersetzt werden.

Hausfrauendaumen: Qual beim Strecken

Tendovaginitis de Quervain oder Hausfrauendaumen nennt sich bezeichnenderweise, was ebenfalls besonders häufig Frauen über 50 zu schaffen macht. „Der sogenannte Hausfrauendaumen ist eine Überlastungserscheinung, die zu einer Sehnenscheidenentzündung führen kann“, so Behrendt. Anzeichen dafür sind Schmerzen, die immer dann auftreten, wenn der Daumen ausgestreckt wird. Behrendt: „Die Sehnenscheide, also die Bindegewebshülle, in der die Sehne verläuft, entzündet sich durch Überlastungen zum Beispiel bei Haushaltstätigkeiten, bei Arbeiten am Computer und beim Tippen am Mobiltelefon.“
Linderung bringen Salben gegen Entzündungen und in schweren Fällen eine Ruhigstellung mit einer Schiene. Damit das Leiden nach der Behandlung nicht wiederkehrt, empfiehlt Behrendt Betroffenen eine Physiotherapie, bei der sie lernen, wie sie den Daumen schonen und Belastungen durch Übungen ausgleichen können.

Karpaltunnelsyndrom: Kribbeln in der Nacht

Eine Sehnenscheidenentzündung kann einen weiteren Klassiker unter den Daumenerkrankungen bei Frauen auslösen: das Karpaltunnelsyndrom. „Entsteht das Leiden ohne vorangegangene Sehnenscheidenentzündung, so wurde es durch jahrelange Überlastungen gepaart mit den hormonell-bedingten Veränderungen des Bindegewebes ausgelöst“, sagt Behrendt. Beim Karpaltunnelsyndrom drückt Bindegewebe auf den Mittelarmnerv der Hand (Nervus medianus). Das äußert sich in einem Kribbeln in den Fingern, in Taubheitsgefühlen und Schmerzen in der Nacht.
„Die Beschwerden lassen sich durch einen kleinen Eingriff beheben“, beruhigt Behrendt. „Dabei wird die Gewebehülle um den Nerv längs aufgeschnitten, wodurch wieder mehr Freiraum für den Nerv entsteht.“

Schnellender Finger: Daumen mit Eigenleben

Wenn der Daumen auf einmal beginnt, ein Eigenleben zu führen, und aus der gestreckten Haltung in die Beugeposition zurückschnellt oder umgekehrt, nennen Mediziner das Tendovaginosis stenosans, schnellender Finger. „Durch Überlastungen, Veränderungen im weiblichen Hormonhaushalt und eine erbliche Veranlagung entzündet sich die Beugesehne des Daumens und schwillt an, es bilden sich Knötchen. Immer wenn die Knötchen bei der Bewegung durch das Ringband des Fingers gedrückt werden, schnellt der Finger zurück“, erklärt Behrendt, wie das lästige Leiden zustande kommt, das manchmal auch andere Finger als den Daumen befällt. Gegen die Erkrankung hilft eine Operation, bei der das Ringband durchtrennt wird.

Überbein: Ballon mit Wasser

Keine Alterserscheinung, sondern ein Problem, das selbst schon Mädchen betrifft, und das deutlich häufiger als Buben, ist das Überbein oder Ganglion, das ebenfalls an allen Fingern auftreten kann, sich oft aber an den beiden Gelenken des Daumens bildet. Behrendt: „Ein Überbein ist ein harter Ballon, der mit Wasser gefüllt ist.“ Da der Ballon das Gelenk belastet, sorgt auch er für Schmerzen. Überbeine entstehen meist durch eine Bindegewebsschwäche. Die Therapie ist einfach: Der Ballon wird operativ entfernt.

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Rheuma oder Gicht?

Hinter Schmerzen in Daumen und Daumengelenken sowie knotenartigen Veränderungen an den Gelenken, Bändern und Sehnen können auch rheumatische Erkrankungen oder Gicht stecken. Ob das der Fall ist, stellt der Arzt fest: Die Untersuchung besteht in einer Begutachtung und im Abtasten des Daumens, bedarfsweise auch in einem Ultraschallverfahren sowie Bluttest.

Stand 09/2014

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